Angst im Lehrerberuf


Zwischenprüfungsarbeit, 2003
38 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Angst
2.1. Was ist Angst?
2.2. Angst, Furcht und Phobie
2.3. Theorien zur Angst
2.3.1. Psychoanalytische Ansätze
2.3.2. Reiz- Reaktionstheorien
2.3.3. Kognitions- und handlungstheoretische Ansätze
2.4. Der Angstprozess
2.4.1. Angstauslösung
2.4.2. Angstverlauf
2.4.3. Auswirkungen von Angst

3. Angst im Lehrerberuf
3.1. Der Lehrerberuf
3.1.1. Tätigkeitsfelder als Ursache der Angst
3.1.2. Selbstkonzept als Ursache der Angst
3.2. Angststrukturen im Lehrerberuf
3.2.1. Bereich Qualifikation
3.2.2. Bereich Integration
3.2.3. Bereich Selektion
3.2.4. Bereich Kontakt
3.3. Empirischer Forschungsstand

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

9. November 1999 im Franziskaner Gymnasium in Meißen. Der 15 Jährige Schüler Andreas S. bewaffnet sich mit zwei Messern und stürmt während der Geschichtsstunde in den Unterricht. Er sticht 22 mal auf seine Lehrerin ein. Diese stirbt wenige Minuten später in den Armen einer Kollegin. Als Motiv für seine Tat gibt der Schüler Hass an. 19. Februar 2000 im oberbayrischen Freising. Ein 22 Jähriger Berufsschüler verschanzt sich nach dem Mord an zwei ehemaligen Kollegen in der Wirtschafts- und Fachoberschule des Ortes. Er feuert mit einem Großkaliber um sich und zündet vor dem Direktorat zwei Rohrbomben. Der Direktor des Ausbildungszentrums wird dabei tödlich getroffen. Das Motiv des ehemaligen Berufsschülers soll die Kündigung seines Arbeitsplatzes gewesen sein. 26. April 2002 im Erfurter Gutenberg- Gymnasium. Ein Maskierter stürmt gegen 10.55 Uhr das Schulgebäude und erschießt innerhalb von zehn Minuten zwölf Lehrer, zwei Schüler, eine Sekretärin, einen Polizisten und anschließend sich selbst. Es ist der 19 Jährige Robert Steinhäuser, ehemaliger Schüler des Gutenberg- Gymnasiums. Mit seiner Tat wollte er seinen Schulverweis rächen.

Es ist eine Bilanz des Schreckens, die sich in den letzten drei Jahren in deutschen Schulen ereignete. Obwohl man hier lange Zeit davon ausging, dass man vor solchen Amokläufen, wie man sie eigentlich nur aus Schulen in den Vereinigten Staaten kannte, verschont bleiben würde, scheint es, als würde die Gewalt an Schulen nun auch in Deutschland überhand gewinnen. Besonders nach dem Schulmassaker von Erfurt fragten Politiker, inwieweit man Schüler und Lehrer vor derartigen Übergriffen schützen könne und welchen Stellenwert der Lehrerberuf überhaupt in unserer Gesellschaft einnimmt. Der Beruf des Lehrers ist in der heutigen Zeit nämlich nicht mehr nur gleichzusetzen mit der Vermittlung von Wissen, sondern vielmehr nehmen die Lehrer heutzutage auch noch die Aufgaben eines Psychologen, eines Familien- und Berufsberaters, eines Organisators, Zuhörers und Koordinators wahr. All dies sind Tätigkeiten, die sehr viel Energie und Zeit erfordern. Folglich setzen sich die Lehrer täglich einem enormen Stress und Druck und einer immer steigenden Belastung aus, die nicht selten mit der Angst gekoppelt ist, in all diesen Tätigkeiten zu versagen. Die Angst ist neben dem Burnout- Syndrom eine der häufigsten Krankheiten im Lehrerberuf. Immer mehr Lehrkräfte sind davon betroffen und die Zahl ist steigend. Insbesondere nach dem Ereignis in Erfurt stellen sich Lehrer die Frage, ob es sich noch lohnt, diesem Beruf unter den gegebenen Bedingungen all seine Kraft zu widmen. Aber worin liegen eigentlich Ursachen für die steigende Angst unter Lehrern? Gibt es Personengruppen, die besonders davon betroffen sind? Welche speziellen Ängste sind es, die die Lehrer immer wieder resignieren lassen und wie wirken sich Angststörungen auf die Person des Lehrers und seinen Beruf aus? Das sind Fragen, mit denen ich mich im zweiten Teil meiner Arbeit genauer befassen möchte.

