Vorliegend handelt es sich um ein Essay über den Paradigmenwechsel in der Wahrnehmungstheorie von der Aufklärung zur Romantik anhand der Novelle "Das Marmorbild" von Joseph von Eichendorff. So wie der junge Edelmann Florino seine Verblüffung über den nächtlichen Eindruck der toskanischen Frühlingslandschaft mit den Worten „[…] wie ist da alles so verwandelt“ emphatisch schildert, so lässt sich auch der Paradigmenwechsel hinsichtlich der Perspektive und Kategorisierung der Wahrnehmung von der Epoche der Aufklärung zur Romantik anhand dieser lyrischen Strophe beschreiben: als eine fundamentale Veränderung der Wahrnehmung.
Lag noch in der Aufklärung die Prämisse auf der Vernunft als das Erkenntnis konstatierende Moment – mithin ist auch die Wahrnehmung von einer analytisch-logischen Konsequenz geprägt- so tritt diese analytische Qualität in der Wahrnehmungstheorie der Romantik zunehmend in den Hintergrund, ja, sie schwindet zu Gunsten einer subjektiven, individuellen Weltanschauung, in der die Wahrnehmung des Einzelnen an Wert und Gewicht gewinnt."
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Paradigmenwechsel der Wahrnehmung: Von der Aufklärung zur Romantik
3. Die Verschränkung von Kunst und Wissenschaft in Eichendorffs „Das Marmorbild“
3.1 Die verlebendigte Statue als Topos der Kunst
3.2 Florinos ästhetische Erfahrung und die Emanzipation der Sinne
4. Wahrnehmungsverschiebung und die Auflösung der Realitätsebenen
4.1 Architektur und Umgebung im Wandel des Blickes
4.2 Die erzähltechnische Umsetzung des Wahrnehmungswandels
5. Fazit: Realität in Potentialitäten
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel der Wahrnehmungsperspektive im Übergang von der Aufklärung zur Romantik am Beispiel von Joseph von Eichendorffs Novelle „Das Marmorbild“. Dabei wird analysiert, wie die Verschränkung von Sinnen und Subjektivität die rational-analytische Erkenntnistheorie auflöst und eine neue, individuelle Wirklichkeitsebene schafft.
- Paradigmenwechsel der Wahrnehmungstheorie von der Vernunft zur Subjektivität
- Die Rolle der Kunst und der antiken Skulptur in der Romantik
- Erzähltechnische Mittel zur Darstellung von Realitätsverschiebungen
- Das Spannungsfeld zwischen sensitiver Empfindung und analytischer Distanz
- Transformation der begrifflichen Realität in ästhetische Potentialität
Auszug aus dem Buch
(Ästhetische) Wahrnehmung in Eichendorffs Novelle „Das Marmorbild“
So wie der junge Edelmann Florino, Protagonist in Joseph von Eichendorffs romantischer Novelle „Das Marmorbild“ von 1819 seine Verblüffung über den nächtlichen Eindruck der toskanischen Frühlingslandschaft mit den Worten „[…] wie ist da alles so verwandelt“ emphatisch schildert, so lässt sich auch der Paradigmenwechsel hinsichtlich der Perspektive und Kategorisierung der Wahrnehmung von der Epoche der Aufklärung zur Romantik anhand dieser lyrischen Strophe beschreiben: als eine fundamentale Veränderung der Wahrnehmung.
Lag noch in der Aufklärung die Prämisse auf der Vernunft als das Erkenntnis konstatierende Moment – mithin ist auch die Wahrnehmung von einer analytisch-logischen Konsequenz geprägt- so tritt diese analytische Qualität in der Wahrnehmungstheorie der Romantik zunehmend in den Hintergrund, ja, sie schwindet zu Gunsten einer subjektiven, individuellen Weltanschauung, in der die Wahrnehmung des Einzelnen an Wert und Gewicht gewinnt.
