Stigma-Theorie nach Goffman


Essay, 2020

7 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Darstellung der Stigma-Theorie nach Goffman

3 Stigma-Theorie in der Suchthilfe

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Durch Stereotypenbildung und die gesellschaftlich determinierte Einstufung als Abweichung von der Norm führen Suchterkrankungen trotz gesellschaftlichen Fortschritts und Veränderungen der Mentalität zu starker Stigmatisierung der Betroffenen. Sie bleiben weiterhin das, was Goffman (vgl. 2016, S. 12 ff.) mit seinem zweiten Typ von Stigma beschreibt – ein individueller Charakterfehler, ein Zeichnen von Willensschwäche. In der Arbeit mit suchtkranken Menschen werden Sozialarbeiter_innen – nicht selten in Folge ihrer eigenen Handlungen oder Haltungen – mit Stigmatisierungsprozessen ihrer Klientel konfrontiert. Die Folgen für die Betroffenen sind vielfältig – von erhöhter Rezidivgefahr, sozialem Rückzug, darauffolgenden Selbstverurteilungsprozessen, Selbstwertverlust und sogar depressiven Zuständen bis hin zu sozialer Ausgrenzung und finanziellen Einbußen (vgl. Berger 2017). Deshalb ist es für die Soziale Arbeit in der Suchthilfe von besonderer Bedeutung, sich mit dem Thema Stigma auseinanderzusetzen, das eigene Handeln kritisch zu reflektieren, sich mit den Folgen der Stigmatisierung für die Betroffenen zu befassen und letztendlich nach Wegen zu suchen, sich nicht mehr an den Stigmatisierungsprozessen zu beteiligen, diese fortzusetzen oder sie sogar zu verursachen.

2 Darstellung der Stigma-Theorie nach Goffman

Zunächst sollen die theoretischen Hintergründe und die wesentlichen Inhalte der Stigma-Theorie nach Goffman dargestellt werden. Der Begriff Stigma hat seine Ursprünge in der antiken griechischen Gesellschaft und bezeichnet zunächst ein körperliches Zeichnen, das anderen Mitgliedern der Gemeinschaft als Hinweis auf den mangelhaften moralischen Zustand der Träger_in dieses Merkmals dient (vgl. Goffman 2016, S. 9).

In modernen Gesellschaften stellt Stigmatisierung einen komplexen gesellschaftlichen Prozess dar. Goffman sieht das Stigma als Resultat gesellschaftlich konstruierter Inkongruenzen zwischen den antizipierten und den vorhandenen Attributen der sozialen Identität eines Individuums. Die aktuale soziale Identität – die tatsächlichen Attribute, das, was einen Menschen definiert – weicht in irgendeiner Weise von den unbewussten, antizipierten, künstlichen und situationsbezogenen Erwartungen – der virtualen sozialen Identität – ab. Diese abweichenden Eigenschaften bilden insbesondere dann, wenn sie herabmindern oder beeinträchtigend sind, das, was Goffman Stigma nennt. Es führt zu einer tiefen Diskreditierung der Betroffenen und zur Beschädigung ihrer sozialen Identität, zu dem Gefühl nicht ganz menschlich zu sein (ebd., S. 10 ff.).

Dieses Stigma, von der Norm abzuweichen, führt die Betroffenen in der Regel dazu, sich wegen ihrer Merkmale zu schämen, sich von der Gesellschaft zurückzuziehen, während ihr Selbstbild stark darunter leidet. Aber die Auseinandersetzung mit ihrer Stigmatisierung kann in den Betroffenen auch andere Reaktionen hervorrufen. Hier nennt Goffman das Bestreben, diese direkt oder indirekt zu korrigieren, den Versuch, aus dieser Situation sekundäre Gewinne zu erzielen und das Infragestellen oder Ablehnen der Norm bzw. der Normalitätsgrenze, die das Stigma verursacht hat (vgl. Goffman 2016, S. 18 ff.).

