Extremistische Einstellungen und Haltungen im Alltag


Forschungsarbeit, 2001

52 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1) Ziel der Untersuchung

2) Historischer und gesellschaftspolitischer Hintergrund
2.1 Topographische Einordnung von Links, Mitte und Rechts
2.2 Exkurs in die Geschichte Deutschlands – Extremistische Tendenzen der Mitte
2.3 Zur Entstehung von Extremismus
2.4 Konsequenzen für die empirische Arbeit

3) Auswertung
3.1 Methodik
3.2 Soziale Struktur der Stichprobe und Repräsentativität
3.3 Sozialer Status
3.4 Politisches Profil der Stichprobe
3.5 Sozialstruktur der politischen Mitte

4) Operationalisierung
4.1 Operationalisierung – Ordnung
4.1.1 Festhalten an traditionellen Rollenbildern
4.1.2 Ablehnung von Fremdgruppen
4.1.3 Vertrauenskrise gegenüber demokratischen Institutionen
4.2 Skalenbildung
4.3 Soziale Verortung der Extremismusskala

5) Schlussbetrachtung

6) Literatur

1. Ziel der Untersuchung

Der Inhalt der vorliegenden Arbeit ist die Untersuchung von extremistischen Tendenzen innerhalb der sogenannten politischen Mitte Ostdeutschlands. Die Arbeit gliedert sich im wesentlichen in drei Punkte. Zum ersten wird erläutert, auf welcher begrifflichen Definition das Links-Mitte-Rechts-Schema basiert. Diese Begriffe gilt es zu trennen, damit eine Erschließung des eventuellen Extremismus der Mitte überhaupt möglich ist. Im nächsten Punkt wird durch eine Sozialstrukturanalyse das Feld der interessierenden Probanden selektiert. Im dritten Teil wird der Versuch unternommen die gewonnenen Daten auszuwerten und in einen thematischen Zusammenhang zu bringen.

Extremistische Tendenzen sind Teil einer jeden Gesellschaftsform. Unabhängig ob Monarchie oder Demokratie finden sich vor allem an den Rändern der jeweiligen Gesellschaft extremistische Ausprägungen. Das allerdings dieser Extremismus auch bei einem völlig normalen bzw. nicht auffälligen Staatsbürger durchaus latent vorhanden sein kann, soll durch die vorliegende Arbeit untersucht bzw. bewiesen werden. Es wird zu klären sein, wie der Extremismus im eigentlichen Sinne, entstehen kann bzw. welche Ausprägungen er aufweisen kann.

2. Historischer und gesellschaftspolitischer Hintergrund

2.1 Topographische Einordnung von Links, Mitte und Rechts

Bevor wir tiefer in die Untersuchung von extremistischen Tendenzen der Mitte eingehen können, erscheint uns eine Beleuchtung des geschichtlichen Hintergrundes Deutschlands als wichtig.

Wie ist das Links-Mitte-Rechts-Schema entstanden und hat es heutzutage in seiner ursprünglichen Form bzw. mit deren Inhalten immer noch oder gerade wieder Bestand? Welche Grundsätze, Methoden und Ziele charakterisieren die angesprochenen Richtungen und kann man daraus typische Gesinnungen, Personen, Handlungen usw. ableiten?

Die eigentliche Links-Mitte-Rechts-Einteilung in der europäischen Politik verdanken wir der Sitzordnung in der Nationalversammlung der Frankfurter Paulskirche aus dem Jahre 1848. So wurden die vom Rednerpult aus gesehen Linkssitzenden als „Linke“ und die Rechtssitzenden als „Rechte“ bezeichnet. Diese Einteilung bezog sich allerdings mitnichten ausschließlich auf die reine Sitzordnung, sondern implizierte auch politische Inhalte.

Demnach verbargen sich hinter „Links“ die Demokraten, hinter „Mitte“ die Konstitutionellen und hinter „Rechts“ die Monarchisten. Grundsätzlich unterschieden sich diese Strömungen im Hinblick auf die politischen Lösungsvorstellungen des angestrebten Regierungssystems.

