Unterrichtsstunde: Ära Adenauer - Westintegration und Wiedervereinigung

Die Pariser Verträge: Anfang oder Ende der Einheit? Der Briefwechsel zwischen Ollenhauer und Adenauer


Unterrichtsentwurf, 2003
16 Seiten
Ines Bauermeister (Autor)

Leseprobe

Inhalt

1. Bild der Lerngruppe

2. Lernvoraussetzungen

3. Einordnung in den Unterrichtszusammenhang

4 . Didaktisch- methodische Vorüberlegungen

5. Hausaufgabe zu der Stunde

6. Geplanter Verlauf

7. Aufgabe zur Folgestunde

Anhang:

1. Bild der Lerngruppe

Seit Beginn des 2. Halbjahres 2002/2003 unterrichte ich die Schüler und Schülerinnen[1] der Klasse 11 mit drei Wochenstunden in eigenverantwortlichem Unterricht[2]. Die Lerngruppe besteht aus 21 Schülern, 15 Mädchen und sechs Jungen.

Das Leistungsvermögen des Kurses halte ich für unterdurchschnittlich[3], wobei insbesondere Mängel im Bereich der historischen Grundkenntnisse, der Reproduktion erarbeiteter Inhalte und deren Übertragung auf neue Sachverhalte auffallen. Daneben haben viele Schüler hinsichtlich der Fähigkeit mit Textquellen und Sekundärliteratur methodisch angemessen umzugehen und die zentralen Aussagen zu erfassen zum Teil erhebliche Schwierigkeiten[4], die auch durch verstärkte Anstrengungen im Bereich der Methodenschulung nicht behoben werden konnten. Problemlösende und weiterführende Beiträge bei der Analyse von Textquellen werden in der Regel nur von xx und xx, selten von xx erbracht, wobei die beiden Mädchen oftmals erst zu Beiträgen ermuntert werden müssen. Dagegen zeigt sich die Klasse bei der Arbeit mit bildlichen Quellen engagiert und bringt dabei zufrieden stellende Leistungen. Dabei wendet sie auch methodisch korrekte Verfahren der Quellenanalyse und -auswertung an, sodass sie hier in der Lage ist, Kernaussagen zu erfassen und Problemstellungen zu entwickeln. Die Leistungsbereitschaft ist einem Kurs der 11. Jahrgangsstufe angemessen[5], das Interesse an der Auseinandersetzung mit historischen Sachverhalten halte ich sogar für überdurchschnittlich. Insbesondere bei Themen mit hoher Relevanz für das aktuelle politische Geschehen zeigt sich die Klasse interessiert und bringt eigene Vorschläge für die Unterrichtsgestaltung ein[6]. Auffallend ist die regelmäßige und eigenständig vorbereitete Mitarbeit von xx und xx[7].

Auch wenn das Unterrichtsgeschehen bisweilen bei Quellenorientierten Arbeitsphasen sehr zäh verläuft und fehlende Grundlagenkenntnisse den Fortgang des Unterrichts hemmen, sodass im Material angelegte Möglichkeiten der Erkenntnis nicht ausgeschöpft werden können, empfinde ich die Arbeitsatmosphäre überwiegend als angenehm. Die Klasse tritt mir gegenüber freundlich auf und bemüht sich trotz der ihr bewussten Schwächen um aktive Teilnahme am Unterricht. Fehlerkorrekturen, Lehrerinformationen und Hinweise zur Verbesserung des methodischen Arbeitens nimmt sie bereitwillig an.

2. Lernvoraussetzungen

a) Inhaltlich

Der Kurs mit dem Thema „Deutschland nach 1945“ ist darauf angelegt, den durch die Bedingungen des Kalten Krieges sowie das katastrophale Erbe der deutschen Geschichte begrenzten Spielraum für unabhängige Politik deutlich werden zu lassen. Die Wechselwirkung zwischen innenpolitischen Maßnahmen und außenpolitischen Rahmenbedingungen soll gleichsam als roter Faden sichtbar werden[8].