Je nachdem, ob das Stigma unmittelbar sichtbar ist – und somit nach Goffman (ebd., S. 12) den Typus der diskreditierten Personen bildet – oder nicht gleich erkennbar ist – wie es bei den Diskreditierbaren der Fall ist – finden zwei Arten von Stigma-Management statt. Die Diskreditierten setzen sich mit der Spannung zwischen Normentsprechung und Normabweichung auseinander und erzeugen dadurch eine besondere Umgangsform mit dem Stigma. Dieses kann unterschiedliche Ausdrucksweisen annehmen – von sozialem Rückzug, um einer Konfrontation mit der Stigmatisierung komplett zu entgehen, über eine vorgetäuschte Akzeptanz des Stigmas bis hin zum Überspielen des stigmatisierenden Attributes oder dem Versuch, es zu kompensieren. Die Personen, bei denen das Stigma nicht bekannt oder offensichtlich ist, versuchen durch Informationsmanagement, ihre diskreditierenden Merkmale entweder zu verheimlichen und zu verstecken oder diese einzugestehen und somit die Kontrolle über den Stigmatisierungsprozess zu behalten (vgl. von Engelhardt 2010, S. 135 ff.).

Dabei ist es wichtig, zu erkennen, dass jede Person im Laufe ihres Lebens von Stigmatisierungsprozessen betroffen sein kann, da Identitätsnormen Ideale darstellen, die nicht von allen Mitgliedern der Gesellschaft erreichbar sind oder befolgt werden. Dieser Aspekt ist von großer Bedeutung für das Verständnis sozialer Interaktionen, da die Grenze zwischen Stigmatisierung und Normalität nicht trennscharf ist und es sich hier eher um gesellschaftlich konstruierte, wechselnde Rollen handelt (ebd., S. 138).

3 Stigma-Theorie in der Suchthilfe

Soziale Arbeit kann durch ihre Handlungen selbst zur Stigmatisierung der Klientel beitragen oder diese sogar verursachen. In der Fachliteratur der Suchthilfe bildet die Suchtprävention ein Konzept, das trotz guter Absichten eine wichtige Rolle im Stigmatisierungsprozess ihrer Klientel spielt. Obwohl hinter dieser Methode gerade die Absicht steht, die Sucht nicht mehr als eine Willensschwäche zu bezeichnen und sie als eine körperliche Erkrankung nach dem biomedizinischen Krankheitsmodell einzustufen, bei der die Betroffenen für ihre Störung keine moralische Verantwortung tragen (vgl. Laging 2018, S. 17), wird allein der Terminus Suchtprävention von der Mehrheit der Menschen mit den stereotypisierten negativen Eigenschaften von Suchtkranken assoziiert (vgl. Berger 2017, S. 335). Eine mögliche Ursache dafür ist der Einsatz von Abschreckungsmethoden und -kampagnen, die trotz bewiesener Ineffizienz die erschreckenden psychischen und körperlichen Folgen der Sucht hervorheben sollen, aber eher mit der Charaktereigenschaften der Betroffenen in Verbindung gebracht werden (vgl. Laging 2018, S. 116).

Trotz gegenwärtiger Anstrengungen geht die Diagnose Sucht weiterhin mit einer starken Diskreditierung und Marginalisierung der Betroffenen einher (ebd., S. 17) und es ist anzunehmen, dass die Soziale Arbeit als Teil dieses Systems am Stigmatisierungsprozess der Betroffenen beteiligt ist. Eine solche Strategie bleibt nicht ohne negative Folgen – sowohl für die Betroffenen als auch für die Soziale Arbeit.

In erster Linie wurde festgestellt, dass diejenigen, die Unterstützung benötigen, häufig keine Suchthilfe in Anspruch nehmen. Das Hervorbringen der abweichenden diskreditierenden Eigenschaften einer Person führt bei dieser zu einem Informationsmanagement als Umgangsform mit dem Stigma. Das Angebot wird abgelehnt, um eine Verbindung zu dem Typus des Diskreditierten zu vermeiden (vgl. Berger 2017, S. 335).

Wenn aber die Diagnose Sucht trotz Widerstands gestellt wird, geben sich viele der Betroffenen selbst die Schuld für ihre Abhängigkeit, da sie sich der gesellschaftlichen Rejektion bewusst sind (vgl. Kostrzewa 2018). Diese Reaktion verstärkt zusammen mit der Diagnose Sucht den Stigmatisierungsprozess, weil beide von der Gesellschaft „als gerechte Vergeltung“ (Goffman 2016, S. 15) für das abweichende Verhalten gesehen werden, was letztendlich zur sozialen Ausgrenzung der Betroffenen beiträgt. Dies bewirkt eine Annahme des zugeschrieben stereotypen Verhaltens durch die Betroffenen als eine andere Form des Spannungsmanagements, was ihre Diskriminierung weiter potenziert (vgl. Kostrzewa 2018).

