Kriminalisierung von Jugendlichen durch Anti-Schund-Kampagnen


Diplomarbeit, 2003

118 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung
1.1. Automatismus der Medienschelte
1.2. Theoretische Vorannahmen

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Soziale Probleme
2.1.1. Sachverhalt und Problemmuster
2.1.2. Bedingungen einer Problemkarriere
2.2. Diskurstheorie
2.2.1. Foucaults Diskursbegriff
2.2.2. Macht
2.3. Anknüpfungspunkte beider Theorien
2.4. Medientheoretische Überlegungen

3. Bisheriger Forschungsstand
3.1. Kampagnen
3.2. Wirkungen
3.2.1. Die "naiven" Theorien
3.2.2. Katharsisthese
3.2.3. Inhibition und Habitualisierung
3.2.4. Lerntheorie
3.2.5. Folgerung

4. Gesellschaftliche Bedingungen
4.1. Der "alte" Schunddiskurs
4.2. Comics in den USA
4.3. Die Nachkriegszeit
4.4. Jugendkriminalität
4.4.1. Statistische Zusammenhänge
4.4.2. Ursachen
4.4.3. Rolle der Medien
4.4.4. Sonderfall: "Halbstarke"

5. Der Schundkampf
5.1. Der Schund
5.1.1. Groschenhefte
5.1.2. Comics
5.1.3. Film
5.1.4. Illustrierte
5.1.5. Fernsehen
5.1.6. Rock'n'Roll
5.2. Argumentation
5.2.1. Allgemeine Wirkungen
5.2.1.1. Kulturelle Entwöhnung
5.2.1.2. Moralische Desorientierung
5.2.1.3. Affektive Überladung
5.2.2. Spezielle Wirkungen der Gewaltdarstellungen
5.2.2.1. Nachahmung
5.2.2.2. Einfluß bei Vorbelastung
5.2.2.3. Desensibilisierung
5.2.3. (Anti-)Amerikanismus
5.2.4 Jungen und Mädchen
5.2.5. Gegenvorstellungen
5.2.5.1. Gewaltfreiheit?
5.2.5.2. Gut und Böse
5.2.5.3. Ehe und Familie
5.2.5.4. Autoritäten
5.2.5.5. Religion
5.2.6. Das Bild der Jugend
5.2.6.1. Die Voraussetzung
5.2.6.2. Jugendliche Medienrezeption
5.2.6.3. Rebellion
5.2.6.4. Die schreckliche Generation?
5.3. Strategien
5.3.1. Fremdheit des Mediums
5.3.2. Vertrautheit des Grundmusters
5.3.3. Verbreitung des Mediums
5.3.4. Starke Metaphern
5.3.5. Einzelfälle
5.3.5. Einordnung der Fachdiskurse
5.3.6. Polarisierung der Notwendigkeiten
5.4. Interdiskurs
5.4.1. die wissenschaftlichen Perspektiven
5.4.1.1. Psychologie
5.4.1.2. Pädagogik
5.4.1.3. Kriminologie
5.4.1.4. Justiz
5.4.2. Buchwesen
5.4.3. Kirchliche Organisationen
5.4.4. Politik
5.4.5. Jugendschutz
5.4.6. Gegenstimmen
5.5 Versäumnisse des Schundkampfes

6. Das Schundkampf-Dispositiv
6.1. Moralisch-ethische Verwirrung und Gewalt
6.2. Diskursive Verknüpfung von Gewalt und Medien
6.3. Gefährliche Jugend?

7. Literatur

8. Anhang: Notizen zur Zeitschriftenauswertung

1. Einleitung

1.1. Automatismus der Medienschelte

Wenn den Berichten über Verbrechen an Schulen geglaubt werden darf, ist der gewaltfördernde Einfluß von Massenmedien eine ausgemachte Sache. Die bloße Verfügbarkeit gewalthaltiger Medien im Umfeld des Täters erscheint als hinreichende Bedingung, um die Verantwortung für die Tat diesen Medien zu übertragen.

Tatsächlich ist das Erklärungsmuster "Medieninduktion" so stark, daß es geeignet ist, alternative Erklärungen zu verdrängen oder zumindest zu relativieren. So wurden anläßlich des jüngsten "Amoklaufs" in Erfurt zunächst noch die auswegslose schulische Situation des Täters und das strenge Schulsystem Thüringens als Tathintergründe mit thematisiert, aber nach kurzer Zeit wurde dieser Diskurs völlig von der Diskussion über Medieninduktion und ein neues Jugendschutzgesetz überlagert.. Der sogenannte "Amoklauf von Bad Reichenhall" 1999 verdrängte in den Medien nicht nur ein gleichzeitiges, ebenso schlimmes Verbrechen, das sich weniger leicht deuten ließ, (vgl. Grimm 2002, S. 160) sondern der leicht hergestellte Bezug zu Gewaltmedien ließ andere signifikante Aspekte verblassen, von denen das Portrait Adolf Hitlers im Zimmer des Schützen (vgl. Gieselmann 2000, S. 132) nur einer der offensichtlichsten Hinweise ist. Auch bei den Schützen von Littleton 1999 ist ein rechtsradikaler Hintergrund nicht auzuschließen, da dieses Verbrechen am Geburtstag Hitlers stattfand. Dies wurde aber im Gegensatz zum Medienkonsum der Täter (in diesem Fall die Ballerspiele DOOM und QUAKE) kaum thematisiert.

In der Gewaltforschung wird schon lange nicht mehr angenommen, daß der Konsum von Gewaltmedien direkt zur Umsetzung der Inhalte führe. Die derzeit übliche Vorstellung ist, daß Gewaltmedien eine verstärkende Wirkung haben können unter der Voraussetzung, daß eine gewisse Gewaltneigung schon entwickelt ist. Es handelt sich dann um ein Zusammentreffen mehrerer Faktoren, bei dem fraglich ist, welche Bedeutung der Faktor "Medien" im Vergleich mit anderen hat. Durch die Isolation eines einzigen Faktors wird die Diskussion über Gewaltursachen verzerrt.

Wenn trotz aller alternativen Erklärungsmuster, und obwohl weitgehend bekannt ist, wie umstritten das Problemmuster "Mediengewalt" ist, trotzdem daran festgehalten wird, verweist das auf Plausibilitätsvorstellungen, die über den Sachverhalt hinausweisen. Es muß mit den Vorstellungen der Öffentlichkeit auf eine Weise korrelieren, die seine empirische Bedeutungslosigkeit wettmacht. Darauf weist auch die Geschwindigkeit hin, mit der das Muster bei jeder spektakulären Gewalttat beinahe automatisch aus der "Mottenkiste der Wirkungsforschung" (Kunczik 1995, S. 31) geholt wird.

1.2. Theoretische Vorannahmen

Ziel der Arbeit ist, eine theoretisch verdichtete Beschreibung des Gedankenmusters zu konstruieren, das sich in Anlehnung an Michel Foucault als "Schundkampf- Dispositiv" bezeichnen läßt. Ausgangspunkt dieses Gedankenmusters ist die Gefährdung der Jugend durch alles, was als "Schund" gilt - für den Zeitraum der Fünfziger Jahre, der hier im Vordergrund steht, handelt es sich dabei vorrangig um die sogenannten Groschenromane und die Comics sowie bestimmte amerikanische Filme. Innerhalb dieses Dispositivs wird dem "Schund"-Problem absolute Priorität vor anderen Fragen gegeben. Die zugrundeliegende These ist, daß die öffentliche Thematisierung der "Schundliteratur" geeignet war, über den konkreten Diskurs hinaus ordnend auf andere Diskurse einzuwirken und Vorstellungen nicht nur von Medienwirkung, sondern auch von Jugend und Gewalt zu prägen.

