Romantische Elemente in "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann. Typische Motive der Romantik sowie Interpretation der Erzählung

Über das Auftreten und die Abgründe der Romantik


Hausarbeit, 2021

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Romantik?

3 Der romantische Sandmann
3.1 Romantische Elemente der Erzählung
3.2 Nathanael als gescheiterter Romantiker
3.3 Das gleiche Problem?

4 Fazit

1 Einleitung

Unter allen von E.T.A. Hoffmann veröffentlichten Texten ist „Der Sandmann“ wohl sein meist diskutiertes und interpretiertes Werk. Nicht zuletzt ist dieser Fakt wahrscheinlich der Uneindeutigkeit des Textes zu verdanken. Die Ungewissheit selbst ist es, die der literarischen Epoche der Romantik, zu der „Der Sandmann“ zugeordnet wird, oftmals ein Gesicht schenkt.

Aber was ist eigentlich mit „Romantik“ gemeint? Was sind die typischen Motive dieser Epoche und wo finden sich diese romantischen Elemente in „Der Sandmann“ wieder? Kann man Romantik auch falsch machen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich diese Arbeit im Folgenden.

Zunächst werde ich dazu den Begriff „Romantik“ erklären, das Motiv der Sehnsucht sowie das Motiv des Unbedingten beleuchten, um dieser Arbeit ein klares Fundament zu geben, mit dem weitergearbeitet werden kann. Dann werden die beleuchteten Motive am Beispiel von „Der Sandmann“ aufgezeigt. Um anschließend weiter in die Materie einzutauchen, werden dann als nächstes der Protagonist von Hoffmanns Erzählung, Nathanael, sowie der Erzähler hinsichtlich ihres romantischen Auftretens untersucht. In Verbindung damit wird es außerdem um die Fragen gehen, ob Nathanael als Romantiker auf- oder untergeht und inwiefern der Erzähler Nathanael diesbezüglich ähnelt. Zum Schluss werden noch einmal die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst festgehalten.

2 Was ist Romantik?

Die Beantwortung der Frage, was Romantik eigentlich ist und wie sie in Texten realisiert wird, ist essenziell für den weiteren Verlauf dieser Arbeit. Da eine Antwort auf diese Frage jedoch nicht so leicht zu formulieren ist, sollte erst einmal festgehalten werden, was im Weiteren nicht unter Romantik zu verstehen ist.

Ein mit Liebe gemachtes Frühstück im Bett oder das gemeinsame Genießen des täglichen Sonnenuntergangs kann zu Recht für romantisch befunden werden. Diese Art von Romantik hat jedoch nichts mit der Art zu tun, um die es in dieser Arbeit geht. Die 2 beiden Arten unterscheiden sich semantisch von Grund auf und meinen und bedeuten folglich etwas völlig Verschiedenes. Die Art von Romantik, mit der sich diese Arbeit im Folgenden auseinandersetzt, wird in der Regel mithilfe von bestimmten Motiven verkörpert. Das Motiv der Sehnsucht sowie das Motiv des Unbedingten werden mit der Romantik in Verbindung gebracht und aus diesem Grund werden sie hier im Weiteren beleuchtet.1