Im Laufe der Zeit bildeten sich neue Strömungen und folglich auch eine Vielzahl von unterschiedlichsten Parteien heraus. Unabhängig von den Paulskirchen-Kriterien entstanden beispielsweise Parteien, welche sich nach nationalistischen, religiösen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekten definierten. Die Zielsetzungen der verschiedenen Gruppen hatten sich differenziert. Ursprüngliche Unterscheidungsmerkmale waren vermehrt in den Hintergrund getreten. „Republikaner und Monarchisten hatten gemeinsame wirtschaftliche Interessen entdeckt. Konservative waren liberal geworden, weil die Realität mit dem Wandel ihrer Rechts- und Freiheitsvorstellungen nicht Schritt hielt“ (Puntsch 1994: 17). Dennoch zeichneten sich nach und nach die Grundprinzipien der freiheitlichen Demokratie ab: Sozialismus, Liberalismus und Konservatismus. Unabhängig von den veränderten Inhalten der jeweiligen Strömung blieb die Links-Mitte-Rechts-Klassifizierung allerdings erhalten. Darüber hinaus wurde weiterhin versucht, den Platzkategorien mit Hilfe der Metaphern „Links“, „Mitte“, „Rechts“ weiterhin bestimmte politische Inhalte zuzuordnen.

Doch welche Inhalte haben sich aus der Diskussion aus dem Jahre 1848 um die angestrebte Staatsform im Laufe der Zeit und bis heute ergeben? Kann man heutzutage zuverlässig und voneinander abgrenzbar politische Inhalte von Links nach Rechts unterscheiden?

Ausgehend von dem ursprünglichsten Kriterium der politischen Grundordnung kann man zunächst feststellen, dass die „Linksextremen“ den autoritären Sozialismus anstreben, wogegen die „Rechtsextremen“ ihr nationalkollektivistisches Ordnungsideal (vgl. Puntsch 1994: 18) favorisieren. Das „Mittelfeld“ bekennt sich natürlich zur bestehenden Staatsform.

Wenn man als weiteres Merkmal die Soziale Marktwirtschaft bzw. die elementaren Prinzipien des Liberalismus betrachtet, kann man schon Verschiebungen erkennen. Somit besteht auf Seiten der Liberalen, also der eigentlichen Mitte, keinerlei Ablehnung gegenüber Prinzipien des freien Marktes. Dagegen bevorzugen die besagten Randgruppen eher eine zentrale Verwaltungswirtschaft. Dabei spielen die internen Intentionen (links= soziale Gerechtigkeit bzw. rechts= nationale Macht) eine in diesem Zusammenhang untergeordnete Rolle.

Als letzter Indikator folgt der Schutz der Natur und Umwelt. Unabhängig von dem (noch) unterentwickelten Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Natur spricht beispielsweise Hans Jonas („Das Prinzip Verantwortung“) von dem wichtigsten Problem überhaupt, der Erhaltung des Lebensraumes für Mensch, Tier und Pflanze, welches in absehbarer Zeit alle aktuellen Probleme in den Hintergrund treten lassen wird.

Die engagiertesten Vertreter der Ökologie findet man zweifellos auf der linken Seite des politischen Spektrums. Sozialdemokraten beispielweise unterstützen ökologische Bemühungen nur in so weit, wie sie ökonomische Interessen nicht in den Hintergrund treten lassen. Je weiter man nach „rechts“ kommt, desto uneinheitlicher wird die Einstellung zum Thema Ökologie.

Wie gezeigt wurde, kann man auf Grundlage jedes Indikators eine Akzeptanzkurve nachzeichnen. Allerdings verläuft sie, unabhängig welches Merkmals man sich bedient, nicht einheitlich. Insofern können Inhalte der einzelnen Strömungen nicht das Links-Mitte-Rechts-Schema erklären bzw. legitimieren. Letztendlich bleibt festzuhalten, dass in diesem Zusammenhang von keiner stetigen Abfolge bzw. einer fehlenden Kontinuität der Links-Rechts-Achse gesprochen werden muss.

Um den eigentlichen Unterscheidungskriterien von „Links“, „Mitte“ und „Rechts“ auf die Spur zu kommen, ist es nötig, die entsprechenden Parteien im Zusammenhang mit der gegebenen Staatsform zu verstehen. Da wir in einer freiheitlichen Demokratie leben, in der sich Willensbildungen und Entscheidungen in der Hauptsache durch die Parteien vollziehen, kann davon ausgegangen werden, dass eben jene gegenwärtige Staatsform sich durch gewisse Grundprinzipien auszeichnen muss. „Mit anderen Worten: Der humane Staat entsteht aus dem Zusammenwirken dreier Prinzipien – dem Prinzip Ordnung, dem Prinzip Gerechtigkeit und dem Prinzip Freiheit“ (Puntsch 1994: 41).