In diesem Sinn ist die "Kriminalisierung" im Titel dieser Arbeit zu verstehen. Der Gleichklang mit Glogauers vielzitierter Arbeit "Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen durch Medien" (1990) ist reizvoll, aber während Glogauer den Prozeß des Kriminell-Werdens meint, ist hier eher die Zuschreibung der Eigenschaft "kriminell" auf Personen oder Verhaltensweisen gemeint, wie sie sich aus der Sicht der Kritischen Kriminologie beschreiben läßt. (vgl. Althoff/Leppert 1995, S. 13)

Der Schunddiskurs hat in den Fünfziger Jahren weder angefangen noch aufgehört. Es scheint sich vielmehr um einen zykllisch wiederkehrenden Ritus zu handeln, (Maase 1994) der besonders in Krisenzeiten vollzogen wird. Die Fünfziger Jahre waren eine Übergangszeit, in der ein gesellschaftlicher Konsens über viele Dinge erst wieder hergestellt werden mußte. Für die Betrachtung des "Schundkampf-Dispositivs" eignet sich jene Zeit besonders, weil im Verlauf dieses Prozesses die gesellschaftlichen Ziele und Normen ausdrücklich formuliert weden mußten; weil der damalige Schundkampf gesellschaftliche Kräfte in einer Intensität bündelte, die seitdem nicht mehr in dem Ausmaß zu beonbachten ist; weil der Schundkampf eben nicht in dieser Zeit anfing und auch die Mechanismen der Wieder-Aufnahme beobachtet werden können; und selbstverständlich, weil die Fünfziger Jahre seit einiger Zeit vorbei sind und sich aus der zeitlichen Distanz vieles besser beurteilen läßt, auch was eventuelle Langzeit-Wirkungen angeht.

Aus praktischen Gründen können nicht alle Aspekte des Schundkampfes in gebührender Ausführlichkeit analysiert werden; die Arbeit konzentriert sich auf den "seriösen" Diskurs, wie er sich in Fachzeitschriften darstellte, und versucht, dessen qualitative Ausprägungen nachzuvollziehen. Eine quantitative Analyse verbot sich aufgrund des Materialumfangs, der für eine theoretisierende Beschreibung mehr als ausreichend ist, sich aber nicht für eine empirische Datenerhebung eignet.1

Zwei soziologische Ansätze sind für das Verständnis der Schundkampagnen sinnvoll. Nach der Diskurstheorie wird soziale Wirklichkeit durch Diskurse vermittelt bzw. geschaffen. Diese Diskurse stehen in einem Wechselverhältnis zueinander und schaffen eine Ordnung der sozial relevanten Phänomene. Dahinter steckt der Gedanke, daß soziale Realitäten im Wesentlichen diskursiv zustande kommen und sich deshalb von den Diskursen her am besten kritisieren lassen.

Die Soziologie sozialer Probleme beschreibt eine bestimmte Form von Diskurs, nämlich die diskursive Etablierung eines Sachverhalts als sozial relevantes Problem.

2. Theoretische Grundlagen

2.1. Soziale Probleme

2.1.1. Sachverhalte und Problemmuster

Soziale Probleme sind Sachverhalte, die von kollektiven Akteuren als Problem wahrgenommen werden, das potentiell einen größeren Teil der Gesellschaft gemeinsam betrifft. Wesentlich für die öffentliche Wahrnehmung eines sozialen Problems ist jedoch nicht der Sachverhalt selber, sondern die Identifizierung durch die kollektiven Akteure, ohne die der Sachverhalt keine soziale Bedeutung entfalten kann. Aufgrund dieses Einwandes gibt es prinzipiell zwei theoretische Ansätze zum Komplex der sozialen Probleme, den konstruktionistischen und den objektivistischen. Letzterer geht davon aus, daß es Aufgabe der Soziologie sei, problematische Sachverhalte zu identifizieren und Lösungen zu produzieren. Als Problem gilt damit eine "objektive Differenz" zwischen gesellschaftlichen Werten und Realitäten. Der konstruktivistische Ansatz sieht das Problem als Produkt der öffentlichen Thematisierung und die Lösung als Teil des Konstrukts.2

Anhand teils exotischer Beispiele (Entführung durch Außerirdische, vgl. Schetsche 2000), deren zugehöriger Sachverhalt nicht emprirsch eindeutig festgestellt werden kann, argumentieren die Konstruktionisten, daß es irrelevant sei, ob ein Problem existiere oder nicht. Wesentlich sei die Problemkampagne, also der Prozeß der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Getreu dem konstruktivistischen Motto, daß wahr sei, was genügend Menschen für wahr hielten, reiche es, wenn das Problem kollektiv ernstgenommen werde. Aus Sicht des Objektivismus bedeutet diese Theorie eine Entwertung sozialer Phänomene, wenn nicht eine Verhöhnung der Betroffenen. (vgl. ebd., S. 11)

Schetsche schlägt ein Karrieremodell sozialer Probleme vor, in dem die Problemwahrnehmung durch kollektive Akteure und nicht die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Realitäten und Idealen, die diese Wahrnehmung ausgelöst haben mag, den Anfang bildet. Die Frage nach der Realität der Probleme ist damit ausgeklammert, zumal die Soziologie sowieso nicht immer über die Werkzeuge verfügt, eine gültige Antwort darauf zu liefern. (ebd., S. 217)

2.1.2. Bedingungen einer Problemkarriere

Schetsche (ebd.) beschreibt die Karriere eines sozialen Problems als Prozeß der Verbreitung eines Problemmusters, d.h. eines problembezogenen Deutungsmusters. Ziel des Prozesses ist die gesellschaftliche Anerkennung der Relevanz des Problems und die Einrichtung von Institutionen zu seiner Lösung (und zur weiteren Replikation des Deutungsmusters). Dieser Prozeß ist abhängig von mehreren Variablen, die teils das Muster selber, teils die Bedingungen der Verbreitung betreffen. (vgl. ebd., S. 99)

Das Muster muß einen neuen Sinnzusammenhang stiften. Je neuartiger (sensationeller) es ist, desto schneller wird es sich verbeiten. Es darf aber nicht so neuartig sein, daß es dem bisherigen Wissensstand der Rezipienten wderspricht und sollte an bisherige Wissensbestände anknüpfen können. Das bezeichnet Schetsche als "Kohärenz mit anerkanntem Wissen".

Verschiedene Medien erfordern die Übersetzung des Musters in unterschiedliche Codes. In einem wissenschaftlichen Artikel kann und muß anders argumentiert werden als zum Beispiel in einem Radiobericht. Insofern das Problemmuster über Medien transferiert wird (also eigentlich immer), muß es an diese Medien anpaßbar sein.

Damit sich ein Muster gut verbreitet, muß ein Anreiz geschaffen werden. Potentielle persönliche Betroffenheit ist z.B. ein solcher "Motor". Schetsche bezeichnet diesen Aspekt als "selbstreplikative Struktur des Musters". "Immunisierungsstragtegien" sichern das Muster gegen Kritik ab, am nachhaltigsten indem sie jede Kritik in ein Argument für die Richtigkeit des Musters verwandeln ("Diese Papiere sind so geheim, daß die Regierung ihre Existenz leugnen muß!" - vgl. ebd., S.210)

Besonders wichtig ist die "vollständige Dichotomisierung von Schuld": Konstitutiv für die Akzeptanz eines sozialen Problems ist die Schuldlosigkeit der Betroffenen. Außerdem verstärkt die "Personalisierung von Verantwortung" die Glaubwürdigkeit (Greifbarkeit) des Problems. Schuldige müssen also benannt und idealerweise zur Verantwortung gezogen werden können.

Besonders der letzte Punkt wird in Bezug auf die Mediengewalt immer wieder thematisiert: die Reduktion der gesellschaftlichen Verantwortung auf benennbare Individuen, am besten auf solche, mit denen eh niemand ernsthaft etwas zu tun haben möchte (deshalb vielleicht die abfällige Beschreibung der "Schund"- Produzenten als skrupellose Geschäftemacher), entlastet nicht nur von eigener Verantwortung; sie reflektiert das Problem zugleich auf die Matrix "Gut (wir) gegen Böse (die)" und gibt ihm ein greifbares Profil. Zudem eröffnet sie eine Handlungsperspektive: es muß nur "das Böse" besiegt werden, und das Problem ist beseitigt.

Nicht alle oben genannten Voraussetzungen können im Rahmen dieser Arbeit überprüft werden. So kann die Anpassung an verschiedene Transfermedien fünfzig Jahre später nur noch sehr selektiv oder unter großem Aufwand untersucht werden, der den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Die Entstehung institutioneller Handlungspraxen findet sich beim Schundkampf mit der Einrichtung der Prüfstellen und Selbstkontrollgremien sowie in der Stärkung der Bibliotheken, die sich über Heft- Umtauschaktionen als Anti-Schund-Institutionen etablierten. Doch auch diese Ebene, die im Übrigen anderswo ausreichend beschrieben ist, (z.B. Doderer 1988) fällt weigehend aus dem Rahmen dieser Arbeit, die sich eher auf die strukturellen, internen Eigenschaften des Problemmusters "Medienwirkung" konzentriert.

