Benachteiligen benachteiligte Quartiere ihre Bewohner?


Studienarbeit, 2007

38 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Exklusion - Ausgrenzung in der Stadt
2.1 Ursachen
2.2 Differenzierung von Exklusion und New Urban Underclass
2.3 Formen und Folgen der Ausgrenzung

3. Benachteiligende Wirkung von Quartieren
3.1 Standpunkte Farwick
3.1.1 Untersuchte Fragestellung
3.1.2 Argumentation
3.1.3 Zusammenfassung
3.2 Standpunkte Kronauer
3.2.1 Untersuchte Fragestellung
3.2.2 Argumentation
3.2.3 Zusammenfassung
3.3 Vergleich und Bewertung der Standpunkte

4. Fazit

Abbildungsverzeichnis

Quellenverzeichnis
a) Monographien
b) Aufsätze in Sammelbänden
c) Internetquellen

1. Einleitung

Armut und Arbeitslosigkeit nehmen in Deutschland seit Mitte der 1970er Jahre, bei einer gleichzeitig wachsenden Gesamtwirtschaft, stetig zu. Zusätzlich wächst die Zahl der Langzeitarbeitslosen, also die Zahl an Arbeitslosen, die langfristig keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden und in finanziell angespannter Lage sind. Diese Entwicklung führt zu einer verstärkten räumlichen Polarisierung und Segregation innerhalb der Städte sowie zu einer Entmischung verschiedener Bevölkerungsgruppen. Nach Keller (1999: 40ff) lassen sich aktuell vier Segregationstendenzen ausmachen:

1. Gentrifizierung, die Aufwertung eines innerstädtischen Quartiers durch den Zuzug finanzstarker Bewohner, die mit der Verdrängung der angestammten, finanzschwächeren Bewohner aufgrund steigender Mietpreise einhergeht.
2. Die Segregation von marginalisierten Gruppen ist für den Inhalt dieser Arbeit die bedeutendste Segregationsform. Während Bewohner mit ausreichend finanziellen Mitteln die Möglichkeit haben den Wohnort zu wechseln und in ein bessergestelltes Quartier zu ziehen, bleibt Bewohnern mit beschränkten finanziellen Mitteln diese Möglichkeit verwehrt. Die leerstehenden Wohnungen bleiben entweder unbewohnt oder werden von Menschen in ähnlicher finanzieller Lage bezogen, die sich den Wohnraum in anderen Quartieren nicht leisten können.
3. Suburbanisierung, die Abwanderung, insbesondere der Mittelschicht, in das Umland führt zu einer Konzentration der zurückgebliebenen, ärmeren Bewohner in den innerstädtischen Quartieren. Diese Segregationsform ist eng mit der Segregation von marginalisierten Gruppen verknüpft.
4. Die letzte Segregationsform ist die räumliche Konzentration der Oberschicht in Villenvierteln.

Die Folgen der beschriebenen räumlichen Segregationstendenzen sind eine Konzentration von durch Armut benachteiligten Menschen in einzelnen Quartieren. Daraus resultiert die zu untersuchenden Fragestellung: Geht von Quartieren mit einem hohen Anteil an benachteiligten Bewohnern eine zusätzliche benachteiligende Wirkung auf die Bewohner aus? Die zu überprüfende These ist, dass die Stigmatisierung von Quartieren neben der von Armut ausgehenden gesellschaftlichen Ausgrenzung (Exklusion) zu einer weiteren Benachteiligung der Bewohner führt.

Um die These zu überprüfen, werden zunächst die Ursachen für die wachsende Armut und Arbeitslosigkeit dargelegt. Danach erfolgt eine Annäherung an den Begriff der Exklusion. Was bedeutet Exklusion? Welche Formen der Ausgrenzung gibt es und was sind die Folgen? Im dritten Kapitel wird die benachteiligende Wirkung von Quartieren untersucht. Grundlage bilden die Ausführungen von Kronauer (2004: 235ff.) und Farwick (2001), deren Standpunkte verglichen und bewertet werden. Anhand dieser Ergebnisse wird abschließend die benachteiligende Wirkung von Quartieren auf die Bewohner geprüft.