Als Ordnung speziell im Staat sollen hierbei die Verfassung, die Gesetze, die Verordnungen usw. verstanden werden. Weitere Werte in dieser Hinsicht sind auch die Sicherung des Wirtschaftswachstums sowie Religiosität (vgl. Poller 1998: 22). Ordnungsprinzipien finden sowohl repräsentiert durch den Staat als Instrument als auch innerhalb der Gesellschaft ihren Niederschlag. In diesem Zusammenhang kann man Regelungen innerhalb bestimmter Institutionen (z.B. Statute von Vereinen, Verbänden, Betrieben usw.) von gemeinschaftlichen, inoffiziellen Normen (Tradition, Sitte, Ethik usw.) unterscheiden. Normen bzw. Umgangsformen sind Bestandteil jeder Kultur – wer sie missachtet, isoliert sich.

Gerechtigkeit ist ein schwer zu definierender Begriff. Im Anschluss an die Ordnungsdefinition kann man Gerechtigkeit auch als ein juristisches Prinzip (Recht) zur Aufstellung von Gesetzen und Vorschriften verstehen. Eine andere Form der Gerechtigkeit ist ethischer Natur, wobei eine Rücksichtnahme auf alle berechtigten Ansprüche der Mitmenschen gemeint ist.

Seit Aristoteles unterscheidet man zwischen ausgleichender und austeilender Gerechtigkeit, wobei letztere sozialer Natur ist bzw. allen Bürgern im Staat all das garantiert, worauf sie gerechterweise Anspruch haben. Allerdings gibt es keinen Maßstab, durch den man ablesen könnte, welche Regelung gerecht ist oder nicht, denn zumeist schätzen die Menschen ihre Ansprüche höher ein, als sie von anderen eingeschätzt werden.

Für das zu behandelnde Thema ist jedoch wichtig, inwieweit das Gerechtigkeitsgefühl einer Mehrheit von Staatsbürgern die bestehende Ordnung verändern kann. Deshalb kann unter Gerechtigkeit die Tendenz zur Zufriedenheit gegenüber den bestehenden Verhältnisse verstanden werden.

Der Freiheit vorgelagert sind Wünsche, welche dem individuellen Trieb entspringen. In unserem Kontext bedeutet das, dass die jeweiligen Ansprüche (Gerechtigkeitssinn) der Individuen dem fordernden Willen zugrunde liegen. Die Erfüllung dieser Ansprüche soll die Freiheit gewährleisten. Natürlich gibt es unterschiedliche Definitionen bzw. Dimensionen von Freiheit, welche an dieser Stelle allerdings nicht alle gegenübergestellt werden können. Besonders wichtig ist jedoch, dass der Mensch sein Handeln nach seiner Einsicht und seinem Wollen, legitimiert durch das Wesen der Demokratie, bestimmen kann.

Somit kann man Freiheit als individuelle Freiheit, unabhängig von fremder Willkür, verstehen. Facetten dieser Art von Freiheit kann man hinsichtlich der Ausbildung von Individualität innerhalb eines Rechtssystems, der Toleranz hinsichtlich anderer, fremder Ansichten sowie der Entwicklung von Fortschritt definieren. Dass die Abwesenheit der individuellen Freiheit das Charakteristische einer Diktatur und darüber hinaus das meistvertretene Bild des „Rechten“ an sich ist, muss an dieser Stelle nicht extra erwähnt werden.

Alle drei Prinzipien sind eng miteinander verwoben. Freiheit ist ein Element der Gerechtigkeit – jedem Mensch steht der Anspruch auf individuelle Freiheit zu. Wo Freiheit zugunsten der Gerechtigkeit eingeschränkt wird, entsteht Tyrannei (vgl. Puntsch 1994: 54).

Freiheit ist weiterhin ein Element von Ordnung, denn unabhängig von Kants Kategorischem Imperativ ist sie die Voraussetzung für Normen, Richtlinien usw., auf deren Grundlage alle Menschen (unabhängig ob stark oder schwach) frei und sicher agieren können.

Alle drei Prinzipien sind gleichwertig. Ein gesellschaftliches System kann nur durch das Zusammenwirken aller drei Prinzipien funktionieren. Wie an anderer Stelle noch zu zeigen sein wird, genügt der Ausfall einer dieser Kräfte, um das Gemeinwesen zu enthumanisieren.