2.2. Diskurstheorie

Ein Diskurs ist die Summe aller Äußerungen, die zu einem Themenkomplex gemacht wurden und im Zusammenhang mit der sozialen und kulturellen Situation, in der sie entstanden sind, zu betrachten ist. Die einzelnen Äußerungen nehmen Bezug aufeinander und beeinflussen die Produktion späterer und auch die Rezeption früherer Aussagen. Althoff und Leppelt (1995, S.16) bezeichnen den Diskurs als "strukturiertes und strukturierendes Aussagesystem". Strukturierend, weil es durch die Beziehung zu anderen Diskursen und Praktiken ordnend in die Wirklichkeit eingreift, und strukturiert, weil die Produktion von Diskursen Regeln und Bedingungen unterliegt.

2.2.1. Foucaults Diskursbegriff

In der Diskursanalyse werden zwei für die Soziologie maßgebliche Diskursbegriffe unterschieden, die auf Habermas und Foucault zurückgehen. (vgl. Link/Link-Heer 1990, S. 89) Habermas beschreibt einen eher idealisierten Diskurs zwischen gleichberechtigten Akteuren, der voraussetzt, daß die Akteure einander als gleichberechtigt und vernünftig wahrnehmen. Die Akteure treten als autonome Subjekte in den Diskurs ein, der zwischen ihnen stattfindet. Foucaults Diskurs dagegen tritt gewissermaßen in die handelnden Subjekte ein 3 Der Diskurs formt in seinem Verlauf die Wahrnehmung seines Gegenstandes und damit den Gegenstand selber. Die öffentliche Problematisierung von sozialen Problemen kann als spezieller Diskurs in diesem Sinn begriffen werden: Ziel des Problemdiskurses ist es schließlich, die Wahrnehmung eines Problems zu formen.

Foucault unterscheidet zwischen diskursiven Praktiken, die über die Sprache vermittelt und Teil des Diskurses sind, und nicht-diskursiven Ereignissen, die nicht Teil des Diskurses sind, auf ihn einwirken, von ihm beeinflußt werden, aber nicht diskursiver Natur sind. Dazu zählen Institutionen, ökonomische Bedingungen etc., gewissermaßen die vor-diskursiven Sachverhalte. Untersucht werden bei Foucault aber nur die aus "diskursiven Ereignissen" bestehenden "seriösen Diskurse". Diese Trennung wird von Althoff und Leppelt in Frage gestellt. (ebd., S. 29) Auch nicht- sprachliche Ereignisse können als diskursive Praktiken verstanden werden, was sich besonders zeigt, wenn sich Akteure durch Gesten, aber schweigend, vom Diskurs distanziert, wie es im politischen Diskurs der Fünfziger Jahre teilweise die "Halbstarken" taten. Deren Krawalle konnten als "Ausbruchsversuche" (Schelsky 1963, S. 387f) und damit durchaus als Kommentar gesehen werden. In den Diskurs finden solche Praktiken aber erst Einlaß, wenn sie diskursiv aufgegriffen werden.

Indem sie kommentiert oder interpretiert werden, greift der Diskurs auf sie zu und stellt Beziehungen her zu anderen Gegenständen. Diese Herstellung von Sinnstrukturen durch Anordnung von Ereignissen gilt als die eigentliche Aufgabe des Diskurses.

Die Gesamtheit der diskursiven und nicht diskursiven Ereignisse bezeichnet Foucault als Dispositiv. Das Dispositiv ist gewissermaßen der Satz von Regeln, nach denen der Diskurs strukturiert ist und andere Diskurse "interdiskursiv" strukturiert. Zum Dispositiv des Schunddiskurses gehören neben den getätigten Aussagen auch die sozialen Bedingungen, unter denen er entstanden ist, das Verhältnis zu gesellschaftlichen Institutionen und wissenschaftlichen Fachdisziplinen etc. Das Dispositiv (re)produziert das gültige Wissen über den Gegenstand und bestimmt die Bedingungen, unter denen gültige Aussagen dazu gemacht werden können. Es weist über den Diskurs hinaus, indem es die Grundlagen für weitere Diskurse enthält. So kann angenommen werden, daß das "Schund-Dispositiv" eine der Grundlagen für das "Mediengewalt- Dispositiv" ist.

2.2.2. Macht

Institutionen wirken von außen über Verbote, Grenzziehungen und den "Willen zur Wahrheit" (Foucault 1991, S. 15) auf den Diskurs ein. Verbote können entweder thematische Tabus oder personenbezogene Zugangsbeschränkungen sein. So kann nicht jeder Mensch am akademischen Diskurs teilnehmen, weil der Zugang an Bedingungen geknüpft ist. Als Grenzziehung nennt Foucault vor allem die Grenzziehung zwischen Vernunft und Wahnsinn, die es ermöglicht, gültige von ungültigen Aussagen zu unterscheiden und letztere zu ignorieren. (ebd., S. 12) Bedeutend ist vor allem die Unterscheidung von "wahrem" und "falschem" Diskurs, die unter dem "Willen zur Wahrheit" thematisiert ist. Der Diskurs hat den Anspruch, die eine "wahre Wahrheit" (Althoff/Leppelt 1995, S. 34) zu produzieren. Durch diese Ausschließungssysteme wird der Diskurs kontrolliert, also der Macht unterworfen. Dadurch, daß er Gegenstand des Begehrens ist, erhält er aber auch Macht. Der "wahre" Diskurs ist ein Machtinstrument. "Denn der Diskurs - die Psychologie hat es uns gezeigt - ist nicht einfach das, was das Begehren offenbart (oder verbirgt): er ist auch Gegenstand des Begehrens; und der Diskurs - dies lehrt uns immer wieder die Geschichte - ist auch nicht bloß das, was die Kämpfe oder die Systeme der Beherrschung in Sprache übersetzt: er ist dasjenige, worum und womit man kämpft; er ist die Macht, deren man sich zu bemächtigen sucht." (Foucault 1991, S. 11) Macht im Foucaultschen Sinn ist keine Eigenschaft von Menschen; sie ist eine Eigenschaft der Dispositive, die man sich aneignen kann, aber nicht besitzt. Sie liegt in der Sogwirkung anerkannter Begriffe. Der Begiff Gewalt hat so eine Sogwirkung. Diese hat bewirkt, daß seit den Siebziger Jahren jede Problemdefinition durch die Kopplung an den Gewaltbegriff an Bedeutung gewinnt. (vgl. Eisermann 2000)

2.3. Anknüpfungspunkte beider Theorien

Den Begriff "Diskurs" in die Problemsoziologie zu integrieren, fällt leicht - immerhin erfolgt die öffentliche Thematisierung eines Problems über Diskurse. Bleibt die Frage, ob damit auch der Foucaultsche Diskursbegriff gemeint ist.

"Diskurs" bezeichnet zunächst nichts weiter als ein Ensemble aufeinander bezogener Aussagen. Der Foucaultsche Diskursbegriff geht insofern darüber hinaus, als er dem Diskurs eine Eigendynamik und mit ihr eine Machtfunktion zuschreibt. Insofern die Machtwirkung des Diskurses in der Problemsoziologie anderweitig berücksichtigt wird, dürfte der Alltagsbegriff für die Beschreibung einer Problemkarriere reichen.

Gemeinsam ist beiden Ansätzen die generelle Richtung. In beiden geht es um die Bedingungen der intersubjektiven Produktion von Gegenständen als gesellschaftlich anerkannter "Wahrheit" und die damit verbundene Produktion von Geltungsansprüchen. Beiden ist auch die Selbstreplikation in institutionalisierten Zusammenhängen gemein, etwa durch die Schaffung von Instituten, die das Bewußtsein für den Gegenstand aufrechterhalten, oder durch Anknüpfung an Fachdiskurse.

Beide münden damit in die Produktion eines Systems von diskursiven und nicht- diskursiven Praktiken, die auf den Gegenstand bezogen sind, also in die Entstehung von Dispositiven. Das Dispositiv weist jedoch über den Gegenstand hinaus. Es beinhaltet die Regeln für das Zustandekommen neuer, verwandter Diskurse.

