Die Feier der Versöhnung: Ein Streifzug durch die Kulturtechnik der Beichte


Hausarbeit, 2008

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitende Worte
a) Unterschiede zwischen evangelischer und katholischer Religion
b) Das Sakrament der Versöhnung

2. Die Beichte im Wandel der Zeit
a) Das Altertum – Die öffentliche Beichte
b) Das Mittelalter – Die Privatbeichte
c) Die Neuzeit – Die Lehre Luthers

3. Der Beichtvorgang
3.1. Die Aufgliederung der Beichte
3.1.a) Die Gewissenserforschung
3.1.b) Die Reue
3.1.c) Der gute Vorsatz
3.1.d) Das Sündenbekenntnis
3.1.e) Die Genugtuung
3.2 Andere Formen der Versöhnungsfeier
3.3. Der wirksame Empfang der Absolution
3.4. Die Beichte aus heutiger Sicht

4. Abschließende Worte

5. Quellen

1. Einleitende Worte

„All unsre Schuld vergib uns, Herr, dass sie uns nicht betrübe mehr.“1

Die diesjährigen Domstufen-Festspiele in der Landeshauptstadt Erfurt befassten sich mit Martin Luthers Leben und Wirken. Aufgeführt wurde ein großartiges Musical, welches nicht nur für Gläubige interessant war. Ich habe es mir angesehen und einen völlig neuen Blick auf den Reformator und seine faszinierende Persönlichkeit bekommen. Sein oben genannter Ausspruch gilt in diesem Zusammenhang für die Christen, allerdings ist er meiner Meinung nach in seiner Grundaussage maßgeblich für alle Menschen. Auf diesem Wege kann man das Glück und die Lebensfreude durch die Versöhnung mit Gott erlangen und wird schlussfolgernd ein anständiger Mensch und damit gesellschaftsfähig. Dieser Zustand kann im religiösen Sinne durch die Beichte erreicht werden, welche unerlässlich bei der Ausübung des christlichen Glaubens ist. Grund genug sich mit dieser Materie einmal näher auseinander zu setzen und einzutauchen in eine Welt, die mir bisher noch relativ fremd erschien.

Vorliegende Arbeit möchte einen Einblick in die Kulturtechnik der kirchlich/christlichen Beichte, ihrer Geschichte, den Abläufen und Voraussetzungen schaffen. Sie versucht zu beantworten, wie man zur Sündenvergebung und Absolution gelangen kann und welche Bedeutung ihr damals wie heute zugesprochen wird. Ein wesentliches Augenmerk liegt im Vorfeld in der deutlichen Abgrenzung zwischen religiöser Beichte und weltlichen Seelsorge sowie der Begründung, weshalb man beide nicht auf eine Stufe stellen kann, auch wenn die eine der anderen auf den ersten Blick bedenklich nahe zu rücken scheint.

1.a) Unterschiede zwischen evangelischer und katholischer Religion

Erst ziemlich am Ende meiner Recherche über diese vielschichtige Kulturtechnik ist mir bewusst geworden, dass es nicht möglich ist, pauschal über die Beichte zu berichten, da es wesentliche Abweichungen zwischen den Konfessionen gibt. Jedoch hatte ich an diesem Punkt bereits alles mir wichtig Erscheinende zusammengetragen und stand vor dem Problem, die katholische und evangelische Beichte unter einen Hut zu bekommen. Dies ist natürlich so einfach nicht möglich, wie ich als Atheist feststellen musste.

Letztlich gestaltete sich die Auseinandersetzung allerdings dadurch noch ein wenig spannender. In meinen Äußerungen versuche ich allgemein zu bleiben, d. h. eine detaillierte Unterscheidung liegt dieser Arbeit nicht zu Grunde. Es wird aber immer auf die jeweilige Konfession verwiesen, wenn es sich um gravierende Differenzen handelt. Um zu einem besseren Verständnis beitragen zu können, möchte ich dennoch vorab in Kürze die wesentlichen Verschiedenheiten der beiden Religionen, welche fortfahrend Bezug auf die Beichte nehmen, nennen. Dies hat auch mir die unglaubliche Mannigfaltigkeit der Thematik deutlich bewusster gemacht und sehr geholfen bei der Erarbeitung der folgenden Seiten.

