Viele der Berufe, in denen Hilfe als Dienstleistung angeboten wird, genießen in Deutschland hohes Ansehen. Sie werden als gute Menschen wahrgenommen, denn sie helfen Menschen. Häufig opfern sie nicht nur ihre Zeit, indem sie am Wochenende, in der Nacht und an Feiertagen arbeiten, sondern sie opfern sich selbst für ihre Mitmenschen auf. Diese Selbstlosigkeit, die jene Leute an den Tag legen, wird als lobende Charaktereigenschaft durch gesellschaftliche Anerkennung gewürdigt. Doch was ist, wenn sich dahinter gar keine zu lobende Charaktereigenschaft verbirgt?
Die Fachberaterin für Psychotraumatologie und Praktische Philosophin Barbara Gründler traf in ihrem Berufsleben auf einige dieser Tugendhaften. Sie entdeckte in manchen Motiven der Helfenden das genaue Gegenteil: ein persönliches Laster. Anhand Nietzsches Analysen der Moral und der Psychologie des Christentums gelang es ihr, die Krankheit einiger Helfenden, das Ressentiment, aus dem seelischen Sumpf ihrer Träger:innen emporzuheben.
In manchen Helfer:innen fand sie den von Nietzsche beschriebenen „asketischen Priester“ wieder. Er ist ein Mischwesen aus Ressentiment und „Willen zur Macht“. Gründlers These ist der Ausgangspunkt dieser Arbeit. Die Fragestellung, die zugrunde liegt, ist: Welche Merkmale des nietzscheanischen „asketischen Priesters“ weisen die Helfenden des Helfer:innensystems auf?
Da sich Barbara Gründler auf Nietzsches Überlegungen beruft, werden zuerst die theoretischen Ausarbeitungen des Philosophen dargestellt. Dazu gehören seine moralischen Idealtypen, die mit der Analyse des Ressentiments einhergehen.
Im Anschluss daran wird der „asketische Priester“ beschrieben, um diese Überlegungen auf die helfenden Berufe anzuwenden. Dabei wird nicht nur auf Barbara Gründlers Ansätze hierzu eingegangen, sondern auch auf Wolfgang Schmidbauers „Helfer-Syndrom“, welches ein fruchtbarer Boden für das Gedeihen des Ressentiments bietet.
Im Helfen steckt immer ein Machtgefälle, welches von den Helfenden symmetrisch gestaltet werden sollte. Friedrich Nietzsches Überlegungen zum „Willen zur Macht“ bieten eine tiefgründige Analyse von Macht.
Inhaltsverzeichnis
1. Helfen als Laster?
2. Wille zur Macht
3. Das Ressentiment
3.1 Nietzscheanischen Idealtypen der Moral
3.2 Die Logik des Ressentiments
3.3 Der Asketische Priester
4. Asketisches Helfen
4.1 Das Helfer:innen-Syndrom
4.2 Von der Nächstenliebe und vom Helfen: Wie aus der Not eine Tugend wird
4.3 Der Wille zum Helfen
4.4 Der Fehlschluss der „Leidens-Causalität“
4.5 Das Ressentiment der helfenden Asket:innen
5. Fazit – Wege zum und aus dem Ressentiment
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die kritische These von Barbara Gründler, wonach das Ressentiment in helfenden Berufen als ein persönliches Laster anstatt als tugendhaftes Verhalten zu interpretieren sei. Unter Rückgriff auf Nietzsches Moralanalysen sowie das „Helfer-Syndrom“ nach Wolfgang Schmidbauer wird die Forschungsfrage verfolgt, welche Merkmale des nietzscheanischen „asketischen Priesters“ sich bei professionell Helfenden identifizieren lassen und inwiefern ihr Handeln Ausdruck eines „Willens zur Macht“ ist.
