Die Trendelenburgsche Lücke in Kants Transzendentaler Ästhetik


Examensarbeit, 2009
49 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung, Verortung des Themas
1.1 Historisches, Hinführung zum Thema
1.2 Ziel der Arbeit, Quellenlage, Methodik

2. Erkenntnisgewinnung bei Kant
2.1 Die Formen der reinen Anschauung und ihr ontologischer Status
2.2 Der Raum
2.3 Die Zeit

3. Rezeption in der Fachöffentlichkeit
3.1 Rezeption in der Philosophie
3.2 Die transzendentale Ästhetik und die Physik

4. Zusammenfassung

5. Literaturliste

Glaubst du denn wirklich, der Mond

existierte nur, wenn du auf ihn blickst?

(Albert Einstein)[1]

1. Einleitung, Verortung des Themas

1.1 Historisches, Hinführung zum Thema

Es gibt im Englischen das Verb „to consider.“ Dieses Wort kommt vom lateinischen „considerare“, welches die gleiche Bedeutung hat, nämlich überlegen, erwägen, bedenken, meinen, also alles Wörter, die auch in der gesamten Philosophie von großer Bedeutung sind. Wenn man allerdings etymologisch tiefer gräbt, bemerkt man, daß „considerare“ noch etwas anderes bedeutet. Es meint im eigentlichen Wortsinne „mit den Sternen segeln.“ Hier nun kommt ein philologisch und philosophisch geprägter Mensch ins Nachdenken, und das mit Recht. Sollte hier ein philologischer Ansatz dafür aufscheinen, daß die ersten Philosophen Seeleute waren? Vieles scheint dafür zu sprechen.

Jeder kann es selbst ausprobieren: Wenn man in einer lauen Sommernacht noch zu einem Schlummertrunk auf der Terrasse zusammensitzt und den bestirnten Himmel betrachtet, dauert es nur wenige Minuten, bis man ins Nachdenken kommt, über die Entstehung der Welt, den Sinn des Lebens, den letzten Grund allen Seins, Fragen also, die zu den zentralen Topoi der Philosophie zählen.

Das Aufblühen der abendländischen Philosophie fällt in zeitlicher Hinsicht offenbar nicht zufällig mit dem Anwachsen des Handels im Mittelmeerraum zusammen.[2] Aus geomorphologischen und klimatischen Gründen war es indessen nur unter großen Schwierigkeiten möglich, Waren auf dem Landweg zu transportieren. Fortschritte in der Navigationskunst und im Schiffbau führten aber dazu, daß der Transport auf dem Seeweg zunehmend an Bedeutung gewann, obwohl bekannt ist, daß besonders die griechischen Schiffe nicht besonders gut zu manövrieren und schon gar nicht hochseetauglich waren.

So hatten die Seeleute auf ihren Fahrten viel Gelegenheit, sich contemplarischen Mußen hinzugeben. Das wird besonders für einsame Nachtfahrten gegolten haben, wenn ein einzelner Seemann am Ruder stand, während der Rest der Mannschaft mehr oder weniger „vino completi“ auf oder unter Deck lag.

Ein lebhafter Handel zwischen verschiedenen Völkern fördert nicht nur den Austausch von Waren. Er bringt nahezu zwangsläufig auch den Austausch von Kultur mit sich; so verbreiteten sich relativ schnell neue Techniken, Sprachen, Theorien und Ansichten rund um das Mittelmeer. Die Griechen sind auf diese Weise auch über die Phöniker zu ihrer Schrift gekommen. Bei dieser Entwicklung handelte es sich indessen nicht um kulturelle Okkupation, sondern es fand ein langwährender Austausch von Wissen und Kulturtechniken statt. Die Altphilologie und die Historische Anthropologie wissen hierüber mit sehr anschaulichen Beispielen zu berichten. Nahezu zeitgleich entstanden erste philosophische Denkansätze und Theorien in Griechenland, in Palästina sowie in Ägypten.

Nun sollte man in wissenschaftlichen Arbeiten mit monokausalen Explikationen sehr vorsichtig und sparsam umgehen; es erscheint aber durchaus glaubhaft, daß auf die angedeutete Weise eine Entwicklung in Gang gekommen ist, die man allmählich als Philosophie bezeichnen konnte. Aber wie sah diese erste Philosophie aus?