Wenn wir die begrifflichen Grenzen zwischen den Ansätzen nicht zu eng ziehen, läßt sich damit sagen:

Eine erfolgreiche Problemkarriere kann zur Entstehung eines Dispositivs führen, das wiederum dazu beiträgt, unabhängig vom ursprünglichen Gegenstand weitere Problemwahrnehmungen zu produzieren. Die Wirkung solcher Dispositive ist auf der interdiskursiven Ebene zu beschreiben, die nicht mehr Gegenstand der Soziologie des "ursprünglichen" Problems ist.

2.4. Medientheoretische Überlegungen

Im Folgenden soll keine vollständge Medientheorie entfaltet werden. Es erscheint aber sinnvoll, einen Begriff von Medien zu haben, wenn über mediale Prozesse geschrieben wird. In diesem Fall sind gewissermaßen sogar zwei Begriffe vonnöten, die miteinander korrespondieren müssen. Studien, die etwa feststellen, daß die Wirksamkeit von Gewaltdarstellungen zweifelhaft sei, aber gleichzeitig die Wirksamkeit des Problemmusters "Gewaltinduktion" auf den Erfolg von Medienkampagnen zurückführen, benutzen zwei sich widersprechende Medienbegriffe. Der eine spricht den Medien die wirklichkeitsschaffende Wirkung ab, der andere zu.

Gerade in bezug auf die Wirkung von Medieninhalten ist die wichtigste Frage, ob dem Publikum eine aktive oder passive Roille zukommt. Die meisten kritischen Medientheorien scheinen von einem weitgehend passiven oder in die Passivität getriebenen Publikum auszugehen. Das Zusammenspiel der Medieninhalte ist geeignet, eine vorhandene Passivität noch zu verstärken und zu bestätigen. Passivität wird belohnt, durch mehr Informationen, Unterhaltung, manchmal sogar durch Geldpreise, wenn etwa Publikumsfragen gestellt werden, die nur durch ständiges "Dabeisein" beantwortet werden können. Aktivität im Sinne der Aneignung kritischer Medienkompetenz dagegen wird innerhalb des Systems der Massenmedien kaum belohnt und deswegen auch nicht "von selbst" entfaltet. (vgl.Horkheimer/Adorno 1988)

Massenmedien und Gesellschaft stehen in einem engen Wechselverhältnis zueinander. Genauso wie Medieninhalte gesellschaftlich vorprogrammiert sind und sich an gesellschaftlichen Werten orientieren, prägt die Verbreitung von Meinungen und Werten über Medien wiederum diese Vorstellungen. (Daraus folgt, daß die Massenmedien tendenziell konservativ sind.) Die Dialektik dieses Wechselverhältnisses verliert sich teilweise in den Produktionsverhältnissen, denn nicht alle Mitglieder der Gesellschaft haben gleichen Zugang zu den Massenmedien. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht, das in etwa den gesellschaftlichen (nicht unbedingt den politischen) Machtverhältnissen entspricht und auf die Wahrheitsproduktion in den Medien einwirkt.

Nachrichten formen Wirklichkeit durch Wahl des Themas, der inhaltlichen Schwerpunktsetzung, durch Bereitstellung einer Deutung, der durch die Repräsentation in den Medien mehr oder weniger Gültigkeit zukommt. Fiktive Darstellungen produzieren ebenfalls tendenziell Wirklichkeit, indem ausgewählte Wertvorstellungen propagiert oder kritisiert werden. Bei fiktiven Darstellungen fällt es jedoch leichter, diesen Auswahlprozeß als Spiel zu verstehen und sich, eben spielerisch, darauf einzulassen. So ist es z.B. nicht nötig, die Berechtigung einer "Lizenz zum Töten" anzuerkennen, um einen James-Bond-Film zu genießen.

Baudrillard (1978) betrachtet die Darstellung und Reproduktion von Wirklichkeit durch die Medien nicht als Wirklichkeitserklärung, sondern als produktives Spiel, als Simulation der Wirklichkeit, und damit unbedingt als Fiktion. In gewisser Weise findet ein solches Spiel in jeder Medienrezeption bereits statt.

Denn während zwar die medialen Informationen als Wirklichkeit akzeptiert werden4, ist immer wieder von denselben Leuten zu hören, man dürfe nicht alles glauben, was in der Zeitung stehe. Das Publikum beteiligt sich am Spiel um die Wahrheit, indem es Glaubwürdigkeit attestiert oder abspricht, sene eigenen Wertvorstellungen mit dem Dargestellten vergleicht und es glaubt oder nicht.

Die Rezeption von Massenmedien ist also in hohem Maße von Faktoren abhängig, die außerhalb der Medien liegen: den Wertvorstellungen, Kompetenzen und Plausibilitätsmaßstäben, die sich das Publikum nur außerhalb des Konsums aneignen kann, und den Kommunikationsstrukturen, innerhalb derer es die Verarbeitung von Informationen vollzieht.

3. Bisheriger Forschungsstand

3.1. Kampagnen

Der Themenbereich der Schundkampagnen, seien es die der Kaiserzeit, der Weimarer Republik oder der frühen Bundesrepublik, ist reichlich behandelt worden. Besonders im Bereich der Comics ist hier in den letzten Jahren dank des Einsatzes des Interessenverband Comic (ICOM) und der Meininger Staatsanwaltschaft einiges erschienen. (vgl. Schnurrer 1996, Ihme 2002) Die Zeit nach 1945 ist seit etwa Anfang der Achtziger wiederholt kritisch aufgearbeitet worden. (Doderer 1988, Maase 1992).

Mit einiger Zeit Abstand lassen sich ehemals dringende soziale Probleme wie die Schundliteratur mit relativem Gleichmut betrachten. Besonders wenn man selber einer Generation entstammt, die die Gefahr ohne größere Schäden überstanden zu haben glaubt. Anders sieht es mit gegenwärtigen Medien aus, deren Bedrohlichkeit, obwohl ähnlichen diskursiven Praktiken entlehnt, unberechenbarer erscheint. Wenn es zwischen diesen Situationen einen Zusammenhang gibt, dann besteht der darin, daß es eine spezifische Medienkompetenz erfordert, ein Medium und seine Wirkungen zu beurteilen, ohne den Blick dafür zu verlieren, wo die Medienwirkung aufhört und die Paranoia anfängt.

Damit wird die Kritik von Medienkampagnen fast zwangsläufig ein Thema für die historische Forschung. Die Studien, die sich mit vergangenen Kampagnen befassen, bleiben entsprechend oft leider auf einer deskriptiven Ebene der Rekonstruktion stehen. Eine Theoriebildung, die auch für die Gegenwart relevante Ableitungen enthielte, ist seltener. Allerdings kommt vielen Texten das Verdienst zu, einzelne Aspekte der Schundkampagnen im Sinne theoretischer Fragestellungen fruchtbar gemacht zu haben. Auch die Parallelen zwischen verschiedenen Kampagnen waren wiederholt Thema der Forschung.

Zu den bekannteren Ergebnissen der Auseinandersetzungen mit Schundkampagnen gehört die Feststellung, daß jedes Medium eine Phase der gesellschaftlichen Ablehnung durchmacht. Auf diesen zyklischen Charakter verweisen etwa Fischer, Niemann und Stodiek (1996). Sie kommen zu dem Schluß, daß es sich bei der anhaltenden und fruchtlosen Diskussion über Mediengewalt wohl eher um eine "politische Ersatzhandlung für unbestreitbar notwendige Maßnahmen zur Eindämmung gesellschaftlicher Gewalt" (ebd., S. 280) halte.

Ein allgemeingültiges Schema des Schundkampfes beschreibt Maase in seinem Aufsatz "Der Schundkampf-Ritus" (1994). Demnach wird dieser "Ritus" immer dann vollzogen, wenn die Werte der Gesellschaft bedroht erscheinen. Ziel ist weniger, Verantwortliche für die jeweilige Krise zu finden, wie das viele Autoren formulieren, als die Werte, um die es geht, exemplarisch neu zu formulieren und dadurch zu festigen. Analog zur Kriminalität, deren gesellschaftliche Funktion darin gesehen werden kann, eine Vergewisserung der Gültigkeit rechtlicher Normen zu schaffen, bestätigt der Schundkampf-Ritus moralische Normen und benennt zugleich gesellschaftlich unerwünschte Inhalte.

Die Machtfunktion von Schunddiskursen beschreibt von Saldern (1993). Ihr Interesse liegt dabei vor allem auf der Frage, wer wen mit den Mitteln des Schundkampfes unter Kontrolle halten wollte. So richtete sich der Schunddiskurs der Kaiserzeit nicht nur gegen die Wirkungen auf Kinder, sondern vor allem gegen ein Erstarken der literalisierten Arbeiterschaft.