Zur Abspaltung der evangelischen von der katholischen Kirche kam es durch Martin Luther im 16. Jahrhundert. Viele alte Traditionen der katholischen Kirche wurden dabei abgeschafft. Gemeinsam ist allerdings beiden, dass sie an den selben Gott glauben und sich auf die selbe Heilige Schrift beziehen. Im Wesentlichen kann gesagt werden, dass es im Evangelischen nicht so feste Regeln gibt wie bei den Katholiken; es existieren so lediglich zwei Sakramente, die Taufe und das Abendmahl. Manche zählen ebenfalls die Beichte hinzu.2 Bei den Katholiken gibt es sieben Sakramente. Hier hat die Beichte ihren festen Platz. Des weiteren ist festzuhalten, dass sich die Glaubenslehre der Evangelisten allein aus der Heiligen Schrift und nicht wie in der Katholiken aus der Tradition der Kirche bezieht. Bei Erstgenannten geht es allein um den Glauben, welcher nicht unbedingt an die Kirche gebunden sein muss, da Gott überall ist. Das bedeutet, dass Christus die Autorität hat und nicht die Kirche als Institution an sich. Die Erlösung besteht ausschließlich durch die göttliche Gnade, quasi als Geschenk Gottes. In der katholischen Kirche erlangt man die Erlösung durch eigenen Verdienst und Wohlverhalten. Dies spielt bei der Beichte eine sehr entscheidende Rolle. Insgesamt ist diese Konfession mehr ritualisiert, wahrscheinlich auch strenger, geht man beispielsweise davon aus, dass der katholische Priester keine Frau haben darf, während bei den Evangelisten sogar möglich ist, dass eine Frau als Pfarrer ernannt werden kann.

Der wesentliche Unterschied liegt aber meines Erachtens in dem Umstand begründet, dass die Katholiken beim Feiern des Abendmahls daran glauben, dass sich Brot und Wein tatsächlich in Leib und Blut Christi verwandeln und nicht nur Symbole sind, wie es die Evangelisten sehen. Dies verhindert, dass Gläubige beider Konfessionen an einem Abendmahl teilnehmen können.3

1.b) Das Sakrament der Versöhnung

„Die Sakramente teilen denen die Gnade mit, die sich nicht versperren.“4

Dass der Mensch vor allem Gutes will und doch Böses tut ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheitsgeschichte selbst.5 Hört man in diesem Zusammenhang das Wort „Beichte“, denkt man wahrscheinlich an einen dunklen Holzkasten in der Kirche und man weiß zu berichten, dass auf der einen Seite des Beichtstuhls der Priester sitzt und auf der anderen der Sündige. Dazwischen ist ein gitterne Wand, so dass man sich gegenseitig nicht tatsächlich sehen kann. Der Schuldige bleibt somit quasi mehr oder weniger anonym, kann seine Bekenntnisse abliefern und wird in Folge dessen eventuell freigesprochen. Ganzes hat etwas mystisch Dunkles und bedrückend Unangenehmes an sich, durch die Abhängigkeit zum allmächtigen Gott, welchem man sich zwangsläufig unterwerfen muss. Dieser Meinung entgegenwirkend soll die Beichte jedoch als Fest der Befreiung und Versöhnung dienen und den Menschen ein Gefühl von Gemeinschaft und der Nähe zu Gott vermitteln.6 Worum geht es nun also wirklic h bei der Beichte?

Allgemein gesprochen sagen wir auch im weltlichen Leben „ich muss dir etwas beichten“, gewissermaßen etwas bekennen, sich mündlich äußern und Stellung zu einer Sache beziehen, die sich meistens darin begründet, dass man einen Fehler begangen hat und sich dafür entschuldigen möchte. Die Beichte ist somit auch im nichtreligiösen Sinne möglich, zum Beispiel auch beim Schreiben eines Tagebuchs oder in der Autobiografie, im Sprachgebrauch tatsächlich als Beichte allerdings nicht so sehr geläufig.7 In der Kirche versteht man sie als Andachtsübung, durch die man etwas wieder ins Reine bringen kann. Dabei dient der Beichtvater als Mittel zum Zweck. Er ist es, der dem Sünder den Blick öffnet für die Güte Gottes, dessen Barmherzigkeit und Liebe. Beim kirchlichen Beichtbekenntnis handelt es sich somit zunächst um die formelle Sündenvergebung im Namen Jesu Christi.8 Es geht um seine Verkündigung und genau diese Tatsache soll zu einem Ereignis werden und ausdrücken, dass Christus bei den Menschen ist. Dabei ist die Aufforderung zum Bußetun eines der Hauptthemen der biblischen Botschaft. In ihrem Mittelpunkt steht die Umkehr von den Sünden hin zu einer Neuorientierung und beeinflusst dadurch auch das Leben der Kirche. Mit der Umkehr soll in gewisser Weise das Defizit angesprochen werden, was die Einsicht über begangene Handlungen voraussetzt. Erst diese ermöglicht den Entschluss auf eine Änderung.9 Auf diesem Wege gehört die Beichte zu den persönlichsten Sakramenten und verspricht Heilung und Begegnungsmöglichkeit mit Gott. Es gilt als „Zeichen der Nähe und der Zärtlichkeit des den Menschen liebenden Gottes“.10 Dabei soll Schuld nicht einfach verdrängt, sondern verinnerlicht und erkannt werden, um zu der Einsicht zu gelangen, dass man wirklich Fehler begannen hat. Aus der Reue und der anschließenden Wiedergutmachung entsteht dann die Wende zum Positiven, welche von der Hoffnung auf Verzeihen getragen ist. Nicht zu vergessen sei nämlich, dass eine Schuld nicht allein aus der Tat herrührt, sondern aus der Verdrängung nicht darüber zu reden. Eine Befreiung mit Gott und anderen Menschen wird somit erst durch das Eingestehen möglich. Ein wahres Fest der Versöhnung, wenn man daran glaubt.11

