Der gewaltige Anschlag der Bilder - Wie die Realität der Medien am 11. September 2001 bei uns einschlug


Hausarbeit, 2008

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Vor-Wort: ein Augen-Blick

2. Zwischen Fakten und Fiktion: Die Bilder in den Medien

3. Die visuelle Zerstörung realer Realität

4. Massenmediale Aufladung der Terroranschläge

5. Die Sprache der Bilder oder ein Anschlag auf die Schlagzeilen

6. Vom Schock real gewordener Unterhaltung

7. Die Gewalt der Bilder – Die Bilder der Gewalt

8. Terrorbilder als Form faszinierender Gewalt

9. Versuch einer Ästhetik der Gewalt

10. Schluss-Wort

11.Quellen
a) Sekundär Print
b) Sekundär Online

„Hat euch nie die Angst geplagt, ihr möchtet gar nicht dazu taugen, das, was wahr ist, zu erkennen? Die Angst, dass euer Sinn zu stumpf, und selbst euer Feingefühl des Sehens noch viel zu grob ist? Wenn ihr einmal merktet, was für ein Wille hinter eurem Sehen waltete? Zum Beispiel, wie ihr gestern mehr sehen wolltet, als ein Anderer, heute es anders sehen wollt, als der Andere, oder wie ihr von vornherein euch sehnt, eine Übereinstimmung, oder das Gegentheil von dem zu finden, was man bisher zu finden vermeinte! Oh der schämenswerthen Gelüste! Wie ihr oft nach dem Starkwirkenden, oft nach dem Beruhigenden ausspäht, - weil ihr gerade müde seid!“1

1. Vor-Wort: ein Augen-Blick

„Die Menschen werden nicht durch die Dinge verwirrt, die ihnen widerfahren, sondern durch die Auffassung, die sie davon haben.“ Epictet2

März 2008, ich laufe durch die Straßen von New York. Meine Blicke wandern in dieser großen und mir fremden Stadt umher. Vor mir Ground Zero, eine riesige Baustelle. Ich zücke die Kamera, möchte Bilder einfangen, die sich unweigerlich vor meinem inneren Auge abspielen. Und doch, in meiner Situation, in der Realität sehe ich nichts, was an den Anschlag vor sieben Jahren erinnert. Die Bilder decken sich in keinster Weise mit der Wirklichkeit. Habe ich mir das hier so vorgestellt? Ich stelle mir die Frage, was mich mit diesem Ort verbindet, den ich eigentlich nur aus den Medien kenne. Es entsteht eine ungemeine Realitätsverschiebung. Was habe ich auch erwartet? Ich rufe mir Bilder wach, versuche die Leere zu füllen, die sich vor mir offenbart. Ich sehe nichts, keinen Staub und keine Aschewolken, kein Entsetzen und kein Chaos mehr. Ich schließe die Augen und sehe alles, kann es nahezu hören...

Eine seltsame Ambivalenz zwischen Realität und der Wirklichkeit, wie ich sie aus den Medien kenne entwickelt sich, welcher ich mich nicht entziehen kann. Und während ich den Ereignissen stumm und blind gegenüber stehe, entwickeln und sprechen die Bilder für sich. Bilder, die im Gedächtnis geblieben sind und dort einfach nicht verschwinden wollen. Mit großer Wahrscheinlichkeit war es an jenem 11. September 2001 nicht einmal der Anschlag auf das World Trade Center selbst, was uns so erschütterte, sondern die Bilder, die bei jedem von uns eine bis dahin unbekannte Wirkungsmacht entfaltet hat und das Ereignis so aus dem Rahmen fallen ließ.3

In vorliegender Arbeit möchte ich mich mit der gewaltigen Macht und Wirkung der Bilder des 11/9 auseinandersetzen, von denen wir alle so überwältigt waren und habe mir die Frage gestellt, inwiefern sie überhaupt in der Lage waren, die Realität der Ereignisse festzuhalten und wie sie dadurch gleichzeitig ihre eigene Wirklichkeit geschaffen haben. Ziel der Arbeit ist es zu verdeutlichen, wie es durch mediale Aufladung der Ereignisse dazu kommen konnte, dass wir uns tatsächlich alle an diesen Tag erinnern können. Des weiteren stelle ich die These in den Raum, dass wir trotz all der Schreckensbilder dennoch fasziniert von einer Gewalt sind, die man als Ästhetik des Grauens bezeichnen kann.

