Wolfram von Eschenbach 'Willehalm'

Munleun – Die Figur Willehalm in Bezug auf König Ludwig und die Familie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Herrschaftliche und familiäre Spannungen
2.1 Herrschaftliche Spannungen
2.1.1 „Schwacher König – Starker Fürst“
2.1.2 Diagramm zum Zornverlauf Willehalms
2.2 Familiäre Spannungen
2.2.1 Hintergrund zur Sippen trîuwe
2.2.2 Familiäre Entlastung durch Alyze

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wolfram von Eschenbachs „Willehalm“ (verfasst ca. 1210/1220) ist ein überaus vielschichtiges Werk mit zahlreichen Interpretationsmöglichkeiten. Auf Grund dieser Komplexität liegt der Fokus dieser Arbeit auf einer, wenn nicht der Kernszene des Epos, welche im Dritten Buch zu verankern ist: Nachdem Willehalm bei Kaufmann Wimar eine Unterkunft für die Nacht gewährt worden war, kommt es nun zum zweiten Besuch am Hofe von Munleun, welcher eine finale Unterredung bei König Ludwig und die daraus resultierenden Konflikte behandelt. Von besonderem Interesse ist der aufkeimende Sippenstreit zwischen Ludwig und Willehalm, deren Verhältnis zueinander sowie die Sippe als zentraler Problempunkt im „Willehalm“.

Zu Beginn erfolgt eine inhaltliche Hinführung zur eigentlichen Abhandlung vorliegender Arbeit. Maßgeblich behandelt werden die höfische Einstellung Willehalms, von welcher zu einer kontrastierenden Darstellung zwischen Ludwig und Willehalm übergeleitet wird. Diese mündet in einen Exkurs der Gegenüberstellung von guten Fürsten und schlechten Fürsten zur Zeit Wolframs sowie die von Young und Bumke als Kern der Szene beschriebene Auseinandersetzung mit seiner Schwester, der Königin, welche in einer anscheinenden Verleumdung seiner eigenen Ehe gipfelt.

Ziel der Arbeit ist es, eine klare Übersicht über die Vorgänge und Hintergründe der anscheinend emotionalsten Szene des Epos zu erlangen. Hierbei wird der Versuch einer Untersuchung, Verdeutlichung und Darstellung von Komplexität und Emotionalität der interagierenden Figuren, vor allem Willehalm, Ludwig, der Königin und Alyze unternommen.

2 Herrschaftliche und familiäre Spannungen

Nach der in Munleun erfahrenen, unhöfischen Zurückweisung bei seinem ersten Besuch, kommt Willehalm nach ungewohnt höfischer Behandlung durch den Kaufmann Wimar erneut an den Hof zurück. Hier besteht sein Vorhaben darin, König Ludwig um Unterstützung bei der Befreiung seiner Ehefrau Gyburc zu bitten, welche in Orange von den heidnischen Feinden belagert wird.

2.1 Herrschaftliche Spannungen

Verletzt durch die ihm widerfahrene unhöfische Behandlung ist Willehalms Einstellung bei seinem erneuten Besuch in Munleun gereizt. Gegen die Erwartung einer höfischen Vorbildlichkeit, ist das nahende Hoffest auffallend durch Spannungen und Konflikte geprägt. Hauptvertreter dieser unhöfischen Verhaltensweise ist Willehalm selbst. Der Kontrast zwischen dem unhöfischen Auftreten Willehalms – er ist müde und schmutzig und wartet zornig auf Einlass – sowie der feinen Hofgesellschaft bestimmt die Szene.[1] Wie sich zeigen wird, versagen jedoch fast alle Teilnehmenden an den höfischen Konventionen.

„sine zuht begund er stoeren,

der merken wollte siniu wort,

diu er sprach vor dem künege dort.“[2]

Sie sind so wenig Träger der zentralen, in der höfischen Dichtung gefeierten Werte, wie andere Personen auch. Willehalm, das Königspaar sowie Heimrich und auch Alyze – alle richten sich an diesen Konventionen aus und versagen doch zum Teil an ihnen. Trotz allem will Willehalm keine Veränderung der höfischen Gesellschaft bewirken. Jedoch wird dieses höfische Lebensideal von Wolfram von Eschenbach hoch bewertet, da er es einerseits nicht wie andere Autoren überstilisiert und hier geschilderte Vorgänge andererseits als „normale“ höfische Realität darstellt.[3] „Es gibt keine Alternative zur höfischen Gesellschaft im ‚Willehalm’.“[4] Beim Auftritt des Königs legt es Willehalm geradezu darauf an, die Regeln des höfischen Anstandes zu verletzen. Zwar beleidigt er den König und bedroht die Königin, doch wird er für sein Benehmen nicht getadelt:

