Die Arbeit befasst sich mit der Fragestellung »Reglementierung der Sexualität - Frontbordelle und „wilde“ Prostitution im Ersten Weltkrieg«. Vornehmlich problemorientiert steht dabei vor allem der erste Aspekt – die R e g l e m e n t i e r u n g der Sexualität – im Vordergrund, die allgemeinen Bedingungen unter denen Sexualität zu jener Zeit stattfindet. Problemorientiert deshalb, weil es nicht um isolierte Faktizität, sondern um Darstellung von Tendenzen im Kontext einer spezifischen gesellschaftlichen Ordnung mit dem Versuch einer Bewertung geht – keinesfalls zufällig ist in der Fragestellung von »reglementierter S e x u a l i t ä t« und nicht bloß der Prostitution die Rede.
Inhaltsverzeichnis
Einleitende Vorbemerkung zu Fragestellung und Literatur
1 Sexualität als öffentliches Thema: Das Private wird politisch
2 Vom sozialen Phänomen zum militärischen Problem: Entwicklungen im Umgang mit Sexualität und Prostitution
2.1 Ansätze in der Friedenszeit: Reglementierung und Konzessionierung vs. Abolitionismus
2.2 Ansätze im Militär und ihre (geschlechts-) spezifische Ausgestaltung an der Front und im Hinterland während des Krieges
3 Ergebnis: Der Erste Weltkrieg. Verschärfung des Bestehenden oder Katalysator der Reform – Zäsur oder Kontinuität?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Reglementierung von Sexualität und Prostitution im Deutschen Reich zur Zeit des Ersten Weltkriegs, wobei insbesondere das Spannungsfeld zwischen staatlicher Kontrolle, gesellschaftlichen Moralvorstellungen und der militärischen Verwertung von Soldaten und Frauen untersucht wird.
- Soziogenese des gesellschaftlichen Umgangs mit Sexualität
- Reglementierungspraxis in Friedenszeit vs. Kriegszustand
- Rolle der Prostitution als "sittliches" Sicherheitsventil der bürgerlichen Gesellschaft
- Militärische Kontrolle und medizinisches Management von Geschlechtskrankheiten
- Kritik und abolitionistische Gegenbewegungen
Auszug aus dem Buch
Anspruch und Wirklichkeit
Während also die kulturelle Hegemonie des Bürgertums zur öffentlichen Prüderie mit dem Ausfluss einer Familienideologie führt, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert vor allem im viktorianischen England und dem wilhelminischen Deutschland ihren Höhepunkt findet und Sexualität tabuiert, privatisiert und (in der Reduktion auf Fortpflanzung) funktionalisiert, stellt sich die soziale und sexuelle Realität der überwiegenden Bevölkerungsteile gegenteilig dar. Auch die auf tatsächlicher Betroffenheit beruhenden oder diese antizipierenden Deklassierungsängste der bürgerlichen Mittelschichten tragen zum Phänomen sinkender Geburtenzahlen, immer weniger und späterer Eheschließungen und einer steigenden Zahl von Ehescheidungen bei – das eigene Familienideal ist schlicht nicht mehr (bzw. noch nicht) finanzierbar. Die Masse der proletarischen Bevölkerung ist von vorneherein bar der materiellen Voraussetzungen. Ihre Verelendung zwingt sie in Bedingungen, die durch Mangel, Abhängigkeit und Beengtheit gekennzeichnet sind.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitende Vorbemerkung zu Fragestellung und Literatur: Der Abschnitt erläutert den problemorientierten Ansatz der Arbeit und grenzt die Untersuchung auf die Heterosexualität unter Berücksichtigung der bürgerlichen Moralvorstellungen ein.
1 Sexualität als öffentliches Thema: Das Private wird politisch: Hier wird die Soziogenese des Sprechens über Sexualität im Kontext bürgerlicher Emanzipation und der Konstruktion einer polaren Geschlechterdualität dargestellt.
2 Vom sozialen Phänomen zum militärischen Problem: Entwicklungen im Umgang mit Sexualität und Prostitution: Dieses Kapitel behandelt die Transformation der Prostitution vom sozialen Randphänomen zu einem staatlich reglementierten und schließlich militärisch-strategischen Problem während des Krieges.
2.1 Ansätze in der Friedenszeit: Reglementierung und Konzessionierung vs. Abolitionismus: Der Fokus liegt auf der juristischen und ordnungspolitischen Handhabung der Prostitution im Deutschen Reich und den entstehenden Widerstandsbewegungen.
2.2 Ansätze im Militär und ihre (geschlechts-) spezifische Ausgestaltung an der Front und im Hinterland während des Krieges: Das Kapitel analysiert die spezifischen Maßnahmen des Militärs zur Seuchenbekämpfung und zur Organisation von Bordellen als Instrument der Truppenmoral.
3 Ergebnis: Der Erste Weltkrieg. Verschärfung des Bestehenden oder Katalysator der Reform – Zäsur oder Kontinuität?: Die Zusammenfassung reflektiert die Ambivalenz des Krieges als Katalysator medizinischer Wissensverbreitung bei gleichzeitiger Fortschreibung repressiver Klassen- und Geschlechterverhältnisse.
Schlüsselwörter
Sexualität, Prostitution, Reglementierung, Erster Weltkrieg, Sittenpolizei, Geschlechtskrankheiten, Militär, bürgerliche Moral, Abolitionismus, Sozialhygiene, Bevölkerungspolitik, Geschlechterdualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die staatliche Reglementierung von Sexualität und Prostitution im Deutschen Reich, speziell unter den veränderten Bedingungen des Ersten Weltkriegs.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der bürgerlichen Moral, der polizeilichen Überwachung von Prostituierten und der militärischen Steuerung von Sexualität zur Erhaltung der Kampfkraft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Bewertung, ob der Erste Weltkrieg im Hinblick auf den Umgang mit Prostitution eine Zäsur oder eine Kontinuität in der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung darstellte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit ist historisch-problemorientiert und stützt sich auf eine Analyse zeitgenössischer Dokumente, gesetzlicher Bestimmungen und der vorliegenden sozial- und geschlechtergeschichtlichen Literatur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die soziokulturelle Verortung von Sexualität, die Analyse der Vorkriegs-Reglementierung sowie die militärischen Strategien im Ersten Weltkrieg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Reglementierung, Sittenpolizei, bürgerliche Moral, Sozialhygiene, Prostitution und militärische Kontrolle.
Welche Rolle spielten die Bordelle an der Front?
Sie dienten als streng hierarchisch organisiertes Mittel der Truppenmoral und wurden unter medizinischer Aufsicht zur Seuchenkontrolle betrieben.
Was ist mit "wilde Prostitution" gemeint?
Dieser Begriff bezeichnet die nicht behördlich registrierte, informelle Prostitution, die sich der staatlichen Kontrolle entzog und vom Staat besonders stark kriminalisiert wurde.
Wie reagierte der Staat auf Geschlechtskrankheiten bei Soldaten?
Durch Zwangsuntersuchungen, Aufklärungskampagnen zur Abschreckung und den Aufbau von Fürsorgestellen wurde versucht, die Kampfkraft der Truppe zu sichern.
Welche Auswirkung hatte der Krieg auf die Geschlechterrollen?
Trotz pragmatischer Anpassungen an die Kriegswirtschaft blieb die bürgerliche Familienideologie der Maßstab, wobei der Staat verstärkt als Vormund der „sittlichen Unbescholtenheit“ von Frauen auftrat.
- Quote paper
- Sven Rößler (Author), 2003, Reglementierung der Sexualität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130571