Histamin und Endometriose. Die Rolle einer histaminarmen Ernährung bei der Therapie einer Endometriose


Masterarbeit, 2022

87 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

1. PROBLEM- UND ZIELSTELLUNG

2. THEORETISCHER HINTERGRUND
2.1 E NDOMETRIOSE
2.1.1 Der weibliche Zyklus und hormonelle Regelkreis
2.1.2 Definition Endometriose
2.1.3 Therapiemöglichkeiten
2.2 H ISTAMIN
2.2.1 Mastzellen und Histamin
2.2.2 Histaminintoleranz
2.3 A KTUELLER F ORSCHUNGSSTAND

3. METHODISCHES VORGEHEN
3.1 F RAGESTELLUNG
3.2 E RHEBUNGSINSTRUMENTE
3.2.1 Soziodemographische Daten und allgemeine Angaben
3.2.2 Einschätzung des Schmerzes
3.2.3 Lebensqualität und Stimmung
3.2.4 Behandlung und Therapie
3.2.5 Zusatzfrage und Kommentare
3.2.6 Ernährungsumstellung
3.3 P RETEST
3.4 D URCHFÜHRUNG
3.5 A USWERTUNGSMETHODE

4. ERGEBNISSE
4.1 D ARSTELLUNG DER S TICHPROBE UND B ESCHREIBUNG DER ALLGEMEINEN D ATEN.
4.2 D ARSTELLUNG DER H ÄUFIGKEITSVERTEILUNG DER V ARIABLEN
4.3 E RGEBNISSE DER K ORRELATIONSANALYSE

5. DISKUSSION UND AUSBLICK
5.1 D ISKUSSION DER M ETHODIK
5.2 D ISKUSSION DER E RGEBNISSE
5.3 S CHLUSSFOLGERUNGEN UND A USBLICK

6. ZUSAMMENFASSUNG

LITERATURVERZEICHNIS

7. ANLAGENVERZEICHNIS
A NLAGE 1: F RAGEBOGEN 1 MIT A NTWORTMÖGLICHKEITEN UND S KALA
A NLAGE 2: F RAGEBOGEN 2 MIT A NTWORTMÖGLICHKEITEN UND S KALA
A NLAGE 3: E INFÜHRUNG IN DIE S TUDIE MIT HISTAMINARMER E RNÄHRUNG
A NLAGE 4: S TUDIENAUSSCHREIBUNG

Anmerkung der Redaktion: Anlagen 3 und 4 wurden aus urheberrechtlichen Gründen entfernt.

Abkürzungsverzeichnis

COX-2 Cyclooxygenase-Hemmer

CPP Chronic pelvic pain

DAO Diaminooxigenase

ELISA-Test Enzyme-linked Immunosorbent Assay

EP2/3/4 Prostaglandin E

FSH Follikelstimulierendes Hormon

GnRH Gonadotropin-releasing hormone

H1-H4 Histaminrezeptoren 1-4

HDC Histidin-Decarboxylase

HNMT Histamin-N-Methyltransferase

IgA/IgE/IgG Immunglobulin A/E/G

KOK Kombinierte orale Kontrazeptiva

LCT4/LTD4/LTE4 Leukotrine

LH Luteinisierendes Hormon

M Mittelwert

ml Milliliter

NSAR Nichtsteroidales Antirheumatikum

SD Standardabweichung

SE Standardfehler

SIGHI Schweizerische Interessengemeinschaft Histaminintoleranz

TIE Tief infiltrierende Endometriose

VAS Visual Analog Scale

ZNS Zentrales Nervensystem

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Darstellung der Hormonausschüttung durch hypothalamische und hypophysäre Stimulation (Eigene Darstellung)

Abbildung 2: Darstellung des Menstruationszyklus. (Kinderwunschzentrum Mainz 2022)

Abbildung 3: Ansiedlung von Endometrioseherden in Gebärmutter, Blase und Douglas- Raum (Seitenansicht). (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) 2007)

Abbildung 4: Histamin bindet an den H1-Histaminrezeptor einer Mastzelle (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020b)

Abbildung 5: Darstellung eines exozytotischen Vesikels mit Mediatoren (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020b)

Abbildung 6: Aminosäure Histidin (links) und Biogenes Amin Histamin (rechts) (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020a)

Abbildung 7: Darstellung der Zusammenhänge und mögliche histaminvermittelte Symptome (Maintz und Novak 2007)

Abbildung 8: Gegenüberstellung der mittleren Schmerzgrade vor und nach der Umstellung zur histaminarmen Ernährung

Abbildung 9: Darstellung der mittleren Werte von der Einschätzung der Lebensqualität, des Sexlebens und der Stimmung beider Fragebögen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Darstellung der Blutungsstärke

Tabelle 2: Darstellung der Variablen des ersten Fragebogens

Tabelle 3: Darstellung der Variablen des zweiten Fragebogens

Tabelle 4: 95% Konfidenzintervall der Differenzen

Tabelle 5: Zusammenfassende Darstellung der Daten aus Fragebogen 1 und 2

Tabelle 6: 95% Konfidenzintervall der Differenzen

1. Problem- und Zielstellung

Endometriose ist eine häufig auftretende, gynäkologische Erkrankung bei Frauen. Dabei siedelt sich gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter an. Die gebildeten Gewebeinseln werden als Endometriose­Herde bezeichnet und treten vor allem am Bauchfell des Beckens (Beckenperitoneum), den Eierstöcken (Ovarien) und Eileitern (Tuba uterina), an der äußeren Gebärmutterwand und dem stabilisierenden Band (Ligamentum sacrouterinum) auf. Ebenso kann auch der Bereich zwischen Gebärmutter und Enddarm (Douglas-Raum) betroffen sein. (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) 2021; Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtskunde (DGGG) et al. 2020a)