Zunächst soll es um das Motiv des Unbedingten gehen. Es gibt eine Unmenge von Dingen in unser aller Leben sowie auf der ganzen Welt und auch darüber hinaus, die greifbar sind. Das Unbedingte meint im romantischen Sinne eben das, was nicht greifbar ist. „Es gibt noch eine andere Welt, die sich aber dem Zugriff entzieht.“2 Dem Entzug unseres Zugriffs ist es zuzuschreiben, dass alles in dieser anderen Welt nicht greifbar ist oder gemacht werden kann. Trotzdem gibt es den Wunsch, das Verlangen danach, diese ungreifbaren Dinge zu greifen und sie beschreiben zu können, sie zum Gegenstand eines Gesprächs machen zu können. Diesen Wunsch zu haben, ist sowohl eine essenzielle Eigenschaft als auch der Antrieb eines sogenannten „Romantikers“, also einer Person, die die Philosophie der Romantik lebt. Natürlich wissen Romantiker über die Grenzen des Möglichen Bescheid, aber ihr Wunsch das Ungreifbare greifbar zu machen bleibt bestehen und deswegen probieren sie ihren Gefühlen mithilfe von Kunst und/oder Literatur Ausdruck zu verleihen.3 Aber wie soll ein Gefühl „von einer anderen Welt“ beschrieben werden? Sind die Worte, die zum Beschreiben nötig sind, überhaupt bekannt oder unterliegen sie der gleichen Ungreifbarkeit? Aufgrund dieser Problematik ist es in der Praxis dem Leser oder dem Betrachter überlassen das zu fühlen, was der Autor oder der Maler fühlen lassen möchte, weil keiner die Worte dafür hat direkt zu sagen, was gefühlt werden soll.4 Das Unbedingte gilt es also in der Romantik in Form eines Gefühls erfahrbar zu machen und ist es auch nicht zu beschreiben, so ist es auf jeden Fall zu fühlen.

Da das Motiv des Unbedingten nun erläutert wurde, gilt es als nächstes das Motiv der Sehnsucht zu beschreiben. In der Romantik bedeutet das Motiv der Sehnsucht die Suche nach Etwas, das nicht zu finden ist.5 Der Unterschied zum Unbedingten liegt hierbei dort, dass dieses „Etwas“, nach dem die Sehnsucht sucht, im Vergleich zum Unbedingten greifbar ist und beschrieben werden kann. Dieses „Etwas“ ist also nicht Teil der „anderen Welt“.

Was ist aber, und das ist der springende Punkt hinter der romantischen Idee, wenn man sehnsüchtig das Unbedingte sucht? Bei dieser Frage kommt das Motiv des Unbedingten mit dem Motiv der Sehnsucht zusammen. Das Unbedingte kann hier als Ziel und die Sehnsucht als Weg verstanden werden. Aus dieser Kollision der Motive folgt, dass sehnsüchtig etwas gesucht wird, was nicht zu finden, nicht zu beschreiben und nicht einmal Teil der erfahrbaren Welt ist. „Wir geraten in eine ,unendliche‘ Tätigkeit, werden nie mit dem Fragen, Nachdenken und Suchen fertig.“6 Dieser Tätigkeit nachzugehen ist die Aufgabe eines Romantikers und sobald er eine Idee hat, wie er dieses „Etwas“ einfangen kann, wird er es versuchen. Ob er es dann geschafft hat, bleibt denen zu entscheiden, die sich mit seiner Arbeit befassen.

Ein letzter Punkt soll hier aufgrund seiner Relevanz für den weiteren Verlauf dieser Arbeit festgehalten werden. Der romantischen Idee nachzugehen kann durchaus als Träumerei bezeichnet werden. Es ist aber nicht der Fall, dass sich Romantiker „dauerhaft im Zustand der Träumerei“ befinden.7 Romantiker wissen über die weltlichen Regularitäten denen sie unterliegen Bescheid und folglich ist auch das Nachgehen der romantischen Idee kein Fluchtversuch.8 „Es soll keinen dauerhaften Stillstand und kein völliges Einverstanden-Sein geben“ und allein aufgrund dieser Einstellung gehen die Romantiker der romantischen Idee nach.9

3 Der romantische Sandmann

3.1 Romantische Elemente der Erzählung

Die Grundlage für die bevorstehende Analyse von E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ ist mit der Klärung des Begriffs „Romantik“ gegeben. Im Weiteren geht es nun darum aufzuzeigen, an welchen Stellen sich der zuvor beleuchtete romantische Grundgedanke in der Erzählung wiederfinden lässt.