Angst ist aber nicht nur ein psychologisches Phänomen des Lehrerberufes, sondern auch andere Berufsgruppen sind von Ängsten und Belastungen betroffen. So wies SPIELBERGER in einer Untersuchung von Angstreaktionen bei Soldaten eines Fallschirmspringertrainings nach, dass deren Angst auf das Versagen und ein ungünstiges Abschneiden im Training gerichtet war (vgl. Schwarzer 1987, S.80). Angst ist also eine Emotion, die jeden Menschen betreffen kann und wahrscheinlich hat jeder von uns auch schon einmal geäußert, dass er Angst vor etwas hat. Doch was verstehen die Menschen eigentlich unter Angst haben und welche Definitionsansätze gibt es von Psychologen dazu? Worin unterscheidet sich die Angst von der Phobie, der Furcht und was ist der Unterschied zum Ängstlichsein? Was löst Angst in einem Menschen aus und welche Folgen hat das für das Individuum? Auf diese Fragestellungen werde ich nun im Folgenden eingehen.

2. Angst

2.1. Was ist Angst?

Der Begriff „Angst“ leitet sich aus dem Lateinischen angustus ab und bedeutet in der Übersetzung so viel wie „eng“. Damit wird bereits ein Symptom der Angststörung impliziert - die Beklommenheit und Enge, die ein Betroffener fühlt, wenn er von der Angst heimgesucht wird.

Bereits zahlreiche Wissenschaftler haben sich mit dem Phänomen Angst beschäftigt und versucht, gültige Definitionen aufzustellen. Es ist deshalb nicht weiter verwunderlich, dass es genauso viele Definitionen zur Angst wie Angst - Theoretiker gibt. Im Folgenden möchte ich einige verschiedene Ansätze wiedergeben (Lazarus- Mainka 2000, S.12f).

- „Angst zu haben bedeutet, das Pochen seines eigenen Herzens zu spüren, das Schnellerwerden seiner Atemzüge zu erleben, seine eigene Gänsehaut zu fühlen“ (JAMES, 1890)
- „Angst wird durch bestimmte angeborene Angstreize wie laute Geräusche, Schmerzreize, Verlieren des Halts ausgelöst [...]“ (WATSON & RAYNER, 1920)
- „Angst ist das Signal der drohenden Gefahr, des Anwachsens einer Bedürfnisspannung, gegen die der Mensch ohnmächtig ist“ (FREUD, 1926)
- „Angst ist ein konditionierter Schmerzreiz“ (MOWRER, 1939)
- „Angst ist ein sekundärer, d.h. erworbener, gelernter Triebzustand“ (MILLER, 1948)
- „Angst ist eine Vermeidungsreaktion“ (SKINNER, 1973)
- „Angst ist die Reaktion auf Kontrollverlust und Unvorhersagbarkeit des Ereignisses“ (SELIGMANN, 1979)
- „Angst ist ein Synonym für Stress“ (SELYE, 1957)
- „Angst ist Resultat eines Bewertungsvorganges“ (LAZARUS, 1966)
- „Angst ist ein Gefühl, das sich beschreiben lässt als ‚ein spannungsreiches, beklemmendes, unangenehmes, bedrückendes oder quälendes Gefühl der Betroffenheit und Beengtheit, das mit unterschiedlicher Intensität und im Zusammenhang mit einer Vielzahl von Situationen auftreten kann’ “ (FRÖHLICH, 1982)
- „Angst ist ein unangenehm empfundener, gleichwohl lebensnotwendiger (weil Gefahr signalisierender) emotionaler Zustand mit zentralem Motiv der Vermeidung bzw. Abwehr einer Gefahr und u.U. psychischen und physischen Begleiterscheinungen: Unsicherheit, Unruhe, Erregung, evtl. Panik, Bewußtseins-, Denk- oder Wahrnehmungsstörungen, Anstieg von Puls- und Atemfrequenz, verstärkte Darm- und Blasentätigkeit, Übelkeit, Zittern, Schweißausbrüche“ (PSCHYREMBEL, 1994)