Neben einer möglichen Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit ist die Endometriose häufig geprägt von starken Schmerzen vor und während der Menstruation sowie während des Geschlechtsverkehrs, beim Stuhlgang und beim Wasserlassen. Sie werden meist als krampfartige, ausstrahlende Schmerzen beschrieben, die zu Übelkeit, Erbrechen und auch Durchfall führen können. Die Erkrankung kann sich damit auf viele zentrale Lebensbereiche auswirken, wie Partnerschaft, Familien- und Lebensplanung und das Selbstgefühl der Frau. Daher sind eine interdisziplinäre Vorgehensweise und breitgefächerte Therapiemöglichkeiten unabdingbar. (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) 2021)

Die Autor*innen der aktuellen S2-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Endometriose“ aus dem Jahr 2020 beschreiben dabei die Entstehung dieser Erkrankung und Behandlungsansätze, wie Operationen und medikamentöse Vorgehensweisen. Ein Ansatz zu einer Ernährungsanpassung wurde in der aktuellen Leitlinie (noch) nicht veröffentlich. An dieser Stelle möchte die vorliegende Arbeit ansetzen und eine mögliche Ernährungsempfehlung für endometrioseerkrankte Patientinnen darlegen. (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtskunde (DGGG) et al. 2020a)

Eine aktuelle Zusammenfassung von Obara et al., welche in der britischen Fachzeitschrift für Pharmakologie (British Journal of Pharmacology) im Jahre 2020 veröffentlicht wurde, macht den Zusammenhang einer schmerzgeprägten Endometriose und dem Neurotransmitter Histamin deutlich, indem es die Wirkungen der einzelnen Histaminrezeptoren darstellt. Dadurch fällt auf, dass die Schmerzempfindung, wie auch lokale Entzündungen, durch die Ausschüttung von Mediatoren (unter anderem Histamin) beeinflusst werden können. (Obara et al. 2020)

Parallel dazu zeigen Untersuchungen, wie die von Anaf et al. und Orazov et al., dass vor allem ein hoher Histaminspiegel im Blut mit einer höheren Schmerzintensität bei endometriotischen Symptomen einhergehen kann. (Orazov et al. 2017; Anaf et al. 2006)

Die Studiengruppe um Anaf et al. konnte in diesem Zusammenhang beispielsweise beobachten, dass sich im Endometriosegewebe betroffener Frauen überwiegend degranulierte Mastzellen befinden. Dabei handelt es sich um Mastzellen, die Histamin ausgeschüttet haben und damit eine große Rolle bei der Schmerzempfindung spielen. (Anaf et al. 2006)

Die Studie um Maintz und Novak aus dem Jahre 2007 wird noch etwas konkreter und sagt, dass das Zusammenziehen der Muskulatur des Uterus vor allem rezeptorvermittelt (H1-Rezeptor) geschieht. (Maintz und Novak 2007)

Das bedeutet, dass Histamin durch eine hohe Histaminaufnahme und - freisetzung an seinen Rezeptor bindet und schließlich das Zusammenziehen der glatten Muskulatur im Genitaltrakt initiiert. Dadurch können Schmerzen im Bereich des Uterus entstehen. (Hochgebirgsklinik Davos 2018)

Der Botenstoff Histamin ist ein Gewebshormon und ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems. Es wird in den Mastzellen gebildet und gespeichert. Bei Bedarf kann es ausgeschüttet werden und über Histamin-Rezeptoren an den jeweiligen Zielpunkten im Körper wirken. Der Aktivierung der Mastzellen können unterschiedliche Auslöser zugrunde liegen. Östrogen, physischer Stress sowie diverse Nahrungsmittel und Getränke seien an dieser Stelle als Beispiele genannt. Sie werden im weiteren Verlauf detaillierter dargestellt. (Schoebel 2019a)

Eine zentrale Frage aber wird durch die aufgeführten Erkenntnisse noch nicht beantwortet - die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Auftreten von starken Schmerzen bei einer Endometriose und dem Botenstoff Histamin als möglicher Auslöser. Die vorliegende Arbeit untersucht diesen potenziellen Zusammenhang.

Hierfür ernährten sich 13 endometrioseerkrankte Frauen über 5 Wochen histaminarm. Durch diese Ernährungsumstellung sollten mögliche Veränderungen in der Symptomatik erkennbar werden.

Ziel dieser Arbeit ist es also, einen möglichen ernährungs- und endometrioserelevanten Ansatz aufzuzeigen, der zur Verbesserung der Symptome führt und den Alltag der Betroffenen erleichtern kann.

Um grundlegende Hintergründe für den empirischen Teil zu schaffen, folgt im ersten Teil dieser Arbeit (Kap. 2) eine Erläuterung der theoretischen Ansätze. Kapitel 2 stellt hierbei relevante Begriffsdefinitionen zu Endometriose und Histamin dar und führt in die Thematik des weiblichen Zyklus‘ ein. Anschließend wird der aktuelle Forschungstand basierend auf der vorliegenden Fragestellung dargestellt.