Der Gegenstandsbereich dieser ersten Philosophie sah deutlich anders aus als wir es von der späteren und heutigen Philosophie gewohnt sind. Dabei zeigt sich notwendig das Problem der zeitlichen und epistemologischen Zuordnung der Überlieferungen. Wo ist der Zeitpunkt anzusetzen, ab dem aus Mythologie Philosophie wird? Wann endet die Zeit des Ahnens und Vermutens und beginnt die Epoche[3] einer auf Systematik und damit Wissenschaftlichkeit hinführenden Philosophie? Begann wirklich alles mit Homer und Hesiod? Oder kann es nicht auch schon vor ihnen Anfänge einer Philosophie gegeben haben? Es entspricht schließlich guter methodologischer Übung, nicht die Existenz von etwas zu verneinen, nur weil man es nicht beweisen kann. Im Übrigen ist wohl unbestreitbar, daß Hesiod nach unserem heutigen Verständnis keine Philosophie, sondern Theologie betrieben hat.

Die sich anschließende große Zahl von Vorsokratikern, von denen Thales, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras, Anaxagoras und Heraklit von Bedeutung sind (zu Parmenides später mehr), entwickelten eine erste Philosophie, die zutreffend als Naturphilosophie bezeichnet wird. Es würde über das Thema dieser Arbeit weit hinausgehen, wenn man deren Theorien und Erklärungsmodelle im Einzelnen beschreiben würde. Zudem sind ihre Arbeiten meist nur sehr fragmentarisch überliefert. Eine sehr gute Übersicht liefert hier Weber.[4]

Vielleicht kann man grob zusammenfassend sagen, daß die Vorsokratiker Erklärungsmodelle für die Entstehung der Welt, die Bedingungen und den Sinn der menschlichen Existenz und die alles lenkende Götterwelt zu finden versuchten, oder noch einfacher: Sie bemühten sich, ihre Welt geistig zu durchdringen und verständlich zu machen. Es gab zwar auch schon Denker, wie Leukippos und Demokrit, die in ihren Vorstellungen bereits sehr nahe an den heute weitestgehend erforschten submolekularen Aufbau der Welt herankamen, und die deshalb als Atomisten bezeichnet werden. Demokrit wird im weiteren bei der Erörterung des Raumes noch von Interesse sein, da er erstmals dem Sein das Nichtsein gegenüberstellt. Alles in allem aber herrschte zu ihrer Zeit noch eine Weltvorstellung, die man in ontologischer Hinsicht noch als diffus und amorph bezeichnen könnte, ohne dezidiert in Tempozentrismus zu verfallen.

Das änderte sich nachhaltig, als Parmenides die philosophische Bühne betrat. Der Eleat steht für die Wende von der Naturphilosophie zur Ontologie, wiewohl das Wort Ontologie erst im 17. Jahrhundert üblich wurde. Parmenides thematisierte mit seinem leider nur fragmentarisch erhaltenen Lehrgedicht mit dem Titel „Peri Physeos“ zum ersten Mal begründet den Seinsbegriff von der Unzerstörbarkeit der Substanz und lieferte damit eine philosophische Grundlage, die erst sehr viel später durch den logischen Empirismus ins Wanken gebracht wurde. Bis dahin war der von Parmenides entwickelte Univoke Seinsbegriff unstreitige Diskussionsgrundlage; erst mit dem Empirismus wurde die Preisgabe der Univozität vollzogen, mit allen sich daraus entwickelnden Folgen.[5]

Selbstverständlich gehören zur Rezeptionsgeschichte Parmenides’ auch kritische Stellungnahmen, allen voran die Wertung durch Heraklit, der besonders die von Parmenides entwickelte These vom unbewegten Sein entschieden ablehnte. Gleichwohl setzte sich Parmenides’ Auffassung als Grundlage der antiken Ontologie durch, und man kann wohl ohne Übertreibung sein Lehrgedicht als Geburtsurkunde der Ontologie bezeichnen.