Wie sich aus der Vielzahl dieser Möglichkeiten erkennen lässt, haben die Theoretiker ihre Ansätze in zwei Richtungen begonnen. Zum Einen versuchten sie die Angst ähnlichen Begriffen wie ‚Stress’, ‚Spannungszustand’, ‚Hilflosigkeit’ oder ‚Gefühl’ gleichzusetzen. Zum Anderen wurde versucht, die Angst über sie begleitende Erscheinungen oder mit ihr einhergehende Handlungen zu definieren. So wurde Angst zum Beispiel als ‚konditionierter Schmerzreiz’, als ‚Resultat eines Bewertungsvorganges’ oder als ‚Vermeidungsreaktion’ gesehen. Möchte man den Begriff Angst wissenschaftlich definieren, so sollte die Angst als ein komplexes System von Reaktionen betrachtet werden, das durch externe und interne Reize ausgelöst wird (vgl. Lazarus- Mainka 2000, S.13). Dieses Reiz- Reaktionssystem lässt sich auf vier verschiedenen Ebenen beschreiben und diagnostisch erfassen: über die sprachliche Mitteilung, den Ausdruck, die körperliche Erregung und das beobachtbare Verhalten. Diese Ebenen sind jedoch nicht vollständig miteinander verbunden, das heißt, dass eine Ebene vorhanden sein kann, während die andere verzögert auftritt oder aber gänzlich fehlt. Auf die Ausprägungen und Erscheinungsformen dieser Ebenen werde ich an späterer Stelle eingehen.

Bei der Angst handelt es sich um eine Emotion, die vom Betroffenen mit einem Gefühl der Beengtheit, Beklemmung und Bedrohung wahrgenommen wird. Sie tritt als Ergebnis von kognitiven Prozessen auf und kann sowohl auf die körperliche Unversehrtheit als auch auf das Selbstkonzept einer Person gerichtet sein. Befindet sich eine Person in einer Situation, die für sie gefährlich erscheint, so werden sowohl das Situationsmodell als auch das Selbstmodell zueinander in Beziehung gesetzt. Der Betroffene prüft also, ob seine Person der momentanen Gefahrensituation gewachsen ist. Die offenbar bedrohende Situation sieht der Betroffene dann als stark fordernd an, sein Selbstkonzept erscheint ihm aber zu schwach, um sich dagegen zu wehren. Es breitet sich ängstliche Erregung aus. Die Wahrnehmung dieser kognitiven Prozesse erfolgt nicht unbedingt bewusst, denn tritt dieselbe oder eine ähnliche Gefahrensituation im Laufe der Zeit immer wieder auf, entwickelt die Person ein verfestigtes Selbstmodell, das abgespeichert wird und in der entsprechenden Situation sofort abgerufen werden kann (vgl. Schwarzer 1987, S.80).