Um die Grundkenntnisse für das Verständnis des politischen Geschehens nach 1945 zu schaffen und die Kursmitglieder auf einen einheitlichen Wissensstand zu bringen[9], wurde zu Beginn des Kurses der Verlauf der europäischen Geschichte von 1870- 1945 wiederholt. Dabei wurde das in dieser Zeit entstandene Bild Deutschlands im Ausland im Interesse des oben genannten Kontinuums besonders akzentuiert.[10]

Den ersten Schwerpunkt bildete die Besatzungspolitik der Alliierten ausgehend von der Potsdamer Konferenz und ihren Folgen. Daran anschließend wurde auf Anregung der Schüler[11] ein als Längsschnitt durchgeführter Exkurs zur Rolle der USA in der Welt eingeschoben, in dessen Verlauf intensiv an Quellen gearbeitet wurde[12]. Von diesem gelang durch die Truman-Doktrin die Rückkehr zum Kursthema, indem nun die sich sukzessiv verschärfende ideologische Auseinandersetzung zwischen Ost und West mit ihren Konsequenzen für Deutschland bis zur Konstituierung der beiden deutschen Staaten behandelt wurde.

b) Methodisch

Die Schüler kennen Beschreibung, Interpretation und Beurteilung als Schritte der Arbeit mit bildlichen Quellen; Personifikationen und Symbole als gestalterische Mittel von Karikaturen sind ihnen vertraut.

Die Erarbeitung neuer Quellen wird in der Regel mit einer Stilllesephase eingeleitet, in der sich die Schüler mit ihrem Sitzpartner austauschen. Der sachgerechte Umgang mit Quellen ist auch in Unterrichtsphasen mit dem Schwerpunkt auf Methodenschulung geübt worden[13]. Das methodisch korrekte Vorgehen muss dennoch immer wieder angemahnt und auch weiterhin geübt werden, da die Schüler dazu neigen, Fragestellungen mithilfe von Spekulationen zu beantworten. Dieser Neigung soll durch die konsequente Aufforderung, Aussagen am Text zu belegen, begegnet werden.

Die Schüler beherrschen die Interaktionsformen des Schüler-Schüler- Gesprächs und bedürfen in besonders angeregten Phasen der Diskussion nicht mehr der Moderation der Lehrkraft, sondern sind in der Lage, die Gesprächsführung eigenständig zu übernehmen. In Erarbeitungsphasen wird den Schülern durch offene Fragen eine Möglichkeit zur Mitgestaltung gegeben, doch da sie diese oft nicht nutzen, ist die Form des fragend- entwickelnden Unterrichtsgespräches dominierend und wegen der beschriebenen Schwächen oftmals auch eine starke Lenkung durch den Lehrer erforderlich.

3. Einordnung in den Unterrichtszusammenhang

Der Briefwechsel zwischen Ollenhauer und Adenauer ist Thema der sechsten Stunde in der Unterrichtseinheit zur Adenauer- Ära. Die Schüler kennen verschiedene Positionen[14] zur deutschen Frage und haben sich mit dem Alleinvertretungsanspruch der BRD beschäftigt. In der dieser vorangegangenen Stunde wurden die wirtschaftliche und politisch-militärische Westintegration bis zum Scheitern der EVG- Verhandlungen abrissartig betrachtet und die Pariser Verträge als Ersatzlösung vorgestellt[15].

4. Didaktisch- methodische Vorüberlegungen

a) Sachanalyse

Das Pariser Vertragswerk vom 23.11.1954, ein Komplex aus Verträgen, Abkommen und Protokollen, garantierte der BRD fast die volle Souveränität[16] und band sie durch den NATO-Beitritt fest in das westliche Militärbündnis ein. Damit markieren die am 5.5. 1955 in der BRD in Kraft getretenen Pariser Verträge die Vollendung der sich seit 1949 auf verschiedenen Ebenen vollziehenden Westintegration der BRD[17].