2. Das Beichte im Wandel der Zeit

Wichtig ist die Geschichte der Beichte, um einerseits zu verdeutlichen, warum ihr heute noch eine so große Bedeutung zugesprochen wird und um andererseits diese Art der Kulturtechnik in ihrem Wesen durch die Entwicklung besser verstehen zu können. Nach Hahn lässt sich ihre Wandlung dabei in drei große Etappen gliedern: das Altertum, das Mittelalter und die Neuzeit. Deutlich wird in der Abfolge der Historie, dass sich nach jahrhundertelangen Epochen ein Wandel vom Bußetun verlagert hat auf die innere Reue, das Bekenntnis, sowie die priesterliche Absolution. Fest steht, dass die Beichte seit dem 9. Jahrhundert eine feste kirchliche Institution darstellt und als „Feier der Versöhnung“ mit der Kirche, Gott und den Menschen zu definieren ist.12

2.a) Das Alterum - Die öffentliche Beichte

Bis zum Frühmittelalter war die Beichte öffentlich. Das bedeutet, dass die Bischöfe aufriefen, Buße zu tun. In diesem Abschnitt der Geschichte lag der Hauptaugenmerk auf der persönlichen Bußleistung. Der Sündige ging freiwillig zum Beichtvater und bekannte seine Taten in einem privaten Gespräch. Durch Gebete, Fasten oder Almosen konnte der Gläubige die große kirchliche Buße ersuchen. Jedoch wurde selbst von den kirchlichen Oberhäuptern empfohlen, erst auf dem Totenbett zu beichten. Dies lag zu einem nicht unerheblichen Teil auch an der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit der Kirchenbuße. Man stellte die Beichte der Taufe gegenüber. Dies brachte zum Teil katastrophale Folgen mit sich. Indem die Beichte nur noch als Vorbereitung auf den Tod verstanden wurde, hatte sie ihre lebensbejahende und -formende Wirkung verloren. Des Weiteren hatte man eine lebenslängliche Bußverpflichtung. Folglich musste man in hohem Maße auf das weltliche Leben verzichten, wie z. B. auf den ehelichen Verkehr. An dieser Übersteigerung scheiterte das kirchliche Bußverfahren im Altertum und trug dazu bei, dass sich die Bußliturgie festfuhr und am Ende zur Wirkungslosigkeit verurteilt wurde.13

2.b) Das Mittelalter - Die Privatbeichte

Seit dem 12. Jahrhundert verschob sich der Schwerpunkt bei der Analyse der Sünden auf die inneren Intentionen, weg driftend von den äußeren Handlungen. Der Mensch wurde sich also seiner Schuld bewusst, es „[entstand] eine Schuld der Seele, durch die sie sich die Verdammnis verdient[e], indem sie sich vor Gott schuldig macht[e]“.14

Dies war vorher nicht so, da die äußeren Pflichten und Verfehlungen im Zentrum der Aufmerksamkeit standen. Deutlich wird dadurch, dass der Mittelpunkt der Beichte hauptsächlich die Wiedergutmachung war und weniger das auseinander setzende Bekenntnis mit den eigentlichen Motiven, welche an die Beichte anschloss. Aufgrund der Verlagerung von außen nach innen kommt es in jener Zeit zur starken Subjektivierung der Sünde und zur Sozialisierung der Empfindungen, wobei das Gewissen genaustens überprüft wurde. Das Individuum hatte sich nun an für sein Tun zu verantworten.15