Im zweiten Teil der Arbeit (Kap. 3 und Kap. 4) werden das methodische Vorgehen der empirischen Untersuchung erläutert sowie die Forschungsergebnisse der quantitativen Datenerhebung dargestellt.

In Kapitel 5 werden relevante Ergebnisse erneut aufgegriffen sowie inhaltlich und methodisch diskutiert. Ebenso folgt der Vergleich mit dem zuvor dargestellten, aktuellen Forschungsstand. Die Schlussfolgerungen der diskutierten Ergebnisse und ein Ausblick schließen das sechste Kapitel ab.

Der letzte Teil (Kap. 6) fasst die vorliegende Arbeit anhand der zugrundeliegenden Ziele und der Methodik, sowie der Ergebnisse und Diskussion zusammen. Schließlich folgt das Literaturverzeichnis, die Anlagen (Kap. 7) und die Selbstständigkeitserklärung (Kap.8).

2. Theoretischer Hintergrund

In diesem Kapitel werden Begriffe, welche dem Thema zugrunde liegen, genauer erläutert und zusammenhängend dargestellt. Dies soll dem tieferen Verständnis der Thematik dienen und Zusammenhänge im folgenden Methodikteil verdeutlichen. Das Kapitel 2.1 und dessen Unterkapitel enthalten Begriffsbestimmungen zum Thema Endometriose. Dabei werden zunächst der weibliche Zyklus und der hormonelle Regelkreis (Kap. 2.1.1) dargestellt. Anschließend folgt die Endometriosedefinition (Kap. 2.1.2) und mögliche, in den Leitlinien dargestellte, Therapieansätze (Kap. 2.1.3).

Das Kapitel 2.2 befasst sich mit dem Botenstoff Histamin, definiert den Begriff (Kap. 2.2.1) und erläutert eine möglich Histaminintoleranz (Kap. 2.2.2)

2.1 Endometriose

Charakteristisch für das Auftreten einer Endometriose ist die Bildung von Endometrioseherden und die Entstehung von gebärmutterschleimhaut­ähnlichem Gewebe außerhalb der Gebärmutter. Die Ursache für die Entstehung einer solchen Erkrankung konnte bisher noch nicht eindeutig geklärt werden. Auch eine eindeutige Definition kann dabei nur schwer formuliert werden. Im Anschluss wird auf zwei Theorien zur Entstehung eingegangen und eine grobe Definition gewagt. (Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Tübingen 2021)

Zunächst aber wird die dem weiblichen Zyklus zugrundeliegende hormonelle Regulierung erläutert.

2.1.1 Der weibliche Zyklus und hormonelle Regelkreis

Der weibliche Zyklus unterliegt einem hormonellen Kreislauf, welcher hypophysär und hypothalamisch gesteuert wird. Dabei sezernieren Hypophyse, Hypothalamus und Ovar in einem komplexen Zusammenspiel verschiedene Hormone. Der Hypophysenvorderlappen sezerniert beispielsweise das Follikel­stimulierende Hormon (FSH), das luteinisierende Hormon (LH) und Prolaktin, wohingegen der Hypothalamus überwiegend GnRH (gonadotropin-releasing hormone), Dopamin und Oxytocin sezerniert. Die beiden Eierstöcke (Ovarien) produzieren Östrogene, Gestagene und Androgene. Die hypothalamische Ausschüttung des GnRH steuert die hypophysäre Sekretion von FSH und LH. Diese wiederum initiieren die Ausschüttung von Östrogen und Gestagen im Ovar. Eine hohe Anzahl an im Blut zirkulierender Östrogene unterdrückt dabei via Feedback die Ausschüttung von FSH und LH. Auch weitere Neurotransmitter, wie Opioide oder Noradrenalin können diesen Regelkreis beeinflussen. Abbildung 1 stellt die hormonelle Beziehung zwischen Hypothalamus, Hypophyse und Ovar bildlich dar. Die Dauer eines Menstruationszykluses liegt in der Regel zwischen 25 und 31 Tage. Während die erste Zyklushälfte bei der Follikelreifung anhand ihrer Dauer variieren kann, beträgt die zweite Zyklushälfte meist konstant 14 bis 15 Tage. (AMBOSS 2020)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Darstellung der Hormonausschüttung durch hypothalamische und hypophysäre Stimulation (Eigene Darstellung[1]).

[1] Bestandteile der Abbildung entnommen aus Pixabay.com (Episy2 o.J.; OpenClipart-Vectors o.J.)

Die ersten drei Teile der untenstehenden Abbildung (Abb. 2) zeigen die Hormonproduktion in der Hypophyse und in den Ovarien, sowie die Follikelreifung im Eierstock im Detail. Grundsätzlich laufen dabei drei Phasen ab: Die Follikelreifung beginnt mit der Stimulation von FSH. Dieses fördert das Wachstum von 20 bis 25 Follikeln. Die gebildeten Follikel produzieren Östrogene, welche schließlich ins Blut abgegeben werden. Lediglich einer der 20 Follikel reift heran, die übrigen sterben ab. Schließlich folgt der Eisprung. Durch die große Östrogenmenge im Blut wird die Sekretion von LH in der Hypophyse angeregt und die reife Eizelle kann in den Eileiter übergehen (befruchtungsfähig für etwa 24 Stunden). Der Übergang in den Eileiter wird als Ovulation bezeichnet. (Valet und Doubek 2018)

