Ein alter Mann, starrsinnig und an alten Idealen festhaltend, ein Mann, der einen Großteil seines Lebens körperlich hart arbeitete und seine Feierabende mit Kartenspielen verbrachte. Ein Mann, der mich in vielerlei Hinsicht an meinen eigenen Großvater erinnerte und mit Sicherheit auch vielen anderen Großvätern ähnelt. Dieser Mann ist August Kraske, der Großvater von Tinko, der Titelfigur zum gleichnamigen Roman von Erwin Strittmatter. Einige Verhaltensweisen und Charakterzüge von Tinkos Großvater faszinierten mich auf Grund ihrer Parallelität zu meinem eigenen Erleben so sehr, dass ich beschloss, mich tiefgründiger mit Strittmatters Text zu beschäftigen.
Auffällig am Text und zentrales Thema des Buches ist das Verhältnis von Tinko zu seinem Großvater sowie zu dem später aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Vater. Ich möchte mich daher in meiner Arbeit dieser Figurenkonstellation von Großvater- Tinko- Vater widmen und die drei Personen genauer untersuchen, um dann später Aussagen über deren Beziehung machen zu können. Um eine Grundlage für diese Arbeit zu schaffen, werde ich im ersten Teil meiner Arbeit den Roman inhaltlich zusammenfassen, die Textart bestimmen und Ausführungen über die markante Erzählsituation und die Figuren des Textes machen. In meinem Hauptteil soll die Beziehung von Großvater Kraske zu seinem Enkel Tinko im Mittelpunkt stehen, auch unter Rücksichtnahme auf die Rolle des Vaters, der hier eine entscheidende Funktion hat. Dazu werde ich versuchen, eine Charakterisierung der drei Personen vorzunehmen und anschließend anhand dieser die Konfliktsituation sowie deren Entwicklung im Laufe des Romans ausarbeiten. Abschließend werde ich auf einige stilistische Mittel eingehen, die Strittmatter wählte, um das Verhältnis von Großvater und Enkel anschaulich darzustellen.
Leider ist die Sekundärliteratur zu Erwin Strittmatters Texten nicht sehr vielfältig. Daher werde ich in meinen Ausarbeitungen vor allem mit den Werken von Einhorn (1972) sowie Wedding (1984) arbeiten. Außerdem ziehe ich den Text selbst in der Ausgabe vom Kinderbuchverlag der DDR (1979) hinzu.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Geschichte von „Tinko“
2.1 Inhaltsangabe
2.2 Textart
2.3 Erzählsituation
2.4 Figuren
3 Die Beziehung von Großvater und Kind
3.1 Großvater Kraske
3.2 Ernst Kraske
3.3 Tinko
3.4 Der Konflikt
3.4.1 Ausgangssituation
3.4.2 Entwicklung der Beziehung
3.4.3 Ausgang des Konflikts
3.5 Stilmittel zur Darstellung der Beziehung
4 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Figurenkonstellation der drei männlichen Hauptcharaktere im Roman „Tinko“ von Erwin Strittmatter. Ziel ist es, die zwischenmenschlichen Beziehungen sowie den Generationenkonflikt zwischen Großvater und Vater, der Tinko als zentrales Objekt beeinflusst, vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umwälzungen in der DDR der Nachkriegszeit zu analysieren.
- Analyse der Figurenkonstellation: Großvater, Vater und Sohn (Tinko)
- Untersuchung des Generationenkonflikts im Kontext der Bodenreform
- Betrachtung von Tinko als Ich-Erzähler und Objekt der familiären Auseinandersetzungen
- Analyse der stilistischen Mittel zur Beziehungsdarstellung (Schlafverhalten, Kartenspiel)
Auszug aus dem Buch
3.1 Großvater Kraske
Der alte Kraske übernimmt in Strittmatters Roman eine sehr zentrale Position. Seine Figur wurde spannend und interessant gestaltet und durch sein Verhalten kann der Leser zahlreiche Schlüsse aus der Person selbst ziehen.
