In dieser Arbeit soll überprüft werden, inwiefern die Gemeinschaftsschule konzeptionelle und systemische Voraussetzungen erfüllt, die andernorts zu einer qualitativ angemessenen Inklusion führen. Weiterhin gilt zu überprüfen, wo die Gemeinschaftsschule in dieser Hinsicht Defizite aufweist oder in welcher Hinsicht sie möglicherweise als Vorbild für andere dienen kann. Durch diese Vorgehensweise soll die Frage geklärt werden, inwieweit die Gemeinschaftsschule qua Konzeption in der Lage ist, für eine qualitativ angemessene Inklusion zu sorgen. Ziel ist außerdem eine Betrachtung der Sachlage jenseits emotional geführter Debatten von Inklusionsgegnern und Befürwortern. Es wird ein Blick auf die Gemeinschaftsschule angestrebt, der ungetrübt von Stammtischparolen oder von Hochglanzbroschüren von Schulen und Kultusministerium ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Was ist Inklusion?
3. Ein Vergleich der Konzeptionen der Gemeinschaftsschulen in Finnland und Deutschland
4. Systemische Voraussetzungen
4.1 Parallelität des dreigliedrigen Schulsystem und der Gemeinschaftsschule
4.2 Erkenntnisse aus der Forschung zur Wirksamkeit unterschiedlicher Schulsysteme
5. So viel Integration wie möglich, so viel Selektion wie nötig
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Implementierung und konzeptionelle Eignung der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg im Hinblick auf eine inklusive Schulpraxis. Dabei wird hinterfragt, inwieweit das neue Schulmodell die theoretischen Anforderungen an Inklusion erfüllen kann und wo strukturelle Defizite bestehen, die eine echte inklusive Umsetzung erschweren.
- Analyse des Inklusionsbegriffs in Theorie und Praxis.
- Vergleichende Betrachtung von Gemeinschaftsschulkonzepten in Finnland und Deutschland.
- Untersuchung der Auswirkungen des gegliederten Schulsystems auf die Inklusionsziele.
- Evaluation der notwendigen systemischen Voraussetzungen für erfolgreiche Inklusion.
- Kritische Bewertung der aktuellen Ressourcenausstattung und Umsetzungspraxis.
Auszug aus dem Buch
2. Was ist Inklusion?
Um überprüfen zu können, ob die Gemeinschaftsschule tatsächlich nichts mit Inklusion zu tun hat, ist es zunächst notwendig, den zugrundeliegenden Inklusionsbegriff genauer zu bestimmen. Denn zwar wird vielerorts ausgiebig über „Inklusion“ diskutiert, doch scheint es ebenso viele unterschiedliche Definitionen zu geben, wie Meinungen zum Thema. Daher lässt sich in der bildungspolitischen- und praktischen Diskussion auch kein Konsens darüber ausmachen, wie inklusive Bildung konkret zu definieren und zu gestalten ist(vgl. Häcker/Walm 2015, S.11).
In diesem Sinne sei zunächst erwähnt, dass Inklusion zwar läufig als Integration von Menschen mit Behinderung in alle möglichen gesellschaftlichen Gruppen verstanden wird, der Begriff jedoch wesentlich weiter reicht. Die Landesregierung verweist darauf, dass Inklusion im Gegensatz zur Integration nicht die Einbeziehung bisher ausgeschlossener Akteure in ein System bedeutet, sondern sich vielmehr auf die Überwindung exkludierender gesellschaftlicher Verhältnisse konzentriert(vgl. Henkel-Waidhofer 2014). In diesem Sinne ist die Neuschaffung einer Schulform selbstverständlich eine konsequentere Maßnahme im Hinblick auf Inklusion, als die bloße Bestückung bestehender Regelschulklassen mit einigen Inklusionsschülern. „Eine Schule für alle“, ohne Binnendifferenzierung, schließt in diesem Sinne nicht nur bisher ausgeschlossene Kinder mit Behinderung ein, sondern kann auch einen Beitrag gegen die bestehende Chancengerechtigkeit im Bildungssystem durch zu frühe Selektion leisten(Bohl 2013, S.103 f.). Eine Schule, die längeres, gemeinsames Lernen ermöglicht und damit die offensichtlichen Erfolgsgaranten der PISA-Gewinner Finnland und Schweden übernommen hat, steht damit auch für die Inklusion der sozial schwächeren Kinder in den „elitären Kreis“ der höheren Bildung. Denn wo bisher zu frühe Selektion buchstäblich dafür sorgte, dass der Schuster bei seinem Leisten blieb, soll durch die Gemeinschaftsschule der soziale Aufstieg begünstigt werden und weder Schicht- noch Staatsangehörigkeit, Religion oder Geschlecht ein Bildungshindernis darstellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung beleuchtet den Paradigmenwechsel durch die Einführung der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg vor dem Hintergrund politischer Debatten und dem Ziel, barrierefreie, inklusive Bildung zu ermöglichen.
