Groteske Literatur

Edgar Allan Poes "Tales" anhand Wolfgang Kaysers "Theorien der Groteske"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

17 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Wolfgang Kaysers Theorien des Grotesken, herausgearbeitet an den Märchen von Edgar Allan Poe
2.1 Eine bisher unbekannte Art Ornamentik
2.2 Das Lustige verbunden mit dem Grauenerregenden
2.3 Wirklichkeit oder Traum/ Rausch
2.4 Tiermotiv
2.5 Der Übergang zwischen den Welten
2.6 Das Motiv des Todes
2.7 Doppelgängermotiv
2.8 Das Motiv des Wahnsinns

3. Schluss

Bibliographie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Mit dem Werk von Edgar Allan Poe hat sich die Literaturwissenschaft im letzten Jahrhundert intensiv beschäftigt, wobei unter Berücksichtigung seiner Märchensammlung Tales of the Grotesque and Arabesque auch stets der Aspekt des Grotesken große Beachtung fand. Wie der Name dieses Werks schon aussagt, gilt dieses insofern als repräsentativ für die groteske Literatur, da es sowohl das Element des Grauenerregenden (Arabesken) als auch das des Lächerlichen (Grotesken) in sich verbindet[1].

Wolfgang Kayser hat sich in seinem Buch Theorien des Grotesken, erschienen im Jahr 1957, genauer mit diesem und einigen weiteren Merkmalen des Grotesken in Malerei und Dichtung auseinandergesetzt und eine Reihe von Thesen aufgestellt, die nicht überall auf Zuspruch stießen. Auch wenn seine Gegner einige Makel an seiner Argumentation feststellen konnten, so ist es doch durchaus möglich viele seiner Theorien auf ‚groteske’ Schriften anzuwenden und somit diese Bezeichnung eben dieser Werke zu rechtfertigen. Dies ist zum Beispiel bei Edgar Allan Poes Tales der Fall. Kayser bezeichnet Poes Märchen explizit als grotesk in doppeltem Sinne: ‚grotesk’ bedeutet für ihn zunächst die „Bezeichnung für eine konkrete Situation, in der die Welt aus den Fugen gegangen ist“ und andererseits die „Bezeichnung für den ‚Tenor’ ganzer Geschichten, in denen von dem Erschreckend-Unfaßbaren, dem Unerklärlich-Nächtlichen, gelegentlich auch dem Phantastisch-Bizarren erzählt wird“[2]. Diese These soll im Folgenden nicht nur dargestellt und auf Poes Tales übertragen, sondern auch, unter Berücksichtigung widersprüchlicher Ansichten von Kaysers Kritikern, betrachtet werden.

2. Wolfgang Kaysers Theorien des Grotesken, herausgearbeitet an den Märchen von Edgar Allan Poe

2.1 Eine bisher unbekannte Art Ornamentik

Wenn Wolfgang Kayser von einer „bisher unbekannten Art Ornamentik [...] einer antiken ornamentalen Malerei“[3] spricht, fällt einem dabei die Beschreibung des Turmzimmers in Poes Ligeia ein.

Während Kayser diese als die Darstellung von Menschen mit Tierköpfen und Tieren mit menschlichen Häuptern beschreibt, die in ihrer Gestaltung keinerlei Rücksicht auf die Gesetze der Natur nimmt, in der Symmetrien zerbrechen und Proportionen aufgehoben werden und die so „den dunklen, unheimlichen Untergrund zu einer helleren, streng geordneten Welt“[4] bilden, skizziert Poe besagtes Zimmer als ausgestattet mit grotesken Mustern, arabesken Figuren, die sich je nach Blickwinkel auch verändern. Zuerst fällt dem Betrachter die glänzende Goldverkleidung des Raumes auf, dann aber erkennt er in der Dekorierung auch monströse Gestalten und sieht sich, je weiter er den Raum betritt, von immer mehr grauenhaften Darstellungen, wie „the wildest and most grotesque specimens of a semi-Gothic, semi-Druidical device“, „a gigantic sacrophagus of black granite[...] full of immemorial sculpture“, „arabesque figures“ und „simply monstrosities“[5] an den Wänden, umzingelt. So betont auch Poe die Grenze zwischen der hellen und der untergründigen dunklen Welt.

Auf dieses Motiv stößt der Leser erneut bei Eleonora. Kaysers „geriefelte Stengel mit krausen Blättern und Voluten“[6] haben durchaus viel Ähnlichkeit mit dem von Poes Erzähler beschriebenen “serpent-like“, „fantastic trees, whose tall slender stems [...] slanted gracefully toward the light“ mit ihrem „brilliant green of the huge leaves that spread from their summits in long tremulous lines“[7]. Auch der Fluß windet sich in „mazy courses“ durch das Tal. Begriffe wie „light“, „splendor“, „silver“, „brilliant“, „sun“ stehen hier ebenfalls in exaktem Gegensatz zu der eher dunkel anmutenden Darstellung des Flusses, der durch eine „shadowy gorge“ fließt und der Berge, die „still dimmer than those whence it had issued“ sind. Außerdem bemerken die Protagonisten als sie eines Tages am Flussufer sitzen die „strange, brilliant flowers, star-shaped, burst out upon the trees“.[8]

