Die Geschichtswissenschaft, als eine der wandelbarsten Wissenschaften, ist von diesem generationsbedingten Verständnisproblem stark betroffen. Sie hat Barrieren geschaffen um sich von den ‚Irrungen’ der Vergangenheit abzuschotten. Historiker sind der Ansicht, dass jeder Geschichtsforscher, der vor der Zeit des großen Leopold von Ranke lebte, eher Literat, denn Wissenschaftler war. Am härtesten trifft diese Abgrenzung die ‚Historikerzunft’ der frühen Neuzeit. Sie steht der Schwelle zur Anerkennung durch heutige Generationen sowohl zeitlich als auch fachlich am nächsten. Warum jedoch misslingt es den frühneuzeitlichen ‚Historikern’ jene Schwelle zu überwinden? Was unterscheidet sie so sehr von Wissenschaftlern wie Leopold von Ranke? Zur Beantwortung dieser beiden Fragen, bietet es sich an einen genauen Blick auf das Leben und Schaffen eines frühneuzeitlichen Geschichtsforschers zu werfen. Um möglichst effektiv vorgehen zu können, soll hierbei die Anfangsphase der frühen Neuzeit als Zeitrahmen dienen. Genauer gesagt die Zeit der lutherischen Reformation. Martin Luther, der große Reformator, hat viele Generationen von Menschen fasziniert. Von der frühen Neuzeit bis heute entstanden zahllose Aufsätze und Bücher über ihn. Diese Schriftstücke können als Quellen- und Referenzmaterial genutzt werden, wenn wir Leben und Werk eines Luther-Biografen als Objekt unserer Untersuchung wählen.
Inhaltsverzeichnis
1. Ein Generationenproblem
2. Das Leben des Johann Mathesius
3. Zeitgenossen, Schriftsteller und Historiker
3.1 Quellen und Fakten
3.2 Wertungen
3.3 Glauben
3.4 Erklärungen
3.5 Pädagogik
4. Die Predigten als Ausnahmeerscheinung?
5. Kritikpunkte
6. Wahrheit und Realität
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen den historischen Schriften der Frühen Neuzeit und den wissenschaftlichen Standards der modernen Geschichtswissenschaft. Anhand der Luther-Predigten von Johann Mathesius wird analysiert, warum frühneuzeitliche Geschichtsschreibung aus heutiger Sicht oft als subjektiv wahrgenommen wird und inwiefern sie sich von modernen methodischen Anforderungen unterscheidet.
- Analyse des Lebens und Wirkens von Johann Mathesius
- Methodische Untersuchung frühneuzeitlicher Geschichtsquellen
- Gegenüberstellung von Zeitgenossenschaft und historischer Objektivität
- Bedeutung theologischer Elemente in historischen Texten
- Die Rolle der Pädagogik in frühneuzeitlichen Chroniken
Auszug aus dem Buch
3. Zeitgenossen, Schriftsteller und Historiker
Heutzutage schreiben viele Schriftsteller über Persönlichkeiten oder Ereignisse ihrer Zeit. Man könnte sie als Geschichtsaufschreiber bezeichnen, doch damit täte man ihnen Unrecht. Um einfaches Aufschreiben geht es bei ihrer Arbeit nämlich nicht. Sie sammeln Quellen, recherchieren und deuten. Nicht anders verhält es sich mit Johann Mathesius. Er hat zu Luthers Zeiten gelebt. Er hat ihn eine zeitlang gekannt. Wenn Mathesius aber über das Leben des großen Reformators schreibt, so berichtet er auch über Abschnitte, die er ebensowenig miterlebt hat wie heutige Generationen. Er muss ebenso Quellen sammeln, recherchieren und deuten wie etwa ein deutscher Autor des 21. Jahrhunderts, der die Biografie eines bekannten Politikers schreibt. Würden wir solch einen Autor in den Historikerstand erheben?
Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands akzeptiert Mitglieder, die einen fachspezifischen Universitätsabschluss oder Publikationen zu historischen Themen vorweisen können. Mathesius hatte zwar keinen entsprechenden Abschluss, den konnte er zur damaligen Zeit nicht haben, doch eine historische Publikation kann er vorweisen. Entspricht Mathesius Werk den Anforderungen, die der VHD und andere geschichtswissenschaftliche Organisationen stellen? Dazu müsste ihm eine klar greifbare Methodik zu Grunde liegen. Fakten aus ausgewogenen Quellen, müssten im Text sachlich und neutral wiedergegeben werden. Trifft diese Beschreibung auf die „Historien von Martin Luthers Anfang, Lehr, Leben und Sterben.“ zu? Um das herauszufinden müssen wir uns das Werk genauer ansehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ein Generationenproblem: Einführung in die Problematik, dass historische Schriften vor der Ära von Leopold von Ranke oft nicht als wissenschaftliche Werke im heutigen Sinne anerkannt werden.