2. Was ist Inklusion?: In diesem Kapitel wird der Inklusionsbegriff präzisiert, wobei eine Abgrenzung zur reinen Integration vorgenommen und die Bedeutung für Chancengerechtigkeit und heterogene Lerngruppen hervorgehoben wird.
3. Ein Vergleich der Konzeptionen der Gemeinschaftsschulen in Finnland und Deutschland: Der Vergleich zeigt auf, wie das finnische Modell als Lernbeispiel für gelungene Inklusion dienen kann und welche Unterschiede in der systemischen Umsetzung bestehen.
4. Systemische Voraussetzungen: Dieser Abschnitt analysiert die strukturellen Rahmenbedingungen und wie das bestehende dreigliedrige Schulsystem die Inklusionsbemühungen der Gemeinschaftsschule beeinflusst.
4.1 Parallelität des dreigliedrigen Schulsystem und der Gemeinschaftsschule: Hier wird untersucht, wie die Koexistenz verschiedener Schultypen die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft an Gemeinschaftsschulen und deren Inklusionspotenzial einschränkt.
4.2 Erkenntnisse aus der Forschung zur Wirksamkeit unterschiedlicher Schulsysteme: Das Kapitel reflektiert empirische Befunde zu Lernmilieus und den Auswirkungen von Selektionsmechanismen auf den Schulerfolg.
5. So viel Integration wie möglich, so viel Selektion wie nötig: Eine kritische Abwägung darüber, ob Inklusion unter allen Umständen sinnvoll ist oder ob das Kindeswohl im Einzelfall besondere Lösungen erfordert.
6. Fazit: Die Zusammenfassung zieht Bilanz über das Potenzial der Gemeinschaftsschule und benennt Defizite, insbesondere bei Ressourcen und Rahmenbedingungen, die eine echte Inklusion bisher erschweren.
Schlüsselwörter
Inklusion, Gemeinschaftsschule, Baden-Württemberg, Schulentwicklung, Chancengerechtigkeit, Heterogenität, Bildungssystem, Sonderpädagogik, Integration, Selektion, PISA, Lernprozesse, Schulforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg als Inklusionsmodell im Vergleich zu internationalen Vorbildern und systemischen Herausforderungen des deutschen Bildungswesens.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind der Inklusionsbegriff, die Auswirkungen selektiver Schulsysteme, Vergleiche mit dem finnischen Schulmodell sowie die personelle und sächliche Ressourcenausstattung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob die Gemeinschaftsschule die konzeptionellen und systemischen Voraussetzungen erfüllt, um eine inklusive Schullandschaft tatsächlich erfolgreich abzubilden.
Welche methodische Vorgehensweise liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine literaturbasierte Analyse, ergänzt durch die Reflexion eigener Beobachtungen während des Schulpraktikums im Rahmen des Lehramtsstudiums.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Fundierung, eine vergleichende Länderanalyse, die Darstellung struktureller Barrieren durch das gegliederte Schulsystem sowie eine kritische Evaluation der Inklusionspraxis.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Wesentliche Begriffe sind Inklusion, Gemeinschaftsschule, Ressourcenausstattung, Chancengerechtigkeit und Heterogenität.
Welche Rolle spielt das finnische Schulsystem in der Argumentation des Autors?
Finnland dient als positives Referenzmodell für gemeinsames Lernen ohne frühe Selektion, wobei der Autor verdeutlicht, dass Deutschland nur teilweise in der Lage ist, diese Erfolgsfaktoren zu adaptieren.
Wie bewertet der Autor die aktuelle Situation von Kindern mit Behinderung an Gemeinschaftsschulen?
Er sieht kritisch, dass Inklusion oft an mangelnden Ressourcen scheitert und fordert eine Einzelfallabwägung, bei der das Kindeswohl stets Vorrang vor ideologischen Vorgaben haben sollte.
- Arbeit zitieren
- Christopher Brogle (Autor:in), 2015, Inklusion an der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg. Voraussetzungen für eine qualitativ angemessene Inklusion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1301013