Das nachfolgende wirkmächtige Dreigestirn der antiken Philosophie – Sokrates, Platon und Aristoteles – baute ohne Zweifel auf Parmenides auf. Platon widmete ihm einen besonderen Dialog – den Parmenides–Dialog, mit dem er die Seinslehre Parmenides’ übernam und als seine Ideenlehre weiterentwickelte. Aristoteles rektifizierte nicht direkt die Seinslehre Parmenides’, sondern formulierte im dreizehnten Buch seiner Metaphysik eine umfassende Kritik der ja letztlich auf Parmenides zurückgehenden Ideenlehre Platons. Eine zutreffende Gesamtbewertung der Lehre des Parmenides bietet Bertrand Russell: „Was die spätere Philosophie bis in die modernste Zeit hinein von Parmenides übernommen hat, war jedoch nicht die allzu paradoxe Unmöglichkeit jeglicher Veränderung, sondern die Unzerstörbarkeit der Substanz.“[6]

Kein Zweifel: Nachdem Parmenides als erster Philosoph den Begriff des Seins thematisiert hatte, nachdem Sokrates die Formen der elenktischen philosophischen Diskussion und Erkenntnisfindung entwickelt hatte, nachdem Platon mit seiner Ideenlehre eine Zwei–Welten–Theorie erdacht hatte (auch wenn er dabei in der Aporie endete) und, nachdem Aristoteles nicht nur die Platonsche Aporie durch einen Neuansatz aufgelöst und die bis dahin entwickelte Philosophie in die Form einer systematischen Wissenschaft gebracht hatte, war ein tragfähiges Fundament für die abendländische Philosophie errichtet worden, auf dem in der Folgezeit prinzipiell bis ins siebzehnte Jahrhundert weitergearbeitet werden konnte. Mag in der Zeit bis dahin die eine oder andere neue philosophische Lehre entwickelt worden sein; an der Erkenntnis des Parmenides und den Bedingungen der aristotelischen Philosophie wurde im Grundsatz nicht gerüttelt.

Wenn man – um im „Geschwindschritt“ zu bleiben – die Neuplatoniker, allen voran Plotin, großzügig übergeht, sollte man als nächstes doch kurz bei den Patristikern innehalten. Die Patristiker haben zwar keine großen Entwürfe zur Weiterentwicklung der Metaphysik und der Ontologie beigetragen; sie sind aber philosophiegeschichtlich von besonderem Interesse. Das Verhältnis von Theologie und Philosophie war schon immer ein spezielles. Bei den Patristikern zeigt sich indessen besonders deutlich das Bemühen, die Erkenntnisse und das Instrumentarium der Philosophie zur Schaffung eines stabilisierenden Unterbaus des sich gerade ausbreitenden Christentums zu nutzen, allen voran Augustinus, der eine Lehre entwickelte, die Kurt Flasch zu seinem Werk „Logik des Schreckens“ führte. In Bezug auf das Thema dieser Arbeit ist Augustinus jedoch von Interesse, befaßt er sich doch im elften Buch seiner Confessiones ausführlich mit dem Zeitphänomen.[7]

Interessant ist dabei, und auch deshalb findet die Patristik in dieser Arbeit Erwähnung, die Parallelität zu einer vergleichbaren Entwicklung in der arabisch–islamischen Philosophie.[8] Auch hier wurde die Entwicklung der Philosophie genutzt und deshalb entsprechend gefördert, um die Ausbreitung des Islam mit wissenschaftlicher Geltungskraft voranzutreiben. Bei dieser Gelegenheit soll ein weit verbreiteter Irrtum angesprochen werden: Vielfach wird die arabisch–islamische Philosophie vorwiegend als Sachwalter der abendländischen Philosophie während des Mittelalters angesehen. Dem ist nicht so! Im arabisch–islamischen Raum wurde durchaus eine interessante und durchkonstruierte eigene Philosophie entwickelt, die mit Al–Kindi begann und im weiteren Verlauf etliche bedeutende Philosophen hervorgebracht hat.

Im Jahre 529 ließ Kaiser Justinian die Akademie schließen. Damit endete zunächst die abendländische Philosophie nach einer fruchtbaren Zeit von rund einem knappen Jahrtausend.