2.2 Das Lustige verbunden mit dem Grauenerregenden

Zentraler Kritikpunkt an Kaysers Theorien des Grotesken war für viele seiner Gegner die Tatsache, dass er, ihrer Meinung nach, den Aspekt des Lachens, der z.B. in Michail Bachtins Werk Rabelais und seine Welt wesentlich mehr Beachtung findet, vernachlässigt hätte. Doch muss dabei bedacht werden, dass Kayser nicht von einem befreienden Lachen spricht, sondern von einem Lachen, das, wie er es nennt, „Züge des höhnischen, zynischen, schließlich des satanischen Gelächters“[9] in sich vereinbart. Und auch wenn in einer Welt, in der sich angesichts ihrer Verfremdung „in das Lächeln ein leises Grauen mischt“[10] das Grauen auch in Poes Märchen zumeist überwiegt, wird beim Leser doch von Zeit zu Zeit ein leises Schmunzeln hervorgerufen. Als Beispiel hierfür kann wieder die Figur des Engels in The Angel of the Odd dienen. Allein schon die Beschreibung seiner physischen Erscheinung zaubert uns ein Lächeln auf die Lippen. Dazu kommt sein deutscher Akzent und natürlich in erster Linie seine Handlungen.

Er stellt so gar nicht das dar, was man sich gewöhnlicherweise unter einem Engel vorstellt. Poe beschreibt ihn folgendermaßen:

His body was a wine-pipe[...] In its nether extremity were inserted two kegs, which seemed to answer all the purposes of legs. For arms there dangled from the upper portion of the carcass two tolerably long bottles, with the necks outward for hands. All the head that I saw the monster possessed of was like a Hessian canteen[...][11]

Er ist die Verkörperung des Lustigen in Verbindung mit dem Grauenerregenden, genau wie auch die vielen Unfälle, die den Protagonisten heimsuchen, die objektiv betrachtet nicht als lustig gelten können, aber aufgrund der vielen Zufälle, die den Erzähler heimsuchen und seine etwas unbehilfliche Art mit dieser nicht enden wollenden Unglückssträhne umzugehen, erregt das Lachen. Und genau darin sieht Kayser ein typisches Merkmal der Epoche Poes für die relativierende Ambivalenz der Groteske. Denn diese ist für ihn nicht nur „Spielerisch-Heiteres, Unbeschwert-Phantastisches, sondern zugleich etwas Beklemmendes, Unheimliches“[12] und „Monströses“[13], was ja auch Poe durch seinen ‚Anti-Engel’ explizit ausdrückt.

Des Weiteren erfüllt die Beschreibung dieses Wesens noch eine These Kaysers, dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Bereichen, wie z.B. das Gerätehafte und das Menschliche, nicht mehr länger eingehalten würde. So trägt der Engel zwar durchaus menschliche Züge, kann sprechen, besitzt Arme, Beine und einen Kopf, scheint aber gleichsam aus einem Weinschlauch und Flaschen zu bestehen. Die einem normalen Engel entsprechenden Eigenschaften werden zudem verkehrt, d.h. Poes Engel ist nicht gütig und sanft, sondern schlägt und beschimpft den Protagonisten. Wir befinden uns hier also wieder in der „übernatürlichen und widersinnigen“[14] Welt, in der die gängigen Weltanschauungen aufgehoben sind. Neutral betrachtet würde der Engel dem Leser wohl große Angst einjagen, er wird aber so übertrieben dargestellt, dass er im Gegenteil schon wieder Anreiz zum Lachen gibt. Hier findet man also eine weitere These Kaysers „dem Grotesken [sei] alle Unheimlichkeit verloren gegangen, es [errege] ein unbeschwertes Lächeln“[15],da der Künstler, in diesem Fall Poe, „durch das Übernatürliche und Widersinnige seiner Hirngeburten bloß Gelächter, Ekel und Erstaunen über die Kühnheit seiner ungeheuren Schöpfungen erwecken will“6, bestätigt.

[...]


[1] Günter, Bernd (1974): Das Groteske und seine Gestaltung in den Erzählungen Edgar Allan Poes. Freiburg i. Br. S.1

[2] Kayser, Wolfgang (2004): Das Groteske. Seine Gestaltung in Malerei und Dichtung. Tübingen. S.84

[3] Kayser, Wolfgang (21961): Das Groteske. Seine Gestaltung in Malerei und Dichtung. Reinbek b. Hamburg. S.20

[4] Kayser 1961: 22

[5] Poe, Edgar Allan (1840): Ligeia. In The Complete Tales and Poems of Edgar Allan Poe. New York, 1975. S.660ff

[6] Kayser 1961: 20

[7] Poe, Edgar Allan (1840): Eleonora. In The Complete Tales and Poems of Edgar Allan Poe. New York, 1975. S.650

[8] Poe 1840: 651

[9] Kayser: 2004: 201

[10] Kayser 2004: 48

[11] Poe, Edgar Allan (1840): The Angel of the Odd. In The Complete Tales and Poems of Edgar Allan Poe. New York, 1975. S.377

[12] Kayser 1961: 22

[13] Kayser 1961: 25

[14] Kayser 2004: 31

[15] Kayser 1961: 28

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Groteske Literatur
Untertitel
Edgar Allan Poes "Tales" anhand Wolfgang Kaysers "Theorien der Groteske"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Romanistisches /Anglistisches Institut)
Veranstaltung
HS Groteske Literatur
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V130128
ISBN (eBook)
9783640371020
ISBN (Buch)
9783640371242
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Groteske, Literatur, Edgar, Allan, Poes, Tales, Wolfgang, Kaysers, Theorien, Groteske
Arbeit zitieren
Raphaela Reiber (Autor:in), 2008, Groteske Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130128

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Titel: Groteske Literatur



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