- Nietzscheanische Moralphilosophie und die Genealogie des Ressentiments
- Die Figur des „asketischen Priesters“ als Machttypus
- Psychologische Analyse des „Helfer-Syndroms“ und seiner Ursprünge
- Kritik an der instrumentellen Praxis der Nächstenliebe im Hilfesystem
Auszug aus dem Buch
Die Logik des Ressentiments
Die Menschen, denen die physiologische Aktion und Reaktion versagt ist, sind deshalb auf das psychische und moralische Reagieren eigeschränkt. Sie müssen ihren Schmerz der Unterlegenheit und ihre ungestillte Rache kanalisieren. Es braucht einen „s c h u l d i g e n Thäter“ (GM 3. Abh. 15, KSA 5.374). Nietzsche sieht den Ausweg für die Passiven im moralischen Aufbegehren, der geistigen Rache. Diese beginnt bereits mit der semantischen Verkettung von „böse“ und den „Vornehmen“. Durch die sprachliche Umwertung wird sich an der Wirklichkeit der Vornehmen, der Wirklichkeit überhaupt, vergriffen. Die Unterdrückten bewerten sich nun als „gut“. Damit bringen sie ihr Selbst in die neue Wirklichkeit ein. Ein Anklang von Selbstverwirklichung ist zu vernehmen, die noch einen Abglanz der Rache zeitigt (GM 1. Abh. 10, KSA 5.270f.):
Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt damit, dass das R e s s e n t i m e n t selbst schöpferisch wird und Werthe gebiert: das Ressentiment solcher Wesen, denen die eigentliche Reaktion, die der That versagt ist, die sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten. Während alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem „Ausserhalb“, zu einem „Anders“, zu einem „Nicht-selbst“ : und d i e s Nein ist ihre schöpferische That. Dies Umkehrung des werthesetzenden Blicks
Die Vornehmen hingegen bedürfen keiner äußeren Reize. Aus ihrer Selbstgewissheit und ihrem Selbstvertrauen heraus sind sie aktiv, tätig und schöpferisch. Sie benötigen kein Kontrastbild, um sich ihrer selbst gewiss zu werden (GM 1. Abh. 10, KSA 5.271). Die „Menschen des Ressentiments“ hingegen müssen sich durch eine normative Erhebung ein Feindbild ersinnen. Ihre Schöpfung ist ein Trugbild, eine Chimäre und Selbstbetrug. Ein Betrug an sich selbst, welchen die Vornehmen nicht an sich begingen, denn dies hieße, sich selbst verneinen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Helfen als Laster?: Einleitung in die Thematik der hinterfragten Tugendhaftigkeit in helfenden Berufen anhand von Barbaras Gründlers Ausgangsthese.
2. Wille zur Macht: Theoretische Herleitung einer der zentralen Lehren Nietzsches, die auch menschliches Handeln als Ausdeutung von Machtansprüchen versteht.
3. Das Ressentiment: Umfassende Darstellung der nietzscheanischen Moral-Genealogie, der Unterscheidung von Herren- und Sklavenmoral sowie der Figur des asketischen Priesters.
4. Asketisches Helfen: Anwendung der theoretischen Überlegungen auf das soziale Hilfesystem unter Einbeziehung des Helfer-Syndroms.
5. Fazit – Wege zum und aus dem Ressentiment: Zusammenführung der Ergebnisse, die eine weitgehende Übereinstimmung zwischen Helfenden und dem priesterlich-asketischen Typus feststellt.
Schlüsselwörter
Ressentiment, Wille zur Macht, Asketischer Priester, Helfende Berufe, Helfer-Syndrom, Moral-Genealogie, Nächstenliebe, Selbstüberwindung, Psychotraumatologie, Machtgefälle, Subjektivierung, Identitätsstiftung, Leidens-Causalität, Wertschöpfung, Barbara Gründler.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch die helfenden Berufe durch die Brille der Philosophie Friedrich Nietzsches und setzt dabei das Handeln der Helfenden in Bezug zu Begriffen wie Ressentiment und Wille zur Macht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Genealogie der Moral, die psychologische Dynamik des Helfens sowie die kritische Analyse des sogenannten Helfer-Syndroms.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die These von Barbara Gründler zu prüfen, ob Helfende in modernen sozialen Berufen oft Merkmale des nietzscheanischen asketischen Priesters aufweisen und ihr Handeln somit auf verdeckten Machtmotiven basiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine philosophisch-theoretische Analyse, die mit psychoanalytischen Ansätzen (insbesondere Wolfgang Schmidbauer) und Nietzsche-Rezeptionen kombiniert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine philosophische Fundierung von Nietzsches Macht- und Ressentimentbegriff und deren Anwendung auf die Praxis des Helfens, inklusive einer Analyse der „Leidens-Causalität“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Ressentiment, Wille zur Macht, asketisches Ideal, Helfer-Syndrom und die kritische Distanz zum klassischen Verständnis von Nächstenliebe.
Inwieweit nutzen Helfende ihre Klienten für eigene Zwecke?
Dem Text nach instrumentalisieren HS-Helfende ihre Klienten, um durch die Rolle des „mächtigen Helfers“ ihre eigene Unsicherheit und Hilflosigkeit zu verdecken und eine Form der Selbstbestätigung zu erlangen.
Warum wird Nächstenliebe innerhalb der Arbeit problematisiert?
In Anlehnung an Nietzsche wird Nächstenliebe oft nicht als rein altruistischer Akt verstanden, sondern als Flucht vor dem eigenen Selbst oder als psychischer Trick zur Erlangung einer moralischen Überlegenheit.
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- Anonym (Autor), 2022, Ressentiment in helfenden Berufen? Nietzscheanische Reflexionen über Barbara Gründlers These, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1306546