Die Kommunitarismus-Liberalismus-Debatte in den 1970er und 1980er Jahren ist das jüngste Beispiel für die Auseinandersetzung mit der aristotelischen Philosophie.
Der Einfluss, den Aristoteles mit seinen Schriften hat, erstreckt sich in viele verschiedene Lebensbereiche, so auch in die Literatur und Dichtung im Besonderen. In seiner Poetik formuliert er seine Theorie zur Dichtkunst im Allgemeinen und widmet sich dann später der Tragödie und dem Epos im Speziellen zu. Die Besonderheit des Werkes spiegelt sich in ihrer Entstehungsgeschichte wider. Von den ursprünglichen zwei Teilen der Poetik ist nur eines erhalten geblieben. Somit ist der Menschheit ein überaus kostbarer Teil seiner Komödientheorie verloren gegangen, die Aristoteles sehr wahrscheinlich dort behandelte. Lediglich drei Kapitel widmet er ihr im ersten Teil der Poetik, weshalb über die Theorie des Lächerlichen nur Bruchstücke erhalten geblieben sind, die Hinweise auf ihren Inhalt geben. Quintus Horatius Flaccus als weiterer antiker römischer Dichtungskritiker gilt mit seiner originellen Art und Kunst als Exempel seiner Zeit. Seine Satiren, Oden und Episteln gelten als Vorbilder für die Gattungen, die sie repräsentieren und über die sie selbst reflektieren. Sein dichtungstheoretisches Werk Epistule Ad Pisones – De Arte Poetica genoss unter Kritikern hohes Ansehen und war in der Zeit vom 15. bis zum 18. Jahrhundert überaus einflussreich, bevor die Poetik des Aristoteles mit dem Aufkommen der Genieästhetik ihren Platz einnahm. Es erscheint daher ein wichtiges Anliegen, einen genaueren Blick auf beide Theorien zu werfen, welche sich in der Tradition von Poetik gegenseitig abgelöst haben.
Genau wie Aristoteles in seiner Poetik auf charakteristische Art und Weise vom Allgemeinen zum Besonderen geht, wird die vorliegende Untersuchung der beiden Werke einer ähnlichen Struktur unterlaufen. So wird zuerst eine äußere Analyse der Werke hinsichtlich ihrer Form und Entstehung unternommen und es wird sich zeigen, dass hier fundamentale Unterschiede bestehen. Im Anschluss darauf wird der Fokus vom äußeren Aufbau zum inneren Kern der Werke übergehen und insbesondere die anthropologischen Elemente der Dichtung betrachten, die besonders für Aristoteles eine signifikante Rolle spielen, sowie die Wirkung die Dichtung auf den Leser/Zuschauer haben soll. Dabei wird deutlich werden, dass sich die beiden Theorien in vielen Aspekten auch gleich sind und einander harmonisch zu ergänzen scheinen.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Form und Entstehung
Anthropologische Elemente und Wirkung von Dichtung
Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, die antiken Dichtungstheorien von Aristoteles (Poetik) und Horaz (Ars Poetica) in einem vergleichenden Werksvergleich gegenüberzustellen. Dabei wird untersucht, wie sich die beiden Schriften in ihrer Form, Entstehungsgeschichte und ihrem anthropologischen Fundament unterscheiden und inwiefern sie sich trotz unterschiedlicher Herangehensweisen – deskriptiv versus poetisch-reflektierend – harmonisch als komplementäre Theorien ergänzen.
- Analyse der Form und Entstehungsgeschichte beider Werke
- Untersuchung der anthropologischen Grundlagen der Dichtung
- Vergleich der Konzepte von Nachahmung (Mimesis) und deren Wirkung auf den Rezipienten
- Gegenüberstellung von deskriptiver Theorie und poetischem Literaturprogramm
- Reflexion über die gegenseitige Beeinflussung und historische Rezeption der Theorien
Auszug aus dem Buch
Anthropologische Elemente und Wirkung von Dichtung
Im vierten Kapitel der Poetik schildert Aristoteles seinen anthropologischen Ansatz, um die Ursprünge von der Poetik zu erfassen. Die Dichtung lässt sich, seiner Theorie nach, aus der Natur des Menschen ableiten. So sind zwei naturgegebene Ursachen verantwortlich für ihre Entstehung. Die Nachahmung, die dem Menschen angeboren ist, sowie die Freude, die jeder daran hat. Die Forschung ist sich aufgrund der Formulierung uneinig, ob mit der Freude bereits die zweite Ursache gemeint ist. An einer späteren Stelle des Kapitels rekapituliert Aristoteles nämlich nochmal das Gesagte wie folgt: „Da nun das Nachahmung unserer Natur gemäß ist, und ebenso die Melodie und der Rhythmus – denn daß die Verse Einheiten der Rhythmen sind, ist offenkundig“ Die zweite Möglichkeit wäre also, dass der angeborene Sinn für Melodie und Rhythmus die zweite Ursache bezeichnet, die Dichtung hervorbringt, wenn sie unserer Natur gemäß entspringt.
