Über Hans Reichenbachs "Die philosophische Relevanz der Relativitätstheorie"


Essay, 2007
12 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

I. Hat die Relativitätstheorie eine philosophische Bedeutung?

II. Missverständnisse der Theorie

III. Historische Grundlagen

IV. Die Frage nach dem Wesen von Raum und Zeit

V. Schluss

I. Hat die Relativitätstheorie eine philosophische Bedeutung?

Die philosophische Bedeutung der Relativitätstheorie ist umstritten. Auf der einen Seite betonen manche Autoren nicht nur deren philosophischen Gehalt, sondern versuchen diese darüber hinaus in gewisser Weise als philosophisches System zu deutet. Auf der anderen Seite leugnen andere gar die Existenz einer philosophischen Problematik. Hier wird die Meinung vertreten, dass die Theorie lediglich für die mathematische Physik interessant sei. Grundlage dieser Meinung ist die Trennung der philosophischen von den naturwissenschaftlichen Methoden, weswegen die Philosophie als unabhängig von den Ergebnissen der Physik angesehen wird.

Nun ist aber die so genannte Philosophie der Relativität ein Resultat der Missverständnisse der Relativitätstheorie. So ist es ein Irrtum zu meinen, dass Einsteins Theorie die Relativität von allem zu bedeuten habe. Erst recht wenn darüber hinaus eine Übertragung auf den Bereich der Ethik vollzogen wird, so dass von einem Relativismus menschlicher Rechte und Pflichten ausgegangen wird. Die Relativität gilt nur auf dem Gebiet der Erkenntnis.

Moralische Begriffe mit den sozialen Klassen und der Struktur der Zivilisation unterliegen einem Wandel. Man gehe fehl in der Annahme, man könne dies aus Einsteins Theorie ableiten, da der Parallelismus zwischen der Relativität der Ethik und der von Raum und Zeit nur als äußerliche Analogien zu betrachten seien, die grundsätzliche logische Unterschiede zwischen dem Bereich des Willenslebens und den der Erkenntnis verschleiern.

Dennoch kann diese als eine philosophische Theorie angesehen werden, weil sie radikale Konsequenzen für die Erkenntnistheorie aufweist. Zum einen müssen bestimmte überlieferte Begriffe neu überprüft werden, die in der bisherigen Philosophiegeschichte große Bedeutung errungen haben. Zum anderen bietet sie Lösungen für Fragen, die seit Beginn der Philosophiegeschichte existieren und bislang unbeantwortet geblieben waren. Platons Ideenwelt und Kants reine Vernunft waren die früheren Antworten auf die Frage, wodurch sich Raum und Zeit offenbaren. Durch Einsteins Antwort sind deren Systeme nicht mehr zu halten, da sie an deren Grundlagen rührt. Und weil die Erkenntnisanalyse stets der Ausgangspunkt der Philosophie war, werden sich die Folgen der Kritik, die einen so grundsätzlichen Bereich wie den des Raumes und der Zeit erschüttert, auf die gesamte Philosophie erstrecken.

Einstein war kein Philosoph, dennoch erkannte auch er, dass nur wenn die Grundlagen von Raum und Zeit logisch analysiert worden sind, sich gewisse physikalische Probleme lösen lassen. Und dass aber umgekehrt eine derartige Analyse eine Richtigstellung bestimmter Erkenntnisbegriffe erfordert. Er hatte eher eine Art philosophische Grundeinstellung denn ein philosophisches System, so dass anderen die Aufgabe zukam, Folgerungen zu ziehen. Dies hat den Vorteil, dass seine Physik so schlüssig erscheint, aber den Nachteil, dass es zu vielen missverständlichen und falschen Auslegungen kommt.

