Goethes 'Faust'

Die Geschichte des Faust-Stoffs und die Entstehungsgeschichte des Gesamtwerks


Seminararbeit, 2004
13 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 DIE STOFFGESCHICHTE
2.1 HISTORISCHER FAUST
2.2 DIE ERSTE DRUCKFASSUNG
2.3 DRAMATISIERUNG

3 DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE
3.1 DER „URFAUST“
3.2 DAS FRAGMENT
3.3 FAUST. DER TRAGÖDIE ERSTER TEIL
3.4 FAUST. DER TRAGÖDIE ZWEITER TEIL

4 RESÜMEE

BIBLIOGRAPHIE

1 Einleitung

Betrachtet man die Vielzahl an Literatur zu Johann Wolfgang von Goethes Faust, so erkennt man, dass seine Wirkungsgeschichte bis heute einmalig ist. Deswegen zählt man ihn auch zu den brillantesten Werken der Weltliteratur. Die Fertigstellung des Gesamtwerkes dauerte über sechzig Jahre und durchlief nicht nur das Lebensalter eines Menschen, sondern auch mehrere literarische Epochen, die dort ihre Spuren hinterließen. Nach den überlieferten Textfas-sungen können vier Entstehungsphasen des gesamten Faust ausgemacht werden. Die ersten drei betreffen die Entstehung des ersten Teils, wobei die erste, also die Entstehung des „ Urfaust “, in die Zeit des Sturm- und Drangs fiel. Die zweite und dritte Phase, also Faust. Ein Fragment und Faust. Der Tragödie Erster Teil1 waren von der Epoche der Klassik sowie der Freundschaft und Zusammenarbeit mit Friedrich Schiller geprägt. In der vierte Phase widmete sich Goethe ganz der Fertigstellung von Faust. Der Tragödie Zweiter Teil.2 Sie fiel in die letzten Lebensjahre Goethes. Das Gesamtwerk zeichnet sich jedoch nicht nur durch eine Mixtur der verschiedenen Epochen aus, die es in seiner langwierigen Entstehung durchlaufen hatte, sondern es spiegelt auch die Vielzahl an Tätigkeiten wieder, die Goethe ausübte. Auch seine verschiedenen wissenschaftlichen Studien z.B. in der Botanik, Mineralogie, Meteorologie und seine vielseitigen philosophischen Studien z.B. der antiken Mythologie fanden Eingang in seine Faust-Dichtung. Goethe nannte bereits 1788 seinen Faust als das „Summa Summarum meines Lebens“.3

Die Gestalt des Faust war jedoch nicht eine Erfindung Goethes. Sie besaß bereits eine lange Tradition in der Literatur, die mit der Gestalt des historischen Faust seinen Anfang nahm. All diese Geschichten, die sich um den historischen Faust bildeten und ihn zur Legende werden ließen, inspirierten Goethe zur Konzeption seines Faust und er formte aus ihnen seine eigene Faust-Figur. Doch wie entwickelte sich die Geschichte des Faust-Stoffs in den Jahrhunderten bis Goethe ihn in seinem Werk aufnahm? Welche Phasen durchlief Goethes Werk bis zur Fertigstellung? Diese Fragen sind Gegenstand der folgenden Ausführungen.

2 Die Stoffgeschichte

2.1 Historischer Faust

Die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert war durch große politische und gesellschaftliche Umwälzungen geprägt. Die Epoche der Renaissance, die in Deutschland in diese Zeit fiel, überwandt das Zeitalter des Mittelalters und führte zu einem neuen Zeitalter, der Neuzeit. Dies hatte die Herausbildung eines neuen Menschen-, Natur- und Weltbildes zur Folge. In diese krisenhaften Umbruchszeit ist die Person des historischen Faust4 anzusiedeln. Dieser wurde um 1480 wahrscheinlich in bäuerlichen Verhältnissen, entweder in Helmstadt bei Heidelberg oder in Knittlingen bei Maulbronn5, geboren.6

Über die Jugendjahre des historischen Faust ist wenig bekannt.7 Am 20. August 1507 erwähnte der humanistische Gelehrte Abt Johannes Trithemius von Sponheim Faust zum ersten Mal in einem Brief an den Astrologen Johannes Virdung. Er nannte Georgius Sabellicus Faustus iunor, wie sich der historische Faust selbst nannte,8 einen Scharlatan, der in Gelnhausen seine Künste angeboten und fluchtartig seine Herberge verlassen hatte, als er von der Ankunft des Trithemius’ erfuhr. Faust prahle mit seinen Fähigkeiten, doch in Wahrheit sei er nur ein Schwindler und Herumtreiber.9 Aus weiteren historischen Dokumenten geht jedoch hervor, dass Faust durchaus bei wichtigen Männern seiner Zeit eine Anstellung gefunden hatte. So erstellte er z.B. dem Bischof von Bamberg ein Horoskop. Davon blieb eine Kämmerei-rechnung erhalten, die dies bestätigt. Ebenso diente er Franz von Sickingen als Lehrer.10