Die letzte Phase wird Gelbkörperphase oder Lutealphase genannt. Dabei wird der Follikel zum Gelbkörper, welcher nun Progesteron und Östrogen (geringe Menge) produziert. Diese beiden Hormone hemmen GnRH im Hypothalamus sowie FSH und LH in der Hypophyse. Folgt keine Schwangerschaft, so stirbt der Gelbkörper nach 10 bis 12 Tagen ab und die Konzentrationen an Progesteron und Östrogen fallen. Die abfallenden Hormonkonzentrationen lösen die Menstruationsblutung aus und GnRH, FSH und LH werden erneut ausgeschüttet. Damit beginnt ein neuer Zyklus. (Valet und Doubek 2018)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Darstellung des Menstruationszyklus. (Kinderwunschzentrum Mainz 2022)

Der untere Teil der Abbildung 2 zeigt die Veränderung der Gebärmutterschleimhaut während eines Zyklus. Die Schleimhaut unterliegt einem ständigen Auf- und Abbau, welcher ebenfalls durch die Hormone Östrogen und Progesteron geregelt wird. Auch hier finden drei Phasen statt. (Valet und Doubek 2018)

Während der Menstruationsphase wird die im vorherigen Zyklus gebildete Gebärmutterschleimhaut mit der Menstruationsblutung ausgeschieden. Neben Blut werden dabei auch Gewebereste und Schleim abgegeben. In der Aufbauphase, also der Follikelphase, wird vermehrt Östrogen vom Follikel ausgeschüttet, was den Wiederaufbau der Gebärmutterschleimhaut anregt. In der Absonderungs- oder Lutealphase reift der Gelbkörper heran und produziert große Mengen an Östrogen und Progesteron. Dadurch verdickt sich die Gebärmutterschleimhaut und Blutgefäße verästeln sich. Erfolgt schließlich keine Einnistung einer befruchteten Eizelle, so bildet sich der Gelbkörper zurück, stellt die Produktion der Hormone ein und die Schleimhaut wird weniger durchblutet. Sie wird abgestoßen. (Valet und Doubek 2018)

2.1.2 Definition Endometriose

Das Universitätsklinikum Tübingen, Department für Frauengesundheit, definiert die Endometriose als eine chronisch verlaufende, gutartige Erkrankung im Unterleibsbereich, bei der die Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) auch außerhalb der Gebärmutter vorkommt. Wenn sich die Schleimhaut schließlich als Inseln gruppiert, wird von Endometrioseherden gesprochen. (Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Tübingen 2021)

Über die Prävalenz einer Endometriose bei Frauen liegen keine exakten Daten vor. Unterschiedliche Quellen geben prozentuale Werte zwischen 2 und 10% an. Liegt allerdings eine Unfruchtbarkeit vor, so kann in 50% der Fälle eine Endometriose nachgewiesen werden. (Stiftung Endometriose-Forschung o.J.)

Wie im vorigen Kapitel geschildert, wird der Aufbau der Gebärmutterschleimhaut durch die Ausschüttung von den weiblichen Geschlechtshormonen (Östrogen, Progesteron) initiiert und dient der Einnistung der befruchteten Eizelle. Erfolgt keine Einnistung, wird die Schleimhaut nach 28 Tagen über die Periodenblutung wieder abgebaut. Wächst diese gebildete Schleimhaut auch außerhalb der Gebärmutter, wird schließlich von einer Endometriose gesprochen. (Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Tübingen 2021)

Die endometriotische Schleimhaut, ebenfalls auf- und abgebaut unter dem Einfluss der weiblichen Hormone, verhält sich wie die Gebärmutterschleimhaut. Sie wächst und wird schließlich mit der Periodenblutung ausgeschieden. (Universitätsklinik für Frauenheilkunde 2022b)

Endometrioseherde treten überwiegend am Bauchfell des kleinen Beckens (Beckenperitoneum) und im Genitalbereich, also in der Gebärmutterwand (Uterus), den Eileitern (Tuba uterina) und den Eierstöcken (Ovarien) auf. Auch das Ligamentum sacrouterinum (äußere Gebärmutterwand und stabilisierendes Band) kann betroffen sein. Ebenso der Bereich zwischen Gebärmutter und Enddarm (Douglas-Raum). (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) 2021; Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtskunde (DGGG) et al. 2020a)

Zudem kann eine Ansiedlung von gebärmutterähnlichem Gewebe auch außerhalb des Genitalbereichs vorkommen. Unter anderem am Darm, an der Harnblase und am Nabel. In seltenen Fällen können auch Organe wie Lunge, Leber und Haut betroffen sein. (Stiftung Endometriose-Forschung o.J.)

