An der Schwelle zur Wissenschaft

Die Luther-Predigten des Johann Mathesius


Seminararbeit, 2008

12 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ein Generationenproblem

2. Das Leben des Johann Mathesius

3. Zeitgenossen, Schriftsteller und Historiker
3.1 Quellen und Fakten
3.2 Wertungen
3.3 Glauben
3.4 Erklärungen
3.5 Pädagogik

4. Die Predigten als Ausnahmeerscheinung?

5. Kritikpunkte

6. Wahrheit und Realität

Literaturangaben:

1. Ein Generationenproblem

Georges Sorel war der Meinung, dass die Geschichtsschreiber der Zukunft (…) finden werden“, dass das Denken vergangener Generationen „voller Einbildungen gewesen ist.“[1] Wir blicken heute auf Sorels Zeit und die Zeiten davor zurück, und sind in Folge dessen nur allzu oft versucht dem französischen Sozialphilosophen Recht zu geben. Unumstößliche Erkenntnisse vergangener Jahrhunderte gelten mittlerweile als überholt. Berühmte Schriften, einst Meilensteine der Wissenschaft, entführen uns in der Gegenwart in eine Welt von Kuriositäten. Es fällt uns manchmal schwer sie von epischer Literatur zu unterscheiden.

Die Geschichtswissenschaft, als eine der wandelbarsten Wissenschaften, ist von diesem generationsbedingten Verständnisproblem stark betroffen. Sie hat Barrieren geschaffen um sich von den ‚Irrungen’ der Vergangenheit abzuschotten. Historiker sind der Ansicht, dass jeder Geschichtsforscher, der vor der Zeit des großen Leopold von Ranke lebte, eher Literat, denn Wissenschaftler war. Am härtesten trifft diese Abgrenzung die ‚Historikerzunft’ der frühen Neuzeit. Sie steht der Schwelle zur Anerkennung durch heutige Generationen sowohl zeitlich als auch fachlich am nächsten. Warum jedoch misslingt es den frühneuzeitlichen ‚Historikern’ jene Schwelle zu überwinden? Was unterscheidet sie so sehr von Wissenschaftlern wie Leopold von Ranke? Zur Beantwortung dieser beiden Fragen, bietet es sich an einen genauen Blick auf das Leben und Schaffen eines frühneuzeitlichen Geschichtsforschers zu werfen.

Um möglichst effektiv vorgehen zu können, soll hierbei die Anfangsphase der frühen Neuzeit als Zeitrahmen dienen. Genauer gesagt die Zeit der lutherischen Reformation. Martin Luther, der große Reformator, hat viele Generationen von Menschen fasziniert. Von der frühen Neuzeit bis heute entstanden zahllose Aufsätze und Bücher über ihn. Diese Schriftstücke können als Quellen- und Referenzmaterial genutzt werden, wenn wir Leben und Werk eines Luther-Biografen als Objekt unserer Untersuchung wählen.

2. Das Leben des Johann Mathesius

Einer der bekanntesten Luther-Biografen war Johann Mathesius. Er wurde 1504 in Rochlitz geboren. Sein Vater, Wolfgang Mathesius, war ein wohlhabender Ratsherr. Er ermöglichte seinem Sohn eine gute Schulbildung. Nach dem Tod des Vaters begab sich Johann Mathesius auf Wanderschaft. 1522 begann er ein Theologiestudium in Ingolstadt. Schon ein Jahr später brach er dieses Studium aus Geldmangel ab.

