Materialisierung des Geschlechtsunterschieds am und im Gehirn

Wissenschaftliche Fakten und kulturelle Eingebundenheit wissenschaftlicher Faktizität


Hausarbeit, 2009

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unterschiedliche Hirne?
2.1. Gehirngröße
2.2 Hormonelle Einflüsse auf die Gehirnentwicklung
2.3 Neurophysiologie und Lateralisierung
2.4 Geschlechtsabhängige Problemlösungsstrategien – Kognitive Geschlechterunterschiede

3. Geschlechterunterschiede im Spiegel naturwissenschaftlicher Herangehensweisen
3.1. Sexing the Brain – Die Materialisierung von Geschlechterunterschieden im Hirn
3.1.1. Materialisierung durch die Praxis des Vermessens und Vergleichens
3.1.2. Materialisierung durch die Praxis der Herstellung von untersuchbaren Einheiten durch Schnitte, Bildachsen etc.
3.1.3 Materialisierung durch statistische Mittel
3.2 Vernetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse und kulturelle Einbettung wissenschaftlicher Erkenntnisse

4. Schluss

Literaturliste

Abbildungverzeichnis

1. Einleitung

Die Amerikanische Society for Neurosiences (sfn) veröffentlicht monatlich brain briefings, in denen sie über ein neurowissenschaftliches Thema informiert. Insgesamt sind zwei briefings zu finden, die sich mit geschlechtsspezifischen Unterschieden beschäftigen.

Die sfn macht 1998 darauf aufmerksam, dass Forscher zunächst nur unzulänglich erklärte und erklärbare biologische Unterschiede in männlichen und weiblichen Gehirnen gefunden haben (vgl. sfn 1998). Die Verfasser folgern nicht, dass eines von beiden Gehirnen besser funktioniert, beschreiben aber, dass beide Hirne "work at a similar capacity but process information differently" (sfn 1998). Sie kommen zum Schluss, dass "the female brain performs better on some skills while the male brain executes other tasks at a higher lever".

Eine kulturhistorische Begründung finden die Autoren schnell:

"In acient times, each sex had a very defined role that helped ensure the survival of the species. Cave men hunted. Cave women gathered food near the home and cared for the children. Brain areas may have been sharpened to enable each sex to carry out their job" (sfn 1998).

Kritisch muss man an diesem Artikel anmerken, dass keine klare Unterscheidung zwischen Sex und Gender gemacht wird. Die Überschrift spricht von "Gender and the Brain", während im Text selbst ausschließlich auf das biologische Geschlecht Bezug genommen wird. Das kulturelle Geschlecht findet erst wieder in der fragwürdigen kulturgeschichtlichen Erklärung Eingang. Auch ein späterer Beitrag der sfn (2007) differenziert unzureichend zwischen gender und sex. Hier wird beschrieben, welcher gender-spezifische Zusammenhang zwischen Umgang und Medikamentation bei verschiedenen Schmerzen besteht (Frauen reden mehr über ihre Schmerzen, beobachten sich selbst aufmerksamer etc.). Zudem wird berichtet, dass weibliche Gehirne eine doppelt so hohe Dosis Morphin benötigen, um die gleiche Schmerzreduktion wie Männer festzustellen, was Untersuchungen auf eine unterschiedliche Anzahl von bestimmten Rezeptoren zurückführen konnten.

Auch in diesem brain briefing fehlt nicht ein Hinweis auf eine kulturhistorische Evolution: Dass Frauen früher Schmerzen wahrnehmen und Hilfe suchten, sei ein evolutionärer Überlebensvorteil: "Women reduce the chance of significant tissue damage if they get checked out early" (sfn 2007).

Solche kulturhistorischen Begründungen findet man in vielen, insbesondere populärwissenschaftlichen Publikationen, die sich mit biologischen Unterschieden der Geschlechter beschäftigen.

Nicht vergessen möchte ich in diesem Zusammenhang auf den Streit zwischen den Büchern "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" (Pease/Pease 2002) und "Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben" (Quaiser-Pohl/Jordan 2004) hinweisen – ohne näher auf Einzelheiten einzugehen. Im letzteren werfen Quiaser-Pohl/Jordan Pease/Pease vor, "(a)uf der Suche nach Erklärungen für diese weiblichen und männlichen 'Schwächen' […] 'einfache' biologische Ursachen, wie den kleinen Unterschied in unserem Gehirn, zu finden" (Quaiser-Pohl/Jordan 2004: 171) und versuchen zu erklären, wie biologi(sti)sche Erklärungen zu Verhaltens- und Wahrnehmungsstrategien führen, die gerade solche Unterschiede erst konstituieren oder erscheinen lassen[1].

Die vorliegende Arbeit möchte untersuchen, welche geschlechtlichen Unterschiede es zwischen männlichen und weiblichen Hirnen identifiziert wurden. Hier soll zunächst nicht direkt gefragt werden, wie diese Unterschiede abgeleitet wurden. Vielmehr geht es hier zunächst um die Aufnahme eines Status quo.