Abhängig von der Verortung der Endometrioseherde wird auch die Art einer Endometriose formuliert. Befindet sich die Endometriose überwiegend im Uterus wird der Fachbegriff Adenomyosis uteri angewandt. Neben der ovariellen und peritonealen Endometriose (Eierstöcke und Bauchraum) kann auch eine tief infiltrierende Endometriose (TIE) vorliegen. Die TIE ist durch die Überschreitung der Oberfläche und die Einwachsung in nahe Gewebe und Organe gekennzeichnet. (Steinort 2022)

Die Abbildung 3 zeigt die Verortung von Endometrioseherden in Gebärmutter, Blase und Douglas-Raum.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Ansiedlung von Endometrioseherden in Gebärmutter, Blase und Douglas- Raum (Seitenansicht). (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) 2007, S. 8)

Der Großteil der betroffenen Frauen leidet unter starken Schmerzen vor und während der Monatsblutung (Dysmenorrhoe), sowie beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie). Basierend auf dem Vorkommen der Endometrioseherde können auch Schmerzen des Rückens, sowie Schmerzen beim Entleeren des Darmes (Dyschezie) und der Harnblase (Dysurie) auftreten. Auch unregelmäßige Regelblutungen und chronische Unterbauchschmerzen (CPP, chronic pelvic pain) sind keine Seltenheit. Vor allem Zystenbildungen im Bereich der Eileiter, der Eierstöcke und der Gebärmutterbänder, ebenso wie Vernarbungen im Bauchraum können zu Fruchtbarkeitsstörungen führen. Die Störung des Eisprungs und die Einschränkung der Eileiterbeweglichkeit kann schließlich einen unerfüllten Kinderwunsch (Infertilität) mit sich bringen. In wenigen Fällen kann eine Endometriose auch ohne Beschwerden verlaufen. (Universitätsklinik für Frauenheilkunde 2022b)

Die Ursachen für die Entstehung einer Endometriose konnten bisher noch nicht abschließend dargelegt werden. Daher basiert die Ursachenforschung derzeit auf zwei Theorien:

Die erste Theorie befasst sich mit der Bildung von Endometriosezellen an den jeweiligen Stellen außerhalb der Gebärmutter. So können sich beispielsweise die Bauchfellzellen von selbst in Gebärmutterschleimhautzellen umwandeln. Diese Umwandlung wird Metaplasie genannt und kann auch bei der Entwicklung der Geschlechtsorgane eines Embryos beobachtet werden. (Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Tübingen 2021)

Die zweite Theorie bezieht sich hingegen auf die Verschleppung von Gebär­mutterschleimhautzellen in andere Körperbereiche. Dies soll vor allem durch den Rückfluss des Periodenblutes vom Eileiter in die Bauchhöhle geschehen. Durch die Verteilung über Blut- und Lymphbahnen könnte die Schleimhaut praktisch alle Körperbereich erreichen. Gegen diese Theorie spricht allerdings der große Unterschied zwischen normalem Endometrium und der endometriotischen Zelle. (Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Tübingen 2021)

2.1.3 Therapiemöglichkeiten

Diagnostische Verfahren

Die erste Diagnostik einer Endometriose erfolgt über gynäkologische Ultraschall­und Tastuntersuchungen. Auch weitere bildgebende Verfahren, wie die Computertomographie oder Magnetresonanztomographie finden häufig Anwendung. Die detaillierteste und umfangreichste Methode für die Feststellung einer Endometriose ist die Laparoskopie, im gängigen Sprachgebrauch auch Bauchspiegelung genannt, bei der chirurgische, videogestützte Instrumente über kleine Bauchschnitte in die Bauchhöhle eingeführt werden. Verdächtiges Gewebe kann so durch Biopsien entnommen und untersucht werden. Die diagnostischen Befunde der bildgebenden Verfahren und der Biopsien bilden schließlich die Grundlage für die darauffolgende Behandlungsstrategie und den individuellen Therapieansatz. (Universitätsklinik für Frauenheilkunde 2022b, 2022a)

Operative Therapiemöglichkeiten

Operative und hormonelle Therapien stellen den Behandlungsschwerpunkt einer solchen Erkrankung dar. Als gängigstes operatives Verfahren wird die Laparoskopie angewandt. Abhängig von der Lokation der Schleimhautansiedlungen erfolgt die Art des operativen Verfahrens. So kann bei einer Adenomyosis uteri, also einer Endometriose des Uterus beispielsweise eine Laparoskopie, sowie eine Laparotomie angewandt werden. (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtskunde (DGGG) et al. 2020b) Während bei einem minimal-invasiven laparoskopischen Eingriff, wie oben geschildert, Instrumente über kleine Hautschnitte in die Bauchhöhle eingeführt und das Abdomen mit Kohlenstoffdioxid (CO2) gefüllt wird, bedeutet eine Laparotomie die vollständige Öffnung der Bauchhöhle. (AMBOSS 2022)

Sofern die Familienplanung bereits abgeschlossen ist, wird auch eine Hysterektomie (Entfernung der Gebärmutter), als sehr effektives Verfahren bei der Entfernung der Endometrioseherde in Frage kommen. Dies wird schließlich mittels Laparotomie durchgeführt. (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtskunde (DGGG) et al. 2020b)

Hormonelle Therapiemöglichkeiten

Da das Sexualhormon Östrogen als grundlegender Wachstumsfaktor für neue Endometrioseherde gilt, zielen die hormonellen Therapien darauf ab, den Östrogenspiegel zu senken und damit eine regelmäßige Monatsblutung zu vermeiden. So werden Endometrioseherde minimiert und assoziierte Beschwerden abgemildert. Gleichzeitig fungiert der hormonelle Therapieeinsatz auch als Empfängnisverhütung. (Albring 2021)