„Der Sandmann“ entzieht sich „eindeutigen Sinnzuweisungen“.10 Hoffmann schien ganz klar verhindern zu wollen, dass es nur eine richtige Art und Weise gibt seine Erzählung zu interpretieren. Nicht jeder Leser soll die gleichen Worte auf der Zunge liegen haben, wenn er etwas bezüglich „Der Sandmann“ gefragt wird. Die Vermutung wird durch den Fakt bestätigt, dass der Autor diverse Elemente seines Werkes mit Absicht verunklarte, bevor es dann als Druckfassung veröffentlicht wurde.11 Diese gewollte Unklarheit des Textes ist als das Unbedingte zu betrachten, welches der Autor in seine Erzählung miteinfließen lassen wollte. Wenn bestimmte Stellen einer Geschichte nur lückenhaft beschrieben werden oder wichtige Fakten für das eindeutige Verständnis gar nicht erst ausgesprochen werden, dann leidet die Greifbarkeit dieser Geschichte auf inhaltlicher Ebene darunter und es entsteht Raum für mehr Interpretationsmöglichkeiten.

Natürlich lässt sich die romantische Idee nicht nur anhand des Schreibprozesses des Autors wiederfinden, sondern auch an konkreten Stellen in der Erzählung. Der Erzähler der Geschichte, der den Leser stellenweise direkt anspricht, redet von dem Wunderbaren und Seltsamen, welches seine ganze Seele erfüllt.12 Die Wortkargheit die von Nöten ist, um nur von dem Wunderbaren und Seltsamen sprechen zu können, ist auch an dieser Stelle mit dem Motiv des Unbedingten in Verbindung zu bringen. Dem Erzähler fehlen die Worte, um das genauer zu beschreiben, was seine Seele erfüllt. Und doch will er es unbedingt versuchen, denn im Text heißt es: „So trieb es mich denn gar gewaltig, von Nathanaels verhängnißvollem Leben zu Dir zu sprechen.“13 Der Erzähler versucht an dieser Stelle genau dem nachzugehen, was zuvor in dieser Arbeit als Aufgabe eines Romantikers festgehalten wurde - er will das zum Gegenstand eines Gesprächs machen, was nicht ausgesprochen werden kann.

Dass der Erzähler sich schwer tut die richtigen Worte zu finden, um das Gefühl zu beschreiben, welches er hat, wenn er an Nathanaels Geschichte denkt, wird auch an anderer Stelle in der Erzählung deutlich. „Mir kam keine Rede in den Sinn, die nur im mindesten etwas von dem Farbenglanz des innern Bildes abzuspiegeln schien.“14 „Der Farbenglanz des inneren Bildes“ ist der Versuch des Erzählers das Gefühl des Unbedingten in ihm in Worte zu fassen. Die Folge seines Versuches, mit der Geschichte von Nathanael zu beginnen, ist die Verlorenheit in der zuvor erwähnten unendlichen Tätigkeit. Seine Bemühungen, die richtigen Worte zu finden, enden in einem unendlichen Prozess des Fragens, des Nachdenkens und des Suchens. Weil er an dem Versuch scheitert, lässt er die Geschichte mit drei Briefen beginnen.15

Im Rahmen des gescheiterten Versuches probiert der Erzähler außerdem dem Leser „ein Gefühl oder einen Glauben an eine ,höhere Welt‘ zu induzieren, die sich aber in der Erfahrungswirklichkeit nicht sichtbar machen lässt.“16 Dies lässt sich insbesondere anhand des folgenden Abschnittes der Erzählung erkennen:

Und nun wolltest Du das innere Gebilde mit allen glühenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und mühtest Dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen. Aber es war Dir als müßtest Du nun gleich im ersten Wort Alles Wunderbare, Herrliche, Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht zusammengreifen, so daß es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe. Doch jedes Wort, Alles was Rede vermag, schien Dir farblos und frostig und todt. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die nüchternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windeshauche, hinein in Deine innere Gluth, bis sie verlöschen will.17