Eisermann (2000) untersucht den neueren Diskurs über Mediengewalt, genauer Fernsehgewalt, mit konstruktivistischen Begriffen und betrachtet ihn als Reaktion auf einen allgemeinen "Boom" des Gewaltbegriffs. Zuvor waren Kriminalität und Sexualität in Bezug auf die Medien vor allem unter der Perspektive der sittlichen Verwahrlosung thematisiert worden, aber mit der Thematisierung von Gewaltverhältnissen in anderen Diskursen wurde dieser Begriff auch in der Medienwirkungsforschung erkenntnisleitend. Zugleich nahm die Bedeutung der "Sittlichkeit" in der Gesellschaft ab und eignete sich nicht mehr als Argument im Schundkampf.

3.2. Wirkungen

Bis heute ist sich die Forschung nicht einig, welche Wirkung die Darstellung von Gewalt auf Jugendliche hat. Schätzungsweise über 5000 Studien (Kunczik/Zipfel 2002, S. 149) sind inzwischen zu diesem Thema entstanden.

Anderson (nach Giddens 1995, S. 478) hat zwar in einem Sample von 67 Studien 50 (75%) gefunden, die einen Zusammenhang zwischen Mediengewalt und Aggression nachweisen konnten, diese Studien "unterscheiden sich jedoch sehr stark hinsichtlich der verwendeten Methoden, der Stärke des Zusammenhangs (...) sowie auch in bezug auf die Definition von 'aggressivem Verhalten." (ebd.) Kunczik (1989) erweitert diese Liste um verschiedene Aspekte von Gewalt. Weder Gewalt selber noch die Art der Darstellung noch die Eingrenzung des einzelnen Gewaltakts seien übereinstimmend operationalisiert. Auch die Art des Medienkonsums und die Medienkompetenz der Probanden sind nicht ausreichend operationalisiert, denn die meisten Studien sehen die Rezipienten der Medien als passive Konsumenten (die den Inhalten ausgeliefert sind) und nicht als aktive Teilnehmer, die sich die Medieninhalte anhand eigener, entwickelter Bedürfnisse zusammenstellen. (vgl. Giddens 1995, ebd.)5

Die gängigsten Theorien sollen im Folgenden kurz zusammengefaßt werden..

3.2.1. Die "naiven" Theorien

Die beiden wohl populärsten Theorien sind seit über hundert Jahren die "Nullhypothese", nach der Gewaltdarstellungen in Medien überhaupt keine Wirkung haben, und die "Nachahmungsthese", nach der Gewaltdarstellungen unbedingt zur Nachahmung reizen. Beide sind naiv in dem Sinne, daß sie praktisch keine medientheoretische Grundlage haben.

Eine der wenigen gesicherten Erkenntnisse über Medienwirkungen ist, daß es welche gibt. Sonst gäbe es keine Medien, denn einen so komplexen und teuren Apparat wie die Massenmedien würde niemand unterhalten, wenn damit nichts zu erreichen wäre. Die Nullhypothese, die immer noch gerne von Vertretern der betroffenen Mediensparten vertreten wird, kann also gar nicht stimmen.

So wie die Nullhypothese von einem allzu vereinfachten Bild der Medien ausgeht, liegt der Nachahmungsthese ein unverantwortlich vereinfachtes Bild der Konsumenten zugrunde. Sie wird gewöhnlich mit dem Hinweis auf Millionen nicht- aggressiver Konsumenten widerlegt.

Auf der These aufbauend, gibt es die Suggestionsthese, die zumindest für bestimmte Konsumenten unter bestimmten Bedingungen eine Nachahmung für möglich hält.

Diese These setzt aber zusätzliche Faktoren voraus.

3.2.2. Katharsisthese

Ebenfalls beliebt ist die Katharsis-These, nach der das stellvertretende Ausleben von Aggression in den Medien hilft, diese Aggressionen abzubauen. Die Folge dieser These wäre, so Selg (1997), möglichst viele Gewaltfilme zu fordern. Daß dies niemand tue, liege daran, daß "jeder spürt, daß es eine solche Katharsis nicht gibt." 6 Feshbach meinte zunächst, diese These belegt zu haben, mußte diesen Schluß aber später korrigieren. (vgl. Kunczik/Zipfel 2002, S. 153). Die These gilt in der Forschung inzwischen als "empirisch widerlegt". (ebd.) Leider ist es im Rahmen dieser Recherche nicht gelungen, festzustellen, wann und von wem sie widerlegt wurde. Kunczik verweist auf seine eigene Argumentation (1977), aber mit der widerlegt er, streng genommen, nur Feshbachs angeblichen Beweis. Bleibt festzuhalten, daß es zur Zeit keine gültigen Ergebnisse zu geben scheint, die die These stützen.

3.2.3 Inhibition und Habitualisierung

Nach der Inhibitionsthese kann die Darstellung von Gewalt aggressionsmindernd wirken, indem durch Ängstigung der Konsumenten eine abschreckende Wirkung produziert werde. (vgl. Kunczik/Zipfel 2002, S. 153) Diese These ist zwar empirisch belegt, aber auch keine gute Grundlage für Medienpolitik. Zum Einen hängt die ängstigende Wirkung stark davon ab, ob der Rezipient Gewalt gewohnt ist oder nicht. Zum Anderen wird niemand fordern wollen, Kinder durch Furcht von der Gewalt abzuhalten.

Nach der Habitualisierungsthese hat die Gewalt zudem den gegenteiligen Effekt: die Gewöhnung an Gewaltdarstellungen stumpfe die Rezipienten ab, so daß ihnen Gewalt nichts ausmache. Diese These korrelliert mit dem Schundkampf-Argument, daß die Empathiefähigkeit unter den Gewaltdarstellungen leide, konnte aber bislang nicht belegt werden (ebd.)

3.2.4. Lerntheorie

Die Theorie des Modellernens besagt, daß Kinder sich Verhaltensmuster durch "Abgucken" von Vorbildern aneignen. Das können auch positiv besetzte Figuren aus Medien sein. Bandura, auf den diese Theorie zurück geht, meinte zunächst (1963), damit die gewaltfördernde Wirkung belegt zu haben, hat diesen Schluß aber inzwischen revidiert. Die Wirkung sei von zu vielen anderen Faktoren abhängig, und Verhaltensmuster ergeben sich erst nach Übernahme vieler Einflüsse, die in die gleiche Richtung weisen.

3.2.5. Folgerung

Dies sind nur die allergängigsten Theorien, aber auch sonst hat sich bislang kein monokausaler Zusammenhang zwischen Mediengewalt und Aggression feststellen lassen.

Es gibt zwar Korrellationen, aber von diesen auf einen Kausalzusammenhang zu schließen, ist wissenschaftlich nicht gerechtfertigt. Gewalt ist abhängig von mehreren Faktoren, und die meisten davon (etwa die familiäre Situation) haben sicherlich größeren Einfluß auf ein Kind als Gewaltakte im Fernsehen. Diese können aber, wenn andere Faktoren gegeben sind, verstärkend wirken. Moralisch verwirrte Menschen können durch Mediendarstellungen auf die Idee kommen, daß asoziales Verhalten "in Ordnung" sei, und aggressive Menschen können bestätigt werden. Auch bei Ausbleiben anderer Einflüsse, wie es bei allzu starkem Medienkonsum attestiert wird, kann diese Verwirrung sich festigen. Das Gros der Konsumenten dürfte aber keine nennenswerten Effekte verspüren. Es muß auch beachtet werden, daß die Medieninhalte wiederum heterogen sind.

Die geringe Signifikanz, die sich aus Meta-Analysen ergibt, deuten Kunczik und Zipfel als Beleg für die Lerntheorie, nach der eine größere Signifikanz für einen einzigen Faktor auch nicht zu erwarten sei.

Mit Eisermann (2000, S. 125) läßt sich aber auch eine andere Deutung anstellen: vielleicht ist einfach die Frage falsch gestellt. Vielleicht würde eine Studie, die wertfrei nach Gewaltursachen sucht, oder eine, die wertfrei Medienwirkungen untersucht, von selber gar nicht auf einen signifikanten Zusammenhang zwischen Mediengewalt und aggressivem Handeln kommen. Alle Studien, die in diesem Zusammenhang angestellt wurden, heben aber einen solchen Zusammenhang, entweder positiv oder negativ, in den Mittelpunkt der Betrachtung und suchen gezielt danach. Als Ergebnis wird die geringste Signifikanz bereits als Hinweis gedeutet und so die Bedeutung der Daten verzerrt.