Das Grundprinzip dieser Therapie ist es also, durch die dauerhafte und ununterbrochene hormonelle Behandlung, eine therapeutische Amenorrhoe (Blutungsfreiheit) auszulösen. Die aktuelle Leitlinie beschreibt dadurch zwar eine Reduktion der endometrioseabhängigen Symptome durch die teilweise hervorgerufene Hemmung des Gebärmutterschleimhautwachstums und der Reduktion der Blutungsstärke, allerdings wird diese Therapiemöglichkeit in der Praxis häufig aufgrund von Zwischenblutungen und starken Schmerzen abgebrochen. In diesem Zusammenhang werden zwei hormonelle Therapiemöglichkeiten, die als Behandlungsoptionen einer Endometriose in Deutschland zugelassen sind, in der Leitlinie beschrieben. Hierzu zählen die GnRH-Analoga und die Gestagene (Gelbkörperhormonpräparate). Auch kombinierte orale Kontrazeptiva (KOK) können Anwendung finden. (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtskunde (DGGG) et al. 2020c)

GnRH-Analoga sind synthetische Substanzen, die eine ähnliche chemische Struktur aufweisen, wie das Hormon GnRH, das in der Hypophyse gebildet wird. Damit können sie an den gleichen Rezeptor binden und die Bindungsstelle für das körpereigene GnRH blockieren. Dies verhindert die Ausschüttung von FSH und die Bildung von Geschlechtshormonen (Östrogen und Progesteron) in den Eierstöcken. (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) o.J.)

Durch diesen Mechanismus sinkt der Östrogenspiegel stark ab, vergleichbar mit dem niedrigen Östrogenspiegel in den Wechseljahren. Dadurch kann es zu klimakterischen Beschwerden (Wechseljahrbeschwerden) kommen. Außerdem kann es die Bildung von Osteoporose fördern. Aus diesem Grund wird die Einnahme der GnRH-Analoga (mittels Nasensprays oder Spritze) nur über einen Zeitraum von 3-6 Monaten empfohlen. In einigen Fällen kann ein niedrigdosiertes Präparat das Auftreten der Wechseljahrbeschwerden reduzieren. (Albring 2021)

Synthetische Gestagene werden überwiegend zur hormonellen Empfängnis­verhütung eingesetzt werden. Sie hemmen dabei die Proliferation der Gebärmutterschleimhaut, welche mit Hilfe von Östrogen gebildet wird. Zudem führt es zur Unterdrückung der Ovulation (dosisabhängig) und Induktion der Sekretionsphase. (Reifferscheid 2019)

Zum Einsatz kommen hier häufig die Hormonpräparate Dydrogesteron, Medroxyprogesteronacetat und Dienogest. Wobei Letzteres als einziges Gestagen-Präparat spezifisch für Endometriosetherapie zugelassen ist und bei täglicher oraler Einnahme (Tablettenform) eine Reduktion des Östrogenspiegels verursacht. (Albring 2021)

Vorteile in der Anwendung der Gelbkörperhormonpräparate zeigen sich in der Einnahme über längere Zeiträume sowie in der variablen Anwendungsform. So können die Präparate beispielsweise in Form von Tabletten, Spiralen (Hormonspirale, Goldspirale) und Hormonstäbchen aufgenommen werden. (Universitätsklinik für Frauenheilkunde 2022a)

Der Einsatz von kombinierten oralen Kontrazeptiva, also die Kombination unterschiedlicher Hormonpräparate, wie beispielsweise Dienogest mit Ethinylestradiol reduziert ebenso wie die einfache Einnahme eines Präparats endometrioseassoziierte Beschwerden. Ob die Verbesserung der Beschwerden aufgrund der Kombination oder der einfachen Östrogenkomponente herrührt, kann aufgrund fehlender Datenlage noch nicht eindeutig geklärt werden, so die Autoren der aktuellen Endometrioseleitlinie. (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtskunde (DGGG) et al. 2020a)

Zudem sind KOK zur Behandlung einer Endometriose „off label“ umsetzbar. Unter dem Off-Label-Einsatz versteht man zulassungsüberschreitenden Einsatz eines Arzneimittels. So kann das Arzneimittel über die von der Zulassungsbehörde genehmigten Anwendungsbereichen hinaus, für weitere Anwendungen verschrieben werden. Dies ist behandelnden Ärzten und Ärztinnen grundsätzlich erlaubt, wird jedoch nur in Ausnahmefällen von der gesetzlichen Krankenversicherung gezahlt. (Gemeinsamer Bundesausschuss o.J.)

Medikamentöse, nicht hormonelle Therapiemöglichkeiten

Zur Behandlung endometriosebegleitender Beschwerden werden beispielsweise Analgetika zur Reduktion der Dysmenorrhoe angewandt. Dabei sind vor allem nicht-steroidale Antiphlogistika (NSAR), wie Diclofenac, Indomethacin und Cyclooxygenase-Hemmer (COX-2) geeignete schmerzstillende Medikamente, die die Symptome mindern können. Auch Statine, welche einen antiproliferativen Effekt aufweisen und antiinflammatorische Wirkung zeigen, werden in der aktuellen Leitlinie erwähnt. Allerdings fehlen hierzu weiterführende Daten zur Wirkung und zum Einsatz von Statinen bei Menschen. Während Vitamin D als möglicher Faktor in der endometriotischen Pathogenese identifiziert wurde, konnten unterstützende Effekte einer Vitamin D Supplementierung bislang nicht nachgewiesen werden. (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtskunde (DGGG) et al. 2020c)