Anhand der Ausprägung des Selbstkonzeptes unterscheiden die Psychologen zwischen der Angst als einem Zustand und der Angst als einem Persönlichkeitsmerkmal (Disposition). Bei der Zustandsangst handelt es sich um einen akuten Vorgang, der durch eine starke Intensität im Erleben und durch eine relativ kurze Dauer gekennzeichnet ist. Die Angst wird in einem Augenblick erlebt, der wahrscheinlich vorübergeht. In diesem Augenblick durchläuft die Person eine Situation, die für sie eine Gefahr darstellt oder trifft auf etwas, durch das sie sich bedroht fühlt. Sie erlebt bewusst einen unangenehmen Zustand der Erregung. Die persönlichen Erfahrungen während des Angstzustandes kann der Betroffene mitteilen, weil es sich beim Angsterleben vor allem um eine private Erfahrung des Erlebens handelt, die nicht immer für einen Außenstehenden sichtbar ist (vgl. Schwarzer 1987, S.81). Das Angsterleben äußert sich wie bereits weiter vorn angeführt, auf vier verschiedenen Ebenen: der körperlichen Erregung, dem beobachtbaren Verhalten, der sprachlichen Mitteilung und dem Ausdruck. Wird sich das Individuum zum Beispiel der bestehenden Gefahr bewusst und erkennt die Anforderungen der Angstsituation, treten als Anzeichen der körperlichen Erregung physiologische Prozesse wie Zittern, Anstieg des Blutdrucks und der Herzfrequenz, verstärkte Schweißsekretion, Pupillenerweiterung oder Hemmung der Magen- Darmmotorik auf (vgl. Becker 1980, S.22). Am Verhalten der Person lässt sich dann ebenfalls ein Angstzustand ausmachen. Gelangt jemand in eine für ihn gefährlich erscheinende Situation, die Angst auslöst, wird sich die Person in der Weise verhalten, dass sie versucht die Situation zu meiden oder zu flüchten. Oftmals wird die ängstliche Erregung auch im Ausdruck und in der Sprache deutlich. Anzeichen dafür sind zum Beispiel das Einnehmen einer starren oder gebeugten Körperhaltung, Stottern, leises und unorganisiertes Sprechen oder aber das Aufreißen der Augen, um Angst zu signalisieren (vgl. Schwarzer 1987, S.81). Der Zustandsangst steht das Persönlichkeitsmerkmal „Angst“ gegenüber, das einen chronischen Zustand beschreibt. Besitzt jemand die Eigenschaft ängstlich zu sein, dann wird er die Angst mit geringer Intensität, aber auf unbestimmte Dauer erleben. Ängstlichkeit ist demnach ein stabiler Dauerzustand, der zeitlich nicht begrenzt ist, solange bis gezielte therapeutische Maßnahmen zur Angstbefreiung vorgenommen werden. Sie ist ein Charakterzug, über den jeder Mensch in unterschiedlich starker Ausprägung verfügt und der uns dazu veranlasst, bestimmte, objektiv ungefährliche Umstände als bedrohlich wahrzunehmen und mit Angst zu reagieren. Obwohl es Menschen gibt, die sich durch viele Aspekte der Umwelt bedroht und beängstigt fühlen, ist die Ängstlichkeit dennoch an eine spezifische Situation gebunden, das heißt man wird nicht als ängstlicher Mensch geboren, sondern entwickelt im Laufe des Lebens Angst vor bestimmten Dingen wie zum Beispiel vor Spinnen oder vor Fahrstühlen (vgl. Schwarzer 1987, S.83). Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es sich bei der Angst als einem Zustand um einen relativ kurzen, bewusst erlebten Zustand der Erregung handelt. Bei der Angst als einem Persönlichkeitsmerkmal hingegen um ein zeitlich überdauerndes Erleben von Aufgeregtheit und Besorgnis in bestimmten Situationen.

Die Vereinigung dieser Unterteilung von Angst nahm SPIELBERGER (1966) in seiner Trait- State- Anxiety Theorie vor, wobei er Trait dem Persönlichkeitsmerkmal Ängstlichkeit und State der Zustandsangst gleichsetzte. SPIELBERGERs Theorie beinhaltete folgende grundlegende Aussagen. Wenn ein Mensch eine Situation als bedrohlich einschätzt, wird ein Angstzustand ausgelöst, der durch die sensorischen und kognitiven Rückmeldungen des Organismus` als unangenehm und bedrückend erlebt wird. Je gefährdender die Situation für den Betroffenen scheint, desto stärker wird die Angstreaktion sein. Je länger die Person die Umstände als bedrohlich einschätzt, desto länger wird die Angstreaktion andauern. Die Situation wird von Personen mit einer hohen Ängstlichkeit als bedrohlicher wahrgenommen als von Niedrigängstlichen. Die Reaktion auf eine Angstsituation kann sich sowohl im beobachtbaren Verhalten widerspiegeln als auch zu innerpsychischen Abwehrvorgängen führen. Stressmomente, die häufig auftreten, können dem Ängstlichen helfen, spezielle Abwehrmechanismen und Bewältigungstechniken zu entwickeln, mit denen sich die Angst minimieren lässt (vgl. Schwarzer 1987, S.84).

