Adoleszenz als Möglichkeitsraum. Körper und Geschlechtlichkeit im Rahmen der gesellschaftlichen Normen


Hausarbeit, 2019

22 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bedeutung des Körpers in der Gesellschaft: Körper und Leib im Prozess der gesellschaftlichen Distanzierung .

3 Geschlechtskörper: Die Jugendphase unter dem Einfluss der Geschlechternormen

4 Bildung der Identität: Geschlechtsidentität im gesellschaftlichen Kontext

5 Rolle der Adoleszenz für die Bildung von Geschlechtsidentität

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

1 Einleitung

Das Thema Körper und Geschlecht ist nicht nur aktuell, sondern befindet sich in einem Transformationsprozess und erlebt eine Renaissance (vgl. Martiny 2003, S. 5). Immer öfters sind im Alltag die durch chirurgische Eingriffe veränderten Körper zu sehen, nicht nur in den Medien. Die Beeinflussungen auf den Körper und manipulative Techniken jeder Art sind somit in das Zentrum des Interesses nicht nur in den Medien und in der Medizin, sondern auch in der Wissenschaft gerückt (vgl. Martiny 2003, S. 5). Im Kontext dieses Transformationsprozesses wurde der Kategorie „Geschlecht“ eine besondere Rolle zugewiesen. Seit einigen Jahrzehnten scheint sich die Gesellschaft in einer Reihe an entstandenen Infragestellungen zu befinden, nämlich über die Tatsachen, die vormals als selbstverständlich zu sein schien. Dies betrifft nicht nur die Kategorie „Geschlecht“ und Mann und Frau zu sein, sondern auch „Subjekt“, „Identität“ und die Zweigeschlechtlichkeit wird kritisch betrachtet (vgl. Maihofer 1995, S. 11).

Die Trennung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht steht zur Diskussion, aber auch deren Auswirkungen auf die anderen Kategorien, welche strukturellen Differenzen und bedeutsamen Konsequenzen dadurch entstehen können (vgl. Maihofer 1995, S. 11). Es ist offensichtlich, dass sich das Verhältnis der Geschlechter und mit diesen verbundenen Geschlechternormen, aber auch Geschlechterrollen wandeln (vgl. Maihofer 1995, S. 13). Als Beispiel dienen Medien, in denen mit Überschreitung der gewöhnlichen Normen und Geschlechtergrenzen experimentiert wird, es handelt oft von Geschlechtsumwandlung und Darstellung eigener Erfahrung als „neuer“ Mann oder „neue“ Frau zu sein. Von diesen medialen Einflüssen können besonders Jugendliche betroffen werden, deren psychischer und emotionaler Zustand sowie die Weltbilder noch nicht verfestigt und die in ihrer Lebensphase noch stark beeinflussbar sind. Im Rahmen dieses Transformationsprozesses stellt sich die Frage, welchen Einfluss die sich wandelnden Geschlechterverhältnisse und die Vervielfältigungen von Geschlecht auf Jugendphase haben und welche Rolle dabei die Adoleszenz spielt. Dabei ist es vor allem wichtig, die Begrifflichkeiten zu klären. Der Begriff Adoleszenz wird in den Sozialwissenschaften nicht eindeutig und nicht einvernehmlich genutzt. Von beiden Begriffen Jugend- und Adoleszenzforschung wird gesprochen, wenn es sich um Forschungen handelt, die einen Lebensabschnitt, nämlich den Übergang von Kindheit zum Erwachsensein handelt, wobei „Jugend“ in der Regel in Bezug auf Sozial-Kulturelles, als bestimmtes soziales Strukturmuster oder Resultat kultureller Bestimmungen, und „Adoleszenz“ in Bezug auf entwicklungspsychologische, physiologische Seite des Heranwachsens verwendet wird (vgl. Rang 2001, S. 10). Im Rahmen dieser Arbeit werden beide Begriffe Adoleszenz und Jugend benutzt, um das Zusammenwirken der sexuellen, geistigen, körperlichen, emotionalen und sozialen Entwicklung zu erforschen.

In Bezug auf die erwähnten wandelnden Geschlechterverhältnisse und mit der Jugendphase verbundenen Transformationsprozesse entstehen auch die Fragen rund um geschlechtliche Identität der Jugendlichen, aber auch Sexualität im Bezug auf Körperlichkeit. Denn das Verständnis von Sexualität ein „sozial, kulturell, gesellschaftlich, sowie historisch entwickeltes“ und es bestimmt, wie sich Geschlechtsidentitäten, sowie auch Geschlechterrollen und Geschlechterverhältnisse generieren (vgl. Ittel et all. 2007, S. 15). Sexualität ist aber ohne Körper und der Inszenierung des Körpers - den Körperlichkeiten - nicht denkbar. Auch das Verständnis sexueller Sozialisation ist wichtig im Kontext der gesellschaftlichen Normen zu erwähnen. Sich sexuell zu sozialisieren bedeutet, „die sich um das biologische Geschlecht rankenden sexuellen Anteile von Körperlichkeit sowie die sozialen Zuschreibungen“ (vgl. Maihofer 1995, S. 21) für das eigene Verhalten anzueignen. Sexuelle Sozialisation wird alltäglich über Zeichen, Symbole, Bilder und Vorbilder, durch Erwartungen und Normen, durch Freiräume und Zwänge vollzogen. Es ist auch wichtig anzumerken, dass Kinder in eine mit bereits gegebenen Handlungsstrukturen und bestimmten Rollen Gesellschaft hineingeboren werden und Jugendliche müssen deswegen sich verstärkt mit vorgegebenen Standards auseinandersetzen (vgl. Ittel et all. 2007, S. 15). Im Rahmen dieser Arbeit wird deswegen das Verständnis von biologischem und sozialem Geschlecht aufgegriffen. Durch die Vertiefung des Interesses anhand der gestellten Fragen wird es verdeutlicht, dass der Körper im Zusammenhang mit seiner geschlechtlichen Dimension auch als „Geschlechtskörper“ (vgl. Maihofer 1995, S. 13) zu definieren ist. Vermutlich kann der Versuch sich als Frau oder als Mann, aber auch als „drittgeschlechtliche“ Person zu definieren, laut Seibring (2012, S. 2) auch als „anderes“ Geschlecht, von der Gesellschaft durch entstandene Normen beeinflusst werden.