Alternative Therapiemöglichkeiten

Alternative Therapiemöglichkeiten oder integrative Therapien erwähnen die Autoren der Leitlinie im Rahmen einer möglichen Schmerzreduktion bei Dysmenorrhoe. So können verschiedene chinesische Phytotherapeutika, wie Mönchspfeffer oder Rosenblüten, Lichttherapien und Akupunktur zur Behandlung von endometrioseassoziierten Schmerzen angewandt werden. Auch die Supplementierung von Kalzium und körperliche Aktivität können hilfreich sein. (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtskunde (DGGG) et al. 2020c)

Die Erkrankung darf hier allerdings nicht isoliert als rein körperliches Krankheitsbild betrachtet werden. Auch Stressfaktoren und psychische Probleme gehen häufig mit einer Endometriose einher. Bei vielen Betroffenen ist der Leidensdruck aufgrund jahrelang anhaltender Schmerzen und weiteren individuellen Problemen sehr hoch. Auch das mögliche Auftreten einer ungewollten Kinderlosigkeit kann den psychischen Druck erhöhen. (Stiftung Endometriose-Forschung o.J.)

Das Endometriosezentrum des Universitätsklinikums für Frauenheilkunde in Wien empfiehlt daher zur Behandlung der Schmerzsymptome additive Behandlungsformen. Dazu zählen physikalische Therapien durch gezieltes Training, Beckenbodengymnastik oder Applikation von Wärme, ebenso wie Akupunktur, Homöopathie, gesunde Ernährung und Shiatsu. (Universitätsklinik für Frauenheilkunde 2022a)

2.2 Histamin

Histamin ist ein Gewebshormon und Neurotransmitter. Zu den wichtigsten Aufgaben des Histamins zählen beispielsweise die Anregung der Magensaftproduktion und die Erweiterung der Gefäße. Zudem spielt es eine zentrale Rolle für das Immunsystem und agiert dabei als Entzündungsmediator bei allergischen Reaktionen. In diesem Kapitel wird die Aufgabe des Histamins, dessen Wirkung im Körper und die Aktivierung der Mastzellen genauer erläutert. (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020a)

2.2.1 Mastzellen und Histamin

Histamin wird als körpereigene Substanz überwiegend in den Mastzellen gebildet und gespeichert. Weitere Entstehungs- und Speicherorte können auch Thrombozyten und neutrophile Granulozyten sein.

Die Mastzelle erhielt ihren Namen aufgrund der mikroskopischen Entdeckung vieler kleiner ,Kügelchen‘ im Inneren dieser Zelle. So macht es den Anschein, als wäre die Mastzelle mit Nahrung „gemästet“. Heutzutage weiß man, dass im Innern der Mastzelle bis zu 200 verschiedene Botenstoffe (Mediatoren) enthalten sind, die dort auf ihren Einsatz warten. Sicher verpackt in Vesikel, stehen die Mediatoren schließlich bei Bedarf zur sofortigen Freisetzung, der Exozytose, bereit. (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020b)

Neben Histamin werden unter anderem auch Serotonin oder Heparin, sowie Prostaglandin D2 und Leukotrine (LTC4, LTD4, LTE4) und viele weitere Botenstoffe von den Mastzellen produziert und ausgeschüttet. (Altmeyer 2021)

Dabei zählen Mastzellen zu den Zellen des Immunsystems und dienen der Abwehr von fremden Substanzen (Eindringlingen). Man findet sie daher im ganzen Körper, vorwiegend aber in Grenzorganen (Kontakt mit Außenwelt[4]), wie beispielsweise in der Darmschleimhaut, Atemwege, Haut, aber auch in Gebärmutter und den Eierstöcken, sowie in der Nähe von Gefäßen und Nerven. Werden die Mediatoren aus den Mastzellen freigesetzt, so dient dies der Warnung anderer Körperzellen vor fremden Substanzen. (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020b)

Um äußere Reize zu erkennen, befinden sich verschiedene Rezeptoren auf der Oberfläche der Mastzellmembranen. Diese agieren wie Sensoren, indem sie fremde Strukturen erkennen. Beim Andocken an den jeweiligen Rezeptor wird schließlich ein Signal ins Innere der Mastzellen weitergeleitet.

Die Mastzelle besitzt unzählige Rezeptoren, welche mittels Bindung durch einen Liganden aktiviert werden.

Die Antikörper-Rezeptoren beispielsweise, deren Liganden IgA-, IgE- und IgG- Antikörper (Immunglobuline) an den Rezeptor binden, können eine Hemmung oder Stimulation der Mastzelle hervorrufen.

Wohingegen die Histamin-Rezeptoren (H1, H2, H4), die den Liganden Histamin an ihren Rezeptor binden lassen, die Aktivierung der Mastzelle (H1, H2) beeinflussen oder die Mastzellaktivität (H4) hemmen können.

Ein weiteres Beispiel sind die Östrogenrezeptoren. Diese initiieren eine Verstärkung der Mediatorfreisetzung, also die Freisetzung von Histamin. Progesteron-Rezeptoren kann hier die gegenteilige Wirkung (Hemmung der Mediatorfreisetzung) auslösen.