In der Gestalt des historischen Faust mischen sich historische Gegebenheiten mit Legenden. Die Übergänge zwischen Wahrheit und Phantasterei sind fließend. So soll er von sich selbst behauptet haben, dass er die Wunder Christi wiederholen könne und einen Wunderflug in Venedig unternommen habe. Außerdem sei er dem Teufel mit seinem eigenen Blut verschrieben. Jedoch war er als verwegener Spekulierer und Grenzüberschreiter Ausdruck seiner Zeit. Der historische Faust wurde zum Archetyp wie z.B. Til Eulenspiegel, Don Quijote oder Don Juan.11

Er starb 1540 bzw. 1541 in Staufen im Breisgau eines unnatürlichen Todes, wahrscheinlich bei einem alchemistischen Unfall. Schon wenige Jahre nach seinem Tod begannen sich um seine Gestalt Sagen und Legenden zu ranken, die besonders durch den unnatürlichen Tod hervorgerufen wurden. So deutete die Zimmersche Chronik 1564/66 seinen Tod als Heimsuchung des Teufels, der ihn erwürgte. Auch in Luthers Tischreden wurde er als Teufelsbündler erwähnt.12

2.2 Die erste Druckfassung

Die erste Druckfassung des Faust-Stoffes wurde 1587 von Johann Spiess unter dem Titel Historia von D. Johann Fausten herausgegeben. Als Quellen dienten, dem von einem unbekannten Verfasser geschriebenen Volksbuch, die umlaufenden Faust-Sagen, die sich unmittelbar nach seinem Tode bildeten sowie theologische, astrologische, magische, naturkundliche, geographische und geschichtliche zeitgenössischen Quellen.13

Faust, der hier aus Roda bei Weimar stammte, in Wittenberg studierte und dort seinen Doktor der Theologie machte, wurde ein Pakt mit dem Teufel vorgeworfen. Der Pakt mit dem Teufel war bei allen Faustlegenden und –sagen der zentrale Aspekt. Der zeitgenössische Leser der Historia sah die Lebens- geschichte von Faust als historische Realität, denn der Hexenglauben war im 16. Jahrhundert in der Bevölkerung noch stark verwurzelt.14 Im Volksbuch wird Faust noch ganz mittelalterlich gesehen, als ein Mann, der sich vorgenommen hat, die Elemente zu spekulieren. Er schließt mit dem Teufel einen Bund von dem er sich nicht mehr lösen kann, obwohl er darunter leidet. Am Schluss wird er vom Teufel geholt. Das Werk ist eine protestantische Warnschrift, die das weltzugewandte Leben verurteilt und den Mensch vor dem Bund mit dem Teufel warnt. Goethe hingegen machte aus seinem Faust einen Renaissance-Magier, also einen Mann, der sich im Sinne der Aufklärung von der Bevormundung durch die kirchlichen Autoritäten zu befreien versucht.

Das Faustbuch von 1587 fand großen Anklang unter der Bevölkerung und wurde bereits im Erscheinungsjahr viermal neuaufgelegt. Georg Widmann bearbeitete das Volksbuch 1599 unter einem stärker moralisierenden Aspekt. 1674 gab es eine neue, stoffreichere Fassung von Nikolaus Pfitzer. Das durch Pfitzers Bearbeitung stark angeschwollene Werk wurde 1725 von einem anonymen Christlich Meynenden zu einer gestrafften Version verarbeitet, die in einer Stunde gelesen werden konnte. Diese Fassung des Faustbuch hatte Goethe bereits als Kind kennen gelernt. Beiden Arbeiten zu seinem Faust wurde die Verwendung der Ausgabe Pfitzers bezeugt.15

2.3 Dramatisierung

Die Popularität des Faust-Stoffs blieb nicht nur auf den deutschsprachigen Raum beschränkt, denn das Faustbuch von 1587 wurde schon Ende des 16. Jahrhundert in verschiedene europäischen Sprachen übersetzt. Die frühste englische Übersetzung wurde im Jahre 1592 von Thomas Orwin gedruckt. Diese Übersetzung diente Christopher Marlowe als Vorlage für sein Drama Tragical History of the Life and Death of Doctor Faustus. Es stellte die erste Dramatisierung des Fauststoffs dar. Die Entstehungszeit des Dramas lässt sich nicht mehr genau datieren. Sie liegt aber zwischen den Jahren 1588 bis 1593. Es wurde 1604 zum erstenmal gedruckt.16

[...]