Jedes der drei Prinzipien wird durch bestimmte Parteien vertreten. Die christlich-konservativen Parteien repräsentieren vorrangig das Prinzip Ordnung. Die sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien postulieren das Prinzip der Gerechtigkeit. Die liberalen Parteien kämpfen vor allem um individuelle Freiheit. Natürlich kann man die Parteien nicht allein auf das angesprochene charakteristische Prinzip reduzieren, auch sie lassen die jeweils anderen beiden nicht außer acht, dennoch zeigen sich Präferenzen.

Festzuhalten ist dabei besonders, dass die jeweilige Grundeinstellung der Wähler im Hinblick auf das zu favorisierende Prinzip vom gegebenen Kontext abhängig ist, d.h. geschuldet durch die Umstände der Zeit.

Der Ausgangspunkt der beschriebenen Problematik war die Suche nach einem sinnvollen Links-Mitte-Rechts-Schema im Zusammenhang mit den Strömungen verwandten Inhalten. Allerdings konnte festgestellt werden, dass sich Inhalte verschiedener Art auf keine logische Reihe, unterlegt durch spezielle Positionen, bringen lassen. Das Schema ist falsch.

Es ist durchaus möglich, dass aufgrund eines Problems zwei sich ob ihrer Grundeinstellung entgegengesetzte Parteien, sich in ihrer Einstellung zu der besagten Angelegenheit ähneln. Dies allerdings kann nicht dazu führen, dass sie der gleichen „Seite“ zugeordnet werden können. Eine richtige und vor allem anschauliche Topographie gibt ein Dreieck, an dessen Ecken die angesprochenen Prinzipien, vertreten durch die klassischen Parteien, stehen (vgl. Puntsch 1994: 97). Es ist also nur bedingt sinnvoll, sich einer bestimmten Seite (Rechts oder Links) zuordnen zu wollen. Unter der angeführten Argumentation erscheint dies irreführend. Dennoch ist es unmöglich, das Links-Mitte-Rechts-Schema zu ignorieren. Es existiert seit gut einhundertfünfzig Jahren und ist Bestandteil aller politischen Gespräche. Allerdings kann sich die vorliegende Thematik nicht mit verschwommenen Begriffen zufrieden geben, deshalb wurde der Versuch einer präziseren Definierung der entscheidenden Phänomene gemacht.

2.2 Exkurs in die Geschichte Deutschlands – Extremistische Tendenzen der Mitte

„Es ist die Mitte selbst, die da mutiert“ (Naumann 1994: 72). Ein scheinbar aus dem Zusammenhang gerissener Satz trifft die Problematik der heutigen Zeit genau da, wo es gerade für die Deutschen am schmerzhaftesten ist – in der Wunde der Vergangenheit. Es interessiert an dieser Stelle nicht, wer die geistigen Brandstifter des Antisemitismus, des Fremdenhasses usw. sind, sondern wie diese Ideologie bewusst oder nicht in die Köpfe der Masse eindringen konnte und es anscheinend immer wieder kann.

Unter dem trivialen Begriff der Masse sollen hierbei diejenigen verstanden werden, welche sich in der politischen Standortbestimmung als stabile Mitte einschätzen. Ziel der vorliegenden Arbeit soll es aber sein, das Verständnis des politischen Begriffes der „Mitte“ zu hinterfragen bzw. zu veranschaulichen, dass eine sichere Standortbestimmung von verschiedenen mehr oder weniger eindeutigen Indikatoren abhängig ist.

Um der Bezeichnung „Mitte“ ihren nahezu inflationären Charakter zu nehmen, muss der Zusammenhang von extremistischen Tendenzen und dem Nährboden durch bestimmte politische, kulturelle, soziale und ökonomische Strukturen sowie deren Auswirkung auf das gesamte Volk aufgezeigt werden.

Deutschland wird seit seinem politischem Umbruch von 1989 von einer schweren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anpassungskrise geschüttelt. Im Zuge dieser Krise verschärfen sich gleichfalls extremistische Tendenzen. Nicht allein die Urheber des immer stärker werdenden rechtsradikalen Verhaltens erscheint dabei auffallend, sondern auch die große Zahl derer, welche diese Offensive von rechts dulden bzw. ihr tatenlos gegenüber stehen. „Weil die Mehrzahl der Täter als integriert gelten müsse, könnten sich Politiker wie Wissenschaftler nicht länger mehr an der Erkenntnis vorbeimogeln, dass es sich bei den Schlägern und Brandstiftern um Exponenten einer gesellschaftlichen Normalität handle“ (Kraushaar 1994: 24).

