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Kriminalisierung von Jugendlichen durch Anti-Schund-Kampagnen

Title: Kriminalisierung von Jugendlichen durch Anti-Schund-Kampagnen

Diploma Thesis , 2003 , 118 Pages , Grade: 2

Autor:in: Christian Vähling (Author)

Sociology - Media, Art, Music
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Automatismus der Medienschelte
Wenn den Berichten über Verbrechen an Schulen geglaubt werden darf, ist der gewaltfördernde Einfluß von Massenmedien eine ausgemachte Sache. Die bloße Verfügbarkeit gewalthaltiger Medien im Umfeld des Täters erscheint als hinreichende Bedingung, um die Verantwortung für die Tat diesen Medien zu übertragen. Tatsächlich ist das Erklärungsmuster "Medieninduktion" so stark, daß es geeignet ist, alternative Erklärungen zu verdrängen oder zumindest zu relativieren. So wurden anläßlich des jüngsten "Amoklaufs" in Erfurt zunächst noch die auswegslose schulische Situation des Täters und das strenge Schulsystem Thüringens als Tathintergründe mit thematisiert, aber nach kurzer Zeit wurde dieser Diskurs völlig von der Diskussion über Medieninduktion und ein neues Jugendschutzgesetz überlagert.. Der sogenannte "Amoklauf von Bad Reichenhall" 1999 verdrängte in den Medien nicht nur ein gleichzeitiges, ebenso schlimmes Verbrechen, das sich weniger leicht deuten ließ, (vgl. Grimm 2002, S. 160) sondern der leicht hergestellte Bezug zu Gewaltmedien ließ andere signifikante Aspekte verblassen, von denen das Portrait Adolf Hitlers im Zimmer des Schützen (vgl. Gieselmann 2000, S. 132) nur einer der offensichtlichsten Hinweise ist. Auch bei den Schützen von Littleton 1999 ist ein rechtsradikaler Hintergrund nicht auzuschließen, da dieses Verbrechen am Geburtstag Hitlers stattfand. Dies wurde aber im Gegensatz zum Medienkonsum der Täter (in diesem Fall die Ballerspiele DOOM und QUAKE) kaum thematisiert.

In der Gewaltforschung wird schon lange nicht mehr angenommen, daß der Konsum von Gewaltmedien direkt zur Umsetzung der Inhalte führe. Die derzeit übliche Vorstellung ist, daß Gewaltmedien eine verstärkende Wirkung haben können unter der Voraussetzung, daß eine gewisse Gewaltneigung schon entwickelt ist. Es handelt sich dann um ein Zusammentreffen mehrerer Faktoren, bei dem fraglich ist, welche Bedeutung der Faktor "Medien" im Vergleich mit anderen hat. Durch die Isolation eines einzigen Faktors wird die Diskussion über Gewaltursachen verzerrt. Wenn trotz aller alternativen Erklärungsmuster, und obwohl weitgehend bekannt ist, wie umstritten das Problemmuster "Mediengewalt" ist, trotzdem daran festgehalten wird, verweist das auf Plausibilitätsvorstellungen, die über den Sachverhalt hinausweisen...

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Automatismus der Medienschelte