2. Zwischen Fakten und Fiktion: Die Bilder in den Medien

„Um dich begreiflich zu machen, musst du zum Auge sprechen! (Gottfried Herder)4

Zu Beginn möchte ich darstellen, inwiefern es Bilder im Allgemeinen versuchen, eine Realität zu vermitteln. Als Bausteine der Kommunikation werden sie nach unserem Instinkt grundsätzlich für „wahr“ und objektiv gehalten. Unsere Gesellschaft ist auf das Visuelle fixiert. Vor allem haben Bilder die Welt verändert, wie am Beispiel der Terroranschläge des 11/9 auf einschlagende Weise veranschaulicht wurde. Dies liegt darin begründet, dass sie im Gegensatz zu anderen Zeugnissen dem Betrachter den Eindruck vermitteln, dass dieser am dargestellten Geschehen teilnehmen kann.5 Die Fotografie ist in der Lage mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ein richtiges Abbild der realen Welt hervorzubringen. Dies ist allerdings noch lange nicht ihr Realismus.6 Und noch lange nicht die Wirklichkeit. Diese wird nach Luhmann erst durch die Medien konstruiert.7 Sie dienen allerdings der kulturell geregelten Produktion, Distribution, Rezeption und Verarbeitung von dem, was Menschen über die Dinge der Welt, über die sie umgebenden Menschen und über sich selbst denken und ermöglichen Verlässlichkeit und Wiederholbarkeit im Austausch von Informationen. Ihre Verbreitung geht einher mit kulturellen Praktiken des Wahrnehmens, Erkennens und Erinnerns, aber auch in der Unterscheidung von Fiktion und Realität und der Bildung unserer Wirklichkeitskonzepte.8 Dabei beziehen sie sich allerdings immer bloß auf Elemente einer Realität, auf eine Situation.

Insofern haben Bilder Realität und schaffen sie neue Realität – nicht durch die Abschaffung der Wirklichkeit, sondern deren Veränderung, durch die Eröffnung der Möglichkeit, uns nahezu andauernd auf Situationen zu beziehen, in denen wir nicht sind.9 „Sie sind also nicht nur Dokumente eines Geschehens, sondern ebenso Medien der Gestaltung und Deutung von Realität: die Deutungsfunktion. Sie fungieren damit gleichermaßen als Speicher wie als Agenturen des kulturellen Gedächtnisses.“10

Des weiteren haben sie eine große Wirkung auf die öffentliche Meinung und können dadurch Politik und Regierung beeinflussen, wie im Folgenden dargestellt werden soll.

Auch nimmt ihre Bedeutung gegenüber den Texten stetig zu. Wenn wir also wahrnehmen, beinhaltet dies bereits eine Einordnung in soziale und individuelle Bedeutungssysteme. Aus diesem Grund beziehen sich Fotografien auf einen Ausschnitt, wie er erinnert, vorgestellt oder rekonstruiert wird und nicht auf den raum-zeitlichen Ausschnitt direkt, wie er vergangen ist.11 Insofern sollte man wissen, dass wir in Bildern und durch Bilder leben und diese handlungsrelevant sind. Betont werden sollte allerdings auch, dass Bilder grundsätzlich ein Eigenleben führen, welches nicht immer mit den Schöpfern oder Auftraggeber einhergeht.12

3. Die visuelle Zerstörung realer Realität

„Wer im Bilde sein, wer wissen will, was es draußen gibt, der hat sich nach Hause zu begeben, wo die Ereignisse, „zum Schauen bestellt“, schon darauf warten.[...] Wie sollte er auch draußen, im Chaos des Wirklichen, in der Lage sein, irgendein Wirkliches von mehr als lokaler Bedeutung herauszupieken? Denn die Außenwelt verdeckt die Außenwelt“.13

Somit ist das Bild, wie wir es im Fernsehen sehen, „eine fremdbestimmte Wahrnehmung“14, bei der es um Vertrauen geht, die Wirklichkeit auf der Basis der eigenen Annahmen zu betrachten.15 Eben so war es bei den Anschlägen in New York. Ein unglaubliches Entsetzen haben sie ausgelöst. Was wir allerdings davon wissen, ist das Resultat eines Medienereignisses.16 Da kommt man schnell zu der Annahme, dass die Konstruktion der Bilder so einmalig war und vielleicht am Ende schlimmer, als das Ereignis selbst. Bei den Ereignissen am 11/9 konnten die Attentäter wissen, dass der amerikanische Fernsehsender CNN nur wenige Minuten benötigen würde, um mit ihren Kameras live vor Ort zu sein. In gewisser Weise bedienten sie sich dieser weltweit verbreiteten Bilder in kalkulierender Weise als Waffe. In den nächsten Tagen und Wochen nach dem Geschehnis wurde uns ein virtueller Krieg via Bildern vorgeführt, der vorerst wenig Verständnis mit sich brachte. Über diese Art der Medienstrategie äußert sich Wesley Clark, Ex-Nato-Oberbefehlshaber insofern, dass die Presse kein Hindernis, sondern vielmehr selbst ein Teil des Schlachtfeldes darstelle. Man solle die Medien benutzen, von innen heraus, quasi als Rahmenbedingungen der Schlacht. Dass Massenmedien für Propagandazwecke bestens geeignet sind wissen wir spätestens seit dem Ersten Weltkrieg. Die Fotografie eignet sich hierbei vorzüglich und gehört geradewegs zu den Mitteln der so genannten psychologischen Kriegsführung.17 Allerdings umriss bereits Baudrillard seinerzeit die neue Situation für die Medien folgendermaßen: „Die Amerikaner haben – mit Hilfe der Medien, der Zensur...- den gleichen Krieg gegen die Weltmeinung geführt, wie auf dem Gebiet der Waffen – überbelichtet in den Medien, unterbelichtet im Gedächtnis. Wenn man nur einen Bruchteil dessen ernst nimmt, was in den Fernsehnachrichten geschieht, ist man schon reingefallen.“18 Wie soll man den Medien also Vertrauen gegenüber bringen?