In der Sozialen Arbeit in der Suchthilfe wird von den Betroffenen erwartet, dass sie ihr Risiko bzw. die Erkrankung so früh wie möglich anerkennen und die Angebote zur Prävention oder zur Behandlung in Anspruch nehmen. Obwohl den Suchtkranken nicht mehr öffentlich die Schuld für ihr Suchtverhalten gegeben wird, wird von ihnen verlangt, dass sie die Verantwortung für ihr eigenes Verhalten übernehmen und sich aktiv und selbstverantwortlich in den Hilfeprozess einbringen (vgl. Laging 2018, S. 18). Sie werden also in einem gewissen Maß aufgefordert, sich wie ‚Normale‘ zu verhalten und den gesellschaftlichen Stigmatisierungsprozess zu ignorieren.

In diesem Kontext darf der Einfluss der aktuellen aktivierenden Gesundheitspolitik nicht unberücksichtigt bleiben, in deren Rahmen die Stärkung der Eigenverantwortung in den Vordergrund aller Hilfeangebote gestellt wird (vgl. Klinke 2008, S. 97 ff.). In der Suchthilfe – insbesondere in der Prävention – wird für einen idealen Umgang mit der Stigmatisierung erwartet, dass die Betroffenen offen mit ihrer Sucht umgehen und sich frühzeitig Hilfe holen. Dafür müssen aber genau die Ursachen, die ein solches Verhalten verhindern, kritisch hinterfragt werden, da sie Stigmatisierungsprozesse verschleiern. Deshalb strebt die moderne Suchthilfe sowohl in ihrer Theoriebildung als auch in der Praxis eine klare Unterscheidung zwischen der suchtkranken Person und ihrem Suchtverhalten an. Während die Person zu respektieren und als unverletzbares Individuum zu betrachten ist, darf sein Suchverhalten kritisch reflektiert werden (vgl. Laging 2018, S. 19). Dies soll einerseits dazu führen, dass das Vertrauen und das Selbstbewusstsein der Betroffenen gestärkt wird und sie sich aktiv gegen das Stigma und ihre Erkrankung einsetzen können. Auf der anderen Seite sollen sie als Individuen nicht über ihre Erkrankung definiert werden. Hier spielt die salutogenetische Sichtweise eine bedeutsame Rolle, da nicht die Defizite, sondern die Ressourcen der Betroffenen in den Vordergrund des Hilfeprozesses gestellt werden. Ihnen wird eine partnerschaftliche Beziehung angeboten, in der sie sich als aktive Gestalter_innen ihrer Entwicklung einbringen und diese mitbestimmen können. Zusätzlich spielt die Reflexionsfähigkeit der Professionellen eine wichtige Rolle bei der Vermeidung von Stigmatisierungen, da sie durch ihre Hilfeangebote und Interventionen keine Stigmatisierungsprozesse fortsetzen oder sogar verursachen dürfen (vgl. Berger 2017, S. 340).

4 Fazit

Goffmans Stigma-Theorie findet unerfreulicherweise noch heute Anwendung in der Suchthilfe. Obwohl die Einführung der biomedizinischen Sichtweise – als Erklärungsmodell für die Entstehung und den Verlauf der Sucht sowie als Grundlage für deren Prävention – eine differenzierte Betrachtung der Erkrankung und der Kranken bewirken soll, erleben die Betroffenen weiterhin eine gesellschaftliche Stigmatisierung. Dabei fördert gerade diese neue Ansicht durch ihre Defizit- und Risikoorientierung den Stigmatisierungsprozess. Allerdings wenden sich vermehrt Professionelle gegen die diskreditierten Aspekte der Prävention und fordern die konsequente Einführung einer transparenten, ressourcenorientierten und partizipativen Suchthilfe, die sich aktiv gegen die Stigmatisierung und Marginalisierung ihrer Klientel wendet.

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Stigma-Theorie nach Goffman
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart
Note
1
Autor
Jahr
2020
Seiten
7
Katalognummer
V1305966
ISBN (Buch)
9783346777324
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goffman, Stigma, Stereotypenbildung, Stigmatisierung, Sucht, Suchthilfe, soziale Identität, Pflege
Arbeit zitieren
Alexandra Brunet (Autor:in), 2020, Stigma-Theorie nach Goffman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1305966

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