Auf der Grundlage der in der arabischen Welt tradierten und zum Teil erst erschlossenen Zeugnisse der bisherigen abendländischen Philosophie begann ein bemerkenswerter und weiterführender Neuanfang im Grunde erst mit der Scholastik, hier mit Thomas von Aquin, der als der bedeutendste Theologe und Philosoph des Mittelalters genannt wird, wenngleich gelegentlich bezweifelt wird, daß er überhaupt Philosoph war. Wie auch immer: Thomas von Aquin nahm die Lehren der Patristik wieder auf und bemühte sich, die Philosophie Augustinus’ mit dem Aristotelismus zu verbinden. Auch hier wird das Bemühen sichtbar, die Theologie mit Hilfe der Philosophie zu stabilisieren und zu befördern. Auf jeden Fall begann mit Thomas wieder eine Zeit ernsthafter Forschung und Weiterentwicklung auf dem Felde der Philosophie. Besonders bemühte er sich um einen realistischen Wahrheitsbegriff. Bekannt wurde seine Festlegung „Veritas est adaequatio intellectus et rei.“ Allerdings sei angemerkt, daß Thomas diese These zwar in dieser griffigen Form zum Ausdruck gebracht hat; die diesem Ausdruck zugrunde liegenden Überlegungen gehen aber auf Isaac Israeli[9] zurück.[10] Die Thomas Nachfolgenden zeigen durchaus interessante Denkansätze und nachhaltiges Bemühen, die abendländische Philosophie weiter zu entwickeln, bringen aber keine prägenden neuen Denkmodelle hervor, die der Philosophie den entscheidenden Impetus hätten geben können. Hierzu war erst mit der Renaissance die Voraussetzung gegeben.

Die Renaissance war wahrscheinlich der bedeutendste Umbruch in der Kulturgeschichte des Abendlandes. Um die Wende vom Mittelalter zur Renaissance zu beschreiben, darf man schon tief in die Schatzkiste der Euphorik und Metaphorik greifen. Es war der Übergang vom Dunkeln zum Licht, vom Ahnen und Fürchten zum Wissen, von Blut und Schwert zu Bildung und schönen Künsten. Alle Bereiche des Lebens, vor allem des öffentlichen Lebens wurden von der Veränderung erfaßt, sei es in der Architektur, in der Musik, in der Malerei oder in der Rechtsphilosophie. Viele Universitäten sind in dieser Zeit gegründet worden. Doch was das Wichtigste war: In der Renaissance begann man, den Menschen als Subjekt, als Träger von Rechten, ja als denkendes Individuum zu begreifen. Dies konnte nicht ohne Folgen für die Entwicklung der abendländischen Philosophie bleiben. Und der Einstieg in diese neue Philosophie, die den denkenden Menschen in den Mittelpunkt stellt, trägt einen berühmten Namen: René Descartes.

Mit Descartes beginnt eine neue Epoche der Philosophie – eben die neuere Philosophie. Hierzu als Einstieg eine Formulierung von Schelling, der auch nicht vergißt, den französischen Nationalcharakter zu bemühen:

„René Descartes, geb. 1596, Anfänger der neueren Philosophie, revolutionär im Geiste seiner Nation (Hervorhebung E. S.) , begann damit, allen Zusammenhang mit der früheren Philosophie abzubrechen, über alles, was in dieser Wissenschaft vor ihm geleistet war, wie mit dem Schwamm wegzufahren, und diese ganz von vorn, gleich als wäre vor ihm nie philosophiert worden, wieder aufzubauen.“[11]

Also: Glücks– oder Unglücksfall der Philosophiegeschichte? Tatsache ist, daß die abendländische Philosophie vor Descartes ziemlich kraftlos geworden war und sich allenfalls noch mit Modifikationen der überkommenen Lehren beschäftigte. So gesehen war die neue Lehre Decartes’ ein Segen für die Weiterentwicklung der Philosophie, auch wenn bis heute nicht verstummte Kritiker meinen, Descartes habe das philosophische Kind mit dem Bade ausgeschüttet und in seiner Radikalität gleich die Einheit der Wissenschaft mit zerstört. Es ist nicht das Ziel dieser Arbeit, eine umfassende Darstellung der Philosophie Descartes’ zu geben; so soll seine Philosophie nur insoweit angerissen werden, als sie zum Verständnis der nachfolgenden Entwicklung und insbesondere der Kantischen Philosophie erforderlich erscheint.