Das erste Mal kann sich der Leser ein Bild vom alten Kraske machen, als Tinko „Großvaters schwarze Kautabakzähne“ beschreibt, die „am unteren Bartrand aus dem Mund [lugen]“ (Strittmatter 1979, S.4). Diese Beschreibung von Äußerlichkeiten gibt dem Leser das Bild eines alten Mannes vor und hinterlässt einen bemitleidenswerten Eindruck vom alten Kraske. Als August Kraske auf den Pfarrer trifft, erfährt der Leser, dass er 1898 konfirmiert wurde und somit etwa 70 Jahre alt sein muss. Wahrscheinlich auf sein Alter zurückzuführen sind auch seine Ansichten über die Welt und seine Vorstellungen, wie man in einer solchen Welt zu leben hat. Er führt uns vor, dass man Werte und Ideale haben muss, nach denen man lebt. Obwohl diese bei ihm nicht immer von positiver Natur sind, steht er zu seinen Werten und vertritt diese bis an sein Lebensende, ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, ob sie überhaupt noch zeitgemäß sind. Diese nicht stattfindende Reflexion über seine Anschauungen führt dazu, dass sich die Figur des August Kraske nicht entwickelt. Dennoch scheint Tinkos Großvater den Leser damit anzusprechen. In seiner symbolischen Rolle als Vertreter für Menschen, die nicht umdenken können, macht er es dem Leser möglich, sich mit ihm zu identifizieren. Generell ist der Mensch nämlich Neuem gegenüber sehr misstrauisch und negativ eingestellt. Das Bewahren seiner Ideale ist für den alten Kraske jedoch sehr wichtig und führt beim Leser zu großem Verständnis.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Themas und der Absicht, die komplexe Dreiecksbeziehung der männlichen Hauptfiguren bei Strittmatter zu untersuchen.
2 Die Geschichte von „Tinko“: Überblick über die Inhaltsangabe, die Gattung des Entwicklungsromans, die Erzählperspektive sowie eine Vorstellung der handelnden Figuren.
3 Die Beziehung von Großvater und Kind: Detaillierte Charakterisierung der drei Generationen und Analyse der Konfliktursachen sowie der stilistischen Darstellung der Beziehungsentwicklung.
4 Zusammenfassung: Fazit zur Arbeit und Einordnung von Strittmatters Werk in den historischen und gesellschaftlichen Kontext der DDR.
Schlüsselwörter
Erwin Strittmatter, Tinko, Generationenkonflikt, DDR, Bodenreform, Figurenkonstellation, Entwicklungsroman, Großvater Kraske, Heimkehrer, Erzählperspektive, Gesellschaftlicher Wandel, Literaturanalyse, Familiäre Beziehung, Identitätssuche, Wertesysteme.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Beziehung zwischen den männlichen Hauptfiguren im Roman „Tinko“ von Erwin Strittmatter und beleuchtet die familiäre Dynamik zwischen Großvater, Vater und Enkel.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen der Generationenkonflikt, die Auswirkungen gesellschaftlicher Umwälzungen nach dem Krieg sowie die psychologische Entwicklung des Protagonisten Tinko.
Was ist das primäre Ziel dieser Untersuchung?
Ziel ist es, die Entwicklung der männlichen Figuren zu charakterisieren und zu erläutern, wie die unterschiedlichen Weltanschauungen von Großvater und Vater den Reifeprozess von Tinko beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text unter Einbeziehung von Sekundärliteratur auf narrative Strukturen, Figurenkonstellationen und stilistische Mittel untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Charakterisierung der drei Kraske-Generationen und der Analyse ihrer Konflikte, insbesondere bezüglich der Erziehung Tinkos und der Akzeptanz neuer gesellschaftlicher Werte.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Schlüsselwörter sind unter anderem Generationenkonflikt, Bodenreform, Figurenkonstellation, Entwicklungsroman und gesellschaftlicher Wandel.
Warum fungiert Tinko sowohl als Erzähler als auch als Konfliktobjekt?
Durch die Doppelrolle als Ich-Erzähler und zugleich "Objekt" zwischen den Fronten ermöglicht Strittmatter dem Leser eine Identifikation mit dem Jungen, während dessen eingeschränkte Sichtweise die Notwendigkeit eines allwissenden Erzählers unterstreicht.
Welche Bedeutung hat das Schlafverhalten für die Analyse?
Das Schlafverhalten Tinkos dient als stilistisches Mittel, das seine emotionale Bindung und Distanzierung gegenüber dem Großvater bzw. dem Vater im Verlauf der Handlung anschaulich repräsentiert.
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- Janina Böttcher (Author), 2005, Die Beziehung der männlichen Hauptfiguren im Werk Erwin Strittmatters am Beispiel von 'Tinko', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130841