Der Mensch ahmt also immer nach, es ist in seiner Natur fest verankert und er praktiziert dies von Kindheit an. Weiterhin hat er große Freude daran, weil er immer wieder etwas Neues lernt, wenn er sich Bilder anschaut. Vor allem Abbildungen, die in der Realität nur sehr ungern erblickt werden, wie Darstellungen von „unansehnlichen Tieren und von Leichen“, werden als besonders freudig empfunden. Lernen bereitet für Aristoteles (und im Übrigen den Philosophen mehr als den gewöhnlichen Menschen) also größtes Vergnügen. Diese Unterteilung demonstriert auf eindrucksvolle Art und Weise den rezeptions- und produktionsästhetischen Aspekt von mimēsis in seiner Dichtungstheorie. Sowohl die Produktion durch den Künstler als auch die Rezeption durch den Leser/Zuschauer spielen eine signifikante Rolle.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Einleitung verortet die aristotelische Philosophie und die Lehre des Horaz im historischen Kontext und skizziert die methodische Anlage des Werksvergleichs.
Form und Entstehung: Dieses Kapitel arbeitet die wesentlichen Differenzen in der Veröffentlichungsabsicht und Textstruktur zwischen Aristoteles’ akroamatischen Schriften und der poetischen Epistel des Horaz heraus.
Anthropologische Elemente und Wirkung von Dichtung: Hier wird der Kern der ästhetischen Theorien untersucht, wobei der Fokus auf der Mimesis-Theorie, dem Lernaspekt und der emotionalen Wirkung auf das Publikum liegt.
Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Komplementarität beider Ansätze zusammen und würdigt die bleibende Bedeutung der Theorien für die Dichtungspoetik.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Horaz, Poetik, Ars Poetica, Dichtungstheorie, Mimesis, Nachahmung, Katharsis, Literaturgeschichte, Antike, Werksvergleich, Anthropologie, Rezeptionsästhetik, Tragödie, Gattungspoetik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht die zwei zentralen dichtungstheoretischen Grundlagentexte der Antike: Aristoteles’ „Poetik“ und Horaz’ „Ars Poetica“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Der Fokus liegt auf den strukturellen Unterschieden der Entstehung, den anthropologischen Wurzeln der Dichtung und der intendierten Wirkung auf den Betrachter.
Was ist das primäre Ziel des Werksvergleichs?
Es soll aufgezeigt werden, wie Aristoteles und Horaz unterschiedliche Ansätze verfolgen, die sich in ihrer Gesamtschau jedoch gegenseitig ergänzen und begründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einer strukturierten, vergleichenden Analyse, bei der zunächst äußere Merkmale (Form, Genese) und anschließend inhaltliche, philosophische Kernelemente untersucht werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Werke hinsichtlich ihrer Entstehungsgeschichte, ihres anthropologischen Ansatzes (insbesondere Mimesis) und ihrer ästhetischen Wirkungsabsicht detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Mimesis, Katharsis, Dichtungstheorie, Aristotelismus und den komplementären Charakter der antiken Poetiken definiert.
Warum unterscheidet sich die Form der „Poetik“ so stark von der „Ars Poetica“?
Aristoteles verfasste akroamatische Notizen für den Schulgebrauch, während Horaz ein literarisches Werk in Form einer poetischen Epistel verfasste, um seine Ansichten direkt an ein Publikum zu richten.
Wie bewertet der Autor das Verhältnis von Nutzen und Freude in der Dichtung?
Unter Bezugnahme auf die horazische Maxime wird erläutert, dass wahre Dichtung beides vereint: den belehrenden Nutzen und das ästhetische Vergnügen des Zuschauers.
- Quote paper
- Christopher Cerra (Author), 2019, Die Poetik und Ars Poetica, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1307689