Identitätskrise und ungehemmte Entbürgerlichung - Das Motiv der Entbürgerlichung in Thomas Manns Buddenbrooks

Am Beispiel Thomas und Christian Buddenbrook


Bachelorarbeit, 2008

37 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gedichtete Bürgerlichkeit in den Buddenbrooks
2.1 Der Begriff des „Bürgerlichen“
2.2 Das Milieu: Die Freie Hansestadt Lübeck
2.3 Das Bürgerliche in den Buddenbrooks
2.3.1 Die Bürger des alten Stils
2.3.2 Der gefährdete Bürger

3 Identitätskrise und ungehemmte Entbürgerlichung
3.1 Thomas
3.2 Christian
3.3 Schlussbetrachtung

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

- Identitätskrise und ungehemmte Entbürgerlichung -

Das Motiv der Entbürgerlichung in Thomas Manns Buddenbrooks am Beispiel Thomas und Christian Buddenbrook

„Er ist kein Bürger, Thomas! Er ist noch weniger ein Bürger als du!“[1]

Gerda Buddenbrook über Christian Buddenbrook

1 Einleitung

Am Ende von Thomas Manns Roman Buddenbrooks. Verfall einer Familie liegt Thomas Buddenbrook, „ein solider und ernster Kopf“[2], „mit Kot und Schneewasser bespritzt“[3] und voller Erschöpfung, Selbstzweifeln und Einsamkeit regungslos auf der Straße, sein Bruder Christian Buddenbrook, „witzig und brillant veranlagt“[4], fristet sein Dasein in einer Irrenanstalt, eingeliefert von seiner eigenen Frau. Beide Brüder sind Symbolfiguren für entkräftete Bürgerlichkeit.

Der Tod, einmal der reale Tod Thomas’, einmal der gesellschaftliche Tod Christians, stellt einen Höhepunkt im Verfall der Familie Buddenbrook dar. Zwar geht es Thomas Mann in seinem Roman vorrangig um „das Seelisch-Menschliche“, „das Soziologisch-Politische nahm [er] nur halb unbewußt mit, es kümmerte [ihn] wenig“[5], trotzdem können die Buddenbrooks als Beispiel für eine Geschichte der Entbürgerlichung, für eine bürgerliche Selbstentfremdung, dienen, die von seelischen und emotionalen Veränderungen verursacht und von einer biologischen Degeneration begleitet wird.

In dieser Arbeit möchte ich zeigen, dass die in den Buddenbrooks dargestellte Entbürgerlichung ein spezifischer innerfamiliärer Prozess ist, der aus psychologischen Gründen entsteht und der in beiden Protagonisten dieser Untersuchung nahezu zeitnah verläuft. Dieser Prozess läuft aber keineswegs parallel ab, ganz im Gegenteil verläuft er in den unterschiedlichsten Stufen und Schüben. Damit versuche ich dann übergeordnet zu belegen, dass die Buddenbrooks nicht aber das sind, für was sie lange gehalten worden sind und was sogar Thomas Mann später so zu begreifen meinte: Buddenbrooks als „Stück der Seelengeschichte des deutschen Bürgertums“, ja „des europäischen Bürgertums überhaupt“[6]. Schon gar nicht kann der Roman den Verfall des patrizischen Bürgertums gegenüber imperialistischen, ‚bourgeoisen’ Eindringlingen repräsentieren. Natürlich schließt das nicht die Legitimität sozialer Fragestellungen an den Roman aus, aber man muss sich der Beiläufigkeit der sozialhistorischen Fakten bewusst sein, die nur als halbbewusste Erwähnungen ihren Platz finden, um dem Roman die lokale und zeitliche Atmosphäre zu verleihen. Der Roman zeigt nicht den Verfall des Bürgertums im Allgemeinen, sondern die schrittweise Entbürgerlichung einer bestimmten patrizischen Kaufmannsfamilie in einem bestimmten Milieu.

