Indirekte Sprechakte und Sprechaktrealisierungen


Hausarbeit, 2009
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Sprechakttheorie
2.1 Die Anfänge der Sprechakttheorie
2.2 Die Weiterentwicklung durch Searle
2.3 Sprechaktklassifikation

3.1 Direkte Sprechakte
3.2 Indirekte Sprechakte
3.2.1 Zum Verständnis von indirekten Sprechakten/ das Kooperationsprinzip von Grice
3.2.2 Funktionen der indirekten Sprechakte

4. Formen von Sprechhandlungen innerhalb der Diskursanalyse
4.1 Die Entwicklung der Diskursanalyse
4.2 Realisierungsformen von Sprechakten

5. Analyse
5.1 Darstellung der Analyse
5.2 Darstellung des Textkorpus
5.3 Analyse der Beispiele
5.3.1 Deutsch
5.3.2 Italienisch
5.3.3 Rumänisch
5.3.4 Spanisch
5.3.5 Portugiesisch
5.4 Auswertung der indirekten und direkten Sprechakte

6. Schlußbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die wohl interessanteste und umfangreichste Theorie innerhalb der Sprachwissenschaft bildet die Theorie der Sprechakte. Sie hebt den Handlungscharakter von Äußerungen hervor und macht klar, dass man mit sprachlichen Formulierungen nicht nur beschreibt, sondern auch stets Handlungen vollzieht.

Ene besondere Variante dieser Handlungen bilden indirekte Sprechakte denn keine andere Realisierungsform drückt mehr aus, als gesagt wird und tritt so häufig und mit solch einer Selbstverständlichkeit im Sprachgebrauch auf.

Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen verschaffe ich zunächst in den Kapitel 2 ein Verständnis für die allgemeine Thematik, das heißt eine kurzblickende Einführung in das weiten Sphären die Sprechakttheorie.

Mit diesem Grundwissen werden daraufhin indirekte von direkten Sprechakten unterschieden. Sie werden in Punkt 3. behandelt, das heißt die Abgrenzung wird gezogen, sowie die Verstehens- und Funktionsweise wird erläutert.

Zweiter wichtiger Bestandteil nimmt die Diskursanalyse und die in ihr realisierten Sprechakte ein, da sie für den abschließenden Teil dieser Hausarbeit unabdingbar sind.

Dieser besteht nämlich aus einer Anwendung der bis dahin erklärten Fakten, sprich einer Analyse. Hierfür wurden nach Vorbild eines bekannten sprachwissenschaftlichen Beispiels Dialoge konzipiert, die abschließend als Schlussbetrachtung dieser Hausarbeit dienen.

2. Die Sprechakttheorie

2.1 Die Anfänge der Sprechakttheorie

Im Bereich der Sprachphilosophie wurde in den Dreißiger Jahren die Meinung vertreten, „dass ein Satz, wenn er wenigstens nicht prinzipiell verifiziert (d.h. auf wahr bzw. falsch geprüft), streng gesprochen bedeutungslos sei“.[1]

Dieser Grundsatz stand im Zentrum des sogenannten logischen Positivismus, dem Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen mit der Behauptung „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“[2] einen Widerspruch setzte.

1962 griff der englische Philosoph John Langshaw Austin mit seiner Vorlesungsreihe „How to do things with words“ die Gedanken Wittgensteins auf und richtete sein Augenmerk auf die „Handlungsaspekte sprachlicher Äußerungen“.[3]

Bei seinen Untersuchungen stellte er zunächst fest, dass es nicht nur konstative Äußerungen (auch Konstative genannt) gibt, „mit denen man Feststellungen trifft, die es also mit Tatsachen zu tun haben, und die je nachdem, ob sie diesen entsprechen oder nicht, wahr oder falsch sind“[4] (Lexikon der Germanistischen Linguistik, S.287), wie z. B.