Mit anderen Worten: rassistische Aktionen kommen nicht vom Rand der Gesellschaft, sondern aus deren Mitte.

Um die Ursprünge und die Bedeutung rechtsradikaler Gewalt zu veranschaulichen, soll im folgenden näher auf das soziologische Theorem vom Extremismus der Mitte eingegangen werden.

Laut vielen anerkannten „Mittelschichttheoretikern“ wurde der Faschismus vor dem Zweiten Weltkrieg speziell durch die Mitte getragen (vgl. Grebing 1974: 82). Nun sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass es unterschiedliche Meinungen gibt, durch wen genau dieser Mittelstand repräsentiert wurde. Zum einen wird da von dem Beamtentum, der Angestelltenschaft, den Unternehmern und von denjenigen, die sich gegen die Proletarisierung wandten, als soziologischer Träger des Faschismus gesprochen. Andererseits stellt auch ein großer Teil der Landbevölkerung bzw. der Kleinbauern dieses Klientel dar (vgl. Kraushaar 1994: 30f.). Letztendlich vereint die Vertreter der verschiedenen Mittelschichten die Angst bzw. die Verzweiflung angesichts der schlechten materiellen und politischen Lage, speziell zur Zeit der Weimarer Republik.

Dies allein kann natürlich nicht als Erklärung herhalten, zu unterschiedlich waren die Hintergründe des Einzugs des Nationalsozialismus beispielweise in Italien (faschistische Ideologie aus opportunistischem Vorgehen) oder in Spanien (konservativer Extremismus).

Bei der Betrachtung des Phänomens des „Extremismus der Mitte“ gehe ich genauer auf den von Seymour Martin Lipset verfassten Aufsatz „Der >Faschismus<, die Linke, die Rechte und die Mitte“ (193) ein. (Zweifellos existieren eine ganze Reihe von Ausarbeitungen und Stellungnahmen zu diesem Thema von verschiedensten Sozialwissenschaftlern, aber dieser scheint mir im Hinblick auf das zu bearbeitende Thema am besten geeignet zu sein. Außerdem wird besagter Aufsatz als Referenz auf diesem Gebiet verstanden, was jedenfalls durch zahlreiche Rezensionen hinsichtlich dieser Arbeit unterlegt werden könnte.)

Wie aus der Zusammensetzung der angesprochenen „Mittelschicht“ zu erkennen ist, sind jene Wähler gemeint, welche den Liberalen eher gesonnen waren als den Sozialisten oder den Konservativen. Speziell zum Ende der Weimarer Republik, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise waren die Wähler verunsichert. Die materielle Existenz, speziell der Klein- und Mittelständischen Unternehmer war auf das äußerste bedroht. Weder den sozialistischen, den zentrumsorientierten, noch den konservativen Parteien wurde kontinuierliches Vertrauen entgegengebracht.

Der Liberalismus seinerseits, der nach dem ersten Weltkrieg fälschlicherweise für tot gehalten wurde, schuf sich eine neue Plattform. Zumindest schien es so. Günstige Parallelen zur faschistischen Ideologie wiesen den Liberalen einen neuen Standort zu bzw. ließen die NSDAP zur stärksten Macht in Deutschland werden.

Obwohl die faschistische Ideologie grundsätzlich antiliberal ist, hat sie mit dem Liberalismus dennoch die Opposition gegen die Großindustrie, die Gewerkschaften, den sozialistischen Staat, die Religion sowie gegenüber anderen Formen des Traditionalismus gemein (vgl. Lipset 1967: 451).

Seit Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Republik hatte die Bedeutung der Mittelklasse vergleichsweise abgenommen. So wurde aus der liberalen Ideologie einer revolutionären Klasse, die freiheitliche, individuelle Rechte der Macht von wenigen vorzog, die Ideologie einer reaktionären Klasse.

Aus dem liberalen Grundgedanken, welcher die Abschaffung künstlicher Grenzen zugunsten eines offenen internationalen Marktes sowie der Absicherung durch Gesetz und Ordnung postulierte, ist ein Liberalismus des Großkapitalisten, innerhalb einer hochentwickelten industrialisierten und arbeitsteiligen Gesellschaft geworden. Somit erscheint der Wunsch des kleinen Unternehmers, für sich selbst zu sorgen und seine gesellschaftlichen Werte zu bewahren als reaktionär.