Um diese These zu belegen, werde ich im Folgenden die in den Buddenbrooks dargestellte Bürgerlichkeit und das Milieu, in dem es sich entwickelt, beschreiben und kritisch betrachten. Um den Blick dann auf die innerfamiliären Probleme zu richten, werde ich die beiden Brüder Buddenbrook einer genauen Analyse unterziehen und Thomas’ Position als eine „Mittelstellung zwischen Konservatismus und Neuerungstrieb“[7] identifizieren und an Christian eine ungehemmte Entbürgerlichung feststellen. In dieser Analyse ist Thomas’ Position ungleich schwerer zu fassen, was sich auch auf den Umfang der Analyse auswirken wird.

Das Thema der Bürgerlichkeit, oder besser der Entbürgerlichung, in Thomas Manns Werk ist hinreichend untersucht, auch weil der Verfasser selbst, wie oben angeführt, über die Bedeutung der Buddenbrooks als bürgerlicher Roman nachgedacht hat. Interessant dabei ist besonders die Veränderung der Forschungsmeinung ab den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, die mit in meine Analyse einfließen wird. Zum Schluss dieser Arbeit wird man sehen können, ob sich meine These erhärtet oder ob man doch auch an Thomas und Christian Buddenbrook ein Stück deutscher oder sogar europäischer Seelengeschichte des Bürgertums erkennen kann.

2 Gedichtete Bürgerlichkeit in den Buddenbrooks

2.1 Der Begriff des „Bürgerlichen“

Mit dem Begriff des Bürgers war ab dem Mittelalter zumeist der Stadtbürger gemeint. Damit unterschied man sie von der ländlichen Bevölkerung und von der Masse der in der Stadt lebenden Unterschicht. Stadtbürger bekamen einen Rechtsstatus zugesprochen, das so genannte Bürgerrecht. Dieses Bürgerrecht berechtigte sie unter anderem zur selbstständigen Erwerbstätigkeit in der Stadt, zur Mitwirkung an der städtischen Selbstverwaltung (wenn auch in der Regel nur indirekt und in sehr unterschiedlichem Ausmaß) und zur Fürsorge durch die Gemeinde bei Armut und Hilflosigkeit. Es implizierte auch bestimmte Pflichten, so zum Beispiel die Abgabe von Steuern, und es unterstellte den Bürger einer besonderen Gerichtsbarkeit.[8]

Das Bürgerrecht war also ein ständisches Recht. Es wurde durch Geburt erworben oder an solche Bewerber auf Antrag verliehen, die bestimmte Bedingungen an Vermögen und/oder Leistungsfähigkeit erfüllten; diejenigen, die diese Bedingungen nicht erfüllen konnten oder drohten, der Stadt in Zukunft zur Last zu werden, wurde es verweigert. Der Stadtbürger stellte einen Stand dar, der durch spezielles Recht und besondere Lebensführung gekennzeichnet wurde. Sie verteidigten ihre Privilegien und Freiheiten gegenüber dem Druck der unteren Schichten innerhalb und außerhalb der Stadtmauern, gegen die manchmal reformerisch eingreifenden Interventionen des Landesherrn und der entstehenden staatlichen Bürokratien wie auch gegen den Gedanken einer allgemeinen Staatsbürgerschaft und der damit verbundenen Vorstellung von gesetzlicher Gleichheit. Diese Bürgergemeinden waren keineswegs primär Orte der politischen oder wirtschaftlichen Innovation, vielmehr verteidigten sie ihre veraltete Lebensform in wirtschaftlicher, moralischer und kultureller Hinsicht. Sie versuchten ihre lokale Identität gegenüber aufkommenden Tendenzen zur Staats- und Nationalbildung zu behaupten.[9]