(1) Die Holzscheite liegen draußen

sondern dass es daneben auch solche Äußerungen gibt, die sich dadurch auszeichnen, „dass sie den Vollzug einer Handlung darstellen“ und „dass sie weder wahr noch falsch sind“ (Lexik.,287) Ein Beispiel für performative Äußerungen sind:

(2) Ich erkläre Sansibar den Krieg

(3) Hiermit taufe ich dieses Schiff auf den Namen >H.M.S. Flounder<

Die Äußerungen eines Satzes wie (2) oder (3) dienen nicht dazu „Zustände zu beschreiben, sondern vielmehr aktiv etwas zu tun“[5] Nach der Äußerung dieser Sätze ,,ist die Welt wesentlich verändert"[6], es wird von nun an Krieg gegen Sansibar geführt, das Schiff heißt von nun an H.M.S. Flounder.

Austin benennt diese Äußerungen als performative Äußerungen oder Performative. Diese werden wiederum in explizite und implizite Performative unterteilt. „Explizit performative Äußerungen zeichnen sich vor anderen Formulierungen dadurch aus, dass sie ein Verb enthalten, das die Funktion oder die Rolle, die die Äußerungen in einer gegebenen Situation haben sollen, klarmacht“.[7] Zu diesen performativen Verben gehören u.a. versprechen, warnen, taufen und befehlen. Als Beispiel:

(4) Ich verspreche dir, dass ich die Holzscheite reintragen werde

Implizite Performative dagegen zeichnen sich dadurch aus, dass sie kein performatives Verb aufweisen. Hierbei ist es „den Äußerungsumständen zu entnehmen, welche Handlungen mit ihnen vollzogen werden“.[8] Es besteht die Möglichkeit implizite Performative in explizite Performative umzuformen, mit Hilfe des dementsprechenden performativen Verbs. Auch hierfür ein Beispiel:

(5) Ich werde die Holzscheite reintragen. (implizit)
(6) Ich verspreche dir, dass ich die Holzscheite reintragen werde (explizit)

Bei weiteren Untersuchungen stellte Austin fest, dass Performative gelingen, aber auch scheitern können.[9] Das Versprechen in (5) und (6) würde unter Umständen misslingen, z. B. wenn ich gar nicht vorhätte, die Holzscheite reinzutragen, wenn niemand da wäre, an den das Versprechen gerichtet ist, oder wenn der Adressat des Versprechens kein Interesse daran hätte, dass ich die Holzscheite reintrage. Ein solches Misslingen nennt Austin einen Unglücksfall.[10]

Mit Blick auf diese möglichen Unglücksfälle stellt Austin zunächst eine Liste von notwendigen Bedingungen zusammen, „ohne die keine performative Äußerung glatt und glücklich (,happy’) läuft“.[11]

Diese sogenannten Gelingensbedingungen (<felicity conditions<) lauten wie folgt:[12]

A. (i) Es muss ein übliches konventionelles Verfahren mit einem bestimmten konventionellen Ergebnis geben.
(ii) Die betroffenen Personen und Umstände müssen angemessen sein, wie in dem Verfahren spezifiziert

B. Alle Beteiligten müssen das Verfahren (i) korrekt und (ii) vollständig durchführen

C. Oft müssen (i) die Personen die verlangten Gedanken, Gefühle und Intentionen hegen, die das Verfahren spezifiziert, und (ii) wenn ein besonderes Verhalten spezifiziert ist, müssen die relevanten Parteien sich danach richten.

„Diese spezifizierten Gelingensbedingungen beziehen sich auf die Konventionen, denen eine Handlung unterliegt, auf die institutionellen Rahmenbedingungen, auf die korrekte Durchführung der Handlung selbst sowie auf die Ehrlichkeit der handelnden Personen. Je nach der Bedingung, die verletzt wird, kann ein Sprechakt auf unterschiedliche Weise misslingen, d.h. er kommt entweder missbräuchlich zustande oder auch überhaupt nicht“.[13] Austin selbst hat die Problematik der Distinktion performativ/konstativ aufgezeigt und Einwände vorgebracht, die ihn schließlich zur Aufgabe seiner Ausgangsdichotomie veranlasst haben. Die Unterscheidung von implizit performativen und explizit performativen Äußerungen wurde im weiteren Verlauf der Sprechakttheorie jedoch beibehalten.[14]