Als Konrad Adenauer sein Amt als Bundeskanzler antrat, war der Rahmen seiner Handlungsmöglichkeiten bereits abgesteckt[18]. Er stellte sich mit seiner klaren Integrationspolitik, d.h. mit seiner Entscheidung für eine aktive Westintegrationspolitik gegen eine aktive Wiedervereinigungspolitik, in den vorhandenen Erwartungsrahmen und versuchte mit einer Politik der Vorleistungen das Vertrauen der westlichen Besatzungsmächte zu gewinnen, um der BRD aus der Position eines sicheren Westbündnisses heraus wirtschaftliche Konsolidierung, Sicherheit vor außenpolitischer Bedrohung und die Wiedervereinigung zu ermöglichen. Dabei stellte er die Europapolitik, deren Herzstück die Aussöhnung zwischen den „Erbfeinden“ Frankreich und Deutschland war, in den Dienst des Gewinns der durch Besatzungs- und Ruhrstatut eingeschränkten Souveränität. Seine auf Langzeitwirkung angelegte Wiedervereinigungspolitik aus der Position der Stärke heraus war in der Überzeugung begründet, dass die UdSSR durch die Macht und Attraktivität des westlichen Deutschland auf den östlichen Teil gezwungen sein würde, diesen herauszugeben. In dieser Auffassung stimmten Adenauer und der Oppositionsführer Kurt Schumacher, der in dieser Hinsicht von „Magnettheorie“ sprach, überein[19]. Wirklich fundamentale Gegensätze bestanden aber hinsichtlich der politisch- militärischen Ausrichtung des westdeutschen Staates, die Probleme für eine Wiedervereinigung aufwarf und zu einem prinzipiellen Zielkonflikt zwischen Westintegration und Wiedervereinigung führte. Hier traf Adenauer in Verfolgung seines strikten Integrationskurses nicht nur auf den Widerstand der Opposition, die ihm Passivität in der Wiedervereinigungspolitik und Verrat deutscher Interessen vorwarf, sondern auch auf Gegner im eigenen Lager sowie auf eine breite außerparlamentarische Gegenbewegung[20].

[...]


[1] Im Folgenden wird für die Schüler beiderlei Geschlechts die Bezeichnung Schüler verwendet.

[2] Der Geschichtsunterricht wird in der 11. Jahrgangsstufe epochal mit drei Wochenstunden erteilt.

[3] Fünf Schüler sind Realschüler.

[4] Während viele Schüler diese Mängel im Unterrichtsgespräch kaschieren können, treten diese Mängel sowie Defizite im sprachlichen Ausdrucksvermögen bei schriftlichen Leistungen deutlich hervor.

[5] Hier ist allerdings seit den April-Warnungen, die sechs Schüler erhalten haben, eine Verschlechterung zu beobachten, die ich darauf zurückführe, dass einige Schüler eine Versetzung für aussichtslos halten bzw. sich bereits um Ausbildungsplätze bewerben.

[6] s. unten

[7] Sie erledigen die Hausaufgaben sehr sorgfältig und beschaffen sich zusätzliche Literatur.

[8] Dabei wird schwerpunktmäßig die Perspektive westdeutscher Politiker eingenommen.

[9] Ein Teil des Kurses hat in der 10. Klasse die deutsche Geschichte bis 1990 behandelt, während der restliche Teil nur bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gelangt ist.

[10] Die auf der Potsdamer Konferenz beschlossenen Maßnahmen sollten ein Wiederaufstieg des als von Natur aus expansiv angesehenen Deutschland verhindern. Das Bild von Deutschland als eines Staates, dessen Natur zwangsläufig zur Aggression und Expansion führt, weckte bei den Nachbarstaaten nach der Wiedervereinigung 1990 wieder Ängste vor einer Bedrohung durch Großmachtsbestrebungen Deutschlands, sodass die Schüler hier Parallelen erkennen können.