Nachdem sich aber die ständische Ordnung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts schrittweise auflöste, entwickelten sich zwei neue Bedeutungen von „Bürger“. Der Begriff erweiterte sich in zweifacher Hinsicht[10], was zugleich auch auf soziale, rechtliche, politische und kulturelle Veränderungen hindeutet. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts umschloss der Begriff des „Bürgers“ zwei zusätzliche Kategorien, die eigentlich zur traditionellen Definition des Bürgers als eine ständische Einheit mit einem gemeinsamen Rechtsstatus und einem gleichgearteten Lebensstil passten: einerseits die Besitzer und Direktoren großer Wirtschaftsunternehmen (der Verlage und Manufakturen, der Groß- und Fernhandelshäuser, der Transport- und Bankunternehmen, die frühen Fabriken) und andererseits die akademisch gebildeten Beamten und Universitätsprofessoren, die Angehörigen der freien Berufe, manche Künstler und Intellektuelle. Ihre Zahl und ihre Bedeutung wuchsen schlagartig, einmal aufgrund des Aufschwungs, der Expansion und Intensivierung des kapitalistischen Wirtschaftsbereichs und zum anderen aufgrund der fortschreitenden Staatsbildung und der zunehmenden Bedeutung der wissenschaftlich-akademischen Bildung und Ausbildung. So unterschieden die Zeitgenossen in drei Kategorien des „Bürgers“: a) das alte Stadtbürgertum, b) die zur neuen Bourgeoisie gehörenden Wirtschaftsbürger und c) das neue Bildungsbürgertum. Auf diese Weise wurde der Begriff des Bürgers erweitert.[11]

Die große Mehrheit dieser Stadtbürger fügte sich aber nicht dem Stereotyp von der aufsteigenden Bourgeoisie, die angeblich eine Herausforderung für den herrschenden Adel, die Grundherrschaft und den Absolutismus darstellte. Und nach den Umbrüchen vom 18. zum 19. Jahrhundert gehörte der Stadtbürgerstand zu den Verlierern des Modernisierungsprozesses. Der Aufstieg der Marktwirtschaft, die anti-ständische Gesetzesreform wie auch der Erfolg des zunehmend zentralisierten Staates höhlten die Exklusivität ihres Standes aus und zerstörten am Ende ihre Identität. Allerdings dauerte dieser Prozess lange, so dass die rechtlichen Privilegien der Stadtbürger die Reformen zu Anfang des 19. Jahrhunderts überdauerten, ihre Lebensart überdauerte aber noch viel länger. Dementsprechend ist es durchaus sinnvoll in den ersten zwei Dritteln des 19. Jahrhunderts von Stadtbürgertum im traditionellen Sinn zu sprechen, besonders in kleinen oder mittleren Städten, wie Lübeck eine war. Die überlebenden Elemente des traditionellen Stadtbürgertums wurden bis in die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts immer wieder reaktiviert, zum Bewusstsein gebracht und verteidigt.[12]

Trotzdem gehörten diese beiden relativ neuen, relativ kleinen bürgerlichen Kategorien nicht in die traditionelle stadtbürgerliche Welt. Sie besaßen weder deren rechtlichen Status, noch teilten sie deren Lebensweise, Interessen und Denkungsart. Sie emanzipierten sich von den Definitionen und Bindungen des städtischen Bürgerstands und standen in unmittelbarer Beziehung zum Fürsten, zum Landesherrn und zur Regierung des Staates. Beide Kategorien, sowohl die neue Bourgeoisie als auch das aufsteigende Bildungsbürgertum waren fremde Elemente in der Ordnung des Ancien Régime. Ihre Ansprüche auf Wohlstand, Ansehen und Einfluss beruhten auf wirtschaftlichem Kapital und einer spezifischen Art von Wissen, das heißt auf zwei Kriterien oder Grundlagen, die stärker leistungs- und marktbezogen waren als die herkömmlichen dominanten Quellen von Macht und Anerkennung: Geburt, Landbesitz und Heiligkeit. In dieser fundamentalen Hinsicht stellten die kapitalistisch orientierten Wirtschafts- und akademisch qualifizierten Bildungsbürger jener Zeit eine große Herausforderung an die traditionelle Ordnung dar, selbst wenn sie nur selten radikale oder revolutionäre Tendenzen vertraten. In diesem Sinn war der Gegensatz zur Tradition für die Bourgeoisie wie für das Bildungsbürgertum kennzeichnend.[13]