Die Auseinandersetzungen mit dem Thema Körper und Geschlecht sind sehr komplex und mit unterschiedlichen anderen Aspekten verflochten, deswegen können diese beiden Kategorien nicht komplett getrennt von anderen Kategorien betrachtet werden. Im Rahmen dieser Arbeit wird aus diesem Grund der Begriff „Leib“ in Bezug auf körperliches Empfinden eingeführt. Im Zusammenhang mit Körper und Geschlecht spielt Identität oder auch die Bildung der geschlechtlichen Identität eine besondere Rolle bei Jugendlichen. Im Hintergrund dieser Gedanken und entstandenen Fragestellungen besteht das Ziel dieser Arbeit darin, es herauszufinden, inwiefern die Adoleszenz eine Rolle für die Bildung der geschlechtlichen Identität unter Einfluss der gesellschaftlichen Normen spielt.

Bezüglich des Themas werden in dieser Arbeit folgende wichtige Punkte aufgegriffen, die eine Erklärungsgrundlage für die Forschungsfrage bilden. Am Anfang wird die Bedeutung des Körpers in der Gesellschaft beleuchtet. Bei Betrachtung des Körpers wird Leib als ein Teil des Körpers mit seinen sinnlichen Aspekten berücksichtigt. Das Geschlecht als ein wesentliches körperliches Merkmal und nach Außen präsentierte Geschlechtlichkeit stehen im Mittelpunkt des zweiten Kapitels. Hier wird die Bedeutung des Geschlechtskörpers und die Rolle der Geschlechternormen in der Jugendphase beleuchtet. Im zweiten Teil der Arbeit wird der Frage nachgegangen, ob das Geschlecht ein wesentliches Kriterium für Identität sein kann und seine Rolle im sozialen Raum wird verdeutlicht. Durch die Anknüpfung an das Thema Identität findet der Übergang zur Bildung der Geschlechtsidentität in der Jugend beziehungsweise Adoleszenz statt. Der Einfluss von Adoleszenz auf Geschlechtsidentität im sozialen Raum wird verdeutlicht. Im Fazit werden die Ergebnisse der durchgeführten Arbeit vorgestellt.

2 Bedeutung des Körpers in der Gesellschaft: Körper und Leib im Prozess der gesellschaftlichen Distanzierung

„Den Körper haben wir immer dabei“ (vgl. Goffman 1994, S. 152), angefangen von dem Geburt bis zum Sterben eines Individuums. Die ersten besonderen natürlichen Veränderungen des Körpers fangen in der Jugendphase an. Die körperlichen Entwicklungen werden mit dem Ausdruck Pubertät bezeichnet und das sind Längenwachstum, aber auch Wachstum und Herausentwicklung der Geschlechtsmerkmale (vgl. Rendtorff 2011, S. 55). Diese Veränderungen können Verunsicherungen im Jugendalter hervorrufen, sowie körperliche Beschwerden. Diese Beschweren haben nicht unbedingt körperliche Ursachen, sondern sind eher Ausdruck von inneren Spannungen, Konflikten (vgl. Rendtorff 2011, S. 56). Es ist anzumerken, dass die Körperzufriedenheit der Mädchen mit der Pubertät abnimmt (vgl. Rendtorff 2011, S. 56), was anscheinend darauf zurückgeführt wird, dass ihr Schönheitsideal ein „präpubertärer Körperbau“ (vgl. Hinz 2008, S. 235) ist. An dieser Stelle entsteht die Frage, ob und welche Rolle die ersten körperlichen Unzufriedenheiten in dem weiteren Lebensverlauf eines Individuums spielen und ob der eventuell später entstehender Wunsch nach körperlichen Veränderungen auf irgendeine Weise auf pubertäre Unzufriedenheiten zurückzuführen sind. Die körperlichen Reifungsschritte nötigen aber die Jugendlichen auch zum Erwachsenwerden und es werden somit auch andere Veränderungen aufgerufen, wie beispielsweise kognitive, soziale und emotionale (vgl. Rendtorff 2011, S. 56).

