Die nachfolgende Hausarbeit wird sich dem Gegenstand Scham und Beschämung im Schulsport widmen. Um sich dem Phänomen Scham schrittweise anzunähern, wird zunächst untersucht werden, wie Scham erlebt wird. Anschließend soll die Ursachen von Scham unter Rückgriff auf Plessners Existenzialtheorie (1983) hergeleitet werden, in welcher Scham als menschlicher Universalaffekt in Erscheinung tritt. Diese anthropologische Perspektive wird um Neckels soziologischen Ansatz ergänzt werden, wodurch sich im Ergebnis Scham als spezifische menschliche Identitätskrise und Desorganisation beschreiben lässt. Es folgt eine Erläuterung der ambivalenten Wirkungsweisen und Funktionen von Scham. Das Themenfeld inhaltlich abschließend werden drei verschiedene Schamformen differenziert: Körperscham, psychische Scham und soziale Scham. Anschließend wird der Fokus auf die zentralen Merkmale des Sportunterrichts gelenkt. Gemeinsam mit dem Schamerleben und den drei Schamformen geben diese der Analyse des nachfolgenden ethnographischen Beobachtungsprotokoll einen Bezugsrahmen. Das Fazit beinhaltet ein Resümee, in welchem abschließend auf die Möglichkeiten eines konstruktiven und sensiblen Umgangs mit Schamsituationen im (Sport)Unterricht Bezug genommen werden wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Scham
2.1. Schamerleben
2.2. Ursachen von Scham
2.3. Wirkungen und Funktionen von Scham
3. Formen von Scham
3.1. Körperscham
3.2. Psychische Scham
3.3. Soziale Scham
4. Erfahrungsfeld Sportunterricht
4.1. Die Körperlichkeit des Fachs
4.2. Die Sichtbarkeit des sozialen Gefüges
4.3. Der körperliche Leistungsaspekt
5. Das Fußballspiel – eine schamfokussierte Analyse
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Scham im schulischen Sportunterricht, um aufzuzeigen, wie soziale Situationen und körperliche Anforderungen bei Jugendlichen Identitätskrisen und Beschämungsprozesse auslösen können. Ziel ist es, durch die Analyse eines konkreten Fallbeispiels ein tieferes Verständnis für die schamverursachenden Dynamiken im Sportkontext zu entwickeln und pädagogische Handlungsoptionen zu skizzieren.
- Anthropologische und soziologische Theorien der Scham
- Differenzierung zwischen Körper-, Psychischer- und Sozialer Scham
- Die Spezifik des Sportunterrichts als sensibler Erfahrungsraum
- Rolle von Leistungsdruck und sozialen Interaktionen im Sportspiel
- Pädagogische Konsequenzen für einen schamsensiblen Unterricht
- Analytische Auswertung eines ethnographischen Beobachtungsprotokolls
Auszug aus dem Buch
3.1. Körperscham
Körperscham wird durch eine Identitätskrise hervorgerufen, die von einen körperlichen Aspekt ausgeht, der nicht mit den Idealvorstellungen des Selbst übereinstimmt. Dabei wird der Körper als Mittelpunkt der Welt empfunden und liegt, wie alle Sphären, im Doppelaspekt vor: Auch wenn der Mensch als geistiges Wesen seinen Körper durchdringt und als Instrument seines Willens einzusetzen vermag (‚Körper Haben‘), so ist es ihm doch nicht möglich, seine leibliche Gebundenheit vollständig zu durchbrechen. Er lebt als Körperding in einer Außenwelt (‚Körper Sein‘) (vgl. Lietzmann 2004: 90). Eine Desorganisation des Selbst geschieht etwa, wenn einzelne Körperfunktionen nicht mehr kontrolliert werden (z.B. Stolpern oder Rülpsen). Der Mensch erlebt sich dann als ein vom Körper abhängiges Wesen. Zeitgleich wird ihm der Körper fremd. Dieses abhängige körperliche Sein ist der Mensch, zugleich ist er es aber nicht qua geistiger Verfügungskraft, sondern nur, weil er ihm zugewiesen ist. Das Selbst ist desorganisiert und empfindet, sofern es diese Kontrollverluste negativ auf seine Identität anrechnet, Scham. (Vgl. ebd. 91) Neben solchen Kontrollverlusten kann ein Mensch auch dann in körperliche Schamkrisen geraten, wenn er konstitutionellen Voraussetzungen für bestimmte Leistungserwartungen nicht erfüllt oder aber die allgemeine Sportlichkeit, das Aussehen oder die Kleidung als körperliche Aspekte interpretiert und bewertet werden (vgl. Wiesche 2017: 179).
Neckel verweist darauf, dass dem Körper, „[zelebriert] als die letzte Sinnesprovinz der eigenen Existenz“ (Neckel 2009: 110), heute gleichsam kulturelles als auch soziales Kapital zuteilwird (vgl. Hafenegger 2013: 92). Das Bild des Körpers und mit ihm seine Eigen- und Fremdbewertung haben sich deutlich auf seine Äußerlichkeit erweitert und er wird zunehmend als sichtbarer Ausdruck innerer Wesensmerkmale herangezogen. Die besondere Relevanz des Körpers für die Entwicklung des Selbst wird auch darin deutlich, dass es nicht möglich ist, körperliche Scham auf andere Personen zu projizieren: Man ist sein Körper und kann diesen nicht ablegen oder wechseln. (Vgl. Wiesche 2017: 178f.)