4. Gesellschaftliche Bedingungen

4.1. Der "alte" Schunddiskurs

Vorbehalte gegen neue Medien hatte es immer gegeben, auch gerade gegen Trivialmedien, aber mit der Literalisierung und der Verbreitung der Kolportageromane im 19.Jh. bekam die Auseinandersetzung eine neue Qualität als breites gesellschaftliches Problem. Zunächst ging es weniger darum, was gelesen wurde, als wer wieviel las. Die neue "Lesewut" betraf vor allem Bedienstete und Frauen. (Schultze 1909, S. 22)

Ein weiterer Kreis von Schundkonsumenten war die gerade literalisierte Masse der Arbeiter. (vgl. v. Saldern 1993) Der Verdacht, daß diese Masse durch das Lesen politisiert und den etablierten Klassen gleichgestellt werden könnte, mag eine Rolle gespielt haben; dagegen spricht höchstens die Klage von links, die Leute sollten nicht so viel Schund und mehr politische Schriften lesen. Nichtsdestotrotz mag hier ein Grund zu sehen sein, warum die pure Verbreitung des "Schunds" als Argument gegen ihn ausreichte. Umso mehr, weil der Hintertreppenhandel schwer von oben zu kontrollieren war. Die "Kolportage" galt damit als Risiko.

Ein anderer Verdacht mag gewesen sein, daß die Jugendlichen der etablierten Schichten dadurch "verpöbelt" würden. Dieser Verdacht korrespondiert mit dem Gedanken der "Vermassung" durch Massenmedien und mit dem Argument des Sittenverfalls, das bereits den frühen Schundkampf in Deutschland kennzeichnete.

Wie Maase (1997) im internationalen Vergleich feststellt, war Deutschland eins der wenigen Länder, die den Schunddiskurs nicht nur auf Obszönitäten beschränkte. Vielmehr galt der "Schund" hierzulande als Angriff auf die gesamte Wertordnung. Die Verbindung Schund - Sittenverfall war damit bereits geschlossen.

Es lag nahe, auch andere Merkmale des Sittenverfalls am Einfluß der Schundliteratur festzumachen, etwa die Homosexualität Jugendlicher oder die Bildung von Banden, die mit einer Räuberromantik einherging. Hier zeigte sich, wenn schon kein logisch begründbares Kausalverhältnis, doch eine Korrelation zu den Inhalten der Schundliteratur, die sich an Einzelfällen verdeutlichen ließ.

Schultze (1909) unterscheidet zwei Arten von Schundliteratur: die "harmlosere", die nur verrohe und den literarischen Geschmack verderbe, und die "gefährliche", die das Weltbild verzerre und zur Nachahmung reize. Die Möglichkeit kriminogener Wirkung erschien selbstverständlich: "Die Behauptung von der verbrechenszüchtenden Wirkung bedarf eigentlich kaum eines Beweises." (ebd., S.24) "Zu allem Überfluß" (ebd.) führt Schultze einige Beispiele auf, die im Wesentlichen die Wirkung der Schundliteratur auf die Art der Ausübung von Verbrechen illustrieren.

"Sittliche Verwahrlosung" und Verbrechen ergeben 1909 noch eine Einheit: viele der aufgezählten Verbrechen sind Sittlichkeitsdelikte wie etwa homosexuelle Akte, die damals noch verboten waren.7

Der einflußreiche Jurist Albert Hellwig untersuchte 1911 und 1913 die Auswirkungen besonders der "Schundfilms" auf kriminelles Verhalten. Das Ergebnis war alles andere als signifikant, veranlaßte Hellwig aber nicht, von seiner Vorstellung der Medienwirkung abzurücken. Kritisch betrachtet, kennzeichnen Hellwigs Ergebnisse die Annahme der verderblichen Einflüsse doch eher als Glaubenssache. Hellwigs Einfluß dürfte in jedem Fall dazu beigetragen haben, diesen "Glauben" zu festigen.

Mit dem Beginn des ersten Weltkriegs endete der Schundkampf fürs erste, um in der Weimarer Republik, die von den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen her der Zeit nach 1945 ähnelte, wieder aufgenommen zu werden.

Diesmal erschien das Aufkommen des "Schunds" als Folge der Demokratisierung und wurde gern als Argument für eine stärkere Führung benutzt. (Maase 1997) In der literarischen Welt (und in der gleichnamigen Zeitschrift, vgl. Benfeld 1926) wurde die Initiative zum Schmutz- und Schundgesetz mit Sorge verfolgt. Die Gefahr einer Zensur, die nicht bei eindeutigen Schundschriften stehenbliebe, erschien schwerwiegender als die Gefahr durch den Schund. Es zeigten sich die gleichen Konfliktlinien wie 25 Jahre später.

Beendet wurde diese Phase schließlich von konservativer Seite - durch die Zensur der Nationalsozialisten.

4.2. Comics in den USA

Der in den USA geführte Diskurs über die Wirkungen von Comics ist nicht nur in bezug auf die deutsche Rezeption der Comics, sondern auch als Vorgriff auf die Verknüpfung von Medieninhalten mit dem damals als neu empfundenen sozialen Problem der Jugendkriminalität bedeutsam. Dieses wurde nach dem Krieg als besonders ausgeprägt wahrgenommen. Bis heute ist umstritten, ob es eine besonders hohe Jugendkriminalität überhaupt gab. Fördernde Faktoren waren in der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft durchaus vorhanden, aber es mag sein, daß die Wahrnehmung eines Anstiegs eine subjektiver Eindruck war, vermittelt durch eine verstärkte Presseberichterstattung und die öffentliche Präsenz von Jugendlichen. (Nyberg 1998, S. 19f)

Der Zusammenhang mit Comics wurde insbesondere von Fredric Wertham propagiert, der deshalb in der Comicszene als erzkonservativer Aktivist gegen die freie Meinungsäußerung gilt. (vgl. Abel 2001) In Wirklichkeit war Wertham engagierter Zensurgegner (solange es um Erwachsenenmedien ging) und zudem einer der ersten forensischen Psychologen in den USA, die auch für Afroamerikaner aussagten.

Außerdem war er Gründer der Lafargue-Klinik in New Yorks Problemstadtteil Harlem, in der farbige Kinder für nur 50 Cents psychiatrisch behandelt wurden.

In der Praxis mit kriminellen Jugendlichen stieß er auf den Umstand, daß 90% seiner Patienten die sogenannten Crime Comics gelesen hatten und sich darauf bezogen. Als ihm einige der Hefte vorgelegt wurden, war er schockiert, und ungeachtet der Tatsache, daß 90% der nicht-kriminellen Kinder dieselben Comics lasen, sah er eine potentielle Verbrechensursache in den Heften und wurde zu einem der engagiertesten Anti-Comic-Aktivisten der USA.8

Wertham war ein talentierter Populist, schrieb Aufsätze, trat im Fernsehen und Radio auf, kurz: er adaptierte das Problem für verschiedene Transfermedien (vgl. Schetsche 2000, S. 99) und wurde zum Inbegriff der Anti-Comic-Kampagnen, die es zwar vor seinem Engagement schon gegeben hatte, die aber eher ein Schattendasein geführt hatten.

Als die Kampagnen etwas an Schwung verloren hatten, verfaßte Wertham die Kampfschrift "Seduction of the Innocent", in der er seine Forschungen der letzten sechs Jahre zusammenfaßte. Es ist das typische Schundkampf-Buch und enthält alle Strategien und Thesen, die ein Schundkampf-Buch hat, abgestützt durch Fallbeschreibungen aus Werthams Praxis. Diesen Beschreibungen nach war Wertham überall auf Hinweise auf die schädliche Wirkung der Comics gestoßen, selbst wenn er nicht danach gesucht hatte. (Wertham 1954, S. 68) Allerdings wird auf den zweiten Blick deutlich, daß er sehr wohl sehr gezielt gesucht hatte und zudem bei den Kindern in der Klinik für sein Verhältnis zu den Comics bekannt war - er mußte also irgendwann gar nicht mehr selber suchen.