Es ist anzumerken, dass der Körper für Jugendliche zu einem Austragungsort innerer Spannungen werden kann. Einige verarbeiten ihre inneren Spannungen durch die Versuche, den eigenen Körper auf unterschiedliche Weise zu manipulieren und zu verändern, wobei andere durch Inszenierung in ihren Handlungen und Selbstdarstellungen (vgl. Rendtorff 2011, S. 59). Diese bestimmten Verhaltensweisen werden als „Strukturübungen“ (vgl. Meuser 2008, S. 165) aufgefasst. Diese dienen der Einübung in das Denken über das passende Verhalten von Frauen und Männern, aber auch in gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse. In diesem Zusammenhang versteht Meuser (2008, S. 166f.) das „Risikohandeln“ besonders männlicher Jugendlichen nicht nur als Austesten von Grenzen des Erlaubten, sondern als Prozess, in dem die gesellschaftlich angesehenen Formen kompetitiver Männlichkeit eingeübt und gefestigt werden können. Das sind die Handlungen, bei denen der Körper als ein Werkzeug eingesetzt und bewusst den Gefährdungen ausgesetzt werden kann. Riskantes Handeln ist typisch im Jugendalter, weil in dieser Lebensphase die Auseinandersetzung mit Regeln, Vorschriften und gesellschaftlichen Normen stattfindet (vgl. Rendtorff 2011, S. 60).

„Den Körper haben wir immer dabei“ (vgl. Goffman 1994, S. 152), doch der Körper ist keine Sache, die man wie eine Tasche mitnehmen oder wie ein Kleidungsstück ausziehen kann. Es ist aber möglich, den Körper zu manipulieren, wie beispielsweise mit Make-up zu bemalen oder durch Sport umzuformen, denn nach Villa (2007, S. 19) ist der Körper ein zentrales Handlungsinstrument, mit dem auch bestimmte Geste und Körperhaltungen angewendet werden. Auf diese Weise kann der Körper unterschiedlichen äußeren Verbesserungen unterliegen, was als Thema erst ab der späten Lebensphase der Jugendlichen aufgegriffen werden kann. Es ist offensichtlich, dass in unseren modernen Gesellschaften die jungen, schlanken und gesunden Körper den alten, faltigen und kranken bevorzugt werden, wobei die Schönheitsideale und Normen sind nicht immer identisch gewesen. Die Schönheitsnormen sind veränderbar und kultur- und epochenspezifisch (vgl. Feldmann 2006, S. 316). Feldmann (2006, S. 316) spricht in diesem Zusammenhang von dem Körperkapital als Basis für gesellschaftliche Unternehmungen des Individuums und deswegen werden in den Körper Zeit- und Geldressourcen investiert. Von Geburt an sind menschliche Körper individuell gestaltet, beruhend auf dieser Annahme ist es möglich zu behaupten, dass der physische Kapital von Natur aus, aber auch abhängig von der Gesellschaft (vgl. Feldmann 2006, S. 316), ungleich verteilt ist. So werden Körper als bedeutsame soziale Ressourcen angesehen, die einen „Gebrauchs- und Tauschwert haben“ (vgl. Feldmann 2006, S. 316).

In Anlehnung an das Thema Körper und seine gesellschaftliche Bedeutung ist es wichtig den Begriff Medien zu erwähnen, da unsere Gesellschaft ohne Mediennutzung unvorstellbar ist. Besonders die Jugendlichen werden in die mediale Welt hineingeboren, deswegen werden sie von Hurrelmann (2012, S. 195) als „digitale Eingeborene“ bezeichnet, da Medien ein integraler und selbstverständlicher Teil des Alltags sind. Da der mediale Einfluss auf Jugendliche, aber auch auf erwachsene Individuen, enorm ist, muss die Bedeutung der Medien in Bezug auf die Rolle des Körpers erwähnt werden. Eine zunehmende Bedeutung des Körpers ist in den Medien zu beobachten – schöne schlanke, aber auch kurvige weibliche Körper und durchtrainierte männliche. In Bezug auf mediale Gestaltungen und Messungen wird von dem „Seltenheitseffekt“ (vgl. Feldmann 2006, S. 316) gesprochen, der sich durch Mode der seltener und makelloser Körper äußert. Mit anderen Worten, je seltener der makellose der jeweiligen Mode entsprechende Körper auftritt, desto mehr ist er Wert (vgl. Feldmann 2006, S. 316). Wie es schon erwähnt wurde, sind die menschlichen Körper von Natur aus individuell und deshalb können nur wenige den Idealen der perfekten mediatisierten Körper entsprechen, weshalb auch der durch das Seltenheitseffekt niedriges Wert eines „normalen“ Körpers auftritt. Somit steigt der soziale Druck durch Manipulierung der Körper (vgl. Feldmann 2006, S. 316). Die Gründe für Körpermanipulierungen sind genauso individuell wie die Körper selbst und sind nur in den gesellschaftlichen Rahmen zu verstehen, da jeweilige Gesellschaft mit eigenen Problemen zu kämpfen hat, die durch die eigenen Normen entstehen können. Die Umformungen am Körper können beispielsweise wegen dem Statuskampf, steigendem medialen Einfluss oder steigendem Wunsch nach Individualisierung, aber auch als „Quasi-Psychotherapie“ (vgl. Feldmann 2006, S. 316) vorgenommen werden.