Zunächst soll versucht werden, einige wissenschaftliche Fakten nachzuzeichnen, ob und welche Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Hirnen bestehen. Ich greife dazu zunächst auf einen Tagungsband einer Summer School aus dem Jahre 1984 (vgl. Vries) zurück. Als nächstes werden einige Fakten aus dem Buch "Keimzellen der Lust" von Simon LeVay (1994) skiziiert. Schließlich werden mit dem Buch "Gehirn und Geschlecht" (2007) Details erschlossen.

Daran schließe ich mit der in Buch "Sexing the Body" von Anne Fausto-Sterling vorgelegten Kritik an der Konstruktion von Sexualität anhand biologischer Merkmale im und am Gehirn an, da diese biologischen Merkmale, so Fausto-Sterling durch die Wissenschaft erst geschaffen wurden.

Nicht eingegangen wird auf die Ideengeschichte der Geschlechter bzw. die Geschichte und Ideengeschichte der Trennung eines kulturellen (gender) und biologischen Geschlechts (sex).

2. Unterschiedliche Hirne?

Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft mit Unterschieden in Gehirnstruktur, -organisation und -funktionsweise. Gerade die neuere Hirnforschung hat dazu einige Ergebnisse geliefert.

Swaab/Hofman (1984) versuchen eine Geschichte der Geschlechterunterschiede im Gehirn. Zunächst führen sie an, dass in der Antike solche Unterschiede im Hirn in keinem großen Umfang behandelt wurden. Die naturwissenschaftliche Erforschung des Unterschiedes im Hirn, der in den Naturwissenschaften der letzten hundert bis zweihundert Jahren zu finden sei, sei, so die Autoren "a remarkable mixture of scientific observations and cultural bias" (Swaab/Hofman (1984), 362).

Morphologische Erkenntnisse bzw. Argumente seien oft sowohl als Beweis oder als Gegenbeweis für die Unterlegenheit des weiblichen Hirns genutzt worden (vgl. Swaab/Hofman (1984), 362). Letztlich haben alle Versuche, morphologische Unterschiede zu finden, dazu geführt, dass diese oft auch mit der unterschiedlichen Lateralisierung[2] weiblicher und männlicher Hirne in Verbindung gebracht werden konnten[3].

Kimura/Harshmann (1984) untersuchen in einer Querschnittsstudie Geschlechterunterschiede in der Gehirnorganisation für eine ganze Reihe menschlicher Fähigkeiten. Die Ergebnisse bestätigen, so die Autoren, Unterschiede, die jedoch nicht einfach zur These verdichtet werden könnten, dass "male brain tending to be more asymmetrically organized than female brains" (Kimura/Harschmann, 436).

2.1. Gehirngröße

Ein Unterschied, der immer wieder untersucht wurde, ist die Gehirngröße. Zunächst ist dabei festzustellen, dass weibliche Hirne absolut kleiner sind, als männliche. Setzt man die absoluten Werte in Relation zum Körpergewicht, ergibt sich immer noch ein Unterschied, allerdings wird das Ausmaß relativiert. (Vgl. Swaab/Hofman (1984)) Hilbig (2000) nennt die statistischen Werte 1:46 für Frauen und 1:50 für Männer[4] (Hilbig, 70).

2.2 Hormonelle Einflüsse auf die Gehirnentwicklung

Da sich kulturelle Einflüsse auf die Entwicklung des Gehirns schlecht ausschließen lassen, ist für viele Neurowissenschaftler die Untersuchung an Nagetieren eine geeignetere Methode[5] (vgl. Hilbig, 70). LeVay (1994)[6] beschreibt u.a. den Einfluss des Hormons Oxytocin auf säugertypische Vorgänge, nämlich Orgasmus, Geburt, Säugen und mütterliches Pflegeverhalten[7]. Die Experimente an Ratten zeigen, dass nicht nur körperliche Änderungen schwangerer, gebärender und säugender Ratten Hormon gesteuert sind, sondern auch mütterliche Verhaltensweisen von Hormonen abhängig sind. Weiter zieht er Untersuchungen heran, die zeigen, dass sich die Gehirne der Ratten kurz vor Ende der Schwangerschaft verändern und neue neuronale Kopplungen entstehen[8]. Dies – so legen Ergebnisse von Experimenten nah – ist eine Veränderung, die hormonell gesteuert werde.

LeVay weist darauf hin, dass die gleichen Verhaltensweisen bei Primaten weniger gut auf der hormonellen Ebene erforscht sind und führt an, dass hier dem sozialen Lernen eine weitaus größere Bedeutung zukommt, als bei Ratten, das mütterliche Verhalten bei Primaten also nicht rein hormongesteuert ist, sondern auch einen großen Anteil an erlerntem Verhalten beinhaltet (vgl. LeVay, 100).

[...]