1.2. Theoretische Vorannahmen

2. Theoretische Grundlagen

2.1. Soziale Probleme

2.1.1. Sachverhalt und Problemmuster

2.1.2. Bedingungen einer Problemkarriere

2.2. Diskurstheorie

2.2.1. Foucaults Diskursbegriff

2.2.2. Macht

2.3. Anknüpfungspunkte beider Theorien

2.4. Medientheoretische Überlegungen

3. Bisheriger Forschungsstand

3.1. Kampagnen

3.2. Wirkungen

3.2.1. Die "naiven" Theorien

3.2.2. Katharsisthese

3.2.3. Inhibition und Habitualisierung

3.2.4. Lerntheorie

3.2.5. Folgerung

4. Gesellschaftliche Bedingungen

4.1. Der "alte" Schunddiskurs

4.2. Comics in den USA

4.3. Die Nachkriegszeit

4.4. Jugendkriminalität

4.4.1. Statistische Zusammenhänge

4.4.2. Ursachen

4.4.3. Rolle der Medien

4.4.4. Sonderfall: "Halbstarke"

5. Der Schundkampf

5.1. Der Schund

5.1.1. Groschenhefte

5.1.2. Comics

5.1.3. Film

5.1.4. Illustrierte

5.1.5. Fernsehen

5.1.6. Rock'n'Roll

5.2. Argumentation

5.2.1. Allgemeine Wirkungen

5.2.1.1. Kulturelle Entwöhnung

5.2.1.2. Moralische Desorientierung

5.2.1.3. Affektive Überladung

5.2.2. Spezielle Wirkungen der Gewaltdarstellungen

5.2.2.1. Nachahmung

5.2.2.2. Einfluß bei Vorbelastung

5.2.2.3. Desensibilisierung

5.2.3. (Anti-)Amerikanismus

5.2.4 Jungen und Mädchen

5.2.5. Gegenvorstellungen

5.2.5.1. Gewaltfreiheit?

5.2.5.2. Gut und Böse

5.2.5.3. Ehe und Familie

5.2.5.4. Autoritäten

5.2.5.5. Religion

5.2.6. Das Bild der Jugend

5.2.6.1. Die Voraussetzung

5.2.6.2. Jugendliche Medienrezeption

5.2.6.3. Rebellion

5.2.6.4. Die schreckliche Generation?

5.3. Strategien

5.3.1. Fremdheit des Mediums

5.3.2. Vertrautheit des Grundmusters

5.3.3. Verbreitung des Mediums

5.3.4. Starke Metaphern

5.3.5. Einzelfälle

5.3.5. Einordnung der Fachdiskurse

5.3.6. Polarisierung der Notwendigkeiten

5.4. Interdiskurs

5.4.1. die wissenschaftlichen Perspektiven

5.4.1.1. Psychologie

5.4.1.2. Pädagogik

5.4.1.3. Kriminologie

5.4.1.4. Justiz

5.4.2. Buchwesen

5.4.3. Kirchliche Organisationen

5.4.4. Politik

5.4.5. Jugendschutz

5.4.6. Gegenstimmen

5.5 Versäumnisse des Schundkampfes

6. Das Schundkampf-Dispositiv

6.1. Moralisch-ethische Verwirrung und Gewalt

6.2. Diskursive Verknüpfung von Gewalt und Medien

6.3. Gefährliche Jugend?

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die Arbeit untersucht das sogenannte "Schundkampf-Dispositiv" der 1950er Jahre in Deutschland. Ziel ist es, die diskursive Konstruktion von Jugendkriminalität und Medienwirkung zu analysieren und aufzuzeigen, wie durch die öffentliche Thematisierung von "Schund" gesellschaftliche Normen und moralische Geltungsansprüche festgeschrieben wurden.

  • Analyse des diskursiven Zusammenhangs zwischen Mediengewalt und Jugendkriminalität.
  • Untersuchung soziologischer Ansätze sozialer Probleme und Diskurstheorie nach Foucault.
  • Darstellung der historischen Entwicklung von Schundkampagnen im internationalen Kontext.
  • Dekonstruktion von Strategien der "Schund"-Bekämpfung in Fachdiskursen (Psychologie, Pädagogik, Kriminologie, Justiz).

Auszug aus dem Buch

1.1. Automatismus der Medienschelte

Wenn den Berichten über Verbrechen an Schulen geglaubt werden darf, ist der gewaltfördernde Einfluß von Massenmedien eine ausgemachte Sache. Die bloße Verfügbarkeit gewalthaltiger Medien im Umfeld des Täters erscheint als hinreichende Bedingung, um die Verantwortung für die Tat diesen Medien zu übertragen.

Tatsächlich ist das Erklärungsmuster "Medieninduktion" so stark, daß es geeignet ist, alternative Erklärungen zu verdrängen oder zumindest zu relativieren. So wurden anläßlich des jüngsten "Amoklaufs" in Erfurt zunächst noch die auswegslose schulische Situation des Täters und das strenge Schulsystem Thüringens als Tathintergründe mit thematisiert, aber nach kurzer Zeit wurde dieser Diskurs völlig von der Diskussion über Medieninduktion und ein neues Jugendschutzgesetz überlagert..