Aus den Auseinandersetzungen mit dem Thema Körper ist es festzustellen, dass die Bedeutung des menschlichen Körpers in der Gesellschaft enorm ist. Im Prozess der „körperlichen Auseinandersetzungen“ muss aber auch der Begriff „Körperleib“ (vgl. Villa 2007, S. 20) erwähnt werden, da ein Subjekt nicht nur auf der rein körperlichen Ebene existiert, sondern sich auch auf der Ebene des Gefühlten befindet und somit ein Leib darstellt (vgl. Villa 2007, S. 19). Der Leib ist eine Dimension des inneren Erlebens, das individuelle Fühlen, das rein subjektiv ist, individuelle Wahrnehmungen, die durch Sprache unter den Subjekten mitgeteilt werden können und erst dann den leiblichen Modus verlassen (vgl. Villa 2006, S. 203ff.). Körper und Leib sind differenzierbar, doch im Alltag „sind wir beides gleichzeitig: ein Körperleib“ (vgl. Villa 2007, S. 20). Obwohl der Leib eine subjektive Wahrnehmung darstellt und somit er sich jenseits der Wirklichkeit zu positionieren scheint, ist das leibliche Spüren von Sozialisationsprozessen geprägt. Denn nach Villa (2007, S. 19) in der Gesellschaft zu leben bedeutet „soziale Erfahrungen zu machen“. Ein Subjekt wird mit seinem Körper und leiblichen Empfindungen in kulturelle und politische Dimensionen der Gesellschaft miteinbezogen und von diesen auch beeinflusst. Auf diese Weise werden Körper und Leib oder, wie es ohne Differenzierung als „Körperleib“ (vgl. Villa 2007, S. 19) bezeichnet wird, nur im gesellschaftlichen Rahmen betrachtet. Da der Körper eine immer mehr zunehmende Rolle in der Gesellschaft spielt, spricht Villa (2007, S. 20) in diesem Zusammenhang von „Körperbesessenheit und Leibvergessenheit“. Dies kommt dadurch Zustande, dass der Körper unabhängig von seinen leiblichen Wahrnehmungen wie eine Sache behandelt wird. Die „intensivierende kulturelle Verdinglichungstendenz“ (vgl. Villa 2007, S. 20) scheint den Körper manipuliert zu haben. Auf diese Weise wird der menschliche Körper als zu optimierende Materie betrachtet und nicht als lebendiger Leib, der die Spuren einer individuellen Biographie trägt (vgl. Villa 2007, S. 20). Mit anderen Worten wird der Körper somit zu einer Sache, die es Individuen ermöglicht, sich in der Gesellschaft auf eigene Art und Weise zu präsentieren und dadurch einen subjektiven Wert von eigener Person zu erschaffen.

In diesem Kapitel wurde die Entwicklungstendenz von Leib und Körper im Sinne der Verdinglichung verdeutlicht. Da aber geschlechtliche Dimension eine wichtige Rolle in Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit spielt und einen unzertrennbaren Teil des menschlichen Körpers darstellt, wird im nächsten Kapitel das Thema Geschlecht näher eingegangen. Im nächsten Kapitel wird eine Auseinandersetzung mit der Frage stattfinden, ob das Geschlecht rein als nur ein Körperteil betrachtet werden kann oder für ein Individuum und seine Identität eine größere Bedeutung hat. Alle zusammenhängende Aspekte müssen in Betracht genommen werden, um des weiteren die Forschungsfrage angehen zu können.

3 Geschlechtskörper: Die Jugendphase unter dem Einfluss der Geschlechternormen

Als Einführung in das Thema wird ein Blick auf die Konstruktion des „sozialen Geschlechts“ geworfen und von dem Begriff „biologisches Geschlecht“ differenziert. Das „soziale Geschlecht“ wird meist in der Bedeutung von Gender (vgl. Küppers 2012, S. 4) verwendet und gilt nach Maihofer (1995, S. 19) als Ausdruck und Konsequenz des biologisch-anatomischen Geschlechtskörpers. Anders ausgedruckt, besteht das gesellschaftliche Verhältnis der Geschlechter und ihre Rollen in der unterschiedlichen körperlichen Beschaffenheit der Geschlechter. Laut Lerner (1986, S. 301) stellt das sexuelle Geschlecht für Männer und Frauen eine biologische Gegebenheit dar und die Rollenerwartungen an diese beiden Geschlechter sind abhängig von der Kultur des Verhaltens einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit. Aus diesem Grund ist die Bestimmung der Geschlechtsrollen „ein historisch bedingtes, kulturspezifisches Produkt“ (vgl. Lerner 1986, S. 301). Deswegen ist es an dieser Stelle zu unterstreichen, dass nicht nur die Geschlechtsrollen, sondern auch Geschlechtsidentitäten historisch und kulturell bedingt und spezifisch für die jeweilige Gesellschaft sind (vgl. Maihofer 1995, S. 19). Demzufolge können die Geschlechtsrollen nicht durch biologische Geschlechterdifferenz definiert werden. „Ob sich jemand als Frau, als Mann, als zwischen den Geschlechtern oder als ein drittes Geschlecht fühlt, geht nicht immer mit den biologischen Prädispositionen einher“ (vgl. Seibring 2012, S. 2). Es scheint selbstverständlich zu sein, dass zwei sich deutlich voneinander unterscheidenden Geschlechter existieren. Es ist im Alltag öfters zu sehen, dass geschlechtsspezifische Stereotypen an Wirksamkeit verlieren. Als Beispiel sind die Familien zu nennen, in denen Frauen in Vollzeit beschäftigt sind und Männer sich um den Haushalt und Kindererziehung kümmern, trotzdem sind diese Rollen nach wie vor überall präsent. Die Benutzung der Toilette nach Geschlechtszuordnung ist ein guter Beispiel für die Darstellung der dualen Geschlechterdifferenzierungen und existierender in der Gesellschaft Normen. Eine Norm stellt aber nicht Dasselbe wie eine Regel oder ein Gesetz dar, sondern wirkt „innerhalb sozialer Praktiken als impliziter Standard der Normalisierung“ (vgl. Butler 2009, S. 73). Daraus folgt, dass eine Norm eine Art Parameter definiert, die das Bereich des Sozialen auf die Weise eingrenzen, sodass bestimmte Dinge in diesem Sozialen erscheinen werden oder eben nicht. Alles, was sich außerhalb der Normen befindet, erweist sich als „gedankliches Paradoxon“ (vgl. Butler 2009, S. 73).