Insgesamt wurde der Begriff des „Bürgers“ im 19. Jahrhundert wieder enger gefasst. Er bezog sich nun ausschließlich auf die reicher und einflussreicher werdende Bourgeoisie und das angesehene und einflussreiche Bildungsbürgertum. Die das neue Bürgertum kennzeichnende Formel „Besitz und Bildung“ schloss zunehmend jene aus, die den Kern der frühneuzeitlichen ständischen Kategorie „Stadtbürger“ gebildet hatte, nun aber an Reichtum und Einfluss zurückfielen: kleine Kaufleute, Handwerksmeister, Gastwirte, usw. Diese Berufsgruppen wurden immer häufiger als „Kleinbürgertum“ oder als „alter Mittelstand“ zusammengefasst und damit vom eigentlichen Bürgertum abgegrenzt und an den Rand des Bedeutungsfelds von „Bürger“ und „Bürgertum“ gedrängt.[14]

Das „neue“ Bürgertum erkämpfte sich nun zwar nicht die politische Gewalt, aber doch weitgehend die wirtschaftliche Macht und Unabhängigkeit. Grundlage dafür war die sich einspielende aufgeklärte Staatsbürokratie, durch die die Verbindung der persönlichen Freiheiten für die Wirtschaftssubjekte mit der Garantie von Ruhe und Ordnung durch die noch feudalistisch abgesicherte Staatsmacht gesichert wurde. Die Folge dieser Haltung war die Abgrenzung des Bürgertums gegen die unteren Schichten und deren demokratische Bestrebungen. Bürgerliche Werte waren das Recht auf Eigentum und Schutz desselben, Schutz der Persönlichkeit vor staatlichen Übergriffen, Versammlungs- und Pressefreiheit, Vertragsfreiheit, eine Verfassung, die meist auf eine konstitutionelle Monarchie hinauslief, und ein Wahlrecht, das von starken Zensusbeschränkungen bis zum allgemeinen Wahlrecht reichen konnte. Ansonsten vertraute man auf das Prinzip der freien Konkurrenz, dass den Tüchtigsten leistungsgerecht belohnen würde. Seit den dreißiger Jahren wurden die Bedingungen für ein entwickeltes Wirtschaftssystem geschaffen. Durch die Gründung des Zollvereins entstand 1834 ein Markt nationalen Ausmaßes, der durch den Aufbau eines schnellen und umfassenden Transport- und Nachrichtensystems (Eisenbahn, Dampfschifffahrt, Telegraf), der Banken und durch die Gründung von Aktiengesellschaften ausgebaut werden konnte.[15]

2.2 Das Milieu: Die Freie Hansestadt Lübeck

Bevor ich nun mit der Beschreibung des Milieus, in dem sich die Familie Buddenbrook entwickelt, beginne, möchte ich anmerken, dass in diesem Teil natürlich auch auf lokale und zeitliche sozialhistorische Fakten zurückgegriffen wird, ohne diese wäre diese Untersuchung mit reichlich wenig Sinn versehen.

Thomas Manns Roman spielt im Lübeck des 19. Jahrhunderts, einer freien Hansestadt an der Ostsee, eines republikanisch-oligarchischen Stadtstaates. Genauer gesagt, spielt er innerhalb einer Welt der Großkaufleute, woraus sich unter Heranziehung der Erzählerperspektive ergibt, dass sich nicht nur die dargestellte Welt ganz wesentlich auf dieses Milieu konzentriert, sondern auch die Sicht, den Standpunkt und die Vorurteile dieser Kreise als Sozialperspektive übernimmt. Eine objektive, allen Schichten gerecht werdende Darstellung aus der distanzierten Perspektive eines allwissenden Chronisten ist also weder beabsichtigt noch zu erwarten.[16]

Lübeck hatte am Aufschwung Deutschlands im Zeitalter der nationalen Einigung nur einen geringen Anteil. Im 18. Jahrhundert noch blühende Handelsstadt, wurde sie im 19. Jahrhundert durch die Kontinentalsperre ruiniert und vegetierte vor sich hin, ihre Einwohnerzahl veränderte sich im Gegensatz zu anderen norddeutschen Wirtschaftszentren kaum. Diese Stagnation kann zum Teil durch die veraltete Staatsverfassung und die überholte Wirtschaftsgesetzgebung erklärt werden. Nach dem Abzug der französischen Truppen wird die aus dem 17. Jahrhundert stammende Verfassung wieder eingesetzt, so dass der Stadtstaat aufs Neue von Mitgliedern der alten Patrizierfamilien regiert wird, in deren Händen die gesetzgebende, ausführende und richterliche Gewalt zusammengefasst war.[17]