Oder anders dargestellt emanzipieren sich die Sinne, allen voran das Auge, von dem antiken Gemeinplatz eines Platon, dass nämlich die Sinne trügen und somit allein durch die Sinne Erkenntnis unmöglich sei. Besonders durch die Überlegungen John Lockes, der den menschlichen Verstand als eine „Tabula Rasa“ begreift und diesen ausschließlich durch die „sensitiven und reflexiven Erfahrungen“ beschrieben sieht, wird der neuen Überzeugung bereits 1690 mit dem „Essay concerning human understanding“ Vorschub geleistet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die zentrale Fragestellung der Wahrnehmungsänderung zwischen Aufklärung und Romantik anhand des Zitats aus der Novelle ein.
2. Der Paradigmenwechsel der Wahrnehmung: Von der Aufklärung zur Romantik: Dieses Kapitel erläutert den theoretischen Übergang von rationalen Erkenntnismodellen hin zu einer subjektzentrierten Weltanschauung in der romantischen Epoche.
3. Die Verschränkung von Kunst und Wissenschaft in Eichendorffs „Das Marmorbild“: Hier wird die Verschmelzung der Diskurse von Philosophie, Ästhetik und bildender Kunst innerhalb der Novelle untersucht.
4. Wahrnehmungsverschiebung und die Auflösung der Realitätsebenen: Dieses Kapitel analysiert, wie Florinos Wahrnehmung der Welt durch Sinneseindrücke instabil wird und sich physische Orte im Text wandeln.
5. Fazit: Realität in Potentialitäten: Das Fazit fasst zusammen, dass die Wahrnehmung in der Romantik als ein Spiel mit verschiedenen Realitätsmöglichkeiten begriffen werden muss.
Schlüsselwörter
Joseph von Eichendorff, Das Marmorbild, Wahrnehmungstheorie, Romantik, Aufklärung, Sensualismus, Wahrnehmungsverschiebung, Ästhetische Perzeption, Florino, Subjektivität, Realitätsebenen, Kunsttheorie, Literaturwissenschaft, Erkenntnisfähigkeit, Tabula Rasa
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den grundlegenden Wandel der Wahrnehmungsmuster im Wechselspiel zwischen der vernunftorientierten Aufklärung und der subjektiven Romantik am Beispiel einer spezifischen Novelle.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Erkenntnistheorie, die Rolle der Sinne, das Verhältnis von Kunst und Realität sowie die Bedeutung subjektiver Wahrnehmung in der romantischen Literatur.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Textes?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie sich die Perspektive auf das Sichtbare durch den Wandel von einer analytischen hin zu einer affektgesteuerten Wahrnehmung in Eichendorffs Werk verändert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die philosophische Wahrnehmungstheorien mit der narrativen Gestaltung der Erzähltechnik korreliert.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Verschränkung von Kunst und Wissenschaft, die Rolle der Venusstatue als Katalysator und die erzähltechnische Repräsentation instabiler Realitätsebenen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Wahrnehmungsverschiebung, Sensualismus, romantisches Paradigma, ästhetische Perzeption und die Transformation der Realität.
Welche Bedeutung hat das „Auge“ als Motiv in der Novelle?
Das Auge fungiert als zentrales Rezeptionsorgan, das sich von einem analytischen Instrument zu einem empfindungsbasierten Modus wandelt, der die Welt subjektiv interpretiert.
Wie lässt sich die „Verwandlung“ der Realität durch Florino interpretieren?
Die Verwandlung ist weniger als Illusion, sondern als Übergang in einen Zustand der Potentialität zu verstehen, in dem das Subjekt die Wirklichkeit nach eigenem Empfinden neu konstituiert.
- Arbeit zitieren
- Julia Lucas (Autor:in), 2009, Joseph von Eichendorffs Novelle „Das Marmorbild“. Paradigmenwechsel in der Wahrnehmungstheorie von der Aufklärung zur Romantik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1301152