Besonders Jugendliche in ihrem jüngeren Alter sind von gesellschaftlichen Normen stark betroffen, da sie mit großen Verunsicherungen leben und diese Eingrenzungen geben ihnen eine Art Sicherheit, sich in der Gesellschaft zurecht zu finden, wobei in der späten Jugendphase diese Geschlechtsstereotype abmildern (vgl. Rendtorff 2011, S. 61). In einer Studie wurde anhand von Gruppendiskussionen und narrativen Interviews mit Jugendlichen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, aber auch in der Heimerziehung festgestellt, dass die Jugendlichen überwiegend in der "heteronormativen Matrix" (vgl. Buschmeyer et. all. 2016, S. 10) verhaftet bleiben und Vorstellungen von Gender und Sexualität, die auf Stereotypen basieren, vertreten. Auch bei der Vorstellung der eigenen Rollen in der Gesellschaft zeigen sich stereotype Denkweisen. Die geschlechterstereotypen Zukunftsvorstellungen der weiblichen Jugendlichen im Alter von 15-16 Jahren sind beispielsweise stark an die Rollen ihrer Mütter in der Familie orientiert und sie tendieren zum Ideal einer ihre Kinder erziehenden und betreuender Mutter mit Bereitschaft eigene Erwerbstätigkeit aus diesem Grund zurückzustellen (vgl. Buschmeyer et. all. 2016, S. 9). Die Stereotypen können einerseits die Orientierung im Leben erleichtern, andererseits bringen sie die Individuen dazu, sich zu kategorisieren und nach dieser kategorisierten Einordnung zu handeln. Aus den narrativen Interviews mit Jugendlichen, die sich als nicht heterosexuell bezüglich ihres Geschlechts definieren, wird es verdeutlicht, dass sie oft Diskriminierungen und Beleidigungen aufgrund ihrer Nicht-Anpassung an heteronormative Strukturen im schulischen Alltag ausgesetzt werden (vgl. Buschmeyer et. all. 2016, S. 9). Eine andere sexuelle Identität als die große Mehrheit der Gleichaltrigen zu haben bringt häufig eine Reihe von psychischen und sozialen Problemen mit sich, mitunter sind ablehnende und abwehrende Reaktionen der Umwelt. Viele Jugendliche werden während ihrer Phase des Suchens und der geschlechtlichen Orientierung von den Gleichaltrigen in die Rolle eines „sozialen Außenseiters“ gedrängt, weil sie auf eine Art und Weise anders als die Mehrheit sind und sich in ihrem Verhalten von dem in der Gesellschaft erwarteten Standard abweichen (vgl. Hurrelmann 2012, S. 64). Zwar wird in den letzten zehn Jahren Homosexualität und andere sexuelle Orientierungen in breiten Schichten der Bevölkerung zunehmend akzeptiert und toleriert, aber immer noch gibt es starke Vorurteile und Unsicherheiten (vgl. Hurrelmann 2012, S. 64).

Die Herkunftsfamilie scheint eine entscheidend Rolle zu spielen, denn die Akzeptanz der beispielsweise homosexuellen Orientierung der Jugendlichen in der Familie kann dabei helfen, die Spannungen mit den Gleichaltrigen besser zu verarbeiten. In vielen Familien wird eine andere sexuelle Orientierung als eine Anomalie oder Krankheit eingestuft (vgl. Krell 2013, S. 23), deswegen können sich die Jugendlichen oft in ausweglosen Situationen befinden und haben kaum jemanden, mit dem sie über vertrauliche Themen und ihre Gefühle sprechen können. Sexualität und geschlechtliche Diversität werden auch kaum durch sexualpädagogische Angebote aufgegriffen. Die Sexualpädagogik legt Fokus auf Gefahren und unterstützt somit die normative Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität (vgl. Hurrelmann 2012, S. 10). Daraus folgt, dass die Kategorisierungen in männlich oder weiblich bei Jugendlichen in ihrer Lebensphase eine enorme Rolle spielen und ihr Lebensbild ist meist durch gesellschaftliche Rahmen und schon existierende Vorstellungen und Normen eingegrenzt.