Die Auswirkungen der Katastrophe der Franzosenzeit waren verheerend. Zahlreiche Bankhäuser und Firmen, darunter einige der angesehensten, gingen in dieser Zeit Konkurs. Im Handel mit den Ostseeländern hatte Lübeck allerdings bis in die 60er Jahre hinein die führende Stellung behauptet, trotz der feindseligen Haltung der dänischen Regierung, die aufgrund ihrer Herrschaft über Holstein und Lauenburg den verkehrsmäßigen Anschluss Lübecks an das übrige Deutschland blockierte und außerdem mit dem Sundzoll den Seehandel erschwerte. Nur im Gefolge der großen Nationen, die von Dänemark die freie Durchfahrt durch den Sund erzwangen, konnte auch Lübecks erster Bahnanschluss nach Büchen hergestellt werden. Zu diesen äußeren Schwierigkeiten kam auch eine innere, die auch im Roman Thomas Manns deutliche Erwähnung findet: alter Hanseatenstolz verhinderte den rechtzeitigen Anschluss an den Zollverein. So konnte Lübeck im Ostseehandel im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von Stettin, Hamburg und Bremen überflügelt werden.[18]

Die oberste exekutive und judikative Gewalt wurde in Lübeck vom Rat der Stadt ausgeübt. Dieser ergänzte sich durch Zuwahl selbst, Ratsherr oder Senator blieb man auf Lebenszeit. Drei Schichten der städtischen Bürger waren ratsfähig: die alten Patrizierfamilien, die (Rechts-)Gelehrten und die (Fernhandels-)Kaufleute. Die Patrizier waren früher ebenfalls Kaufleute, hatten sich aber im Laufe der Zeit durch Gewinnanlagen feudalisiert, dass sie mehr ein junkerliches Dasein als ein kaufmännisches Leben führten.[19]

Die Familie Buddenbrook stellt in meinen Augen ein Zwischenstadium zwischen altem Patriziat und Kaufmannsfamilie dar, das Familienoberhaupt führt durchaus ein kaufmännisches Leben[20], doch werden feudale Neigungen, insbesondere die im Roman oft angesprochenen feudalen Neigungen Tonys[21], nicht unterdrückt. Im Roman ist Johann Buddenbrook als Mitglied der Bürgerschaft Gesetzgeber und Verwalter der öffentlichen Finanzen und des Armenwesens[22], und dies alles aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Kaufmannschaft als herrschende soziale Schicht. Sein Sohn Thomas wird sogar durch seine Wahl zum Senator ein noch hervorragenderes Mitglied der ausübenden Gewalt. Der Staatsapparat befindet sich also in den Händen einer wirtschaftlichen Machtgruppe, die in ihrer Monopolstellung unangreifbar war. So konnte die Entwicklung neuer Wirtschaftskräfte durch gesetzgebende Maßnahmen unterbunden, die unter Napoleon eingeführte Gewerbefreiheit wieder abgeschafft und andere moderne und fortschrittliche Entwicklungen verhindert werden. Die malerisch dargestellten Zustände der ‚glücklicheren Zeit’[23] sind wirtschaftlich aber völlig wiederholt. Sie dienen im Laufe der Erzählung zur Darstellung jenes Rückstandes, jenes Mangels an fortschrittlichem Geist und an Unternehmerinitiative, der das Lübecker Leben im 19. Jahrhundert charakterisiert. Im historischen Hintergrund von Thomas Manns Roman erscheint also jenes Paradoxon: der Stillstand Lübecks im Aufschwung Deutschlands.[24]

[...]


[1] Mann, Thomas: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Frankfurt a. M.. 2007. S. 451.

[2] Ebd., S. 14f..

[3] Ebd., S. 680.