[1] Dass Pease/Pease Kommunikationsprofis sind [vgl. Pease/Pease 2005: Eine dumme Frage ist besser als fast jede kluge Antwort. Wie man erfolgreich überzeugt] unterstreicht diesen Schluss umso mehr.

[2] Lateralisierung ist die "funktionale Asymetrie"; also die "Spezialisierung der Großhirnhemisphären auf bestimmte Funktionen" (Hanser (2000), Bd. 2, 290). Hier ist also gemeint, dass in männlichen und weiblichen Hirnen, Hirnfunktionen unterschiedlich auf die zwei Gehirnhälften verteilt sind.

[3] "[…] the sex differences in macroscopic appearance of human brain which have been reported so far are relatively smal, and those which seem to be truly present are related to a sex difference in lateralisation." (Swaab/Hofman (1984), 363)

"Those sex differences which seem to be really present, i.e. the larger splenium of the callosum in women and the larger left temporal planum in men, involve sex differences in brain lateralisation." (Swaab/Hofman (1984), 369)

[4] Das heißt, bei Frauen kommen im statistischen Schnitt 22g Hirnmasse pro kg Körpergewicht, bei Männern sind es 20g pro kg Körpergewicht (vgl. Hilbig, 70)

[5] Wobei auch bei der Untersuchung an Ratten trotzdem nicht ausgeschlossen werden kann, dass Gehirnfunktionen durch Interaktion mit Artgenossen, der Umgebung der Ratte, dem Versuchsaufbau und dem Experimentator beeinflusst werden, da biologisch-determinierte Entwicklungsmöglichkeiten erst in Interaktion mit der Umwelt ihre Konkretheit ausbilden können. Trotz dieser kritischen Anmerkung erkennt der Autor an, dass die Verminderung sozialer Aspekte auf die Gehirnstrukturen im Experiment mit Ratten einfacher erreichen ist.

[6] Simon LeVay ist eigentlich Neurophysiologe, der hauptsächlich das Sehzentrum im Gehirn erforscht. Dafür ist er unter Wissenschaftlern bekannt. Eine Untersuchung machte ihn auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Er entdeckte einen Unterschied im Gehirn zwischen homo- und heterosexuellen Männern. Er untersuchte 19 Hirnschnitte toter homosexueller und 17 heterosexueller Männer und von 6 Frauen. Diese Schnitte waren anonymisiert. Er entdeckte, dass INAH 3, ein Zellknoten in einer Hypothalamus-Region bei Frauen und bei homosexuellen Männern kleiner war, als bei heterosexuellen Männern. Dies führt er auf Hormoneinflüsse bei der embryonalen Entwicklung zurück. LeVay tritt dafür ein, dass die sexuelle Orientierung sehr stark biologisch geprägt ist. (Vgl. Bruderer) Diese biologistische Position ist nicht unumstritten.

[7] Als Beweis führt er dabei unterschiedliche Experiment an Ratten heran, bei denen jungfräuliche (weibliche) Ratten, deren Blutkreislauf direkt mit dem schwangerer bzw. gebärender Ratten verbunden wird – also ein direkter Hormonaustausch zwischen diesen Ratten geschieht – die gleichen mütterlichen Verhaltensweisen (Ablecken, Wärmen, Schützen der Jungen bis hin zur Absonderung von Milch) zeigen. Ebenso können diese Verhaltensweisen und körperlichen Änderungen durch Hormone gezielt gesteuert werden, wie andere zitierte Experimente an Ratten zeigen. Beispielsweise wurde der hormonproduzierende Hypothalamus entfernt, erst bei der künstlichen Gabe von Hormonen stellten sich mütterliche Verhaltensweisen und körperliche Änderungen ein. (Vgl. LeVay, 93-96) Bei den beschriebenen Verhaltensweisen handelt es sich um solche, die den Säugetieren typisch sind und bei anderen Lebewesen nicht oder nicht in diesem Ausmaß und dieser Ausprägung zu beobachten sind..

[8] Kurz vor der Geburt bilden sich isolierende Gliazellen, die verhindern dass bestimmte Neuronen feuern können, zurück und machen so in voll entwickelten Hirnen neue neuronale Verbindungen möglich. Nach der Geburt werden die Gliazellen allerdings wieder aufgebaut. (Vgl. LeVay, 97).

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Materialisierung des Geschlechtsunterschieds am und im Gehirn
Untertitel
Wissenschaftliche Fakten und kulturelle Eingebundenheit wissenschaftlicher Faktizität
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Institut für Kultur und Medien)
Veranstaltung
Undoing gender?
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V130396
ISBN (eBook)
9783640362868
ISBN (Buch)
9783640363223
Dateigröße
1314 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gehirn, gender, sex, geschlecht, neuro, neurowissenschaft, hormone, geschlechterunterschied, pease, wissenschaftstheorie
Arbeit zitieren
BA Michael Kempmann (Autor), 2009, Materialisierung des Geschlechtsunterschieds am und im Gehirn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130396

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