Doch wie wirklich eindeutig ist diese Einteilung und Trennung der Geschlechter? Nach Küppers (2012, S. 3) stellt die Biologie kein „eindeutiges, objektives Kriterium“ bereit, das die Geschlechter jenseits der sozialen Kontexte differenzieren kann, da die Ausdifferenzierung auf einer chromosomalen, hormonellen und morphologischen Ebene, also Genitalienbereich, stattfindet. Die Feststellung eines Geschlechtes bei Menschen fällt schon auf dieser Ebene sehr komplex aus und wird „mehr als ein Kontinuum denn als zwei klar zu unterscheidende Pole betrachtet“ (vgl. Christiansen 1995, S. 17). Folglich für die Feststellung, ob ein Individuum im Durchschnitt eher als weiblich oder als männlich einzustufen ist, scheint die Biologie also mehrere Schritte durchführen müssen. Die Aussage von Hagemann-White (1998, S. 227) darüber, dass die Menschen nicht zweigeschlechtlich geboren werden, bietet eine gute Grundlage für die weitere Frage, nämlich, wie die Individuen sonst zu Mann und Frau werden, wenn sie biologisch nicht so einfach und auch nicht eindeutig bestimmbar sind und mehreren Untersuchungen unterliegen, bevor das Hauptergebnis feststellbar wird. In den Fokus rückt daher anstelle der Frage nach Möglichkeiten der Geschlechterunterscheidung die Frage, wie Geschlechter in der Gesellschaft gebildet werden und die Frage nach Reproduktion sozialer Geschlechternormen.

Wie es schon erwähnt wurde, grenzt eine Norm einen Bereich des Sozialen ein. Durch die Eingrenzung eines bestimmten Bereiches, muss aber ein Außerhalb definiert werden. Angenommen, dass die Feststellung von Geschlechtsunterschieden einer Norm unterworfen wird, dann müssen Geschlechter nach bestimmten Kriterien feststellbar sein. Es wurde aber schon angedeutet, dass die Feststellung eines Geschlechts erst durch mehrere Schritte mit mehreren Kriterien, nämlich ineinander verschränkten hormonellen, chromosomalen, psychischen und performativen Formen (vgl. Christiansen 1995, S. 17) in der Biologie erfolgt. Die Biologie selbst schließt nach Hirschauer (1989, S. 104) an ein kulturell etabliertes Alltagswissen von Binarität der Geschlechtlichkeit an und nutzt Alltagsmethoden der Geschlechtszuschreibung für die Identifikation ihres Untersuchungsgegenstandes. Daraus ist es zu schließen, dass durch die Hinnahme der Binarität der Geschlechtlichkeit die nicht in dieses binäre Muster herein passenden Subjekte aus den Normen ausgeschlossen werden. Durch diese zweigeschlechtliche und heterosexuelle Normalität in der Gesellschaft entsteht der Zwang, sich dieser Norm zu unterwerfen (vgl. Küppers 2012, S. 5). Das heißt, dass es eine Gleichzeitigkeit normativer Zwänge besteht, die es den Körpern eine Art Anerkennung ermöglichen und diesen somit einen sozialen Sinn zuschreiben können. Die Zuordnung zu einem als solches erkennbaren Geschlecht, kann in der Gesellschaft wichtig für das soziale Überleben werden. Aus diesem Grund gehen Vergesellschaftung und Sozialisation immer auch mit Vergeschlechtlichung einher (vgl. Küppers 2012, S. 6).

In diesem Kapitel wurde die Jugendphase in Bezug auf die geschlechtliche Dimension des Körpers in Betracht genommen. Zwar kann diese Lebensphase, in der das Individuum und seine Identität entstehen soll, Widersprüchlichkeiten aufweisen, ist sie in stereotypen Denkweisen der Gesellschaft gefangen zu sein scheint. Im nächsten Kapitel wird die Bedeutung der Identität in Bezug auf das Jugendalter verdeutlicht und die zusammenhängenden Aspekte ihrer Bildung werden beleuchtet.

4 Bildung der Identität: Geschlechtsidentität im gesellschaftlichen Kontext

Während Rendtorff (2011, S. 62) unter Identität die „vom Individuum erlebte Einheit und Übereinstimmung mit sich selbst“ versteht, und, dass eine Person sich einheitlich fühlt, widerspiegelt die Definition von Abels (2006) eine breite Palette an Farben der Identität in einem Satz. Laut Abels (2006) „Identität ist das Bewusstsein, ein unverwechselbares Individuum mit einer eigenen Lebensgeschichte zu sein, in seinem Handeln eine gewisse Konsequenz zu zeigen und in der Auseinandersetzung mit anderen eine Balance zwischen individuellen Ansprüchen und sozialen Erwartungen gefunden zu haben“ (vgl. Abels 2006, S. 254). Hier wird es verdeutlicht, dass sich das Individuum seiner selbst bewusst sein soll. Ausgehend aus dieser Definition kann festgestellt werden, dass Identität offensichtlich, in einem Interaktionsprozess mit anderen gebildet wird. Es kann so gesehen werden, dass ein Individuum versucht, sich mit den Augen des Anderen zu betrachten, indem er sich als unverwechselbares Individuum darzustellen anstrebt oder sich mit sozialen Erwartungen und individuellen Ansprüchen auseinandersetzt. Die Identität entsteht also in einem Prozess der Auseinandersetzung aus den Interaktionen mit anderen Gesellschaftsteilnehmern. Die Identität und nämlich ihre reifere Form, bildet sich im Jugendalter heraus in der wechselseitigen Beziehung zur Gruppe, Gemeinschaft und Gesellschaft und benötigt vor allem das Aufgeben der Identifikationen seiner Kindheit (vgl. Rendtorff 2011, S. 62). Das bedeutet, dass während sich ein Kind an anderen orientiert, wie beispielsweise an Freunden, Eltern, die er als Vorbilder wahrnimmt, steht einem Heranwachsenden die Aufgabe, sich von seinen in der Kindheit gebildeten Vorbilder abzulösen oder sie zu modifizieren und die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Somit wird Identität zu einem lebenslangen, immer in Bewegung bleibenden Prozess. Im Rahmen dieses Prozesses spricht Erikson (1959, S. 57) von einer gelungenen Identität, die sich aus einer gesunden Persönlichkeit entwickelt und die er als „Ich-Identitat" (vgl. Erikson 1959, S. 57) nennt. Diese lebt von dem ständigen Anspruch, mehrere Kriterien wie eigene Überzeugungen und soziale Erwartungen, sowie auf das eigene „Ich“ gerichtete Blicke der Anderen und das eigene Selbstbild, aber auch die eigene Biographie selbstbewusst zu verbinden (vgl. Erikson 1959, S. 57). An dieser Stelle muss festgehalten werden, dass es bei der Bildung der Identität von der Interaktion des Individuums mit der Außenwelt und seinem Bezug zu anderen Individuen handelt.