2. Das Leben des Johann Mathesius: Biografischer Abriss des Autors, der als Zeitgenosse Luthers dessen Leben dokumentierte, jedoch kein professioneller Historiker war.
3. Zeitgenossen, Schriftsteller und Historiker: Untersuchung der methodischen Arbeitsweise von Mathesius und der Frage, ob seine Schriften den modernen Kriterien für Geschichtsschreibung entsprechen.
3.1 Quellen und Fakten: Analyse der Quellenlage, die bei Mathesius lückenhaft ist und vermuten lässt, dass er sehr einseitige Darstellungen wählte.
3.2 Wertungen: Aufzeigen der starken subjektiven Prägung und der emotionalen Bindung des Autors an seine Hauptfigur Martin Luther.
3.3 Glauben: Erörterung der Einbettung theologischer Aspekte und der göttlichen Vorsehung als Erklärungsmodell, was modernen Wissenschaftskriterien widerspricht.
3.4 Erklärungen: Kritik am Mangel an analytischen Methoden und der bewussten Ausklammerung weltlicher, psychologischer oder rationaler Kausalzusammenhänge.
3.5 Pädagogik: Darstellung der Intention von Mathesius, Geschichte als lehrendes Beispiel für nachfolgende Generationen zu instrumentalisieren.
4. Die Predigten als Ausnahmeerscheinung?: Einordnung der „Historien“ als Gattung, die primär für die Kanzel verfasst wurde und somit spezifischen Anforderungen an Predigtexte unterlag.
5. Kritikpunkte: Zusammenfassende Darstellung der methodischen Mängel, insbesondere im Hinblick auf Objektivität und Quellenkritik.
6. Wahrheit und Realität: Reflexion über die unterschiedlichen Realitätsvorstellungen der Frühen Neuzeit im Vergleich zur Moderne und die Rolle der Methodik als verbindendes Element.
Schlüsselwörter
Johann Mathesius, Martin Luther, Frühe Neuzeit, Geschichtsschreibung, Historik, Quellenanalyse, Methodik, Leopold von Ranke, Reformation, Theologie, Subjektivität, Quellenkritik, Pädagogik, Zeitgenossenschaft, Historismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der methodischen Einordnung der Luther-Predigten von Johann Mathesius und hinterfragt, warum diese Schriften aus der Perspektive der modernen Geschichtswissenschaft nicht als wissenschaftliche Werke gelten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die frühneuzeitliche Geschichtsschreibung, der Einfluss von Ideologie und Theologie auf historische Texte sowie die methodische Abgrenzung der Geschichtswissenschaft durch den Historismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich das Verständnis von historischer „Wahrheit“ und „Realität“ zwischen der Frühen Neuzeit und der modernen Historik gewandelt hat und warum die Arbeit von Mathesius diese Schwelle nicht überschreiten konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde eine hermeneutische Inhaltsanalyse sowie ein systematischer Vergleich mit modernen geschichtswissenschaftlichen Qualitätskriterien (etwa des VHD) vorgenommen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden das Leben von Mathesius, seine Quellenarbeit, seine Wertungen sowie die pädagogischen und theologischen Hintergründe seiner Texte kritisch analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Johann Mathesius, Geschichtsschreibung, Frühe Neuzeit, Methodik, Subjektivität und historische Wahrheit.
Warum gelten die „Historien“ von Mathesius heute nicht als wissenschaftlich?
Sie gründen nicht auf einer ausgewogenen Quellenbasis, sind stark von der persönlichen Ideologie und theologischen Überzeugungen des Autors geprägt und weisen keine neutrale oder sachliche Distanz zum behandelten Thema auf.
Welche Rolle spielt die Theologie in den Werken von Mathesius?
Die Theologie dient bei Mathesius nicht nur der Ausschmückung, sondern oft als „finale Erklärung“ für historische Ereignisse, wodurch rational-weltliche Kausalzusammenhänge konsequent ausgeblendet werden.
- Citation du texte
- Stefan Noack (Auteur), 2008, An der Schwelle zur Wissenschaft , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130230