Descartes stellte zuallererst alles in Zweifel, was bis dahin an philosophischen Lehren entwickelt worden war. Er abstrahierte von seinen eigenen Wahrnehmungen alles, was nach seiner Meinung anzweifelbar war. Aus seiner Militärzeit gewann er beispielsweise das Wissen, daß Menschen Schmerzen in Gliedmaßen beklagten, die ihnen schon längst amputiert waren. Dies brachte ihn dazu, auch seinen eigenen Körper in seiner Gesamtheit in Frage zu stellen. Die Erfahrung mit den amputierten Gliedern veranlaßte Schelling späterhin zu der mokanten Bemerkung, daß kein Beispiel vorhanden ist von Leuten, die Schmerzen empfunden hätten in Gliedern, die sie niemals gehabt (haben).[12]

Das einzige, was Descartes nicht in Zweifel ziehen konnte, war die Tatsache, daß er denkt. Hierauf gründete er seine neue Lehre, die wegen der ausschließlichen Festlegung auf die Ratio die Epochenbezeichnung Rationalismus nach sich zog. Sein Satz: „cogito ergo sum“ umfaßt im Grunde seine gesamte Lehre, gibt aber auch seinen Kritikern entscheidende Ansatzpunkte. Descartes ging es ja gerade darum, den Urgrund aller Erkenntnis zu finden, der keiner Ableitung bedarf und auch keiner zugänglich ist. Aber schon das „cogito“ könnte angreifbar sein, denn Denken muß sich immer auf etwas beziehen; es ist aber infolge der radikalen Abstraktion Descartes’ eigentlich nichts da, worauf sich das Denken beziehen könnte; allerdings ist andererseits schon der systematische Zweifel Denken an sich. Ähnlich wurde das Wort „ergo“ kritisiert. Hier haben wir ein Wort, das untrennbar auf die Regeln der Logik verweist, die aber nach der radikalen Abstrahierung Descartes’ nicht vorhanden sein können. Auch hier zeigt sich einmal mehr: Es gibt keine voraussetzungsfreie Erkenntnis! Und man ist versucht, an Schillers Satz aus der „Braut von Messina“ zu denken: „Vermauert ist dem Sterblichen die Zukunft, und kein Gebet durchbohrt den eh’rnen Himmel.“

Abgesehen von diesen Kritikpunkten steht indessen ohne Zweifel fest, daß Descartes die antike und mittelalterliche Philosophie mit einem Paukenschlag beendet und eine neue Phase der Philosophie eingeläutet hat. Hier begann die Erosion des univoken Seinsbegriffs, hier wurde aber auch der Weg freigemacht für völlig neue Diskussionsmodelle. Viele Jahre später wird Kant von etlichen Fachkollegen „Zermalmer“ genannt werden, es spricht indessen vieles dafür, diese Qualifizierung schon auf Descartes vorzuziehen, zumal es ihm incidenter gelungen ist, einen schlüssigen Nachweis einer extramentalen Welt qua Gottesbeweis vorzulegen.[13]

Retrospektiv erscheint es, als habe Descartes den Startschuß für die Entwicklung einer Vielzahl neuer philosophischer Denkmodelle gegeben. Nachdem Descartes der überkommenen Philosophie den Boden unter den Füssen weggezogen hatte, fühlten sich offenbar viele Philosophen angeregt, ihren Beitrag zu einer Neupositionierung der Philosophie zu leisten und traten mit neuen Ideen an die Öffentlichkeit. Spinoza gehörte eigentlich explizit keiner besonderen philosophischen Lehre an und schuf auch keine besondere Schule. Seine Philosophie vertrat pantheistische Ansichten, und sein Gottesbegriff „deus sive natura“ war für die christliche Kirche absolut inakzeptabel. Leibniz erdachte in der Folge seine Monadenlehre, die sich allerdings auch nicht nachhaltig durchsetzen konnte.