1 Faust. Der Tragödie Erster Teil wird künftig als Faust I abgekürzt.

2 Faust. Der Tragödie Zweiter Teil wird künftig als Faust II abgekürzt.

3 Brief an Herzog Karl August vom 16.2.1788 vgl.: Goethe über Faust, hrsg. von ALFRED DIECK, 2. Aufl., Göttingen 1963, S. 5.

4 Der Name des historischen Faust wurde in den überlieferten Quellen als „Doctor Jörg faustus von Haidelberg“ angegeben. In den gedruckten Berichten über ihn wurde der Name Georg, entspricht Jörg, verwendet. Die einzige Ausnahme bei der Namensgebung bildet das Werk von Manilus „Locorum Communium Collectanea“, welches die Gespräche Melanchtons und seiner Freunde wiedergibt. Hier wurde als Vorname des historischen Faust der Name Johann genannt. Vgl.: HENNIG, HANS: Faust-Variationen. Beiträge zur Editionsgeschichte vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, München/ London 1993, S. 13. Künftig als: HENNIG: Faust-Variationen.

5 Beide Orte sind durch Quellen belegt. In der Forschung tendiert man jedoch eher dazu als Geburtsort Knittlingen anzunehmen.

6 HARTMANN, HORST: Faustgestalt. Faustsage. Faustdichtung, Aachen 1998, S. 11. Künftig als: HARTMANN: Faustgestalt.

7 Die Frage, ob er an einer Universität studierte oder ob er sich sein Wissen selbst angeeignet hatte, wird in der Literatur unterschiedlich bewertet. HENNIG schließt den Umstand, dass er eine Universität besuchte nicht aus, vgl.: HENNIG: Faust-Variationen, S. 45. HARTMANN hingegen lehnt die Annahme eines Hoch-schulbesuch kategorisch aus. Somit sei die Nennung eines Doktortitel eine Anmaßung, vgl.: HARTMANN: Faustgestalt, S. 12.

8 Georgius ist die lateinische Variation des Vornamen Georg. Für die Frage was der Name Sabellicus bedeutet, findet man in der Literatur keine eindeutige Antwort. Eine Erklärung könnte sein, dass der Name Sabellicus der eigentliche Nachname des historischen Faust sei. Dieser wäre dann mit Zabel zu übersetzen. Somit wäre Faustus nicht der Nachname, sondern ein Namenszusatz, den sich insbesondere humanistische Gelehrte gegeben hatten und der soviel wie „der Glückliche, Glücksbringende“ bedeutet. Dagegen spricht jedoch, dass Sabellicus im Gegensatz zu Faust kein gewöhnlicher Name war. Man könnte Sabellicus als Ableitung von Sabiner sehen. Damit stellte sich der historische Faust in die Tradition der Sabiner, die für ihre Zauberkünste bekannt waren. Zu weiteren Aspekten der Namensproblematik vgl.: HENNIG: Faust-Variationen, S. 21- 23.

9 Vgl.: THEENS, KARL: Doktor Johann Faust. Geschichte der Faustgestalt vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Meisenheim am Glau 1949, S. 16-17. Künftig als: THEENS: Doktor Johann Faust.

10 Vgl.: HENNIG: Faust-Variationen, S. 12 sowie S. 19-20.

11 Vgl.: SCHMIDT: Goethes Faust, S.12.

12 Vgl.: HENNIG: Faust-Variationen, S. 34-35.

13 Vgl.: HARTMANN: Faustgestalt, S. 17-19.

14 Vgl.: SCHMIDT: Goethes Faust, S. 16.

15 Vgl.: Goethe. Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust hrsg. und kommentiert von ERICH TRUNZ, München 1999, S. 472-473. Künftig als: TRUNZ: Goethe. Faust.

16 PALMER, PHILIP MASON/ MORE, ROBERT PATTISON: The Sources of the Faust tradition. From Simon Magus to Lessing, New York 1965, S. 131-133 sowie 239.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Goethes 'Faust'
Untertitel
Die Geschichte des Faust-Stoffs und die Entstehungsgeschichte des Gesamtwerks
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Literaturwissenschaft )
Veranstaltung
Proseminar
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
13
Katalognummer
V130643
ISBN (eBook)
9783640367610
ISBN (Buch)
9783640367924
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethes, Faust, Geschichte, Faust-Stoffs, Entstehungsgeschichte, Gesamtwerks
Arbeit zitieren
Tanja Rilka (Autor), 2004, Goethes 'Faust', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130643

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