Als Literatur und Datengrundlage werden neben den den Arbeiten von Farwick und Kronauer weiter wissenschaftliche Schriften sowie Daten des Arbeitsamtes und des Statistischen Bundesamtes verwendet. Die verwendeten statistischen Daten befindet sich im Anhang.

2. Exklusion - Ausgrenzung in der Stadt

2.1 Ursachen

Um die Ausgrenzung von Menschen – auch als Exklusion bezeichnet – zu definieren, sind zunächst die Ursachen zu benennen. Trotz wirtschaftlichem Wachstum steigt die Arbeitslosigkeit, wie in Abbildung 1 zu sehen, seit 1970 weiter an. Durch den zunehmenden Wettkampf auf dem globalen Wirtschaftsmarkt beginnen die Betriebe die Arbeitseffizienz zu steigern und die Produktionskosten zu senken. Der Wegfall von Arbeitsplätzen, die Verlagerung von Produktionsstätten in kostengünstige Regionen oder ins Ausland und die Kürzung der Bezüge, betreffen insbesondere das produzierende Gewerbe. Im Gegenzug wächst der Dienstleistungssektor weiter. Es entsteht ein Missverhältnis der Qualifikationen von Entlassen des sekundären Sektors gegenüber den Qualifikationsanforderungen des tertiären Sektors (vgl. Friedrichs 1995: 58).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Durchschnittliche Arbeitlosigkeit in % 1965-2004[1] '[2]

Im Detail lassen sich nach Häusserman, Kronauer und Siebel (2004: 11ff.) fünf Ursachen für die wachsende Armut und Ausgrenzung aufführen. Der bereits erwähnte Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft hat zu einem Wegfall von Arbeitsplätzen in Industriebetrieben (siehe Abbildung 2) und zu gestiegenen Qualifikationsanforderungen für Dienstleistungsberufe geführt. Die entlassenen Arbeiter finden zumeist keine neuen Anstellungen und bleiben längerfristig arbeitslos (siehe Abbildung 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Erwerbstätige nach Wirtschaftssektoren 1965-2004

Verschärft wird diese Entwicklung durch die Auswirkungen der Globalisierung. Die industriellen Fertigungen werden in von den Produktionskosten günstige Länder verlagert, während sich Arbeitsplätze für Hochqualifizierte in den Wirtschaftszentren der Welt (global cities) bündeln. Für die zurückbleibende Bevölkerung führt der Weg so weiterhin in die Arbeitslosigkeit. Auch wenn durch die wachsende finanzstarke Bevölkerung in den Wirtschaftszentren neue Arbeitsplätze zur Befriedigung deren Ansprüchen entstehen, sind diese zumeist gering bezahlt und ermöglichen keine finanzielle Absicherung der Familien (siehe Abbildung 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Anteil der Langzeitarbeitslosen[3] '[4] 1992-2004

Eine weitere Ursache, die zu wachsender Armut und Ausgrenzung führt, ist der Abbau von sozialstaatlichen Leistungen. Im globalen Wettkampf werden die Sozialabgaben in den Lohnkosten und die Steuern gesenkt, um die Attraktivität des Lohnniveaus am globalen Markt zu steigern. Die Folge kann eine erschwerte Finanzierung der bisherigen Sozialleistungen sein. Selbst wenn in einzelnen Fällen die Sozialleistungen erhöht werden, erfolgt dies zumeist nicht in einem erforderlichen Maß.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Schichtung der Bevölkerung nach relativen Einkommenspositionen[5] '[6]

Als weitere Ursache ist der Wandel der informellen Systeme anzuführen. "Größerer Wohlstand, verlängerte Ausbildungszeiten, die Liberalisierung rechtlicher Regeln und insbesondere die veränderte Rolle der Frau bedingen einen Wandel der Familien- und der Haushaltsstruktur, in dessen Folge die informellen sozialen Netze der Verwandtschaft kleiner und brüchiger werden" (Häussermann/Kronauer/Siebel 2004: 12). Die auffangende Wirkung und Unterstützung sozialer Netze verringert sich dementsprechend und führt zu einem steigenden Risiko der Ausgrenzung.