Außer Frage steht allerdings bei diesem Debakel um Wirklichkeitserzeugung, dass der 11/9 real und ein Anschlag auf die materielle Realität mit symbolischer Sprengkraft war. Jedoch, die Medienbilder, die wir darauf hin empfangen haben und an die wir meinungsbildend und in Kommunikation anschließen können, sind Konstruktionen.19 Da stellt sich die Frage, was wirklich war und was uns die Bilder im Fernsehen als Realität angeboten haben? Wie kann man unterscheiden zwischen realer und nicht realer Welt? Im Fernsehen scheint diese Differenz weitestgehend aufgehoben. Aus diesem Grund bestehen unterschiedliche Realitäten nebeneinander. Gefährlich wird dies, wenn der Zuschauer nicht mehr zwischen wirklichem Ereignis und medialer Vermittlung unterscheiden kann.

Beim 11/9 war dies der Fall. Im ersten Augenblick erinnerten die Bilder an eine Inszenierung aus Hollywood. Sie verkörperten die grausame Wahrheit. Die reale Wahrheit? Wie konnte diese auch anders bestehen als durch das Mediale? Viele sprachen vom Verschwinden der Realität, bei der unter Medienbedingungen alles zur Simulation wird. So erscheint uns die Zerstörung wie eine virtuelle Geschichte einer virtuellen Realität. Aus dem Grund virtuell, da wir bereits eine Quasi-Einstimmung auf die Ereignisse hatten, durch zahlreiche Katastrophenfilme, The Towering Inferno (1974) oder Independence Day, welche uns als filmische Vorbilder dienten.20

[...]


1 Nietzsche (1988). In: Forster (1998): http://www.mediamanual.at/mediamanual/themen/pdf/gewalt/23forster.pdf S.11.

2 Zit. In: Bredemeier/ Schlegel (1991): S. 15.

3 Vgl. Buttler. In: Beuthner u.a. (2003): S. 27.

4 Zit. In: Bredemeier/ Schlegel (1991): S. 9.

5 Vgl. Paul: http://www.paulus-akademie ch/berichte. S. 2.

6 Vgl. Beiler (1967): S. 135.

7 Vgl. Weber: http://www.mediamanual.at/mediamanual/themen/pdf/Gewalt/weber.pdf. S. 2.

8 Vgl. Krämer (1998): Vorwort.

9 Vgl. Seel (1998): S. 265.

10 Paul http://www.paulus-akademiech/berichte. S. 2.

11 Vgl. Schmitt. In: Schmitt u.a. (2000): S. 150.

12 Vgl. Bredekamp (2003): S. 250.

13 Anders (2004): S. 213.

14 Schneider (2002): www.lfm-nrw.de/downloads/gewalt-und-fernsehen.pdf. S. 16.

15 Vgl. Rathmayr (1996). In: Forster (1998):

http://www.mediamanual.at/mediamanual/themen/pdf/gewalt/23forster.pdf S.11.

16 Vgl. Filzmaier (2001): http://www.mediamanual.at/mediamanual/themen/pdf/gewalt/filmaier.pdf S.1

17 Vgl. Gundlach (2002): http://dgph.de/intern/2002-03/bild.html?print=on S. 1f.

18 Ebd. S. 2.

19 Vgl. Weber: http://www.mediamanual.at/mediamanual/themen/pdf/Gewalt/weber.pdf. S. 7.

20 Vgl. Reuter u.a. (2002): www.uni-paderborn.de/fileadmin/mw/lemke/PPTIkonographie911.pdf

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der gewaltige Anschlag der Bilder - Wie die Realität der Medien am 11. September 2001 bei uns einschlug
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar  (Fakultät Medien)
Veranstaltung
Schlagbilder der Fotografie – Fotografie und Ästhetik der Gewalt
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V130600
ISBN (eBook)
9783640390144
ISBN (Buch)
9783640389988
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
World Trade Centre, Fotografie, Ästhetik, Medienästhetik, Medienkommunikation
Schlagworte
Anschlag, Bilder, Realität, Medien, September
Arbeit zitieren
Katharina Bucklitsch (Autor), 2008, Der gewaltige Anschlag der Bilder - Wie die Realität der Medien am 11. September 2001 bei uns einschlug, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130600

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