[4] Ebd., S. 15.

[5] Mann, Thomas: Betrachtungen eines Unpolitischen. Frankfurt a. M. 1983. S. 105.

[6] Mann, Thomas: Lübeck als geistige Lebensform. Frankfurt a. M. 1960. S. 23.

[7] Sagave, Pierre-Paul: Zur Geschichtlichkeit von Thomas Mann Jugendroman: Bürgerliches Klassenbewußtsein und kapitalistische Praxis in »Buddenbrooks«, in: Arntzen, Helmut u. a. (Hrsg.): Literaturwissenschaft und Geschichtsphilosophie. Festschrift für Wilhelm Emrich, Berlin 1975. S. 444.

[8] Vgl. Kocka, Jürgen: Bürgertum und Bürgerlichkeit als Probleme der deutschen Geschichte vom späten 18. zum frühen 20. Jahrhundert, in: Ders.: Bürger und Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert, Göttingen 1987. S. 21.

[9] Vgl. ebd., S. 21f..

[10] die dritte Bedeutung des „Bürger“-Begriffs, die des Staatsbürgers, möchte ich außen vor lassen, sie spielt in diesen Zusammenhang kaum eine Rolle

[11] Vgl. Kocka: Bürgertum. S. 23f..

[12] Vgl. ebd., S. 22f..

[13] Vgl. Kocka: Bürgertum S. 25-27.

[14] Vgl. ebd., S. 31.

[15] Vgl. Ludwig, Martin H.: Perspektive und Weltbild in Thomas Manns »Buddenbrooks«, in: Brauneck, Martin (Hrsg.): Der deutsche Roman im 20. Jahrhundert. Analysen und Materialien zur Theorie und Soziologie des Romans, Bamberg 1976. S. 85.

[16] Vgl. Von Wilpert, Gero: Das Bild der Gesellschaft, in: Moulden, Ken; von Wilpert, Gero (Hrsg.): Buddenbrooks-Handbuch, Stuttgart 1988. S. 246f..

[17] Vgl. Sagave: Geschichtlichkeit. S. 437f..

[18] Vgl. Ludwig: Perspektive. S. 86.

[19] Vgl. Ebd., S. 86.

[20] Kuczynski sieht in den Buddenbrooks kein feudales Herrscherbürgertum wie das Patriziat, für ihn sind sie arrivierte Kaufmannsbourgeoisie, die an der Börse handelt und Kaufmannskapital profitabel im Getreidehandel arbeiten lässt (Vgl. Kuczynski, Jürgen: Thomas Mann: Drei Studien über die Entwicklung des historischen Bewusstseins eines Humanisten des deutschen Bürgertums, in: Ders.: Gestalten und Werke. Soziologische Studien zur deutschen Literatur, Berlin 1974. S. 271.)

[21] Mann: Buddenbrooks. S. 59.

[22] Ebd., S. 176.

[23] Zum Beispiel das Bild des vierspännig nach Süddeutschland fahrenden Johann Buddenbrooks als Inbegriff für die Glanzperiode der Buddenbrooks (vgl. Keller, Ernst: Die Figuren und ihre Stellung im «Verfall», in: Moulden, Ken; von Wilpert, Gero (Hrsg.): Buddenbrooks-Handbuch, Stuttgart 1988. S. 171.)

[24] Vgl. Sagave: Geschichtlichkeit. S. 437f..

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Identitätskrise und ungehemmte Entbürgerlichung - Das Motiv der Entbürgerlichung in Thomas Manns Buddenbrooks
Untertitel
Am Beispiel Thomas und Christian Buddenbrook
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistische Fakultät)
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
37
Katalognummer
V130612
ISBN (eBook)
9783640361359
ISBN (Buch)
9783640361533
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identitätskrise, Entbürgerlichung, Motiv, Thomas, Manns, Buddenbrooks, Beispiel, Christian, Buddenbrook
Arbeit zitieren
Mario Schüler (Autor), 2008, Identitätskrise und ungehemmte Entbürgerlichung - Das Motiv der Entbürgerlichung in Thomas Manns Buddenbrooks, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130612

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