Bezogen auf Geschlechtlichkeit, befindet sich die Identität, nämlich Geschlechtsidentität, auch in Bewegung und ist nicht von Anfang an festgelegt. Sie kann mit der Zeit wandeln und „[ ] wird immer wieder neu überprüft, bearbeitet und verändert sich“ (vgl. Rendtorff 2011, S. 62). Da in den Familien der elterliche Umgang mit Kindern nicht nur auf der körperlichen Ebene stattfindet, sondern über Signale, Emotionen, Gefühle, Moralvorstellungen und anderes, sowie die soziokulturellen Einflüsse der Gesellschaft, in der die Kinder leben, hat das alles seine Wirkung auf die Herausbildung der Geschlechtsidentität. Das körperliche Geschlecht ist dabei nur eins von den Elementen, das die Geschlechtsidentität beeinflusst, aber nicht das einzige. Im Kapitel 3 wurde schon darauf hingewiesen, dass es, biologisch betrachtet, kein rein weibliches oder rein männliches Geschlecht gibt, da jedes Geschlecht in sich die Spuren des anderen trägt. In Bezug darauf wurde auf der psychischen Ebene die Geschlechtsidentität „erst aus einer ursprünglich bisexuellen Anlage“ (vgl. Rendtorff 2011, S. 63) entwickelt. Folglich ist es festzustellen, dass die Geschlechtsidentität ursprünglich keine klare Zuordnung aufweisen kann und erst mit der Zeit ihren Platz in einer Ordnung einnimmt, die im Rahmen der Gesellschaft existiert. Bezüglich der gesellschaftlichen Ordnung gilt die These von Parsons (1980, S. 117) über Rollenpluralismus, die besagt, dass durch die soziale Differenzierung entstandener Pluralität der sozialen Rollen eine angemessene individuelle Integration entgegenzusetzen ist, als ergänzend. Die Pluralität des menschlichen Könnens bedeutet einerseits, sich an gesellschaftliche Werte dauerhaft binden zu können und andererseits, ein einzigartiges Muster zur Orientierung gegenüber diesen Werten finden zu können. Das Rollenpluralismus und der Bezug zur Außenwelt lassen eine Frage nach der Selbstpräsentation entstehen, nämlich, ob ein Individuum sich durch den Einfluss der Außenwelt von den anderen Gesellschaftsmitgliedern durch das Spielen bestimmter Rollen zu schützen versucht. Mit der These von Goffmann (1959, S. 89) über Identität im Alltag kann diese Frage beantwortet werden. Die Frage der Identität im Alltag scheint gleichzeitig eine Frage der Selbstpräsentation zu sein. Im Vordergrund steht also, sich in der Gesellschaft von der besten Seite zu zeigen, wobei es den Verdacht zur Enthüllung der eigenen „wahren Identität" seitens anderen besteht (vgl. Goffmann 1959, S. 90f.). Es wird ständig der Schein erweckt, als ob das, was getan wird, so eine Art Schauspiel, in Wirklichkeit von den Anderen für die Wahrheit gehalten werden könnte. Dies scheint eine Art Strategie zu sein, die zum Beschützen des eigenen bedrohten Selbst entwickelt wird. Von besonderem Einfluss sind die Unsicherheiten und Zweifel das eigene Geschlecht so nach außen darzustellen, dass es überzeugend wirkt. Gleichzeitig ist es auch wichtig, dass es nach innen konsistent zu empfinden ist (vgl. Rendtorff 2011, S. 63). Diese Erfahrungen können im Zusammenhang mit negativem Umgang seitens anderen gebracht werden (vgl. Kap. 3). Die Unsicherheiten in eigener Geschlechtsidentität kann die Selbstpräsentationseffekt verstärken. Nach Rendtorff (2011, S. 63) werden die konventionellen Auslegungen der Geschlechterrollen stärker und rigider betont, je unsicherer sich in seiner Identität das Individuum fühlt. Das Verhalten, das dem zugewiesenen Geschlecht entspricht, widerspiegelt sich auch in den mit den äußeren Merkmalen von Geschlecht verbundenen Erwartungen. So wird beispielsweise von einem männlichen Kind eher erwartet, dass es kräftig und stark, mutig und emotional robust, unabhängig wird und eine Durchsetzungsfähigkeit besitzt (vgl. Mühlen-Achs 2006, S. 22). Im gleichen Maße betreffen die gesellschaftlichen Erwartungen auch die weiblichen Individuen. Von weiblichen Kindern wird erwartet, dass sie zierlich und zurückhaltend, emotionaler als Jungen und an Beziehungen orientiert werden (vgl. Mühlen-Achs 2006, S. 22). Durch Lob und Anerkennung kann dieses normiertes Verhalten, das dem zugewiesenen Geschlecht entspricht und auch den damit verbundenen Erwartungen, von der Umgebung noch weiter positiv verstärkt werden. Von den Abweichungen von Normen, die im früheren Kapitel erwähnt wurden (vgl. Kap. 3), können beispielsweise kleine, zarte, emotionale oder ängstliche Jungen, die also eher dem weiblichen Geschlecht zugeschriebenen Merkmale und Eigenschaften, betroffen werden. Dasselbe betrifft auch die Mädchen. Ein kräftiges, robustes, aggressives oder emotional unabhängiges Mädchen, das eher den Männern zugeschriebene Eigenschaften besitzt, weicht von den Erwartungsnormen ab. Dazu kommt auch noch, dass junge Mädchen eher als Jungen ihre Pubertät und Adoleszenz als belastend empfinden und somit auch depressiver werden können (vgl. Fend 2000, S. 436). Nach Mühlen-Achs (2006, S. 22) geraten also maskuline Mädchen und feminine Jungen durch negative gesellschaftliche Reaktionen, besonders der Gleichaltrigen, unter psychischen Druck, der sich auch wiederum in psychischen sowie physischen Symptomen niederschlagen kann. Es wird folglich offensichtlich, wie auch schon im Kapitel zuvor, dass die Integration des zugewiesenen sozialen Geschlechts oder Gender in die persönliche Identität nicht immer in der erwarteten Weise gelingt (vgl. Kap. 3). Mühlen-Achs (2006, S. 22) behauptet in ihren psychosozialen Auseinandersetzungen und Analysen mit Identität und Geschlecht bei Jugendlichen in Bezug auf den Druck durch soziale Erwartungen und Normen, dass während manche Kinder oder Jugendliche nur die Übernahme bestimmter Genderrollen verweigern, lehnen andere es sogar komplett ab und sich als Ergebnis eher mit dem entgegengesetzten Gender identifizieren können. Auf diese Weise können durch Normen, Erwartungen und Ausgrenzungen gesellschaftliche Außenseiter geschaffen werden (vgl. Kap. 3), wobei Bilder unbewusst wahrgenommen, aber nicht kritisch reflektiert werden können. Der Grund dafür ist, dass in der bildhaften Wahrnehmung der kritische Verstand umgangen wird und die präsentative Symbolik auf Emotionen abzielt (vgl. Mühlen-Achs 2006, S. 22). So können beispielsweise traditionelle Männlichkeitsvorstellungen wie Streben nach Macht, Autonomie, Durchsetzungsfähigkeit sowie Selbstkontrolle und emotionale Unabhängigkeit aus den Heldendarstellungen übernommen werden (vgl. Mühlen-Achs 2006, S. 22). Mädchen scheinen auch nicht weniger betroffen zu sein mit einigen Unterschieden in der Darstellung und Wirkung. Während die Jungen aus solchen Identifikationen riskanten und gesundheitsgefährdender Umgang mit sich selbst und mit anderen aufweisen, kann bei Mädchen durch Darstellungen der Schönheitsideale auf Verminderung des Selbstwertgefühls und auf ständige Verunsicherungen hingewiesen werden (vgl. Mühlen-Achs 2006, S. 22).

