Wie gestaltet die Heldenepik das Verhältnis von Erzählung und Geschichte?


Essay, 2008

6 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Es scheint kein Zufall zu sein, dass Motive, Themen und Handlungen des Nibelungenlieds schon lange vor der Entstehung des Großepos, teilweise davon abgekapselt in früherer Ausprägung existierten und überliefert wurden. Genannt seinen nur das Sigurdlied oder die Burgundersage. Diese Tatsache unterstreicht die Relevanz des Verhältnisses von Erzählung und Geschichte in der Heldenepik. Wenn Großepen wie das Nibelungenlied richtig gedeutet und hermeneutisch analysieren werden sollen. Zunächst muss aber ein fundamentaler Rahmen geschaffen werden, um dieses Verhältnis näher untersuchen zu können. Dazu werde ich den Gattungsbegriff ´Heldenepik´ in seine tragenden Elemente zergliedern und versuchen mithilfe der Resultate einem Lösungsversuch näher zu kommen.

Der Weg zur epischen Großform ist lang und beschwerlich. Die Heldenepik stellt das Ziel, einen dichterisch-schöpferischen Endpunkt dar. Ihr Gegenstand sind exorbitante Handlungen und übermenschliche Taten, vollbracht von einer zentrierten Figur des heroischen Zeitalters. Der Held ist ein hervorragender Mann, er schreckt vor keiner lebensbedrohlichen Herausforderung zurück. Kraft, Standhaftigkeit und überschwänglicher Mut charakterisieren seine Person. Ein mittelalterlicher Supermann, der genauso wie die modernen Comichelden auf überirdische Fähigkeiten zurückgreifen kann und damit seinen feudalgesellschaftlichen Status in königliche Nähe katapultiert.

Alles beginnt mit der Oralitätskultur, einer Tradition der Mündlichkeit als erste Voraussetzung eines Heldenepos. Im Mittelpunkt der mündlichen Überlieferung steht die Handlung (Plot), die nahezu unverändert die Erzählgenealogie überdauert. Daneben besitzt die Oralitätskultur jedoch einen großen Spielraum an Variation und Improvisation. Die Wiedererzähler verändern arbiträr Orte, Namen oder Charaktere. Sagen bilden den Erzählstoff, die wiederum die manifeste Grundlage der Heldendichtung darstellen. Sie sind wesentlicher Bestandteil der mündlich-volkssprachlichen Laienkultur und überliefern i.d.R. geschichtliche Ereignisse. Von See betont die Relation der germanischen Heldensage zur germanischen Völkerwanderungszeit (ca. 375-568)[1]. Darunter fällt z.B. die Burgundersage ( 937), die den Untergang der Burgundern gegen die Römer und Hunnen (ca. 493) thematisiert. Aber auch die Dietrichsage aus den Quedlinburger Annalen (ca. 493), die die Eroberung Italiens durch Theodorich gegen Odaker beschreibt. Somit ist klar: „Heldensagen haben i.d.R. tatsächlich einen historischen Kern.“[2] Unterschiedliche geschichtliche Ereignisse werden verständlich aufbereitet, Zufälliges wird als notwendig dargestellt. Behandelt werden meist innerweltliche Konflikte aus ursprünglich mündlicher Erzählung. Damit einher geht die Amalgamierung der Sagenstoffe und Verschmelzung historischer Zeiten im Epos. Zwei unterschiedliche Generationen leben nebeneinander her: „Zeitgenossen, zu Angehörigen einer oder zweier Generationen [...]“[3] Beispielsweise sind im Nibelungenlied mehrere Stufen zusammengefasst, obwohl sie zeitlich auseinander liegen: Der Untergang der Burgundern (437); die Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher; Attila (453) und Theodorich (526). Durch die Gleichstellung historisch divergierender Figuren auf einer Erzählebene geht eine Enthistorisierung einher. Durch Reduktion werden in der Heldensage geschichtlichen Konstellationen auf menschliche Regungen zurückgeführt. Polithistorische Herrschaftshandlungen werden personalisiert und privatisiert. Das geschichtliche Faktum erfährt eine Minderung in Form von Verwandtenkonflikten. So findet sich der Brugunderuntergang von 437, als politischer Konflikt der Völkerwanderungszeit in reduzierter Form im Nibelungenlied wieder: Die Rachegeschichte Kriemhilts gegen ihren Bruder Gunther. Daraus folgt, dass die Adaptation der Geschichte durch die Dichtung einhergeht und wiederum resultierendes Merkmal der Heldenepik ist.

[...]


[1] See, Klaus von: Germanische Heldensage. Stoffe, Probleme, Methoden. Eine Einführung, Frankfurt a.M. 1971, S. 9.

[2] Heinzle, Joachim: Was ist Heldensage? in: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft 14 (2003/04), S. 11.

[3] See: Germanische Heldensage, S. 11.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Wie gestaltet die Heldenepik das Verhältnis von Erzählung und Geschichte?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2.0
Autor
Jahr
2008
Seiten
6
Katalognummer
V130360
ISBN (eBook)
9783640389315
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heldenepik, Verhältnis, Erzählung, Geschichte
Arbeit zitieren
Daniel Loch (Autor), 2008, Wie gestaltet die Heldenepik das Verhältnis von Erzählung und Geschichte?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130360

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