So begann schließlich eine Neuorientierung auf rein empirische Erkenntnismodelle. Wir betreten das Zeitalter der Aufklärung, und diese neue Zeit verlangte geradezu nach neuen Denkmodellen. Besonders in England stabilisierte sich eine Philosophie, die Erkenntnis nur noch der Empirie zugestehen mochte. Hobbes, Locke und Hume entwickelten quasi das Grundbuch des Empirismus, wobei Hume dem Empirismus noch die Wendung zum Skeptizismus gab. Insgesamt gesehen, gab es schließlich eine nur noch schwer unter einem gemeinsamen Nenner zu bündelnde abendländische Philosophie, die man hätte als die Schulphilosophie bezeichnen können. Es macht auch heute noch Mühe, die Vielzahl der neuen Lehren mit der Endung „ismus“ zu sortieren. Bei dieser „Sortierung“ muß auch, um Fehlinterpretationen zu vermeiden, stets bedacht werden, daß Epochenbezeichnungen immer nachträglich entwickelt werden und daher in der jeweiligen Bezeichnung auch stets ein gutes Stück Rezeptionsgeschichte enthalten ist. Beispielsweise sind die Begriffe Empirismus und Rationalismus erst im 19. Jahrhundert entstanden. Zweifellos aber war die Philosophie in jener Zeit in Gefahr, sich heillos in verschiedene Denkrichtungen zu zersplittern, wobei zuvörderst der offenbar unversöhnliche Gegensatz zwischen Rationalismus und Empirismus im Focus der Kritiken stand.

In diesem Zustand befand sich die abendländische Philosophie als Kant in seinem „dogmatischen Schlummer“ gestört wurde und seine große Aufgabe sah[14]. Abschließend noch ein Zitat, das für die damalige Philosophie sehr bezeichnend ist. So führte Schelling in seiner Münchner Vorlesung 1827 aus:

"Trotz des scholastischen Zuschnitts und Wortkrames, mit dem sich jene Schulmetaphysik im Anfang umgeben hatte, ging sie daher mit der Zeit auch äußerlich immer mehr in eine solche bloß räsonierende Philosophie über, und da eine stufenweise immer lebhafter erregte Zeit dem bald auf den Grund sah (daß sie nämlich nicht eine wissenschaftliche, sondern eine bloß räsonierende Philosophie sei), und da zum bloßen Räsonieren am Ende jeder gleich viel Recht hat oder zu haben meint, weil es dazu nichts mehr bedarf als jener allgemeinen Vernunft, die sich jeder zuschreibt und deren Besitz keiner erst durch die Tat rechtfertigen zu müssen glaubt, so mußte jene Schulmetaphysik allmählich in eine Art von formloser, bloß populärer Philosophie, zuletzt in eine völlige Anarchie ausschlagen. Die Periode des so genannten Selbstdenkens begann, was freilich ein ziemlich pleonastischer Ausdruck scheint, denn es versteht sich wohl von selbst, daß jeder, der denkt, selbst denken muß [...]. In diesem Zustand also befand sich die Philosophie, als Immanuel Kant unversehens als Instaurator derselben erschien und ihr den wissenschaftlichen Ernst und damit zugleich die verlorene Würde wiedergab."[15]

Mit diesem knappen Abriß soll es zunächst sein Bewenden haben. Es kam darauf an, den Hintergrund für Kant bei der Entwicklung der KrV aufzuzeigen. Kants Intention war es, diese „räsonierende Philosophie“ wieder in geordnete Bahnen zu lenken und durch eine völlige Neuausrichtung der Metaphysik einen Brückenschlag zwischen Rationalismus und Empirismus zu entwickeln. Dieser Brückenschlag gelang zwar nicht; aber es gelang ihm in der Tat, die Philosophie in eine neue und spannende Zeit zu führen.

1.2 Ziel der Arbeit, Quellenlage, Methodik

Ziel dieser Arbeit ist es, die Bedeutung von Raum und Zeit und deren ontologischen Status in der Philosophie Kants und für die Transzendentalphilosophie überhaupt zu untersuchen und einer Klärung der seit der Veröffentlichung der KrV immer wieder erhobenen Vorwürfe, Kant habe hier eine Begründungslücke hinterlassen, näher zu kommen. Die Frage lautet also: Besteht tatsächlich die von Adolf Trendelenburg behauptete Argumentationslücke, und wenn ja, welche philosophische Relevanz käme ihr zu?

