Essay: Friedrich Schillers ‚Maria Stuart’ im Literaturunterricht

Vorschläge und Überlegungen zu einem Unterrichtsentwurf


Essay, 2009

17 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Voraussetzungen

2. Vorüberlegungen und Unterrichtsziele

3. Einstieg

4. Arbeit am Text (syntagmatischer Zugang)

5. Arbeit mit dem Text (paradigmatischer Zugang)

6. Schlussbetrachtung und Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang 1 Die Royals

Anhang 2 „Stutenbissig“: Die Begegnung der beiden Königinnen

1. Einleitung und Voraussetzungen

Die gestrige Vorstellung ist ein vortreffliches Ganzes gewesen und ich kann Ihnen nicht genug sagen, wie anständig, würdig und bedeutungsvoll es sich dargestellt hat. Wir dürfen keck jede andere deutsche Bühne herausfordern, eine solche Vorstellung zu geben als die gestrige war.[1]

So schrieb Schiller am 15. Juni 1800 glücklich an Heinrich Becker, einen Schauspieler (Burgleigh), zur Uraufführung seiner ,Maria Stuart’ am Weimarer Hoftheater. Die Faszination des Dramas reißt auch über 200 Jahre später nicht ab; längst hat Schillers Trauerspiel den Weg in den Literaturunterricht gefunden und auch im hessischen Zentralabitur 2010[2] müssen die Schülerinnen und Schüler den Text wieder lesen, analysieren und interpretieren. Doch was macht das Drama für den Deutschunterricht so interessant, welches didaktische Potenzial lässt sich ihm entlocken? Die Beantwortung der Frage soll im Fokus dieser Ausarbeitung stehen, dabei beschränke ich mich - um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen - auf das Verhältnis der konkurrierenden Königinnen zueinander, sowie ihren Streit (Königinnenstreit) in der Mitte des Dramas. Die folgenden Vorschläge zur Unterrichtseinheit ,Maria Stuart’ sind für eine elfte Jahrgangstufe konzipiert, wobei ich auf einen vorgegebenen Zeitrahmen verzichte, damit eine flexible Anwendung im individuellen Unterricht gewährleistet werden kann. Die im Folgenden skizzierten Unterrichtsvorschläge wurden in didaktisch-methodischer Anlehnung an das Modell des „handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts“[3] verfasst, darüber hinaus wurde auch auf das Konzept des „Kreativen Schreibens“[4] Bezug genommen.

2. Vorüberlegungen und Unterrichtsziele

Bevor eine Unterrichtsplanung durch die Lehrkraft erfolgt, muss geklärt werden, ob die Schülerinnen und Schüler das Stück eigenständig rezipieren sollen (bspw. als Hausaufgabe über die Ferien), oder ob eine gemeinsame Bearbeitung im Deutschunterricht vorzuziehen ist. Ich plädiere für letzteres. Schiller selbst nennt den Anfang seiner Tragödie „das Schwerste vom Ganzen [...]“[5], zudem werden Schülerinnen und Schüler unvorbereitet mit der „Andersartigkeit“ des Dramas aus dem frühen 19. Jahrhundert konfrontiert und so „ins kalte Wasser“ geworfen. Ihnen sind die Form der Gattung - sofern noch kein klassisches Drama behandelt wurde - und die Sprache fremd. Die kulturhistorische Diskrepanz zu postmodernen Texten enttäuscht womöglich die Erwartungshaltung und überfordert zudem die Leseerfahrung der Schülerinnen und Schüler, sodass sie sich durch den Text „quälen“ müssen oder ihn sogar beiseitelegen. Darüber hinaus sind handlungsrelevante Kohärenzprobleme vorprogrammiert:

Und die Schüler verhalten sich gegenüber der Informationsfülle, die aus dem Text auf sie zukommt, wie man sich üblicherweise verhält, wenn man sich informiert: auswählend, zusammenziehend, über scheinbar Beiläufiges hinweggehend. So erklärt es sich, daß Schillers Exposition bei vielen Schülern den Eindruck hinterläßt, der Autor habe es versäumt, sie über die Voraussetzungen der Handlung zu informieren.[6]

Vielmehr sollte die Lehrkraft durch eine gründliche Vermittlung der historischen Hintergründe die Schülerinnen und Schüler von dem Zwang befreien, sich erst einmal in den Voraussetzungen der Handlung zurechtzufinden zu müssen.[7] Damit wird ihnen die Antipathie gegenüber Schillers Trauerspiel genommen und die Lesemotivation- und bereitschaft unterstützt. So können anfängliche Schwierigkeiten eingegrenzt und der Zugang zur Lektüre vereinfacht werden, was den Aufbau einer soliden Wissensgrundlage fördert. Folglich steht einer intensiven literarischen Auseinandersetzung des Kurses mit dem Drama nichts mehr in Wege.

Unabhängig von den verbindlichen curricularen Vorgaben und/oder darüber hinausgehend sollten konkrete Unterrichtsziele formuliert werden: Welche Lernziele sollen die Schülerinnen und Schüler am Ende der Unterrichteinheit erreicht haben? Welche Materialien und welche Methoden wende ich an, um meine formulierten Leitziele zu erreichen? Daran anknüpfend könnte der Übergang zu einer Lernkontrolle (bspw. Klausur, schriftliche Ausarbeitung usw.), die am Ende der Unterrichteinheit steht, als Zielpunkt geschaffen werden.