„ditze laster ane schult ich nim

von dem marcraven. der ist min man:

swaz ich dem hete getan,

der möhtz von mir den vürsten klagen.

lit min wip von im erslagen,

daz ist ein ungedientiu not

gein sölher rede als ich im bot

und der ich wolte sin bereit.“[5]

Hierbei eröffnet sich eine Kluft zwischen Willehalms Haltung, die von Erfahrungen des Heidenkrieges geprägt ist, und der Hofwelt, welche dem schönen Schein ihrer zeremoniellen Gesellschaftsformen ergeben ist.[6]

Die Kühle, mit der Willhalm bereits bei seinem ersten Besuch am Hof empfangen wird, beruht auf Gegenseitigkeit. Willehalm ist ebenso wenig an Kontaktaufnahme interessiert wie die Vorbeilaufenden:

„er sach da volkes ungezalt,

kleine, groz, junc und alt:

die begunden in alle vehen.

Erne wolt ouch in niht vlehen,

(D)en alten noch den kinden.“[7]

Die Nichtanerkennung seines rechtmäßigen Status erfüllt Willehalm bei seinem zweiten Besuch noch weiter mit „haz“[8] und „zorn“[9]. Dieser Aspekt wird im Streitgespräch mit Ludwig, der Königin und Willehalms gesamter Familie thematisiert. Mitten im Palast legt sich Willehalm sein Schwert am Gürtel über die Knie:

„er truoc daz swert umbe sinen lip.

(S)ines komens heten haz

der künec und swer da vürsten saz:

ir neheiner was so wol geborn,

sine widersaezen sinen zorn.

der marcrave an den stunden,

daz swert niht ab gebunden.

ructe er vür sich inz schoz.“[10]

Sowohl Young als auch Greenfield/ Miklautsch verweisen auf den intertextuellen Bezug zum „Nibelungenlied“, in welchem Hagen, ähnlich wie Willehalm, das Schwert eines getöteten Gegners trägt.[11] [12] Des Weiteren weist Young darauf hin, dass Willehalm weder optisch noch seinem Rang entsprechend erkannt wird. Das Schwert auf seinem Knie ist sowohl ein provozierendes Verlangen nach Anerkennung als auch die Haltung eines zu Gericht sitzenden Richters.[13]

Als Willehalm Ludwig endlich gegenübertritt, hat seine Wut den eigentlichen Zweck seiner Reise ausgeblendet. Er reagiert zunächst seinen Zorn ab, anstatt den König um Hilfe zu Gyburcs Befreiung zu bitten. Hastig aufspringend beleidigt er den König mit seinen ersten Worten:

„her künec, ir muget wol wesen vro

daz iu min vater sitzet bi.

nu wizzet, waern iuwer eines dri,

die waeren ze pfande mir gevaren:

daz wil ich nu durh zuht bewarn.“[14]

„ich kund iuch wol beswaeren:

durh mine muoter laz ichz gar.“[15]

Seinem Zorn über die verweigerte Anerkennung seiner Familie lässt er freien Lauf. Er betont seine Hilfe gegen die fürstlichen Konkurrenten um den Thron Karls:

„her künec, nu waenet ir kreftic sin:

gap ich iu roemische krone

nach also swachem lone,

als von iu gein mir ist bekant?“[16]

Für Willehalm stellt die Nichtvergeltung dieser Tat eine Beleidigung dar. Trotzdem stellt Ludwig den Wahrheitsgehalt dieser Provokation nicht in Frage. Ungewöhnlicher Weise lässt der Autor den edlen Fürsten Willehalm und nicht den anscheinend schwachen König im Recht erscheinen.[17] Der König reagiert trotz heftiger Vorwürfe versöhnlich, erkennt Willehalms Ansprüche an und sagt ihm seine Hilfe zu.[18] Ludwig erklärt sich ohne Weiteres bereit, den Markgrafen nach Fürstenrecht zu ehren:[19]

„her Willalm, sit irz sit,

so dunket mich des gein iu zit,

daz ich bekenne iu vürsten reht:

want sit ich was ein swacher kneht,

so lebt ich iuwers rates ie,

ouch liez mich iuwer helfe mi.