Weil das Ich also vor allem ein körperliches ist und Körperscham jene Sphäre einer Person berührt, „die mit ihrer Natur am engsten verbunden scheint“ (Neckel 2009: 110), ist die beschämende Wirkung sozialer Herabsetzung dort am stärksten. Schlimmstenfalls generalisiert sich die Scham und man erscheint sich selbst „fundamental und im Ganzen betrachtet als wertlos“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Im ersten Kapitel wird das Thema Scham im Sportunterricht vor dem Hintergrund eines zunehmend leistungsorientierten und auf Selbstoptimierung ausgerichteten Zeitgeistes eingeführt.
2. Scham: Hier werden theoretische Grundlagen des Schamerlebens, dessen Ursachen basierend auf Plessners Existenzialtheorie sowie die ambivalente Wirkung und Funktion dieses Affekts erörtert.
3. Formen von Scham: Dieses Kapitel differenziert drei zentrale Schamformen – Körperscham, psychische Scham und soziale Scham – und beleuchtet deren Zusammenhänge.
4. Erfahrungsfeld Sportunterricht: Der Abschnitt erläutert die spezifischen Bedingungen des Fachs Sport, wie die Körperlichkeit, das soziale Gefüge und den Leistungsaspekt, als potenzielle Quellen für Schamerfahrungen.
5. Das Fußballspiel – eine schamfokussierte Analyse: Basierend auf einem ethnographischen Protokoll wird die beobachtete Schamsituation einer Schülerin im Fußballspiel detailliert und theoriegestützt ausgewertet.
6. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Scham im Sportunterricht nicht gänzlich vermeidbar ist, und plädiert für eine didaktische Neuausrichtung hin zu einer positiven Fehlerkultur.
Schlüsselwörter
Scham, Sportunterricht, Beschämung, Schulerleben, Körperscham, Identitätskrise, soziale Rolle, Leistungsdruck, Körperlichkeit, Selbstkonzept, Anerkennung, Sportpädagogik, Fremdbewertung, Identitätsentwicklung, gruppendynamische Prozesse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem komplexen Spannungsfeld zwischen Scham und schulischem Sportunterricht und untersucht, wie die spezifischen Rahmenbedingungen im Sport Schamerlebnisse bei Jugendlichen begünstigen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die theoretische Herleitung der Schamformen, die Besonderheiten des Sportunterrichts als sozialer Raum und die Analyse von Beschämungssituationen anhand eines konkreten Fußballbeispiels.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Schamgenese im Sportunterricht zu verstehen und durch eine schülerorientierte Analyse aufzuzeigen, wie Lehrer durch ein schamsensibles Verständnis die Persönlichkeitsentwicklung positiv fördern können.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Die Arbeit nutzt Literaturstudien zur Erarbeitung des theoretischen Rahmens sowie eine qualitative Analyse auf Basis eines ethnographischen Beobachtungsprotokolls einer Sportstunde.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Schambegriffs, eine Analyse der Strukturen des Sportunterrichts und die fallorientierte Auswertung einer konkreten Beschämungssituation.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk am besten?
Scham, Sportpädagogik, Identitätskrise, Selbstbild, Leistungsanforderungen und schamsensibler Unterricht.
Welche Rolle spielt die "Doppelaspektivität" in dieser Untersuchung?
Plessners Konzept der Doppelaspektivität erklärt, dass der Mensch immer zugleich "Körper ist" und "Körper hat", was die Schwelle zur Desorganisation des Selbst und somit zur Scham im Sport, wo der Körper permanent präsentiert wird, besonders niedrig macht.
Wie lässt sich Scham als identitätsbildende Funktion verstehen?
Die Arbeit argumentiert, dass Scham darauf hinweist, wo ein individuelles Selbstbild mit sozialen Normen kollidiert. Das Überwinden dieser Scham zwingt das Subjekt zur Reflexion und Aktualisierung des eigenen Selbstkonzepts.
Warum wird im Beispiel von Svenja von einem sozialen "Pranger" gesprochen?
Der Begriff beschreibt die Situation, in der ein Schüler durch abwertende Kommentare eines Gruppenanführers aufgrund mangelnder Leistungen vor der Klasse bloßgestellt wird, was die Scham massiv verstärkt.
Welche Lösungsvorschläge bietet der Autor für den Sportunterricht?
Der Autor fordert eine Abkehr von einer defizitorientierten Leistungsbewertung hin zu einer positiven Fehlerkultur und einem pädagogischen Leitbild der Anerkennung, das Scham als Phänomen ernst nimmt.
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- Anonym (Author), 2021, Schamerleben im Schulsport. Beobachtungsprotokoll eines Fußballspiels und Empfehlungen zum sensiblen Umgang mit Schamsituationen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1304063