Dass dieses Gefühl für die „höhere Welt“ nicht jedem zugänglich ist, wird vor allem am Ende des Zitates deutlich. Die Ungläubigkeit der Freunde droht das Feuer, welches im Inneren des Erzählers lodert, zu löschen. An dieser Stelle der Erzählung kommen alle Bestandteile der romantischen Idee zusammen, denn auch das Motiv der Sehnsucht lässt sich hier wiederfinden, wenn der Erzähler seine vergebliche Suche nach den richtigen Worten anspricht.

Zuletzt ist es aber nicht nur die Erzählinstanz, an deren Worten sich Elemente der Romantik festmachen lassen. Auch Nathanael, der Protagonist der Erzählung, hat ein Gespür für die „andere Welt“. Seine Vorstellung von ihr unterscheidet sich jedoch von der des Erzählers, denn Nathanaels Vorstellung von der „anderen Welt“ ist ausschließlich düster. Das lässt sich an folgender Stelle erkennen:

Alles, das ganze Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demüthig müsse man sich dem fügen, was das

Schicksal verhängt habe. Er ging so weit, zu behaupten, daß es thöricht sei, wenn man glaube, in Kunst und Wissenschaft nach selbstthätiger Willkühr zu schaffen; denn die Begeisterung, in der man nur zu schaffen fähig sei, komme nicht aus dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgend eines außer uns selbst liegenden höheren Prinzips.18

Die Rede ist hier von dunklen Mächten, denen jeder Mensch bedingungslos als Marionette dient. Errungenschaften auf zum Beispiel künstlerischer oder wissenschaftlicher Ebene sind alleine dem höheren Prinzip zu verdanken, welches das Tun und Schaffen der Menschen laut Nathanael gänzlich kontrolliert. Der Mensch kann nur, was der Mensch können soll. Während der Erzähler das Unbedingte unter anderem als wunderbar, herrlich und lustig bezeichnet, findet Nathanael nur lichtlose Worte dafür, dem Unbedingten in ihm Ausdruck zu verleihen.

3.2 Nathanael als gescheiterter Romantiker

Nachdem im letzten Unterkapitel einige Stellen der Erzählung hinsichtlich des Vorkommens von romantischen Elementen beleuchtet wurden, soll es im Weiteren um Nathanael und sein romantisches Auftreten gehen. Außerdem soll die Frage behandelt werden, ob Nathanael als Romantiker auf- oder untergeht.

Nathanael glaubt an das Wunderbare in Form von metaphysischen Mächten, „die den Gesetzen der Natur und der Vernunft widersprechen, weil sie sie übersteigen“.19 An dieser Stelle wird ein Einblick in seine Weltsicht geboten und laut dieser Weltsicht ist es nicht die Vernunft, sondern das Wunderbare, welches das alltägliche Leben des Protagonisten in der erfahrbaren Welt begleitet. Laut Nathanael ist die Vernunft also dem Wunderbaren untergeordnet. Dazu kommt noch, dass der Protagonist von der „grundlegenden Unfreiheit des Menschen“ überzeugt ist.20 Das Wunderbare ist, wie zuvor bereits erwähnt, laut Nathanael die Instanz, die den Menschen handeln, schaffen und scheitern lässt.

Eine These von Stiening besagt, dass es sich bei Clara und Nathanael um Konfliktpartner handelt. Die beiden Parteien, Clara und Nathanael, können als Glaube und Wissen interpretiert werden. Clara ist mit dem Wissen gleichzusetzen und Nathanael mit dem Glauben.21 Indem Clara Nathanael auf seinen Denkfehler aufmerksam macht, versucht sie ihm zu helfen und ihn von seiner richtig geglaubten Weltsicht zu befreien. Im Text heißt es:

Ich bitte Dich, schlage Dir den häßlichen Advokaten Coppelius und den Wetterglasmann Giuseppe Coppolaganz aus dem Sinn. Sei überzeugt, daß diese fremden Gestalten nichts über Dich vermögen; nur der Glaube an ihre feindliche Gewalt kann sie Dir in der That feindlich machen.22

Nathanael ist jedoch so von seiner Sicht der Dinge überzeugt, dass auch Claras Versuch nicht ausreicht, um ihn mit ihrem Wissen zur Vernunft zu bringen. Das romantische Denken ist bei Nathanael so tief verankert, dass es seinen Alltag bestimmt und dass es von Clara wie eine Krankheit behandelt wird, die geheilt werden muss. Clara erkennt das Problem, aber das reicht nicht, um Nathanael zu retten.

Im späteren Verlauf der Geschichte, als der Wetterglashändler Coppola mit Nathanael handeln möchte, scheint Nathanael kurzzeitig geheilt. Diese vorübergehende Heilung lässt sich an folgender Stelle im Text festmachen:

So wie die Brillen fort waren, wurde Nathanaelganz ruhig und an Clara denkend sah‘ er wohl ein, daß der entsetzliche Spuk nur aus seinem Innern hervorgegangen, so wie daß Coppola ein höchst ehrlicher Mechanicus und Opticus, keineswegs aber Coppelii verfluchter Doppeltgänger und Revenant seyn könne.23

Der Gedanke an Clara verdrängt Nathanaels übliche und wunderbare Art zu denken. Mit dem Gedanken an sie kehrt Vernunft in Nathanaels Denkweise ein und er erkennt, dass der Wetterglashändler Coppola ihm in keiner Weise schaden möchte. Indem Nathanael an Clara denkt, scheint er auch ihre Überzeugungen anzunehmen.24 Als Nathanael jedoch Olimpia, die vermeintliche Tochter des Professoren Spalanzani, bemerkt, verschwindet der Eindruck wieder, dass Nathanael geheilt ist. Der Erzähler gibt einen Einblick in Nathanaels Gedankenwelt und Clara ist kein Teil mehr davon.25 Olimpia nimmt Claras Platz in seinen Gedanken ein und mit dem Verschwinden von Claras Vernunft ist Nathanael wieder seiner romantischen Welt ausgeliefert.

Dass Nathanael sich von der Vernunft Claras abgewandt hat und sich fortan wieder von der Realität distanziert, wird außerdem deutlich, als seine romantische Denkweise den Automat Olimpia scheinbar zum Leben erweckt: „... in dem Augenblick war es auch, als fingen an in der kalten Hand Pulse zu schlagen und des Lebensblutes Ströme zu glühen.“26 Nicht nur hält er eine leblose Maschine für einen echten Menschen, er hält auch einen echten Menschen für eine Maschine. Dies zeigt sich, als Nathanael Clara einen leblosen, verdammten Automat nennt.27 Er degradiert Clara zu einer Maschine, weil sie seine Ansichten nicht teilt.28 An dieser Fehlwahrnehmung lässt sich erkennen, wie sehr sich Nathanaels Sicht der Dinge durch den Blick durch seine romantische Brille verändert. Seine Welt steht Kopf.

Auch der Erzähler steht Nathanaels verdrehten Weltsicht nicht neutral gegenüber. Er kritisiert seine Verlorenheit in seiner romantischen Blase, indem er sagt, dass Nathanael „von psychischer Wahlverwandtschaft fantasirte“.29 Durch die Wortwahl des Erzählers entsteht an dieser Stelle der Eindruck, dass Nathanael völlig die Verbindung zur Realität verloren hat und in seiner Traumwelt untergeht.