Der Comic-Konsum konnte Wertham zufolge viele Wirkungen haben, von der Verzerrung des Weltbildes über die Verderbung des literarischen Geschmacks bis zur Nachahmung von Verbrechen. Trotzdem ging Wertham nicht davon aus, daß Comics der einzige Faktor wären. Vielmehr sah er sie in einem Zusammenhang mit einer allgemeinen Stimmung in der amerikanischen Kultur, die er später (1966) als "Cult of Violence" bezeichnete.

Der interessanteste Defekt durch Comics dürfte die "linear dyslexia" sein, eine von Wertham diagnostizierte Leseschwäche, die alles betrifft, das als Fließtext geschrieben ist und eine größere Zeilenbreite hat als eine Sprechblase.

Unberücksichtigt läßt er die schwache Schulbildung farbiger Kinder in den USA, die sicherlich sowohl zum Comickonsum als auch zu dieser Leseschwäche beitrug.

Trotz dieser viel kritisierten Mängel wurden das Buch und sein Autor zu wichtigen Faktoren bei der Einrichtung von Senatsanhörungen zum Problem der Comics.

Werthams Hoffnung, daß die Anhörungen zu einem generellen Jugendverbot für Comics führen würden, wurden enttäuscht. Doch die Verlage standen so unter Druck, daß sie das Selbstkontrollgremium Comics Code Authority (CCA) gründeten und einen Comics Code nach dem Modell des Hays Code verfaßten, der seit den Dreißigern für Filme galt.

Die Debatten um die Comics wurden in der BRD der späten Vierziger durchaus wahrgenommen. (Mühlen 1949) Interessant ist, daß es zu diesem Zeitpunkt noch praktisch keine Comics in der BRD gab. (Dolle-Weinkauff 1990, S. 21ff) Zumindest auf die deutsche Rezeption von Comics, wenn nicht überhaupt auf den Schunddiskurs, hat die Debatte starken Einfluß gehabt.

4.3. Die Nachkriegszeit

Die Nachkriegszeit war bestimmt von Armut, Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit sowie dem Auseinanderreißen von Familien. Ein Großteil der frühen Nachkriegsdelinquenz (z.B. Schwarzmarkthandel) stand im Zusammenhang mit sozialen Mißständen und dem Versuch, sich irgendwie zu behaupten.

Familien waren durch den Krieg auseinandergerissen worden, Mütter mußten alleine für den Unterhalt der Kinder sorgen, die Kinder mußten so früh wie möglich dabei helfen und bereits jung am Erwachsenenleben teilhaben. Die lange Trennung von den Vätern brachte nicht nur Unsicherheit über bisherige Rollenverhältnisse mit sich, sondern auch eine Relativierung väterlicher Autoritäten, wenn sie denn wiederkamen. Viele Ehen waren im Krieg voreilig geschlossen worden und entpuppten sich nach dem Krieg als Krisenherd. Scheidung dagegen galt damals noch nicht als angemessenes Problemlösungsmittel in solchen Ehen, sondern als weiteres Problem, das die Betroffenen in Konflikt mit der Werteordnung brachte.

Kurz gesagt, die Familie der Fünfziger Jahre war nicht der soziale Ruhepol, der sie nach Auffassung der Jugendschützer hätte sein sollen, und eine angemessene Sozialisationsinstanz konnte sie erst recht nicht werden.

Auch die geistigen Folgen des Kriegsendes sind nicht zu unterschätzen. Das alte Regime war besiegt, die Ungerechtigkeiten der jüngsten Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet, und wenn es nach vielen Deutschen jener Zeit gegangen wäre, hätte die Nazizeit gar nicht schnell genug vergessen werden können. Der Enthusiasmus der Wiederaufbauzeit hingegen, der einiges der Vergangenheit zur schlechten Erinnerung verblassen ließ, hatte noch nicht eingesetzt.

Mit den Nürnberger Prozessen schien das Naziregime gebannt. Berühmt geworden ist der häufige Ausspruch, man habe von Konzentrationslagern nichts gewußt. Das ist in der heutigen Informationsgesellschaft schwer vorstellbar, und zumindest Gerüchte wird es gegeben haben. Der Ausspruch ist aber weniger symptomatisch für die Informationslage der Nazizeit als für das Interesse der Deutschen, nichts mehr davon wissen zu wollen.

Jovanovic und Koch (1999) sehen einen engen Zusammenhang zwischen der mangelnden Aufarbeitung des Nationalsozialismus und den Schundkampagnen. Sie sehen den häufigen Hinweis (etwa in Baumgärtner 1965) auf totalitäre Momente in den Comics als stellvertretende Aufarbeitung des eigenen totalitären Erbes. Auch Kaspar Maase sieht einen der Hauptunterschiede zu früheren Schundkampagnen darin, daß der Schund nicht mehr als Krankheit der Demokratie gesehen wurde, sondern als Restbestand totalitären Denkens. Teilweise mag das richtig sein. Viele Autoren sahen in den großen blonden Helden und den kleinen, fremdländischen Bösewichtern rassistische Züge. Aber nicht nur der Faschismus wurde als Schundgefahr gesehen, auch der Kommunismus sollte davon profitieren können. (Zeiger 1952, S.67) Der "Schund" wurde als Ausdruck amerikanischer Ausbeutung (ebd., S. 66), liberaler Permissivität und der Säkularisierung gesehen.

Auf jeden Fall ist der protektionistische Zugriff auf Jugendmedien ebenso wie die Debatten um gute Jugendbücher, die einigen Akteuren zufolge nicht harmlos genug sein konnten, als Reaktion auf die Bedingungen der Zeit zu sehen.

Das verständliche Bedürfnis, einen schuldfreien Neuanfang zugestanden zu kriegen, drückt sich deutlich in der Kinderliteratur der Nachkriegszeit aus. Wie Kaminski (1988) feststellt, hatte diese zumeist einen stark eskapistischen Charakter. Das Zusammenleben in der Familie wurde idealisiert und die sozialen Realitäten ausgeklammert, um den Kindern eine sorglose Welt zu zeigen. Eine Auseinandersetzung mit der äußeren Realität gab es in den Büchern kaum, mit der jüngsten Vergangenheit noch weniger. Die Meinung, Kinderbücher sollten Kinder auf diese Realität vorbereiten, wurde diskutiert, setzte sich aber nicht durch. Dafür waren viele Bücher religiös geprägt. Das liegt nur teilweise an der Sinnstiftungskapazität des Glaubens; es war auch einfach so, daß der Kirche Vorteile bei der Papierzuweisung eingeräumt worden waren.

4.4. Jugendkriminalität

Die Jugendkriminalität wurde in den Fünfzigern in weiten Kreisen als zentrales soziales Problem betrachtet. Es gab Tagungen und Debatten in Regionalparlamenten (während das Thema im Bundestag eher am Rande verhandelt wurde). Die Bedeutung des Themas wird allerdings ein wenig eigeschränkt durch den häufig geäußerten Zweifel, ob es überhaupt den dramatischen Anstieg der Jugendkriminalität gegeben habe, der Ausgangspunkt der Diskussionen gewesen war.

4.4.1. Statistische Zusammenhänge

Mit einiger Sicherheit läßt sich sagen, daß ein Anstieg der Jugendkriminalität zumindest subjektiv wahrgenommen wurde. Dieser Anstieg ist jedoch schwer mit Zahlen zu belegen.

Zunächst war es schwierig, gültige Kriminalitätsziffern für den Zeitraum vor 1954 zu finden, die einen Vergleich zugelassen hätten. Zwar waren Straftaten erhoben worden, doch der Abgleich mit der Bevölkerungszahl war angesichts der kriegsbedingten Fluktuation der strafmündigen Bevölkerung schwierig. (vgl. Kennert 1957) Dazu kamen eine neue Gesetzeslage und Rechtsprechung, die den Vergleich ebenfalls erschwerten. Kennert beobachtet für die Zeit nach der Währungsreform eine Abnahme der Kriminalität und schließt, daß der vorige angenommene Anstieg nachkriegsbedingt und nicht alarmierend sei. Dagegen geht Marquardt (1961) von einer neuartigen Lage aus, die auch nicht mehr nur mit der Nachkriegssituation erklärt werden könne.