Die meisten Jugendlichen sind in ihrem Verhalten bezüglich ihrer „abweichender“ Geschlechtsidentität gegenüber den Eltern und anderen Erwachsenen zögernd. Die Bekanntgabe ihrer sexuellen Identität kann somit vollständig unterdrückt werden (vgl. Hurrelmann 2012, S. 164). Der Grund dafür ist die Furcht von der Ablehnung seitens Eltern. Und tatsächlich reagieren die Eltern auf die Bekanntgabe irritiert und befremdet und etwa 40 Prozent der Eltern können mit der nicht normierter sexuellen Identität ihrer Kinder nicht zurecht kommen (vgl. Hurrelmann 2012, S. 164). Die von den gesellschaftlichen Normen abweichende sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität können deswegen einem besonderen Belastungsdruck ausgesetzt werden (vgl. Kap. 3). Die Extremfälle sind dabei tiefe depressive Zustände, Angststörungen und suizidale Lebensgefährdungen (vgl. Hurrelmann 2012, S. 165). Daraus folgt, dass es von dem familiären und sozialen Umwelt abhängig ist, ob eine ausbalancierte Lebensgestaltung, aber auch Form der Partnerschaft gelebt werden kann. An dieser Stelle entsteht die Frage, mit deren Auseinandersetzung im nächsten Kapitel begonnen wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Adoleszenz als Möglichkeitsraum. Körper und Geschlechtlichkeit im Rahmen der gesellschaftlichen Normen
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V1305729
ISBN (Buch)
9783346774248
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adoleszenz, Körper und Geschlechtlichkeit, gesellschaftliche Normen und Geschlecht
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Adoleszenz als Möglichkeitsraum. Körper und Geschlechtlichkeit im Rahmen der gesellschaftlichen Normen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1305729

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