Die letzte Ursache, die den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet, ist die ausgrenzende Wirkung der Städte. Die in Abbildung 4 dargestellten wachsenden Einkommensdifferenzen vergrößern die finanziellen Unterschiede und Möglichkeiten innerhalb der Gesellschaft. Verliert ein Stadtteil aus subjektiver Sicht an Qualität, ziehen die finanziell bessergestellten Bewohner weg. Gründe hierfür können eine wachsende Zahl an Arbeitslosen oder Migranten, die Verwahrlosung der Grünflächen und als Folge, dass das Quartier zu einer schlechten Adresse wird sein. In die freien Wohnungen ziehen Menschen ein, die z.B. aus Kostengründen keinen anderen Wohnraum finden. Die Folgen sind eine soziale Entmischung und räumliche Konzentration einzelner Gesellschaftsschichten. Ein Anhalten der beschriebenen Segregationsprozesse führt zu der Entstehung von Armutsquartieren (vgl. Häussermann/Kronauer/Siebel 2004: 11ff.).

Insgesamt lässt sich anhand der vorherigen Ausführungen jedoch festhalten, dass der Ausgangspunkt von Exklusionsprozessen, zumeist der Verlust des Arbeitsplatzes und damit das Wegbrechen der ökonomischen Basis ist.

2.2 Differenzierung von Exklusion und New Urban Underclass

Bevor die benachteiligende Wirkung von Quartieren auf die Bewohner untersucht wird, wird zunächst der Begriff Exklusion weiter präzisiert.

Die aus Amerika stammende Debatte um Ausgrenzung und die Entstehung einer neuen Unterschicht hat den von Wilson (1987; vgl. Häussermann et al. 2004: 13ff.) geprägten Begriff der "New Urban Underclass" nach Europa gebracht. Auch in Amerika ist der Arbeitsmarkt der Ausgangspunkt von Ausgrenzung. Durch Deindustrialisierung und Globalisierung haben dort viele schwarze Arbeitnehmer ihre Anstellungen verloren. Die Bewohner, die die finanziellen Möglichkeiten haben, verlassen die betroffenen Quartiere, so dass die Armen und Arbeitslosen, ausgegrenzt aus der Gesellschaft und vom Arbeitsmarkt, zurückbleiben. Hinzu kommt, dass sich der Begriff der "New Urban Underclass" ausschließlich auf die Schwarzen-Ghettos in den USA bezieht und damit nicht auf Europa übertragbar ist. In Europa ist durch staatliche und planerische Eingriffe keine derartig ausgeprägte Form der Segregation existent. Häussermann, Kronauer und Siebel (ebd.) verweisen zudem darauf, dass die Entstehung schwarzer Ghettos auf rassistischen Grundeinstellungen als Folge der Sklaverei basieren und die schwarze Bevölkerung in den USA nach wie vor aufgrund der Hautfarbe benachteiligt und ausgegrenzt wird. Die Position der Migranten in Europa ist mit der der asiatischen und lateinamerikanischen Zuwanderer in den USA zu vergleichen:

"Denn wie die asiatischen Einwanderer nach Los Angeles oder New York bringen auch die Türken ein soziales Kapital informeller Hilfs- und Unterstützungssysteme sowie eine unternehmerische Orientierung mit, die es ihnen ermöglicht, gerade unter Bedingungen der räumlichen Konzentration produktive Antworten auf ihre Benachteiligung und Diskriminierung zu entwickeln. Die Ambivalenz von erzwungener und freiwilliger Segregation, von Diskriminierung und community -Bildung ist bei den meisten schwarzen Amerikanern geringer ausgeprägt, da sie aufgrund der Geschichte der Sklaverei über ein vergleichbares Sozialkapital offenbar nicht bzw. nicht mehr in gleichem Maße verfügen." (Häussermann et al. 2004: 20; Hervorhebung im Original).