Anders als bei der Bearbeitung philosophischer Themen aus der Antike, ist die Quellenlage hinsichtlich der Kantischen Philosophie als sehr gut zu bezeichnen. Dies gilt nicht nur für die Primärliteratur, sondern auch für die enorme Fülle der Sekundärliteratur, wenngleich hier das mehr praktische Problem auftritt, daß viele maßgebliche Bearbeitungen nur noch in Antiquariaten und mit hohem Mitteleinsatz zu erhalten sind. Als sehr ergiebig erweisen sich auch tradierte Briefwechsel. In Briefen finden sich sehr häufig gut brauchbare ergänzende Ausführungen. In der Akademieausgabe sind allein 903 Briefe Kants abgedruckt, die eine schier unerschöpfliche Quelle zusätzlicher Erkenntnisse über und von Kant darstellen. Frei von einengenden Zwängen textkritischer Festlegungen geben uns Autoren in ihren Briefen oft erhellende zusätzliche Erläuterungen, die in die zugrunde liegende Arbeit nicht bruchlos eingepaßt werden konnten. Bei Kant ist hier besonders an den Briefwechsel mit Garve und Marcus Herz zu denken. Die Literaturliste am Ende dieser Arbeit dürfte einen hinreichenden Querschnitt der in Frage kommenden Fachliteratur repräsentieren.

Methodisch soll so vorgegangen werden, daß unter Zuhilfenahme ausgewiesener Sekundärliteratur die primäre Quelle, in diesem Falle also die entsprechenden Ausführungen Kants in der transzendentalen Ästhetik, in einer Weise untersucht wird, die wissenschaftlicher Übung entspricht. Auf diese Weise wird untersucht, ob, bzw. wieweit Kant in seinen Darlegungen und Folgerungen kohärent und umfassend ist sowie, ob er in seinen Schlüssen korrekt und frei von Widersprüchen, ob seine Ergebnisse also konsistent sind, oder ob die Kritiker die behauptete Argumentationslücke doch zu Recht ins Feld führen. Die Untersuchung soll ergebnisoffen durchgeführt werden.

2. Erkenntnisgewinnung bei Kant

Léon Brunschvicg schreibt:

"Beim Übergang von Rousseau zu Kant scheint das Denken den Abhang wieder hinaufzusteigen, den die Antike von der griechischen Philosophie bis zur lateinischen Rhetorik, von Sokrates bis zu Cicero herabgestiegen war."[16]

Wie nähert man sich Kant? Ein denkbarer Anfang wäre wohl, es über die Sprache zu versuchen. Sprache – so liest man nüchtern in allfälligen Lexika – ist der Sammelbegriff für ein dem Menschen eigenes Kommunikationsmittel zum Austausch und Bewahren von Gedanken, Ideen und Informationen. Aber Sprache ist mehr. Sprache ist Relation zur Umwelt, Sprache kann Wissen, Gefühle, Emotionen, Ansichten und Erkenntnisse in feinsten Nuancen ausdrücken und den gemeinsamen Kulturraum eines Volkes definieren. Wer sich hier näher informieren möchte, ist mit Wilhelm von Humboldt, dem Begründer der allgemeinen Sprachwissenschaft, der auch als Urheber eines sprachlich determinierten Weltbildes gilt, und der auch den Zusammenhang von Sprache und Nationalcharakter[17] tiefgründig erhellt hat, gut bedient.

Natürlich wird Sprache auch sehr stark von dem Sujet, mit dem sie sich beschäftigt, beeinflußt. Nach allgemeiner Meinung impliziert die ausführliche Befassung mit einer neuen Philosophie auch notwendig das Erlernen einer neuen (Fach–)Sprache. Dies gilt in besonderem Maße, wenn man sich einer Philosophie zuwendet, die nahezu einen Bruch mit zuvor herrschenden philosophischen Theorien darstellt und ein völlig neues Gedankengebäude der Philosophie entwirft. Dann ist es unerläßlich, für neue Denkmodelle auch neue sprachliche Begriffe zu entwickeln.