1530 fiel dem gescheiterten Studenten Martin Luthers Flugschrift Eyn sermon geprediget zu Leyptzigk (…) [2] in die Hände. Mathesius zog daraufhin nach Wittenberg um den großen Reformator kennenzulernen. Begeistert von Luthers Predigten, und finanziell gestärkt durch mehrere Jahre Arbeit, schrieb er sich an der Wittenberger Akademie ein. Hier studierte er Theologie und Philosophie. 1533 brach Mathesius zum zweiten Mal sein Studium ab. Wieder auf Grund von Mittellosigkeit. Mit dem Geld, das er in den kommenden Jahren am Gymnasium Altenburg und als Rektor der Lateinschule in der Silberstadt St. Joachimstal verdiente, gelang es ihm 1540 nach Wittenberg zurückzukehren. Die beiden Reformatoren Martin Luther und Phillip Melanchthon nahmen ihn nach kurzer Zeit in ihren engeren Kreis auf und sorgten dafür, dass er noch im selben Jahr den Titel eines ‚Magister der Künste’ verliehen bekam.

1542 zog es Mathesius mit glänzenden Zeugnissen wieder nach St. Joachimstal. Hier arbeitete er zunächst als Prediger. 1545 wurde er zum Pfarrer der Joachimstaler Kirchengemeinde berufen. Von 1562 bis 1564 hielt Mathesius Predigten über das Leben von Martin Luther. Diese Predigten gingen ein Jahr nach seinem Tod, 1566, unter dem Titel „Historien von Martin Luthers Anfang, Lehr, Leben und Sterben.“ in Druck. Auf Grund der großen Nachfrage folgten mehrere Neuauflagen.

Wirft man einen genauen Blick auf den Lebenslauf des Johann Mathesius, werden Unterschiede zwischen ihm und den meisten, heute anerkannten Historikern deutlich. Erstens: Mathesius kannte Martin Luther. Er hatte also einen Teil der Ereignisse über die er berichtete miterlebt, stand in direktem Bezug zu den daraus resultierenden Folgen. Zweitens: Die Bearbeitung geschichtlicher Zusammenhänge war nie seine eigentliche Profession. Mathesius war Schreiber, Lehrer und Theologe, kein studierter Historiker.

3. Zeitgenossen, Schriftsteller und Historiker

Heutzutage schreiben viele Schriftsteller über Persönlichkeiten oder Ereignisse ihrer Zeit. Man könnte sie als Geschichtsaufschreiber bezeichnen, doch damit täte man ihnen Unrecht. Um einfaches Aufschreiben geht es bei ihrer Arbeit nämlich nicht. Sie sammeln Quellen, recherchieren und deuten. Nicht anders verhält es sich mit Johann Mathesius. Er hat zu Luthers Zeiten gelebt. Er hat ihn eine zeitlang gekannt. Wenn Mathesius aber über das Leben des großen Reformators schreibt, so berichtet er auch über Abschnitte, die er ebensowenig miterlebt hat wie heutige Generationen. Er muss ebenso Quellen sammeln, recherchieren und deuten wie etwa ein deutscher Autor des 21. Jahrhunderts, der die Biografie eines bekannten Politikers schreibt. Würden wir solch einen Autor in den Historikerstand erheben?

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands akzeptiert Mitglieder, die einen fachspezifischen Universitätsabschluss oder Publikationen zu historischen Themen vorweisen können.[3] Mathesius hatte zwar keinen entsprechenden Abschluss, den konnte er zur damaligen Zeit nicht haben, doch eine historische Publikation kann er vorweisen. Entspricht Mathesius Werk den Anforderungen, die der VHD und andere geschichtswissenschaftliche Organisationen stellen? Dazu müsste ihm eine klar greifbare Methodik zu Grunde liegen. Fakten aus ausgewogenen Quellen, müssten im Text sachlich und neutral wiedergegeben werden. Trifft diese Beschreibung auf die „Historien von Martin Luthers Anfang, Lehr, Leben und Sterben.“ zu? Um das herauszufinden müssen wir uns das Werk genauer ansehen.