Alles in allem scheint die Kriminalität nach dem Krieg ebenso stark angestiegen zu sein wie nach dem ersten Weltkrieg, sank dann aber langsamer, was meist mit der Zunahme der Verkehrsdelikte, zu denen vorher einfach nicht die Möglichkeiten gegeben waren, erklärt wurde. (vgl. Rommeney 1957) Ob die Kriminalitätsziffern jedoch alarmierend waren oder nicht - die Kriminalität war subjektiv ungewohnt hoch und korrespondierte mit anderen Beobachtungen, wie dem allgemeinen Sittenverfall. Auch wurde - wiederum subjektiv - ein Anstieg der Schwere der Kriminalität bemerkt. Auch die Verkehrsdelikte wurden als Ausdruck einer zunehmenden Brutalisierung der Gesellschaft gesehen und so in den Zusammenhang des Sittenverfalls gestellt, der nicht zuletzt auch eine Verminderung gesellschaftlicher Verantwortung und ein Abstumpfen des Empathievermögens bedeutete. Damit steht der Kriminalitätsdiskurs im Zusammenhang mit dem allgemeineren Verwahrlosungsdiskurs.

Aus Jugendschutzperspektive ist die Jugendkriminalität nur ein Ausdruck der allgemeinen Jugendverwahrlosung und wird im Diskurs parallel zu dieser verhandelt. Zusammengefaßt wurde der Komplex unter dem Begriff "Jugendnot".

4.4.2. Ursachen

Wie Näf (1953) richtig feststellt, können die Ursachen abweichenden Verhaltens immer nur anhand von plausiblen Erklärungsangeboten intuitiv verstanden werden. Eine "echte" Kausalität kann bei psychischen Prozessen aber kaum hergestellt werden.9

Der Streit, ob Kriminalität von angeborenen Anlagen oder von angeeigneten Umweltfaktoren bestimmt sei, war zur Zeit des "Schundkampfes" bereits mit einem klaren Unentschieden beigelegt worden. Die übliche Vorstellung war, daß sowohl Anlage- als auch Umweltfaktoren zur Entwicklung krimineller Eigenschaften beitragen konnten, wenn auch im Einzelnen nicht mußten. Die Folge dieser Entwicklung war zum Einen, daß kriminelles Handeln nicht mehr als zwangsläufige Folge ungünstiger Umstände betrachtet wurde, und zum Anderen, daß nicht nur der jeweilige Täter, sondern auch seine Umwelt einen Teil der Verantwortung trug. (Grassberger 1956, S. 115)

Im Wesentlichen wurden drei Typen von Tätern unterschieden (mit unterschiedlichen Termini, aber mit der gleichen Tendenz): Neigungstäter, worunter Psychopathen und pathologische Anlagetäter fielen, "Verwahrloste" und Gelegenheitstäter. Insofern hier psychologische Ursachen betrachtet wurden, betrafen sie tendenziell vor allem die Verwahrlosungstäter, soziale und wirtschaftliche Ursachen eher die Gelegenheitstäter.

In der Tradition der Tiefenpsychologie vor allem Adlers (vgl. ebd.), galt die Familie als ausschlaggebend für das spätere Verhalten Jugendlicher. In Einzelfallanalysen kommt immer wieder ein krisenhafte Elternhaus zur Sprache sowie ein gespanntes Verhältnis zu Autoritätspersonen, das teilweise mit dem Generationskonflikt, teilweise mit dem Ende des Nationalsozialismus erklärt wurde. (Vgl. Kap. 4.3.) Viele jugendliche Täter kamen aus Familien mit krimineller Vorbelastung, was wohl weniger aufgrund der Vorbildfunktion als aufgrund der sozialen Randlage signifikant war.

Unter den kriminalitätsfördernden Umständen jener Zeit wurde vor allem die soziale Situation der Nachkriegszeit genannt. (vgl. Kap. 4.3.)

Die ungünstige Wohnsituation trieb viele Jugendliche auf die Straße, wo ihre Präsenz für viele Erwachsene, die im müßigen Herumhängen einen Angriff auf ihre Werte sahen, allein schon bedrohlich gewirkt haben mag.

Die Jugendlichen bildeten Banden (und kultivierten ihre Präsenz als Statussymbol), gingen lieber ins Kino als nach Hause oder trafen sich an Kiosken, wo Comics und Schundhefte angeboten wurden. Der Zugang zu diesen problematischen Medien war also aufgrund mangelnder anderweitiger Fürsorge gegeben.

[...]


1 Das Problem der Verfügbarkeit ist der Nachteil, wenn ein Diskurs fünfzig Jahre her ist.

2 Und den Sachverhalt als Sachverhalt, über den mit soziologischen Methoden aber keine gültigen Aussagen getroffen werden können.

3 Das Subjekt wird hier nicht als unveränderte Einheit begriffen, sondern als dynamischer Teil des Systems, in dem Diskurse wirken. Das Subjekt wird hier nicht als unveränderte Einheit begriffen, sondern als dynamischer Teil des Systems, in dem Diskurse wirken.

4 Uns bleibt da auch nicht viel anderes übrig. Die Fähigkeit, das Spiel nach seinen internen Regeln zu spielen, entscheidet über den Zugang zu allen möglichen gesellschaftlichen Resourcen.

5 Im Sinne der Kritischen Theorie läßt sich natürlich einräumen, daß auch die aktive Unterhaltungswahl medial vorprogrammiert sei. Das darin enthaltene Henne-Ei-Problem läßt sich zunächst in der These auflösen, daß hier ein Wechselverhältnis vorliegt, das aber nicht nur von den Medien, sondern gerade auch von anderen Faktoren, abhängt.

6 Es kann auch daran liegen, daß der Zusammenhang komplizierter ist als das: eine aggressionsmildernde Wirkung ist der Katharsisthese nach nicht nur vom Medium abhängig, sondern in großem Maße auch von der Haltung der Rezipienten.

7 Die Plausibilität der "Kriminalisierung" durch sittliche Verwahrlosung mag in dieser gemeinsamen Herkunft begründet liegen. In konservativen Kreisen wird noch heute gerne Kriminalität als Ausdruck moralischer Verwerflichkeit betrachtet, als "failure of character" (Ronald Reagan).

8 Es mag eine Rolle spielen, daß Wertham Deutscher war. Er war während der ersten Schundkampagnen in Deutschland aufgewachsen und hatte möglicherweise mitgekriegt, welche existentiellen Deutungsmuster hier mit der Schundliteratur verbunden wurden. So konnte das Phänomen der Crime Comics an bestehende, wenn auch wahrscheinlich nicht übermäßig präsente Wissensbestände anknüpfen.

9 Das mag ein Grund sein, weshalb trotz anderslautender Erkenntnisse der Einfluß von Film und Schund immer wieder thematisiert wurde: es erschien intuitiv plausibel, daß Medien, die auf den ersten Blick nur aus Mord und Totschlag bestanden, eine Korrelation zwischen Filminhalten und Verbrechensarten hervorbrngen würden.. (vgl. Grassberger 1956, S. 115)

Ende der Leseprobe aus 118 Seiten

Details

Titel
Kriminalisierung von Jugendlichen durch Anti-Schund-Kampagnen
Hochschule
Universität Bremen  (Institut für Soziologie)
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
118
Katalognummer
V13049
ISBN (eBook)
9783638188029
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ziel dieser Arbeit ist, eine theoretisch verdichtete Beschreibung des Gedankenmusters zu formulieren, das sich in Anlehnung an Michel Foucault als Schundkampf-Dispositiv bezeichnen läßt. Ausgangspunkt des Gedankenmusters ist die sittliche Gefährdung der Jugend durch alles, was als Schund gilt - für den Zeitraum der Fünfziger Jahre, der hier im Vordergrund steht, handelt es sich dabei vorrangig um die sogenannten Groschenromane und die Comics sowie bestimmte amerikanische Filme. Eine kursorische Analyse der Fachdiskurse der Fünfziger Jahre zeigt, daß sich der Schunddiskurs relativ unabhängig von tatsächlichen Forschungsergebnissen etwa der Kriminologie oder Psychologie entwickelt hat. Der Schunddiskurs verband Beobachtungen der Entfremdung zwischen den Generationen, einer als Brutalisierung empfundenen Beschleunigung der Kultur und sozialen Unsicherheit mit dem Medienkonsum der Jugendlichen zu einer gesellschaftlich geteilten Problemwahrnehmung. Ziel dieses Prozesses ist weniger die Bekämpfung des Schunds als die Bestätigung der bedrohten Werte.
Schlagworte
Medien, Gewalt, Jugendliche, Schund, Comic, Fünfziger Jahre
Arbeit zitieren
Christian Vähling (Autor), 2003, Kriminalisierung von Jugendlichen durch Anti-Schund-Kampagnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13049

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