Dies ist durch die Aussage einer Bewohnerin eines Chicagoer Ghettos zu bestätigen: "Verdammt, ich weiß nicht, was Menschen [hier aus der Gegend] tun, ich glaube, ich bin auf mich gestellt. Ich treffe mich nicht mit Leuten aus dem Viertel. Ich meine, ich spreche mit ihnen, aber mehr als was sie machen, weiß ich auch nicht." (Wacquant 2004: 165; Anmerkung im Original).

Der Begriff der Exklusion wurde in den 1980er Jahren in Frankreich im Zusammenhang mit den Bewohnern der Vorstädte verwendet. Seit den 1990er Jahren wird der Begriff auch in der europäischen Debatte verwendet. (vgl. Häussermann et al. 2004: 20f.) Exklusion bedeutet, dass "die Marginalisierung am Arbeitsmarkt und die Schwächung der sozialen Bindungen einhergehen mit einem weitreichenden Verlust von materiellen, kulturellen und politischen Möglichkeiten, am Leben der Gesellschaft teilzunehmen" (ebd.: 21). Darin besteht auch der Unterschied zum Begriff der "New Urban Underclass", Exklusion umfasst neben den Betroffen, die Institutionen und Prozesse die zur Ausgrenzung führen. Bei der "New Urban Underclass" wird der Fokus ausschließlich auf Personen in einer "bereits verfestigten sozialen Lage" (ebd.) gelegt.

[...]


[1] "[...] Bezieht sich bis einschließlich 1990 auf das Gebiet der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland vor der Wiedervereinigung. [...] Arbeitslose sind Arbeitsuchende bis zur Vollendung des 65. Lebensjahres, die nicht oder weniger als 15 Stunden wöchentlich in einem Beschäftigungsverhältnis stehen. [...] Als arbeitslose Ausländer gelten nichtdeutsche Arbeitsuchende (Ausländer, Staatenlose und Personen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit), die eine Arbeitnehmertätigkeit in der Bundesrepublik Deutschland ausüben dürfen. Heimatlose Ausländer werden statistisch wie Deutsche behandelt" (Bundesagentur für Arbeit 2007a: 2).

[2] Durch die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfedaten im August 2005, sind die folgenden Jahre nicht mehr vergleichbar. Statt 2005 dient daher die durchschnittliche Arbeitlosenzahl des Jahres 2004 als Vergleich (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2007b: Datenblatt 1).

[3] Dauer der Arbeitslosigkeit, 1 Jahr oder länger (vgl. Statistisches Bundesamt 2007a).

[4] Für das Jahr 1994 liegen keine Daten über die Entwicklung der Langzeitarbeitslosenzahlen vor (vgl. ebd.).

[5] "Die Einkommensschichtung beruht auf der Generierung von Einkommensklassen in Relation zum jeweiligen Mittelwert. Die unterste Einkommensschicht mit weniger als der Hälfte der mittleren bedarfsgewichteten Einkommen in der Bevölkerung lebt in relativer Einkommensarmut, die höchsten Einkommensklassen indizieren den Bevölkerungsanteil mit materiellem Wohlstand." (Statistisches Bundesamt 2006: 610).

[6] Entsprechend dem vom Statistischen Amt der EU (Eurostat) empfohlenen Schwellenwerten liegt die Armutsgrenze bei 60% des mittleren Haushaltseinkommens der gesamten Bevölkerung (vgl. Statisches Bundesamt 2006: 611).

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Benachteiligen benachteiligte Quartiere ihre Bewohner?
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
38
Katalognummer
V130851
ISBN (eBook)
9783640368938
ISBN (Buch)
9783640369324
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Benachteiligen, Quartiere, Bewohner
Arbeit zitieren
Felix Kühnel (Autor), 2007, Benachteiligen benachteiligte Quartiere ihre Bewohner?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130851

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