Vitamin D-Rezeptoren sind beispielsweise an der Entwicklung und Funktion der Mastzelle beteiligt und können dabei die Hemmung der Mastzellaktivität initiieren. Auch Prostaglandin E Rezeptoren (EP2, EP3, EP4) sind auf der Oberfläche von Mastzellen zu finden. Sie hemmen die Antikörper-vermittelte Eicosanoid-Produktion und reduzieren die Freisetzung von Histamin. (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020a, 2020b)

Die Abbildung 4 zeigt blau-grüne Strukturen, die einen H1-Histaminrezeptor in der Mastzellmembran darstellen. Bindet Histamin von außen an den Rezeptor, so findet im Inneren der Mastzelle eine Signalübertragung statt. Dadurch erfolgt die Freisetzung der Mediatoren (Histamin). (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020a, 2020b)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Histamin bindet an den H1-Histaminrezeptor einer Mastzelle. (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020b)

Mastzellaktivierung und Mediatorfreisetzung

Findet eine immunologische Mediatorfreisetzung statt, so wird die Mastzelle meist mit einem Angriff von fremden Substanzen (Allergene, Parasiten) konfrontiert. Dies führt häufig zu einer selektiven, nicht unkontrollierten Freisetzung der Botenstoffe. Dabei können auch nur einzelne Botenstoffe kontinuierlich oder schlagartig abgegeben werden. Bei einer Allergie beispielsweise bindet der Antigen-Antikörper-Komplex an den entsprechenden Rezeptor in der Zellmembran der Mastzelle, was eine Mediatorfreisetzung auslöst. Die Mediatoren dienen schließlich als Botenstoffe, können an weitere Rezeptoren binden und lösen unterschiedliche Abwehrreaktionen im Körper aus. Ist der Reiz zur Freisetzung der Mediatoren stark genug, zerfällt die Mastzelle vollkommen. Dies nennt man Degranulation. (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020b)

Daneben gibt es auch nicht-immunologische Mastzellaktivierungen, die ohne Antigen-Antikörper-vermittelte Immunantwort interagieren. Bei einer Pseudoallergie gibt es beispielsweise keinen Fremdkörper (also auch kein Antigen-Antikörper-Komplex), auf den der Organismus reagieren könnte. Stattdessen wirkt ein chemischer oder physikalischer Reiz direkt auf die Mastzelle und stimuliert diese, sodass ebenfalls Mediatoren ausgeschüttet werden. Der Endzustand und die daraus resultierende Symptomatik bleiben dabei gleich, nur ohne das Mitwirken des Immunsystems. Mastzellmediator­oder Histaminliberatoren, die die Mastzelle stimulieren, können also die Ausschüttung von Histamin initiieren. (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020b)

Zu den Liberatoren zählen unter anderem bestimmte Nahrungsmittel und Getränke, Medikamente und Gifte (über Bisse oder Stiche). Auch physischer und emotionaler Stress, sowie mechanische Irritationen können die Mastzelle aktivieren. (Schoebel 2019b)

Außerdem kann auch Östrogen eine Mastzellaktivierung auslösen und damit als Histaminliberator wirken. (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin­Intoleranz (SIGHI) 2020b)

Die untenstehende Abbildung (Abb. 5) stellt einen exozytotischen Vesikel mit seinen Mediatoren dar, die er in den Zellzwischenraum durch Verschmelzung mit der Zellmembran abgibt.

Anmerkung der Redaktion: Die Abbildungen wurden aus urheberrechtlichen Gründen entfernt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Darstellung eines exozytotischen Vesikels mit Mediatoren. (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020b)

Histamin ist einer der wichtigsten freigesetzten Botenstoffe. Biochemisch gesehen zählt es zu den biogenen Aminen und agiert damit als Gewebshormon und Neurotransmitter im menschlichen Organismus. Dabei bildet sich im Eiweißstoffwechsel, durch den Um- und Abbau der Aminosäure Histidin, die Substanz Histamin. Aminosäuren bestehen grundsätzlich aus einer Amino- und einer Säuregruppe. Mit der Abspaltung der Säuregruppe von der Aminogruppe, also der enzymatischen Decarboxylierung einer Aminosäure, entsteht schließlich ein biogenes Amin. (Fritzsche 2016)

Biogene Amine entstehen auch in Lebensmitteln. Wenn oben erläuterter Vorgang, also die Umwandlung von der Aminosäure Histidin in das biogene Amin Histamin durch Vergärung oder Fermentation erfolgt. Zu stark histaminhaltigen Lebensmitteln und Getränken zählen beispielsweise Rotwein, geräucherte Wurstwaren, langgereifter Käse und viele weitere, die in Kapitel 2.2.2 detailliert erläutert werden. (Weyrauch-Wiegand 2014)

Abbildung 6 verbildlicht die Entstehung von Histamin durch die Abspaltung von CO2.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Aminosäure Histidin (links) und Biogenes Amin Histamin (rechts). (Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) 2020a)

Histidin wird durch Abspaltung von CO2 (Decarboxylierung) zu Histamin. Katalysiert wird diese Reaktion durch das Enzym Histidin-Decarboxylase (HDC).

[...]

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
Histamin und Endometriose. Die Rolle einer histaminarmen Ernährung bei der Therapie einer Endometriose
Hochschule
Hochschule Anhalt - Standort Bernburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2022
Seiten
87
Katalognummer
V1302344
ISBN (Buch)
9783346775672
Sprache
Deutsch
Schlagworte
histamin, endometriose, rolle, ernährung, therapie
Arbeit zitieren
Stefanie Reicherter (Autor:in), 2022, Histamin und Endometriose. Die Rolle einer histaminarmen Ernährung bei der Therapie einer Endometriose, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1302344

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