Die vorliegende Arbeit widmet sich der Frage, wie autobiografisches Erzählen in der Holocaust-Literatur umgesetzt und mithilfe welcher narrativer Strategien Authentizität erzeugt werden kann. Dafür soll zu Beginn näher auf das Verhältnis von Geschichte und Gedächtnis und in diesem Kontext auf die Entwicklung der europäischen Erinnerungskultur sowie der Erinnerungsliteratur eingegangen werden. Welche Formen des Gedächtnisses differenziert und wie autobiografische Erinnerungen aufgearbeitet werden können, wird im darauffolgenden Kapitel erläutert. Abschließend erfolgt eine Analyse von Klügers "Weiter leben", wobei der Fokus auf dem Erinnerungsprozess und den narrativen Strategien zur Erzeugung von Authentizität in autobiografischen Werken gelegt wird
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. GESCHICHTE UND GEDÄCHTNIS
2.1 EUROPÄISCHE ERINNERUNGSKULTUR
2.2 ERINNERUNGSLITERATUR
2.2.1 Neuere deutsche Erinnerungsliteratur
2.2.2 Holocaust-Literatur
3. AUTOBIOGRAFISCHES GEDÄCHTNIS
4. AUTOBIOGRAFISCHES ERZÄHLEN IN DER HOLOCAUST-LITERATUR AM BEISPIEL VON RUTH KLÜGERS „WEITER LEBEN. EINE JUGEND“
4.1 ERINNERUNGSPROZESS
4.2 AUTHENTIZITÄT
4.2.1 Selbstreflexion
4.2.2 Intertextualität
4.2.3 Dialogizität
5. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie autobiografisches Erzählen in der Holocaust-Literatur umgesetzt wird und mit welchen narrativen Strategien die Autorinnen und Autoren Authentizität erzeugen. Im Zentrum steht dabei die Analyse von Ruth Klügers Werk „weiter leben. Eine Jugend“ hinsichtlich der Darstellung von Erinnerungsprozessen und der Konstruktion von Identität.
- Verhältnis von Geschichte und kollektivem Gedächtnis
- Entwicklung der europäischen Erinnerungskultur und Erinnerungsliteratur
- Funktionsweise des individuellen autobiografischen Gedächtnisses
- Narrative Strategien zur Authentizitätserzeugung in der Holocaust-Literatur
- Analyse der Selbstreflexion, Intertextualität und Dialogizität bei Klüger
Auszug aus dem Buch
4.1 Erinnerungsprozess
Ihre Autobiografie weiter leben verfasst Ruth Klüger erst Ende der 1980er Jahre. Mit ihren Erinnerungen an Kindheit und Jugend unter den Nationalsozialisten scheint sich die Schriftstellerin zunächst nicht auseinandersetzen zu wollen. Als sie sich jedoch 1988 für zwei Jahre in Göttingen aufhält, kommt es zu einem folgenschweren Unfall, der die Schriftstellerin zum Niederschreiben ihrer Erinnerungen veranlasst:
Seit ich mit meinen kalifornischen Studenten nach Göttingen kam, ist Zeit vergangen, Jahre, in denen in Deutschland wieder Geschichte und nicht nur Geld gemacht wurde, Zeit in der sich etwas zutrug. Und für mich die Zeit, in der ich einen Bericht zu schreiben begann, weil ich auf den Kopf gefallen war.
Als ein Fahrradfahrer mit Klüger kollidiert, werden in ihr alte Erinnerungen und Gefühle hervorgerufen. So hat sie unmittelbar nach dem Zusammenprall „[...] das primitiv[e] Bedürfnis wegzulaufen, einen sicheren Ort zu finden, wo man mit seinen Wunden allein ist, keiner Gefahr ausgesetzt.“ Daraus lässt sich schließen, dass die Autorin bis dato ihre Gefühle unter Verschluss gehalten und sich damit zurückgezogen hat; zwar scheint ihr erster Instinkt wieder die Flucht zu sein, doch daran wird die Schwerverletzte von außenstehenden Passanten gehindert.