1215 wird auf dem 4. Laterankonzil eine Beichte pro Jahr für jeden Christen als Pflicht erhoben. Die Kirche verstand sich mehr denn je als „Sinnstiftungsmoment“ und versucht maßgeblich Einfluss zu gewinnen.16 Dies setzte im starken Maße die Beichte voraus. Wurde diese nicht eingehalten, kam es zu Verweigerung des Kircheneintritts oder ein Nicht-Gestatten des kirchlichen Begräbnisses. Aus diesem Grund wurden ab dem 13. Jahrhundert Listen geführt, in denen systematisch kontrolliert wurde, wer zur Beichte erschien. Als Belohnung gab es eine Bescheinigung, welche vorgelegt werden musste. Säumige hatten Geldstrafen zu leisten oder bekamen keine Almosen. Hinzu kam das Aufkommen des Glaubens, „dass man alle Sünden, zumindest aber alle Todsünden, vollständig beichten müsse“.17

Außerdem kam es in jener Zeit zur Differenzierung zwischen vollkommener und unvollkommener Reue, die bis heute ihren Bestand hat. Erst genannte ist die Liebe zu Gott. Bei der zweiten geht man beichten aus Angst vor der Verdammnis bzw. dem Fegefeuer oder aus dem Wunsch heraus, in den Himmel zu kommen.18 Daraus ergibt sich im Laufe der Zeit eine Verantwortung für das eigene Tun, ebenso wie ein Bewusstsein über die Sterblichkeit der Menschen, wie es vorher nicht gegeben war. Auf der anderen Seite war man seinem Schicksal aber auch nicht mehr hilflos ausgeliefert, sondern für sein Glück bzw. Unglück selbst verantwortlich.

Um tatsächlich in die eigene Seelenwelt mit Hilfe des Beichtvaters zu gelangen, gab es ab 1215 Handbücher, in denen Sünden, Tugenden, Motive und dergleichen aufgelistet waren, welche es dem Priester leichter machen sollte, sich in die Lage des Sünders zu versetzen und ihm im Gespräch auch tatsächlich helfen zu können. Diese so genannten „Summen“ waren teilweise sehr spezifisch auf verschiedene Berufsstände zugeschnitten, um die Schwere der Tat ermessen zu können und ethische und moralische Urteile abzuliefern. Diese Art der Berufsausübung kam der Seelsorge im heutigen Sinne schon erheblich nahe und hatte somit die entscheidende Rechtfertigung, sich in die Lage und in das Innere des Schuldigen zu versetzen.19

[...]


1 Luther. In: Helbich (1991). S. 12.4

2 In meiner Arbeit gehe ich von der Beichte als Sakrament aus.5

3 Vgl. o.V.: http://de.answers.yahoo.com/questions

4 Grothues (1972): S. 39.

5 Vgl. Kirchschläger. In: Müller u.a. (1995): S. 35.

6 Vgl. Müller u.a. (1995). S. 7ff.

7 Vgl. Hahn (1982) S. 407.

8 Vgl. o.V.: Die Beichte http://www.wikipedia.de

9 Vgl. Kirchschläger. In: Müller u.a. (1995): S. 38.

10 Müller u.a. (1995): S. 7.

11 Vgl. Ebd. S. 9f.

12 Vgl. o.V.: Die Beichte http://www.wikipedia.de

13 Vgl. Hahn S. 409-416

14 Hahn (1982) S. 408.

15 Vgl. ebd. S. 409.

16 Vgl. ebd. S. 410.

17 Vgl. und Zitat ebd. S. 410f.

18 Vgl. ebd. S. 411.

19 Vgl. ebd. S. 412f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Feier der Versöhnung: Ein Streifzug durch die Kulturtechnik der Beichte
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar  (Fakultät Medien)
Veranstaltung
Geschichte und Theorie der Kulturtechniken
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V130604
ISBN (eBook)
9783640393862
ISBN (Buch)
9783640394173
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Medienkultur
Schlagworte
Feier, Versöhnung, Streifzug, Kulturtechnik, Beichte
Arbeit zitieren
Katharina Bucklitsch (Autor), 2008, Die Feier der Versöhnung: Ein Streifzug durch die Kulturtechnik der Beichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130604

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