Der sogenannte "Amoklauf von Bad Reichenhall" 1999 verdrängte in den Medien nicht nur ein gleichzeitiges, ebenso schlimmes Verbrechen, das sich weniger leicht deuten ließ, (vgl. Grimm 2002, S. 160) sondern der leicht hergestellte Bezug zu Gewaltmedien ließ andere signifikante Aspekte verblassen, von denen das Portrait Adolf Hitlers im Zimmer des Schützen (vgl. Gieselmann 2000, S. 132) nur einer der offensichtlichsten Hinweise ist.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Problematisierung des automatischen Rückgriffs auf Medien als Erklärung für Jugendgewalt und Vorstellung des "Schundkampf-Dispositivs".

2. Theoretische Grundlagen: Erläuterung der soziologischen Ansätze zu sozialen Problemen und der Foucaultschen Diskurstheorie zur Analyse von Machtverhältnissen.

3. Bisheriger Forschungsstand: Überblick über existierende Studien zu Medienwirkungen und die zyklische Natur von Medienkampagnen.

4. Gesellschaftliche Bedingungen: Analyse der Nachkriegssituation, Jugendkriminalität und der Rolle der Familie als Kontext der Schunddiskussionen.

5. Der Schundkampf: Detaillierte Untersuchung verschiedener Medien (Comics, Film, Rock'n'Roll), der verwendeten Argumentationsmuster und der beteiligten gesellschaftlichen Institutionen.

6. Das Schundkampf-Dispositiv: Zusammenfassende Betrachtung der diskursiven Verknüpfung von Gewalt und Medien sowie der dauerhaften institutionellen Folgen.

Schlüsselwörter

Schundkampf, Dispositiv, Medienwirkung, Jugendkriminalität, Diskurstheorie, Gewaltinduktion, Jugendschutz, 1950er Jahre, Moral, Mediensoziologie, Kriminalisierung, Foucault, Massenmedien, Pädagogik, Sozialwissenschaft.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, wie in den 1950er Jahren in Deutschland der öffentliche Diskurs über "Schundliteratur" und "Schundfilme" genutzt wurde, um gesellschaftliche Krisen und Ängste vor Jugendkriminalität zu bewältigen.

Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?

Die Schwerpunkte liegen auf der Soziologie sozialer Probleme, der Diskurstheorie von Michel Foucault, der historischen Analyse von Jugendmedien sowie der Rolle von Fachdisziplinen wie Pädagogik und Kriminologie im Jugendschutz.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist die Konstruktion einer theoretisch verdichteten Beschreibung des "Schundkampf-Dispositivs", das gesellschaftliche Wahrnehmungen von Jugend, Gewalt und Medienwirkung maßgeblich geprägt hat.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Der Autor nutzt eine diskursanalytische Vorgehensweise, gestützt auf eine umfangreiche Recherche von Fachzeitschriften der 1950er Jahre, um qualitative Aussagemuster zu identifizieren.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil analysiert die historischen Bedingungen (Nachkriegszeit), die spezifische "Schund"-Bekämpfung in verschiedenen Medien (Comics, Filme) sowie die institutionalisierten Strategien, mit denen das "Schund"-Problem als soziales Risiko etabliert wurde.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Dispositiv, Kriminalisierung, Medienschelte, gesellschaftlicher Konsens, Sittenverfall und die diskursive Verknüpfung von Medieninhalten mit asozialem Verhalten.

Welche Rolle spielten die "Halbstarken" in der Schundkampf-Debatte?

Die "Halbstarken" fungierten als sichtbarer Beweis für die befürchtete moralische Verwahrlosung; ihr Verhalten wurde diskursiv mit Massenmedien verknüpft, um Notwendigkeiten für härtere Jugendschutzmaßnahmen zu rechtfertigen.

Inwiefern beeinflusste die Nachkriegssituation den Schundkampf?

Die Unsicherheit nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus führte zu einem Bedürfnis nach neuer Sinnstiftung, wobei der "Schund" als äußeres Symbol für gesellschaftlichen Zerfall und moralischen Wandel instrumentalisiert wurde.

Excerpt out of 118 pages  - scroll top

Details

Title
Kriminalisierung von Jugendlichen durch Anti-Schund-Kampagnen
College
University of Bremen  (Institut für Soziologie)
Grade
2
Author
Christian Vähling (Author)
Publication Year
2003
Pages
118
Catalog Number
V13049
ISBN (eBook)
9783638188029
Language
German
Tags
Medien Gewalt Jugendliche Schund Comic Fünfziger Jahre
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Christian Vähling (Author), 2003, Kriminalisierung von Jugendlichen durch Anti-Schund-Kampagnen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13049
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