Als Nathanael später von Olimpias maschinellen Beschaffenheit erfährt, wird er wahnsinnig und verliert den Verstand. Das lässt sich aus folgenden Zeilen der Erzählung herauslesen:

Da packte ihn der Wahnsinn mit glühenden Krallen und fuhr in sein Inneres hinein Sinn und Gedanken zerreissend. ,Hui - hui - hui! - Feuerkreis - Feuerkreis ! dreh Dich Feuerkreis - lustig - lustig! - Holzpüppchen hui schön‘ Holzpüppchen dreh Dich -‘ damit warf er sich auf den Professor und drückte ihm die Kehle zu.30

Dieser Wahnsinn ist nicht nur dem Fakt zu verschulden, dass Nathanael seine geliebte Olimpia verliert, sondern auch dem Fakt, dass Coppola, den Nathanael zuerst mit dem Sandmann in Verbindung bringt, seine Finger im Spiel hat. Für Nathanael bedeutet das, dass der Sandmann ihn noch immer verfolgt und ihm kein Glück gewährt. Mit Bezug auf Nathanaels zuvor beschriebener Weltsicht, macht der Sandmann von der Fähigkeit gebrauch, die Nathanael den dunklen Mächten zuschreibt - er benutzt Nathanael als Marionette und kontrolliert sein Tun, Schaffen, Empfinden etc. Das Erkennen seiner ausweglosen Lage lässt ihn wahnsinnig und gewalttätig gegenüber dem Professor Spalanzani werden.

[...]


1 Vgl. Petersdorf, Dirk von: Romantik. Eine Einführung. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann 2020 (= RoteReihe). S. 25.

2 Ebd. S. 27.

3 Vgl. ebd. S. 27.

4 Vgl. ebd. S. 27.

5 Vgl. ebd. S. 25.

6 Petersdorff, Dirk von: Romantik. S. 28.

7 Ebd. S. 27.

8 Vgl. ebd. S. 27.

9 Ebd. S. 27.

10 Stiening, Gideon: Über die Grenzen des Verstehens und die Gefahren ihrer Missachtung. In: Zugänge zur Literaturtheorie. 17 Modellanalysen zu E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“. Hrsg. von Oliver Jahraus. Stuttgart: Reclam 2016. S. 2.

11 Vgl. ebd. S. 3.

12 Vgl. Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. Hrsg. von Ulrich Hohoff. Ditzingen: Reclam 2018. S. 53.

13 Ebd. S. 53.

14 Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. S. 55.

15 Vgl. ebd. S. 55.

16 Löwe, Matthias: Romantische Skepsis bei Novalis, E.T.A. Hoffmann und Eichendorff. In: „Wir sind keine Skeptiker, denn wir wissen“. Skeptische und antiskeptizistische Diskurse der Revolutionsepoche 1770 bis 1850. Hrsg. von Cornelia Ilbrig und Sikander Singh. Hannover: Wehrhahn Verlag 2013. S. 272 f.

17 Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. S. 51.

18 Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. S. 61.

19 Stiening, Gideon: Über die Grenzen des Verstehens und die Gefahren ihrer Missachtung. S. 5.

20 Ebd. S. 9.

21 Vgl. ebd. S. 11.

22 Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. S. 43.

23 Ebd. S. 79.

24 Vgl. Stiening, Gideon: Über die Grenzen des Verstehens und die Gefahren ihrer Missachtung. S. 12.

25 Vgl. Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. S. 85.

26 Ebd. S. 89.

27 Vgl. Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. S. 71.

28 Vgl. Stiening, Gideon: Über die Grenzen des Verstehens und die Gefahren ihrer Missachtung. S. 16.

29 Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. S. 99.

30 Ebd. S. 107.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Romantische Elemente in "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann. Typische Motive der Romantik sowie Interpretation der Erzählung
Untertitel
Über das Auftreten und die Abgründe der Romantik
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
15
Katalognummer
V1304817
ISBN (Buch)
9783346772879
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sandmann, romantik, hoffmann
Arbeit zitieren
Markus Göhler (Autor:in), 2021, Romantische Elemente in "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann. Typische Motive der Romantik sowie Interpretation der Erzählung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1304817

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