„Mit der Distinktion performativ/konstativ hat Austin den Blick auf die Tatsache gelenkt, dass mit sprachlichen Äußerungen Handlungen vollzogen werden. Die in der zweiten Hälfte von Austin (1962) vorliegende Theorie der Sprechakte unternimmt eine systematische Analyse dieses Handlungscharakters. Die Fragestellung ist nun nicht mehr, mit welchen Äußerungen man Handlungen vollzieht und mit welchen nicht. Ausgehend vielmehr von der Tatsache, dass man mit allen Äußerungen Handlungen vollzieht, lautet die Ausgangsfrage: In welchem Sinne kann man davon sprechen, dass wir mit Äußerungen etwas tun ?“[15]

Austin sagt, dass „jeder Sprechakt sich aus mehreren simultan vollzogenen Teilakten zusammensetzt“.[16] Diese drei Teilakte benennt er wie folgt:[17]

A) lokutionärer Akt (Lokution)
B) illokutionärer Akt (Illokution)
C) perlokutionärer Akt (Perlokution)

Der lokutionäre Akt ist „die gesamte Handlung etwas zu sagen“[18], den Austin wiederum in den phonetischen Akt („der Sprecher äußert gewisse Geräusche“) , in den phatischen Akt („...äußert gewisse Wörter in einer gewissen Konstruktion“) und in den rhetischen Akt („..und er äußert sie mit einer gewissen Bedeutung“[19] ) gliedert. Der „Akt den man vollzieht, indem man etwas sagt“[20], ist der illokutionäre Akt. Da jede Handlung nicht um ihrer selbst ausgeführt wird, sondern vielmehr um „gewisse Wirkungen auf die Gefühle, Gedanken oder Handlungen des oder der Hörer, des Sprechers oder anderer Personen“[21] auszuüben, wird gleichzeitig mit dem lokutionären und dem illokutionären Akt immer auch ein perlokutionärer Akt vollzogen. In dieser Terminologie stellt „etwas sagen“ einen lokutionären, „eine Meinung vertreten“ einen illokutionären und „jemanden überzeugen“ einen perlokutionären Akt dar.[22]

2.2 Die Weiterentwicklung durch Searle

Austins Ansatz der Sprechakttheorie wurde in der Folgezeit von dem US-amerikanische Sprachwissenschaftler John R. Searle weiterentwickelt und systematisiert.[23] Er kritisiert dass in Austins rhetischem Akt bereits Bestandteile der illokutionären Kraft zu finden sind, was Searle 1968 zur folgenden Strukturierung des Sprechaktes veranlaßte:[24]

a) Äußerungsakt:

Das Relikt des Austinschen lokutionären Aktes. Er umfasst die Äußerungen von Wörtern, Morphemen und Sätzen.

b) propositionaler Akt:

Er ist der verselbstständigte rhetische Akt, zusammengesetzt aus Referenz (=Bezugnahme auf Objekte der außersprachlichen Welt) und Prädikation (=Zusprechen von Eigenschaften).

c) illokutionärer Akt:

Er entspricht Austins illokutionärem Akt

d) perlokutionärer Akt:

Er entspricht Austins perlokutionärem Akt

Für den erfolgreichen Vollzug illokutionärer Akte erstellte Searle eine Reihe von Bedingungen, die sich aus Austins Theorie der Fehlschläge für bestimmte illokutionäre Akte spezifizierte:[25]

a) normale Eingabe- und Ausgabebedingungen
Sie gewährleisten, dass die allgemeinsten Bedingungen für sinnvolles Sprechen sowie für Verstehen erfüllt sind.