Ebenso zahlreich wie die Definitionen zur Angst sind, sind auch die Arten von Angst sehr vielfältig. Als erstes sollte hier die Unterteilung der Angst in reale Angst und nicht - reale Angst vorgenommen werden. Wir können in allen Lebenslagen mit Situationen konfrontiert werden, die bei uns Angst erzeugen. Abhängig davon, wie viel Macht wir einer solchen Situation gewähren, die überhand über uns zu gewinnen, wird unser Angstpotenzial ausfallen. Diese Form der Angst, bei der die Bedrohung bewusst oder unbewusst einer Phantasie beziehungsweise Vorstellung des Individuums entspringt und Angst erzeugt, wird nicht- reale Angst genannt. Im Vergleich dazu steht die reale Angst, die wir erleben, wenn wir uns in einer lebensbedrohlichen Situation befinden und damit konfrontiert werden, um unser Leben zu fürchten (vgl. Flöttmann 1993, S.15). Eine weitere Unterteilung der Ängste kann man nach ihrer Thematik und nach ihrem allgemeinen Gültigkeitsgrad vornehmen. Zu drei relativ allgemeinen Ängsten zählen die Existenzangst, die soziale Angst und die Leistungsangst. Die Existenzangst beinhaltet Ängste wie die Todesangst, Verletzungsangst und Angst vor etwas Unheimlichem. Diese Angstformen schließen Ängste, die auf die Person- Umwelt- Bezüge oder aber auf spezifische Situationen gerichtet sind, mit ein. Dazu gehören unter anderem die Angst vor dem Alter, vor Krankheit oder vor Spinnen. Existenzangst wird hervorgerufen, wenn der Ängstliche seine körperliche Unversehrtheit in Gefahr sieht. Bei der sozialen Angst wird hingegen das Selbstwertkonzept der Person bedroht. Zur sozialen Angst gehören beispielsweise Verlegenheit, Scham, Schüchternheit und Publikumsangst. Auch bei der Leistungsangst steht die Bedrohung des Selbstwertkonzeptes im Zentrum, insofern, dass die Person Angst vor einem persönlichen Misserfolg hat. Die Leistungsangst kann unterteilt werden in Bewertungsangst und Prüfungsangst. Sie schließen Angstarten wie Schulangst, Sexualangst oder Lehrerangst mit ein (vgl. Schwarzer 1987, S.92).

2.2. Angst, Furcht und Phobie

Befasst man sich mit dem Phänomen „Angst“, so ist schnell festzustellen, dass anstatt des Begriffes Angst auch häufig Phobie oder Furcht verwendet werden. Angstforscher sind sich nämlich schon seit vielen Jahren nicht darüber einig, ob man die Angst von der Furcht unterscheiden kann. Angst kann synonym mit der Furcht gebraucht werden, sagen einige Angstforscher. Andere wiederum sind der Überzeugung, dass man von Furcht redet, wenn sich der unangenehme, beengende Gefühlszustand, die Beunruhigung einer Person auf eine genau definierte, reale Gefahrensituation bezieht. Wenn die Furcht vor bestimmten Situationen und Dingen aber bereits in einem sehr hohen Stadium angekommen ist und sie dem Betroffenen völlig unbegründet erscheint, dann sprechen einige Angstforscher von der Phobie (vgl. Becker 1980, S.17).