Eine Rezeptionsweise der ,Maria Stuart’, die sich bis heute behauptet hat, ist die der sich aufopfernden, moralisch-reifenden Maria Stuart. Elisabeth hingegen erscheint im Licht einer bösartig-machtbesessenen englischen Despotin, die sich als königlicher Souverän jenem männlichen Sozialcharakter anpasst, der für bestimmte Gesellschaftsschichten und Epochen der vaterrechtlichen Kultur charakteristisch ist.[8] Bei dieser Perspektive auf den Text geht der Blick also von Maria aus, der Leser sieht die Welt des Dramas sozusagen mit ihren Augen. Bei der gegenläufigen Perspektive nimmt der Leser die Sichtweise der zweiten Hauptfigur (Elisabeth) ein. Eine Rezeptionsweise von der britischen Königin aus, scheint jedoch wesentlich schwieriger, da ihr Charakter nur selten einen Zugang öffnet. Nichtsdestotrotz sollten die Schülerinnen und Schüler eine Doppelrolle (Sichtweise: Maria vs. Elisabeth) einnehmen können, welche ihnen eine „[...] erhebliche Flexibilität und [die] Fähigkeit zur Differenzierung abverlangt“.[9] Den Zielpunkt stellt eine Metaperspektive dar, von der aus beide dominierenden Textperspektiven analysiert und gegenübergestellt werden können. Frommer fasst dieses Lernziel wie folgt zusammen:

Er [der Rezipient] muß dazu lernen, über den Schatten der eigenen „trivialen“ Leserneigung zu springen. Da ihm die Perspektive des Textes ohnehin naheliegt, geht es darum, ihm die gegenläufige Perspektive aufzutun, das „zweite Auge“ zu öffnen. Er soll so die Widersprüchlichkeit der beiden Textperspektiven erfahren, soll sie kennen und schließlich lernen, sie auszuhalten.[10]

Ein weiteres Unterrichtsziel könnte in der Sensibilisierung der Schülerinnen und Schüler für das Thema „Stellung der Frau in unserer Gesellschaft“ liegen. Dazu bietet das Drama genüget Ausgangspunkte: Elisabeth muss eine „männliche Rolle“ besetzen um ihre Machtpositionen zu verteidigen; sie hält die Herrschaftsansprüche des starken Geschlechts in Schach, solange sie sich dem Naturzweck der Ehe verweigert. So wenig Elisabeth männliche Eigenschaften in ihre Existenz als Frau harmonisch einzubinden vermag, so wenig vermag Maria ihre weiblichen Eigenschaften mit dem männlichen Regierungsberuf zu versöhnen. Es müsste also näher untersucht werden, ob Marias politisches Scheitern in einer patriarchalischen Gesellschaft mit ihren weiblichen Eigenschaften korreliert und ihre Subordination im Ehreverhältnis ein Grund für das politische Scheitern als Königin darstellt (Vergleich der Vereinbarkeit von Frausein und Herrscherin im Drama). Ausgehend von der Lektürearbeit bietet sich ein paradigmatischer Vergleich an, indem ein Bogen zum gegenwärtigen Diskurs im 21. Jahrhundert geschlagen wird: Zum Beispiel die Unterrepräsentanz von Frauen in wirtschaftlichen, politischen und sozialen Führungspositionen (àEmanzipationsdebatte).

[...]


[1] Zitiert nach Bernhardt, Oliver: „Eines Freundes Fruend zu seyn“. Friedrich Schiller. Eine Biographie. Münster 2001, S. 96.

[2] Vgl. http://www.hlb-wiesbaden.de/media/File/Zentralabitur_Deutsch.pdf, Zugriff: 12.01.2009.

[3] Haas, Gerhard [u.a.]: Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht. In: Praxis Deutsch, H. 123. S. 17-25.

[4] Spinner, Kaspar H.: Kreatives Schreiben. In: Praxis Deutsch, H. 119, 1993, S. 17-23

[5] Zitiert nach Grawe, Christian: Erläuterungen und Dokumente. Friedrich Schiller. Maria Stuart, Stuttgart 1999 [Reclams UB 8143], S. 58-100; hier S. 62.

[6] Frommer, Harald: Lernziel: Leserolle. Ein Annäherungsversuch an Schillers Königin Elisabeth in Klasse 10. In: Der Deutschunterricht 33 (1981) H. 2. S. 60-80; hier S. 71.

[7] Vgl. ebd., S. 71.

[8] Vgl. Sautermeister, Gert: Maria Stuart, in: Hinderer, Walter (Hrsg.): Interpretationen. Schillers Dramen, Stuttgart 1992, S. 280-335; hier S. 292ff.

[9] Frommer (wie Anm. 4), S. 65.

[10] Ebd., S. 67.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Essay: Friedrich Schillers ‚Maria Stuart’ im Literaturunterricht
Untertitel
Vorschläge und Überlegungen zu einem Unterrichtsentwurf
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1.0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V130416
ISBN (eBook)
9783640390083
ISBN (Buch)
9783640389926
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essay, Friedrich, Schillers, Stuart’, Literaturunterricht, Vorschläge, Unterrichtsentwurf
Arbeit zitieren
Daniel Loch (Autor), 2009, Essay: Friedrich Schillers ‚Maria Stuart’ im Literaturunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130416

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