Die begrenzten menschlichen Fähigkeiten machen eine Arbeitsteilung zwischen Physikern und Philosophen erforderlich. Ein Physiker, der nach der Entdeckung allgemeiner Beziehungen strebt, die empirisch überprüfbar sein sollen, darf bspw. nicht zu kritisch sein. Er ist zu Beginn seiner Arbeit auf eigene Vermutungen angewiesen, die durch seinen wie auch immer gearteten Glauben in die eine oder andere Richtung geführt werden. Bspw. habe Einstein geäußert, er sei zu Anfang von der Harmonie des Universums überzeugt gewesen. Ein derartiges Glaubensbekenntnis ist aber keine Philosophie. Die Methoden eines Philosophen sind die Analyse und Kritik. So sind in der Naturphilosophie die gedanklichen Schritte, die zu einer Entdeckung führen, irrelevant. Vielmehr wird die fertige Theorie und ihre Beziehungen auf ihre Gültigkeit hin analysiert. Das Interesse richtet sich also weniger auf den Zusammenhang der Entdeckung, sondern auf den ihrer Rechtfertigung. Die Philosophie der Physik sei kein Resultat eines Glaubensbekenntnisses, sondern der Analyse. Der Fokus der Betrachtung liegt auf den logischen Beziehungen. Die Urteile werden unabhängig von den Schöpfern der Theorie gefällt. Doch überraschender Weise stimmt das logische Schema der Relativitätstheorie mit den programmatischen Gedanken überein, die ihre Entdeckung beherrschten.

II. Missverständnisse der Theorie

Die Entdeckung, dass zahlreiche Aussagen, deren Wahrheit oder Falschheit als erwiesen geglaubt wurde, bloße Definitionen seien, bildet die logische Basis der Relativitätstheorie, und hat weittragende Folgen, die den philosophischen Wert der Theorie ausmachen.

Dazu wird als Beispiel das Problem der Geometrie betrachtet. So sei es eine allgemein zugegebene Tatsache, dass die Messeinheit eine Sache der Definition sei. Es mache keinen Unterschied, ob eine Entfernung in Fuß, Metern oder Lichtjahren gemessen werde. Es sei jedoch lediglich dem Kenner der Relativität ersichtlich, dass der Vergleich der Entfernungen ebenso eine Sache der Definition sei. Dieses Ergebnis könne ebenso als der definitionsmäßige Charakter der Kongruenz beschrieben werden. In diesem Sinne kann es niemals als wahr erwiesen werden, dass eine bestimmte Entfernung einer anderen, die an einem anderen Ort gelegen ist, kongruent ist, sondern kann nur im Sinne einer Definition aufrecht erhalten werden. Es besteht also eine Abhängigkeit von einem vorherigen Vergleich der Entfernungen, für den eine Definition maßgeblich ist. Darüber hinaus war es, bevor Einstein seine spezielle Relativitätstheorie begründete, unbekannt, dass die Gleichzeitigkeit von Vorgängen an entfernten Stellen bloße Definitionssache ist.

Die Definitionen, die für die Zuordnung von Raum und Zeit gebraucht werden, heißen Zuordnungsdefinitionen. Danach wird eine Definition durch die Zuordnung eines physikalischen Objekts oder Vorgangs zu einem Grundbegriff gebildet. Bspw. sei der Begriff „gleiche Länge“ durch den Bezug auf ein physikalisches Objekt, den eines starren Maßstabs, definiert, dessen Transport gleiche Entfernungen festlege. Weiter sei der Begriff „gleichzeitig“ durch die Verwendung von Lichtstrahlen, die sich über gleiche Entfernungen bewegten, definiert. Die gesamten Definitionen der Relativitätstheorie seien vom Typus der Zuordnungsdefinitionen.

Ein Missverständnis dieser Theorie geht daraus hervor, dass zur Verdeutlichung dieses Gebrauchs verschiedener Definitionen auf diverse Beobachter zurückgegriffen wird. Dies führt zur irrigen Meinung, dass dabei die raum-zeitliche Messung mit der Subjektivität des Beobachters zusammenhängt, und dass deren subjektiver Charakter die Relativität nach Einstein bedingt. Dabei hängt bspw. die definitionsmäßige Eigenschaft der Gleichzeitigkeit nicht mit den perspektivischen Unterschieden zusammen, die sich für Beobachter unterschiedlicher Bezugssysteme ergeben. Die Zuordnung verschiedener Beobachter diene nur der vereinfachten Beschreibung logischer Beziehungen. Es ist so zusagen nur eine Ausdrucksweise, die bei der Darstellung der Relativitätstheorie gänzlich ausgeschaltet werden kann.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Über Hans Reichenbachs "Die philosophische Relevanz der Relativitätstheorie"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Natur und Zahl - Die Mathematisierung der Welt
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
12
Katalognummer
V130185
ISBN (eBook)
9783640384525
ISBN (Buch)
9783640384938
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hans, Reichenbachs, Relevanz, Relativitätstheorie
Arbeit zitieren
Jinan Kauf (Autor), 2007, Über Hans Reichenbachs "Die philosophische Relevanz der Relativitätstheorie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130185

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