[11] RRL 73

[12] Analysiert wurden die Monroe-Doktrin, Truman-Doktrin, die Quarantäne-Rede Roosevelts, Conants Rede zur „Open Door Policy“ und die Rede Bushs gegen den Terrorismus.

[13] RRL S. 29ff. Ein Analyseschema(s.Anhang) für die Auswertung von Quellentexten ist den Schülern exemplarisch erläutert worden und wird bei der Arbeit mit Quellen als Leitfaden eingesetzt.

[14] Erarbeitet wurden das Konzept der Westintegration durch Adenauer, der nationale Kurs Schumachers, der der Wiedervereinigung die Priorität gegenüber einer Westintegration gab, und die Brückentheorie.

[15] In dieser Stunde fehlten sechs Schüler.

[16] Die Westmächte behielten ihre Rechte in Bezug auf Berlin, Deutschland als Ganzes und einen Friedensvertrag vor(s. L. Herbst, Option für den Westen. Vom Marshall-Plan bis zum deutsch-französischen Vertrag, München² 1996, S. 104)

[17] S. C.Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945-1955. Bundeszentrale für politische Bildung, Band 2985 , 1991, S. 234

[18] Die erste Phase der europäischen Integration mit der Konstituierung von OEEC, Brüsseler Pakt, NATO und Europarat war abgeschlossen und die außenwirtschaftliche Bindung der BRD an den Westen durch die Teilnahme an OEEC und Marshall-Plan festgelegt. Die Alliierten hatten die enge wirtschaftliche und politische Verbindung der BRD mit Europa als Ziele ihrer Deutschlandpolitik bestimmt, dabei mit der Gründung der NATO auch schon die militärische Integration der BRD ins Auge gefasst und Adenauer zu verstehen gegeben, dass sie von ihm aktive Schritte zu einer Westeinbindung erwarteten, sodass eine Existenz außerhalb der westeuropäischen Integration für die BRD ausgeschlossen war. Da Adenauer in einem Militärbündnis unter Führung der USA die einzig wirksame Verteidigung gegen die Bedrohung durch die UdSSR sah, bestand hier Interessenkongruenz(s. Herbst S. 35-59; Kleßmann, S. 208; K. Sontheimer, Die Adenauer-Ära. Grundlegung der Bundesrepublik, München² 1996, 159-170).

[19] Mit Ausnahme der Kommunisten bestand Konsens darüber, dass Deutschland sich gesellschafts- und kulturpolitisch sowie wirtschaftlich nach Westen orientieren, auf eine Versöhnung mit Frankreich und die Einigung Europas hinwirken müsse( s. Herbst, S. 105-111).

[20] Adenauer beschränkte sich im Bereich der aktiven Deutschlandpolitik auf taktisches Hinhalten. Dabei waren der leicht mobilisierbare Antikommunismus sowie die politisch und materiellen Vorteile der Westintegration zwei ausschlaggebende Komponenten seines Erfolges. Den Wahlerfolg von 1953 konnte er dabei als Plebiszit für sein politisches Konzept werten(s. Herbst, S.125; Kleßmann, S. 234).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Unterrichtsstunde: Ära Adenauer - Westintegration und Wiedervereinigung
Untertitel
Die Pariser Verträge: Anfang oder Ende der Einheit? Der Briefwechsel zwischen Ollenhauer und Adenauer
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V130791
ISBN (eBook)
9783640389384
ISBN (Buch)
9783640389711
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterrichtsstunde, Adenauer, Westintegration, Wiedervereinigung, Pariser, Verträge, Anfang, Ende, Einheit, Briefwechsel, Ollenhauer
Arbeit zitieren
Ines Bauermeister (Autor), 2003, Unterrichtsstunde: Ära Adenauer - Westintegration und Wiedervereinigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130791

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