3.1 Quellen und Fakten

Leider finden sich in den „Historien“ keine genauen Angaben aus welchen Quellen Johann Mathesius die Fakten für seine Arbeit bezog. Auf Grund häufig fehlender Beschreibungen des Weiteren historischen Kontextes, lässt sich davon ausgehen, dass er den größten Teil der Informationen den eigenen Aufzeichnungen aus der Zeit mit Martin Luther, sowie seinem Briefwechsel mit Phillip Melanchthon, entnahm. Das wäre durchaus akzeptabel, gäbe es konkrete Hinweise auf weitere, unabhängige, Quellen, wie etwa Urkunden oder Erlasse. Solche Hinweise fehlen jedoch. Das lässt vermuten, dass so manche Darstellung des Johann Mathesius sehr einseitig ist. Vergleicht man sein Werk mit anderen Werken, scheint sich diese Vermutungen zu bestätigen. Karl Friedrich Ledderhose beschreibt Mathesius im Vorwort seiner Biografie[4] als einen Mann, „der das Leben eines der größten Männer Gottes (…) ächt lutherisch dargestellt hat.“ Diesem Kommentar, hier als Lob gemeint, kann man sich nur anschließen. Immer wieder finden sich in den ‚Historien’ Fakten und Deutungen, die wohl der Sicht der deutschen Lutheraner entsprochen haben - Der Wahrheit, wie wir sie heute objektiv zu kennen glauben, entsprechen sie aber leider nicht.

Ein Beispiel hierfür sind Mathesius’ Äußerungen zum Verhältnis zwischen Luther und dem Deutschen Kaiser. Dazu heißt es in den ‚Historien’: „Und Kaiser Maximilian [I.] selbst (…) ließ dem Kurfürsten[5] durch seinen Rat (…) sagen: Er solle den Mönch fleißig bewahren; denn es könnte sich bald zutragen, dass man seiner bedürfen möchte.“[6] Wir wissen jedoch, dass Kaiser Maximilian die römische Kurie in einem Schreiben von 1518 ersucht hatte Luther in den Bann zu nehmen[7]. Er war einer von Luthers Feinden, nicht sein Fürsprecher.

Solche Textstellen, die bekannten Tatsachen entgegensprechen und durch keine angegebenen Quellen belegt sind, finden sich in den ‚Historien’ immer wieder. So etwa wenn von Luthers beginnender Abneigung gegen den Ablasshandels die Rede ist[8],[9], oder aber wenn es um die Resonanz auf seine Schriften geht.[10],[11]

[...]


[1] Originaltext : „Nous savons parfaitement que les historiens futurs ne manqueront pas de trouver que notre pensée a été pleine d'illusions“, Georges Sorel, Réflexions sur la violence, Paris 1908, S. 113.

[2] Martin Luther, Eyn sermon geprediget zu Leyptzigk auff dem Schloß, Nürnberg 1519.

[3] Vgl. www.historikerverband.de, Stand: 10. März 2008

[4] Karl Friedrich Ledderhose, Das Leben des Johann Mathesius, des alten Bergpredigers im St. Joachimstal, Heidelberg 1849.

[5] Der hier erwähnte Kurfürst war Friedrich III. von Sachsen.

[6] Nicolaus Henningsen (Hg.), Johann Mathesius, Luthers Leben, Köln 1917, S. 27.

[7] Vgl. Horst Herrmann, Martin Luther, Eine Biografie, Berlin 2006, S. 222 F.

[8] Vgl. Luthers Leben, S. 17 F.

[9] Vgl. Martin Luther, Eine Biografie, S. 200 F.

[10] Vgl. Luthers Leben, S. 20.

[11] Vgl. Martin Luther, Eine Biografie, S. 200 F.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
An der Schwelle zur Wissenschaft
Untertitel
Die Luther-Predigten des Johann Mathesius
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich Meinecke Institut)
Veranstaltung
Einführung in die Frühe Neuzeit , Wissensordnungen und Geschichtsschreibung in der Zeit zwischen Humanismus und Aufklärung
Note
1.0
Autor
Jahr
2008
Seiten
12
Katalognummer
V130230
ISBN (eBook)
9783640385867
ISBN (Buch)
9783640386291
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schwelle, Wissenschaft, Luther-Predigten, Johann, Mathesius
Arbeit zitieren
Stefan Noack (Autor), 2008, An der Schwelle zur Wissenschaft , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130230

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