So war es auch bei Kant. Mit dem Erscheinen seiner KrV im Jahre 1781 stellte er die Fachöffentlichkeit nicht nur vor ein neues philosophisches Lehrgebäude, sondern mutete ihr zugleich einen ungewöhnlichen Sprach– und Argumentationsstil zu. Dies führte mit dazu, daß die KrV zunächst kaum verstanden und als Folge davon überwiegend abgelehnt wurde. Von diesen Schwierigkeiten waren auch Kant durchaus wohlmeinende zeitgenössische Philosophen betroffen. Christian Garve schreibt in einem Antwortbrief vom 13. Juli 1783, in dem er hauptsächlich seinen etwas unglücklichen Anteil an der Göttinger Kritik klein zu reden versucht, (auszugsweise) an Kant:„[…] es ist in der That nicht möglich, von einem Buche, dessen Sprache erst dem Leser bekannt gemacht werden muß […]. Ich gestehe, ich bin es (unwillig E.S.) zuweilen geworden; weil ich glaubte es müsse möglich seyn, Wahrheiten, die wichtige Reformen in der Philosophie hervorbringen sollen, denen, welche des Nachdenkens nicht ganz ungewohnt sind, leichter verständlich zu machen. […] Aber das ist auch jetzt noch meine Meynung, vielleicht eine irrige, daß das Ganze Ihres Systems, wenn es wirklich brauchbar werden solle, populärer ausgedrückt werden müsse, und wenn es Wahrheit enthält, auch ausgedrückt werden könne […].[18]

[...]


[1] Zitiert nach Abraham Pais, Ich vertraue auf Intuition, 1998, Berlin, Spektrum Akademischer Verlag S. 61

[2] Eine ähnliche Entwicklung zeichnete sich zwar nahezu zeitgleich im Fernen Osten ab. Dies wäre für diese Arbeit jedoch „off topic“; die Bedingungen und Entwicklungen mögen dort indessen gleich gewesen sein.

[3] Epoche kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich „Halte– oder Wendepunkt.“ In der Historiographie wird damit auch der nach dem Wendepunkt liegende Zeitabschnitt bezeichnet.

[4] Weber, Franz Josef, Fragmente der Vorsokratiker, 1976, Paderborn, Schöningh.

[5] Ausführlich siehe: Struck, Parmenides – Philosophie an der Wende von der Naturphilosophie zur Ontologie, 2007, Grin, München.

[6] Russel: Philosophie des Abendlandes, 2003, Köln, Parkland-Verlag, S. 74.

[7] Augustinus, Confessiones. Lat. u. dt. Bekenntnisse, 1980, München: Kösel, S. 603–657.

[8] Man beachte: Arabische Philosophie ist immer auch islamische Philosophie; aber nicht jede islamische Philosophie ist auch zugleich eine arabische.

[9] Auch Ytzak Israeli, jüdischer Arzt und Philosoph ca. 832–942 (?) auch Begründer der Humoralpathologie; seine Lebensdaten schwanken sehr stark, je nach Quelle.

[10] Meyer, Systematische Philosophie, 1955, Paderborn, Schöningh, S. 113–114.

[11] Schelling, : Zur Geschichte der neueren Philosophie, S.21 a.a.O.

[12] Schelling, Zur Geschichte der neueren Philosophie, S. 23, a.a.O.

[13] Die entsprechende Zitierkette beginnt mit Moses Mendelssohn, der im Vorbericht seiner Morgenstunden […] bereits 1785 vom „alles zermalmenden Kant“ spricht. Die substantivierte Fassung des „Alleszermalmers“ wurde danach von etlichen Autoren aufgenommen.

[14] Es erscheint eigenartig, daß im Zusammenhang mit dem dogmatischen Schlummer meist falsch zitiert wird. Es stimmt nicht, daß Kant durch Hume aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt wurde. Näheres siehe Seite 17.

[15] Schelling, : Zur Geschichte der neueren Philosophie, S. 92–93, a.a.O.

[16] Léon Brunschvicg: Der Fortschritt des Bewußtseins in der abendländischen Philosophie - Der kritische Idealismus, abgedruckt in Kopper: Materialien zu Kants Kritik der reinen Vernunft, 1975, Frankfurt am Main, Suhrkamp, S. 67.

[17] Diesen Zusammenhang hatte freilich vor ihm schon Herder ausgesprochen.

[18] Akademieausgabe X331 f.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Die Trendelenburgsche Lücke in Kants Transzendentaler Ästhetik
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
gut
Autor
Jahr
2009
Seiten
49
Katalognummer
V130444
ISBN (eBook)
9783640360079
ISBN (Buch)
9783640360031
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Kant, Kritik der reinen Vernunft, Raum und Zeit, Trendelenburg, Transzendentale Ästhetik, Physik vs. KrV
Arbeit zitieren
Egon Struck (Autor), 2009, Die Trendelenburgsche Lücke in Kants Transzendentaler Ästhetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130444

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