b) Bedingungen des propositionalen Gehalts
Hier wird die Proposition (sachlicher Inhalt der Äußerung ohne illokutionäre Rolle) (????) von dem übrigen Teil des Sprechaktes isoliert und entsprechend der Besonderheit des jeweiligen illlokutionären Aktes charakterisiert. Beim Versprechen z.B. muss der Sprecher S einen zukünftigen Akt A von S aussagen.

c) Einleitungsbedingungen
Sie betreffen zum Einen die Tatsache, dass der Akt einen Sinn oder Zweck haben muss, beinhalten also z.B., dass man jemanden nicht auffordern kann, etwas zu tun, das er bereits tut. Zum anderen beziehen sie sich auf Gegebenheiten, die – je nach Art des zu vollziehenden Aktes – beim Sprecher bzw. Hörer vorliegen müssen. Bei Aufforderungen z.B. muss der Aufgeforderte in der Lage sein, die betreffende Handlung zu tun, und der Sprecher muss dies annehmen.

d) Aufrichtigkeitsbedingung
Bei performativen Äußerungen, die bestimmte Absichten oder Gefühle involvieren, muss der Sprecher diese auch tatsächlich haben. Der Sprecher kann z. B. nichts versprechen, das er gar nicht vorhat zu tun.

e) wesentliche Bedingung
Sie spezifiziert, worin die Natur des jeweiligen illokutionären Aktes besteht. Bei Versprechen z.B. besteht sie in der Absicht des Sprechers, sich mit einer Äußerung zur Ausführung einer bestimmten Handlung zu verpflichten.

f) bedeutungstheoretische Bedingung
Sie soll gewährleisten, dass die vorgebrachte Äußerung aufgrund von Konventionen den Vollzug des jeweiligen illokutionären Aktes darstellt.

Searle veranschaulicht in seinem Werk Sprechakte. Ein sprachphilosophischer Essay (1977: 104) die vorhergehenden Bedingungen wie im folgenden Beispiel für die illokutionären Typen Raten und Warnen:

[...]


[1] Levinson, 1990: 228

[2] Harras, 1983: 97

[3] Scherer, 1990: 42

[4] Grewendorf, 1973: 28

[5] Levinson, 1990: 229

[6] Levinson, 1990: 229

[7] Harras, 1983: 107

[8] Grewendorf, 1973: 287

[9] Levinson, 1994: 230

[10] Levinson, 1990: 230

[11] Austin, 1972: 35

[12] Levinson, 1990: 230

[13] Scherer, 1983: 43

[14] Grewendorf, 1973: 288

[15] Grewendorf, 1973: 288

[16] Bußmann, 2002: 643

[17] Levinson, 1990: 236-237

[18] Austin, 1972: 112

[19] Austin, 1972: 113

[20] Austin, 1972: 117

[21] Austin, 1972: 118

[22] Austin, 1972: 199

[23] Scherer, 1990: 46

[24] Grewendorf, 1973: 289

[25] Grewendorf, 1973: 289

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Indirekte Sprechakte und Sprechaktrealisierungen
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Proseminar "Sprache, Kommunikation und Translation im romanischsprachigen Bereich"
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
34
Katalognummer
V130479
ISBN (eBook)
9783640367009
ISBN (Buch)
9783640367320
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Hausarbeit über die Sprechakttheorie, mit Fokus auf indirekte Sprechakte und ihren Realisierungsformen. Besonderheit ist die selbstdurchgeführte empirische Analyse, Muttersprachler aller romanischen Sprachen (außer französisch) wurden gebeten einen Dialog zu konzipieren, der auf direkte und indirekte Sprechakte untersucht und analysiert wurde.
Schlagworte
indirekte Sprechakte, Realisierungsformen, Sprechakttheorie, Austin, Searle, Sprechakt, empirische Analyse, Grice, Kooperationsprinzip, Sprechhandlung, Diskursanalyse, Illokution, Perlokution, Lokution
Arbeit zitieren
Carmen Mamiani (Autor), 2009, Indirekte Sprechakte und Sprechaktrealisierungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130479

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