EPSTEIN versuchte, die Angst von der Furcht folgendermaßen zu differenzieren: „Wir glauben an die Existenz eines speziellen qualitativen Zustandes, der als Angst beschrieben werden kann, weder Furcht noch Aktivierung ist, aber von beidem etwas beinhaltet. Wir definieren Angst als Zustand ungerichteter Aktivierung bei der Wahrnehmung von Gefahr. Angst unterscheidet sich von Furcht darin, daß sie nicht in ein spezifisches Vermeidungsverhalten kanalisiert wird“ (Becker 1980, S.17). Nach EPSTEIN tritt Angst demnach dann auf, wenn die Ursache der Gefahr nicht genau ausgemacht werden kann und es auch keine Anzeichen für einen konkreten Bewältigungsvorgang der Bedrohung gibt. Er kristallisiert heraus, dass man die beiden Emotionen Angst und Furcht nicht genau voneinander trennen kann, sondern dass ein Angst- Furcht- Verhältnis besteht. CATTELL und SCHEIER sehen die Angst als eine „Reaktion auf Ankündigungssignale für die eigentlichen Furchtobjekte“ (Becker 1980, S.17). Demnach ist eine angstauslösende Gefahrensituation noch nicht eingetreten und es ist ungewiss, ob und wann sie überhaupt eintreten wird. Zwischen dem Zeitpunkt der Ankündigung eines Signals, dass eine Angstsituation bevorsteht, und dem letztendlichen Eintreten der Gefahrensituation kann ein langer Zeitabschnitt liegen. In dem Kriterium der Ungewissheit sieht CATTELL also den entscheidenden Unterschied zwischen Angst und Furcht. Nicht die physiologischen Reaktionen sind entscheidend, sondern die Auslöser des Angstzustandes und die dem Individuum zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Bewältigung beziehungsweise Abwehr (vgl. Becker 1980, S.17ff). Es wird deutlich, dass sich die Forscher nicht darüber einig sind, worum es sich bei der Furcht handelt und es auch sehr schwierig ist, diese von der Angst abzugrenzen. Deshalb werde ich die Furcht als eine „rationale Reaktion auf eine objektiv gegebene und von der Person identifizierte äußere Gefahr [...]“ (Zimbardo 1995, S.615) betrachten, bei der es der Person möglich ist, mit Flucht oder Gegenangriff zu reagieren, um sich selbst zu verteidigen.

Bei den Phobien handelt es sich um Ängste, die auf einen ganz bestimmten Gegenstand, ein Lebewesen oder auf eine ganz bestimmte Situation gerichtet sind. Diese Form der Angst ist nur dann für den Betroffenen relevant, wenn er in eine dieser Situationen gelangt oder aber diesen Objekten begegnet. Sonst ist es ihm möglich solche Momente zu meiden, was die Wahrscheinlichkeit, dass die Person beim Angsterleben Schaden nimmt, sehr gering hält. Bereits vor über 70 Jahren wurde eine Liste mit über 100 Phobien aufgestellt. Die wohl Weitverbreitetsten gehören zu den Agoraphobien, sozialen Phobien, einfachen Phobien wie vor Tieren und unbelebten Objekten und Phobien vor Krankheit und Verletzung. Die folgende Tabelle stellt nur eine Auswahl dieser zahlreich existierenden Phobien dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auswahl der häufigsten Phobien (nach Rosenhan & Seligman, 1984) aus Zimbardo 1995, S. 616.

2.3. Theorien zur Angst

Um die Vielfalt der theoretischen Ansätze zur Angst zu verdeutlichen, möchte ich nun im Folgenden einige Angsttheorien vorstellen.

2.3.1. Psychoanalytische Ansätze

FREUD, der Begründer der Psychoanalyse, hat erheblich zur Theorienbildung über die Angst beigetragen. Er hat im Laufe seiner wissenschaftlichen Arbeit zur Angst unterschiedliche, sich teilweise ergänzende Auffassungen zum Phänomen „Angst“ vorgetragen, weshalb man in der Literatur auch häufig auf die Unterteilung der „ersten und zweiten Angsttheorie“ FREUDs stößt.