Das Wiedererlangen ihrer Erinnerungen vergleicht die Schriftstellerin mit dem unerase-Programm eines Computers – selbst wenn etwas gelöscht wird, befinden sich die elektronischen Impulse nach wie vor auf der Festplatte oder Diskette und das Gelöscht kann jederzeit wieder hergestellt werden, vorausgesetzt es wurde nichts darübergeschrieben. So scheint es auch mit ihrer Erinnerung, die bei dem Unfall wieder in ihr Bewusstsein gelangt. Während des Zusammenstoßes stellt Klüger Bezüge zu ihrer Vergangenheit her:
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet den historischen Kontext der Holocaust-Erinnerung und formuliert die Forschungsfrage zur Umsetzung autobiografischen Erzählens und der Erzeugung von Authentizität.
2. GESCHICHTE UND GEDÄCHTNIS: Dieses Kapitel erläutert die Dynamik der europäischen Erinnerungskultur sowie die Einordnung von Erinnerungsliteratur und Holocaust-Literatur als wichtige Medien der Vergangenheitsbewältigung.
3. AUTOBIOGRAFISCHES GEDÄCHTNIS: Es wird die Funktionsweise des individuellen Gedächtnisses untersucht, wobei der Fokus auf biografischen Erinnerungen, ihrer kognitiven Verarbeitung und der sozialen Funktion narrativer Erinnerung liegt.
4. AUTOBIOGRAFISCHES ERZÄHLEN IN DER HOLOCAUST-LITERATUR AM BEISPIEL VON RUTH KLÜGERS „WEITER LEBEN. EINE JUGEND“: Die Analyse von Klügers Werk verdeutlicht anhand von Erinnerungsprozess und narrativen Strategien wie Selbstreflexion, Intertextualität und Dialogizität die Authentizitätserzeugung in der späten Holocaust-Literatur.
5. FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass Autobiografien keine objektiven Tatsachenberichte sind, sondern durch ein Miteinander von Faktualität und fiktionalen Elementen das Erlebte für nachfolgende Generationen interpretierbar machen.
Schlüsselwörter
Holocaust-Literatur, Autobiografie, Erinnerungskultur, Gedächtnis, Authentizität, Ruth Klüger, Fiktionalisierung, Identität, Narrative Strategien, Zeitzeugenschaft, Selbstreflexion, Intertextualität, Dialogizität, Trauma, Vergangenheitsbewältigung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen des autobiografischen Erzählens im Kontext der Literatur über den Holocaust am Beispiel von Ruth Klügers „weiter leben. Eine Jugend“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Verhältnis von Geschichte und Gedächtnis, die Entwicklung von Erinnerungskulturen und die narrativen Mittel, mit denen Überlebende ihre Erfahrungen literarisch verarbeiten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, wie autobiografisches Erzählen in der Holocaust-Literatur umgesetzt wird und welche narrativen Strategien dabei zur Erzeugung literarischer Authentizität beitragen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse zu Erinnerungsdiskursen und Gedächtnistheorien (u.a. von Aleida Assmann) sowie einer interpretativen Textanalyse von Klügers „weiter leben“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Grundlagen des kollektiven und individuellen Gedächtnisses und wendet diese Erkenntnisse in einer Werkanalyse auf Klügers Autobiografie an, wobei Fokus auf Erinnerungsprozess und Authentizitätstheorien liegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Holocaust-Literatur, Authentizität, autobiografisches Gedächtnis, Fiktionalisierung und narrative Strategien charakterisiert.
Welche Rolle spielt der Unfall in Göttingen für Klügers Werk?
Der Unfall wird als Auslöser für das Verfassen der Autobiografie interpretiert; der Zusammenstoß triggert verdrängte Erinnerungen an die Zeit im Nationalsozialismus und setzt den Schreibprozess in Gang.
Was bedeutet der Begriff „Gespenster“ bei Klüger?
„Gespenster“ fungieren als Metaphern für ihre im Holocaust ermordeten Familienmitglieder und für die Leerstellen in ihrer Erinnerung – sie verdeutlichen die Distanz zwischen der bewahrten Erinnerung und der Phantasie vom gewaltvollen Tod.
Warum wird Klügers Werk als „späte Holocaust-Literatur“ eingeordnet?
Es wird so eingeordnet, da sie erst Jahrzehnte nach den Ereignissen schrieb, ein Publikum voraussetzt, das historische Fakten bereits kennt, und explizit poetologische Reflexionen in ihre Erzählung einbaut.
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- Anonym (Autor:in), 2022, Autobiografisches Erzählen in der Holocaustliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1306306