Iuwer zorn ist an not bekant

gein mir. ir wizzet, al min lant,

swes ir drinne gert, daz ist getan

ich mac gabe und lehen han,

daz kert mit vuoge an iuweren gewin.“[20]

Auffallend ist, dass Willehalm seit seiner Ankunft und während des ersten Wortwechsels mit Ludwig nicht auf den Gedanken kommt, um Hilfe zu bitten. Obwohl seine Rüstung auf ein kriegerisches Vorhaben schließen lässt, wird das Thema selber nicht angesprochen.

„Die Rüstung versinnbildlicht jetzt nicht die dringende Not Giburgs, sondern die aggressive Einstellung des Markgrafen zur Macht des französischen Hofes.“[21]

2.1.1 „Schwacher König – Starker Fürst“

Wie Willehalm selbst schon verlauten ließ, verdankt König Ludwig seinen Thron dem Markgrafen, welcher ihn gegen die Übermacht der anderen Fürsten verteidigte. Hiermit wird das Motiv des schwachen Königs aus der französischen Vorlage aufgeworfen, wobei Wolfram von Eschenbach diese Figur des Königs näher an die Gegenwart seines deutschen Publikums heranzubringen versuchte.[22] Die Vorlage aus dem Chanson de geste beinhaltete die Verherrlichung des mächtigen und selbstständigen Kronvasallen und eines schwächlichen Königs. Dies traf zwar auf die französischen Verhältnisse im 12. Jahrhundert, jedoch nicht auf die deutschen zu.[23] Das „ideale“ deutsche Herrscherbild bestand im Kern aus einer gerechten Herrschaft, dem Schutz von Witwen und Waisen, der Verteidigung der Kirche, der Ernährung Armer, einem weisen Urteil, der Erhebung Würdiger sowie der Bestrafung von Frevlern. Hier fallen antike und christliche Vorstellungen und Formulierungen zusammen. Folglich musste das schwache Bild des Königs aus der französischen Vorlage an die deutschen gesellschaftlichen Normen angepasst werden.[24]

Einerseits wird die Schwäche des Königs in seinem Zögern und seiner Uneinsichtigkeit deutlich:

[...]


[1] Vgl. Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach. Metzler Verlag. Stuttgart 19916, S. 334.

[2] Eschenbach, Wolfram: Willehalm. Hrsg. Schröder. de Gruyter. Berlin 20033 , S. 144, 12-14.

[3] Vgl. Decke-Cornill, Renate: Stellenkommentar zum Dritten Buch des „Willehalm“ Wolframs von Eschenbach. Band 7. N.G. Elwert Verlag. Marburg 1985, S. 237.

[4] Ebd., S. 237.

[5] Eschenbach S. 148,8-15.

[6] Bumke 1991, S. 243.

[7] Young, Christopher: Narrativische Perspektiven in Wolframs „Willehalm“. Niemeyer Verlag. Tübingen 2000, S. 88.

[8] Eschenbach, S. 132,10.

[9] Ebd., S. 137,1.

[10] Ebd., S. 140, 30-141,7.

[11] Vgl. Young, S. 91.

[12] Vgl. Greenfield, John; Miklautsch, Lydia: Der „Willehalm“ Wolframs von Eschenbach. de Gruyter. Berlin 1998, S. 101.

[13] Vgl. Young, S. 91.

[14] Eschenbach, S. 145,6-10.

[15] Ebd., S. 146,12-13.

[16] Ebd., S. 145,16-19.

[17] Vgl. Bumke, Joachim: Willehalm – Handlungsanalyse. Metzler Verlag. Stuttgart 20048, S. 291.

[18] Vgl.Greenfield/ Miklautsch, S. 102.

[19] Vgl. Young, S. 92.

[20] Ebd., S. 146,25-147,5.

[21] Young, S. 93.

[22] Bumke, S. 244.

[23] Vgl. Greenfield/ Miklautsch, S. 102.

[24] Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. Band 2. Deutscher Taschenbuch Verlag. München 19905, S. 385.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Wolfram von Eschenbach 'Willehalm'
Untertitel
Munleun – Die Figur Willehalm in Bezug auf König Ludwig und die Familie
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Wolfram von Eschenbachs „Willehalm“
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V130561
ISBN (eBook)
9783640363926
ISBN (Buch)
9783640364305
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wolfram, Eschenbach, Willehalm, Munleun, Figur, Bezug, König, Ludwig, Familie
Arbeit zitieren
Peter Heilek (Autor), 2007, Wolfram von Eschenbach 'Willehalm', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130561

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