Nicht nur in psychologischer Hinsicht, nach der die Mittelklassen immer mehr von den Arbeitern und der oberen Bourgeoisie an die Wand gedrückt wurden (Gewerkschaften und Kartelle), sondern speziell durch Trends wie Konzentration und Zentralisierung fürchtete der kleine Unternehmer um seine Existenz (vgl. Lipset 1967: 454).

Es ist daher nicht verwunderlich, dass der liberale Wähler unter gewissen Bedingungen extremistischen politischen Bewegungen in die Arme laufen kann. Dieser Vorgang stellt eine Art Ventil für den Druck dar, „welchen die Struktur der modernen industriellen Ordnung auf die Mittelklasse ausübt“ (Lipset 1967: 454). Während der Liberalismus den Missstand mit Hilfe von legitimen sozialen Veränderungen und Reformen, die den Modernisierungsprozess umkehren würden, ausräumen will, bedient sich der Faschismus und Populismus bekanntermaßen radikalerer Methoden. Zuerst wird die Macht im Staat übernommen, um dann im folgenden dem alten Mittelstand die wirtschaftliche Sicherheit und den hohen gesellschaftlichen Status zurückzugeben und gleichzeitig die Macht des Großkapitals und der Gewerkschaften zu zerschlagen.

Ein Blick in die deutsche Geschichte genügt, um zu verdeutlichen, dass mit Zunahme des Nationalsozialismus die liberalen bürgerlichen Parteien der Mitte zerbrachen. Zwischen 1928 und 1932 verloren die liberalen Parteien ca. 80% ihrer Wähler. Da die Partei des katholischen Zentrums sowie die Sozialisten und Kommunisten nur unwesentlich an Stimmen verloren, ist davon auszugehen, dass die Nationalsozialisten am meisten von den liberalen Parteien der Mittelklasse profitierten.

Eine weitere Gruppe, die zu nationalsozialistischen Anhängern wurde und die sich aus dem Mittelstand rekrutierte, waren Vertreter von föderalistischen Parteien, welche generell der Einigung Deutschlands feindlich gesonnen waren und denen die zunehmende Bürokratisierung der modernen industriellen Gesellschaft ohnehin ein Dorn im Auge war. Diese eher aus den ländlichen und städtischen Mittelklassen bestehenden Anhänger sprachen sich nach föderalistischem Prinzip gegen eine Zentralisierung der Regierung und Verwaltung aus (vgl. Lipset 1967: 459f.).

Ein weiteres Phänomen stellt der Erfolg der Nationalsozialisten in kleineren Gemeinden dar. Mit zunehmender Größe der Stadt sank der Anteil der nationalsozialistischen Stimmen. In Gebieten, in denen die Mittelklasse vorherrschte, konnte die NSDAP um so mehr Stimmen auf sich vereinigen, je weiter sich die wirtschaftliche und soziale Krise in Deutschland ausbreitete.

Es bestand demnach eine hohe Korrelation zwischen nationalsozialistischen Stimmen und mittelständischen Eigentumsbesitz (Bauernwirtschaften und Besitzer kleiner Handels- und Industriegewerbe). Ein weiterer Grund für den rapiden Aufstieg der NSDAP ist in der Rekrutierung von sogenannten apathischen Wählern zu sehen. Ohne im einzelnen auf die Gründe eingehen zu können, sei aber darauf verwiesen, dass das politische Interesse der potentiellen Nichtwähler nur durch eine Massenbewegung geweckt werden kann, die eine einfache extremistische Sicht der Politik bietet. Nach 1930 stellte die NSDAP solch eine Massenbewegung dar.

Die Frage nach einem Universalitätsanspruch der von Lipset verfassten Theorie kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Ralf Dahrendorf jedenfalls konstatierte: „Die Zerstörung der deutschen Demokratie ist also ein Werk des Mittelstandes“ (Kraushaar 1994: 39). Dennoch bleibt festzuhalten, dass es zwar insgesamt eine geringe Resistenz aller gesellschaftlicher Gruppen gegenüber antidemokratischen Formen zur damaligen Zeit gab, aber andererseits existierte auch keine liberale Elite bzw. keine starke liberale Partei, welche die Machtergreifung der NSDAP hätte aufhalten können.

[...]

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Extremistische Einstellungen und Haltungen im Alltag
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Forschungsseminar Meinungs- und Umfrageforschung: Extremismus
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
52
Katalognummer
V13082
ISBN (eBook)
9783638188289
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Extremismus Mitte
Arbeit zitieren
Jenny Haroske (Autor), 2001, Extremistische Einstellungen und Haltungen im Alltag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13082

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