Ursprünglich sah er die Angst unter rein biologischen Aspekten, das heißt, er deutete sie als die „physiologische Reaktion auf die chronische Unfähigkeit sexuelle Befriedigung zu erlangen“ (Levitt 1987, S.31). Der Angstprozess lief seiner Meinung nach auf der neurophysiologisch- neurochemischen Ebene ab, war keine Störung der Psyche und die Angst ließe sich durch die Veränderung der Sexualtechniken des Patienten beheben. Erst einige Zeit später, dann in der „zweiten Angsttheorie“ festgehalten , erkannte FREUD, dass die Angst als entscheidender Fakt die Persönlichkeitsentwicklung beeinflusst. Angst sei demnach ein Gefahrensignal, ein Zustand des Unbehagens und der Beklemmung, der von bestimmten motorischen Nebenerscheinungen begleitet werde. Nach ihrem Ursprung differenziert FREUD drei verschiedene Typen von Angst. Die Realangst bezieht sich auf die äußere Gefahr beziehungsweise auf eine konkret identifizierbare Ursache in der Außenwelt. Sie ist die Reaktion des Individuums auf die Wahrnehmung dieser Gefahr und damit einer erwarteten Schädigung und ist abhängig von den Erfahrungen einer Person. Um die neurotische und die moralische Angst erfassen zu können, ist es erforderlich, das Instanzenmodell der Persönlichkeit FREUDs kurz zu erläutern. Danach setzt sich die menschliche Persönlichkeit aus drei Teilen zusammen: dem Es, dem Ich und dem Über - Ich. Das Es ist der unbewusste Teil der Persönlichkeit und Sitz der primären Triebe. Es arbeitet impulsgetrieben mit dem Ziel der sofortigen Triebbefriedigung und der Vermeidung von Unlust. Das Ich steht für die realitätsorientierte Seite der Persönlichkeit, die zwischen den Impulsen des Es und den Anforderungen des Über - Ich vermittelt. Ihm werden Tätigkeiten wie denken, erinnern, wahrnehmen und fühlen zugeschrieben. Das Über - Ich ist unser „Gewissen“ und Sitz der Werte. Es ist dafür zuständig, dass wir Regeln, Normen und Gesetze der Gesellschaft wahrnehmen (vgl. Zimbardo 1995, S.487). Diese drei Instanzen wirken in einer gut funktionierenden Persönlichkeit zusammen. Stehen sie in einem Ungleichgewicht, so tritt Angst auf, die ihren Sitz im Ich hat. Ist dies der Fall, dann spricht FREUD von der neurotischen Angst. Das Ich ist dabei durch das Es bedroht, welches versucht, durch das Ausleben von sozial unannehmbaren sexuellen oder aggressiven Trieben das Ich zu bewältigen. Die moralische Angst als eine Form der neurotischen Angst äußert sich nicht als Furchtreaktion, sondern als Schuld- oder Schamgefühl. Da das Ich in der Lage ist, sich gegen die Bedrohung des Es und des Über - Ich zu wehren, indem es Abwehrmechanismen entwickelt, kann es diese zur „Umwandlung der Energie der Angst in ein sozial annehmbares, nützliches Verhalten“ (Levitt 1987, S.34) nutzen (vgl. Levitt 1987, S.34). Festzuhalten ist also, dass FREUD in der Angst einen Zustand sieht, der sich zusammensetzt aus einer Anspannungssteigerung, aus Reaktionen zur Abwehr der Anspannung, aus der Wahrnehmung dieser Prozesse und aus einem Unlusterleben, das den gesamten Angstverlauf begleitet.

[...]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Angst im Lehrerberuf
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Belastung im Lehrerberuf
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
38
Katalognummer
V130844
ISBN (eBook)
9783640368914
ISBN (Buch)
9783640369300
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Angst, Lehrerberuf
Arbeit zitieren
Janina Böttcher (Autor), 2003, Angst im Lehrerberuf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130844

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Angst im Lehrerberuf


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden