Stabilität und Variabilität von Phraseologismen anhand französischer und deutscher Beispiele


Hausarbeit, 2009

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Das Kriterium der Stabilität
2.1.1 Stabilitätsfaktoren
2.1.2 Eigenschaften der Stabilität
2.1.3 Arten der Stabilität
2.1.3.1 Phonologische Stabilität
2.1.3.2 Morphologische Stabilität
2.1.3.3 Syntaktische Stabilität
2.1.3.4 Lexikalisch-semantische Stabilität
2.2 Variation von Phraseologismen
2.2.1 Varianten
2.2.2 Modifikationen
2.2.2.1 Funktion von Modifikationen
2.2.2.2 Zeichenbedingte Voraussetzungen für die Modifikation
2.2.3 Arten der Modifikation
2.2.3.1 Ambiguierung der Lesart im unmodifizierten Phraseologismus
2.2.3.2 Erweiterung
2.2.3.3 Veränderung struktureller Merkmale
2.2.3.4 Semantische Substitution
2.2.3.5 Paronymische Substitution

3 Schluss

4 Bibliographie

1 Einleitung

Nach Palm[1] (1995: 3) befasst sich die Phraseologie im weiteren Sinne nicht nur mit Phraseologismen, sondern schließt auch Sprichwörter und Antisprichwörter, Wellerismen bzw. Sagwörter, Lehnsprichwörter und Geflügelten Worte mit ein. In der vorliegenden Arbeit wird ausschließlich die Phraseologie im engeren Sinne eine Rolle spielen, welche sich nur mit Phrasemen bzw. Phraseologismen beschäftigt.

Die Phraseologie im engeren Sinne definiert Palm (1995: 1) wie folgt:

[D]ie Phraseologie ist die Wissenschaft oder Lehre von den festen Wortverbindungen einer Sprache, die in System und Satz Funktion

und Bedeutung einzelner Wörter (Lexeme) übernehmen können.

Die Festigkeit der phraseologischen Wortverbindungen, auf die ich mich im weiteren Verlauf mit dem Terminus „Stabilität“ beziehen werde, wird in dieser Definition als erste grundlegende Eigenschaft genannt.

Und dennoch kann man in der Zeitungs- und Werbesprache immer wieder Variationen von Phraseologismen beobachten, deren Grundform dem Leser dabei jedoch immer präsent ist (oder zumindest sein sollte).

Steht diese Fähigkeit zur Veränderung bei gleichzeitigem Bezug zum Original nicht im Widerspruch zu einem elementaren Kriterium für phraseologische Konstruktionen - der Stabilität?

Um diese Frage klären zu können, werde ich im ersten Hauptteil meiner Arbeit zunächst einige Fakten über die Stabilität von Phraseologismen zusammentragen: Welche Faktoren begünstigen sie? Welche Eigenschaften machen eine phraseologische Wortverbindung stabil? Welche Arten der Stabilität gibt es?

Im zweiten Hauptteil werde ich genauer auf die Fähigkeit der Phraseologismen zur Modifikation eingehen. Dabei erkläre ich zunächst, welcher Unterschied zwischen usuellen und okkasionellen Varianten besteht. Anschließend gehe ich der Frage nach, welchen Zweck okkasionelle Varianten in der Zeitungs- und Werbesprache erfüllen, um abschließend zu beschreiben, auf welche Weise Phraseologismen verändert werden können ohne den Bezug zur Grundform zu verlieren.

2 Hauptteil

2.1 Das Kriterium der Stabilität

Nicht nur Palm räumt dem Kriterium der Stabilität in ihrer Definition einen wichtigen Platz ein (siehe Einleitung). Wie Kavalková[2] beobachtet, stellt die Stabilität in der gängigen deutschen Literatur zum Thema nach der Idiomatizität[3] das zweithäufigste Beschreibungskriterium dar (2002: 28).

Dennoch kann die Stabilität der phraseologischen Wortverbindung nicht als absolut angesehen werden: Es existieren sowohl etablierte, usuelle Varianten, die im Lexikon aufgenommen sind, als auch Möglichkeiten, Phraseologismen nach eigenem Dafürhalten und kontextbezogen zu verändern. Auf diese Veränderungen werde ich mich fortan mit den Begriffen „Modifikation“ bzw. „okkasionelle Varianten“ beziehen. Auf die Unterscheidung der beiden Phänomene sowie die Gründe ihrer Entstehung und ihres Einsatzes werde ich im zweiten Hauptteil zu sprechen kommen.

Vorerst möchte ich mich eingehender mit dem Kriterium der Stabilität in seiner unverfälschten Form befassen. Irsula Peña[4] beschreibt anhand einschlägiger Autoren, wie das Konzept der stabilen (oder festen) Wortgefüge innerhalb der phraseologischen Literatur behandelt wurde. So zeigt er auf, dass Mel`cuk die „Festigkeit“ aus der Kombinierbarkeit der lexikalischen Einheiten ermittelt. Wenn beispielsweise ein Adjektiv mit 100 Substantiven kombinierbar ist und bei 1.000 Verbindungen 9.901 Mal gewählt wird (von insgesamt 100 x 1.000 Möglichkeiten, also 10.000), dann hat diese Verbindung eine Festigkeit von 99 Prozent (Irsula Peña 1994: 15). Somit kommt die Kombinierbarkeit fixierter Wortgefüge für Mel`cuk eher einer statistischen Größe gleich.

Einen anderen Ansatzpunkt wählt Coulmas. Auch er verwendet den Terminus „Festigkeit“, welche für ihn durch Routine und Standardisierung zum Ausdruck kommt. Er geht ganz von der subjektiven Einschätzung des muttersprachlichen Sprechers aus und beschreibt diese als konstitutiv für die tatsächliche Existenz eines fixierten Wortgefüges. Wird also ein Ausdruck vom Mitglied einer Sprachgemeinschaft als feststehende, standardisierte Einheit empfunden, dann ist sie ein solche (Irsula Peña 1994: 15).

Wie im vorhergehenden Abschnitt deutlich geworden sein dürfte, herrscht eine gewisse terminologische Vielfalt bezüglich des Kriteriums der Stabilität. Deshalb gilt es an dieser Stelle festzuhalten, dass die Begriffe Festigkeit, Stabilität und Fixiertheit in der Literatur etwa gleichbedeutend benutzt werden. Dennoch möchte ich wiederholen, dass sich in dieser Arbeit - und ich möchte behaupten: generell im modernen phraseologischen Diskurs - der Terminus „Stabilität“ durchgesetzt hat.

Irsula Peña (1994: 16) beschreibt im weiteren Verlauf seines Werkes den Stabilisierungsprozess von Wortgefügen, wie ihn die sowjetische Phraseologie erklärt: Dabei wird zunächst der Begriff der Idiomatizität durch den der „Ganzheitlichkeit der Nomination“ ersetzt. Nomination in diesem Sinne umfasst nicht nur die Bezeichnung von Gegenständen und Erscheinungen der Wirklichkeit, also die Objektabbilder, sondern auch deren Relationen, die so genannten Sachverhaltsabbilder. Die nominative Funktion von Wortgruppen gilt dabei als erster Faktor, der zu Stabilität führt, indem durch ihre bedeutungstragenden Elemente bestimmte Objekt- oder Sachverhaltsabbilder reflektiert werden. Um Erscheinungen und Sachverhalte in entsprechenden Kommunikationssituationen zu benennen, gibt es gewisse Äußerungswahrscheinlichkeiten, die wiederum eine finite Gruppe darstellen. Diese Gruppe von Ausdrücken ist - diachronisch betrachtet - durch die Wahl, die über längere Zeiträume hinweg innerhalb der Sprachgemeinschaft getroffen wurde, definiert. Es existiert also ein engerer Kreis von Probabilitäten, aus dem der einzelne Sprecher seine individuelle Wahl trifft, um einen der konkreten Sprechsituation angemessenen Ausdruck zu platzieren. Diese Wahl erfolgt jedoch nicht völlig willkürlich, sondern wird von Selektionsbeschränkungen, der so genannten Kollokabilität, bestimmt. Durch eine vorgeschriebene oder bevorzugte Verwendung, wird der gesamte Ausdruck rekurrent und im Zuge dessen durch die Sprachgemeinschaft geprägt und sozialisiert, also vollständig ins mentale Lexikon eingeführt, und erlangt in der Folge als Wortgefüge Stabilität. Dieser Ansatz geht mit Palm und den meisten anderen Autoren zum Thema Phraseologie konform, die die Lexikalisierung von Phraseologismen – also deren Aufnahme und Speicherung im Lexikon - als elementaren Schritt zur Reproduzierbarkeit als Einheit ansehen. Phraseologismen müssen somit nicht immer wieder neu in der Rede gebildet werden – wie freie Wortverbindungen -, sondern „stehen als fertige Einheiten zur Verfügung“ (Palm 1995: 36).

Worauf bezieht sich nun der Begriff „Stabilität“? Nach Ansicht Coulmas’ kann die phraseologische Stabilität nach äußerer und innerer Fixiertheit unterschieden werden. Die äußere Stabilität bezieht sich auf die nominative Bindung, also auf den Bezug zum Objekt- und Sachverhaltsabbild, sowie auf die kommunikativ-situative Bindung, welche die Bindung an bestimmte Kommunikationssituationen, an eine Textsorte oder einen Fachbereich bedeutet. Die innere Stabilität bezeichnet dagegen die syntaktisch-semantische Bindung (Irsula Peña 1994: 17).

2.1.1 Stabilitätsfaktoren

Palm zeigt einige Phänomene innerhalb bestimmter Arten von Phraseologismen auf, die ihrer Meinung nach die Stabilität der Wortverbindung hervorheben oder sogar begünstigen. Zunächst sind die territorialen Dubletten zu nennen. Dabei handelt es sich um „synonyme Lexeme, die sich nur in ihrer regionalen (territorialen) Verbreitung voneinander unterscheiden“ (1995: 29), beispielsweise kehren – fegen. Dass wiederum das Lexem kehren im deutschlandweit verbreiteten Phraseologismus zuerst vor der eigenen Tür kehren nicht durch fegen ersetzt werden kann, macht deutlich, dass dergleichen Unterschiede territorialer Dubletten im Phraseologismus eingeebnet werden und keine Varianten (auf deren Definition und Verwendung ich in einem späteren Kapitel genauer eingehen werde) bilden. Das kann als Zeichen der Stabilisierung der einzelnen Bestandteile gewertet werden (ebd. 30).

Auch die so genannten unikalen Komponenten werden in diesem Zusammenhang erwähnt. Dabei handelt es sich um „veraltetes und seltenes Wortgut“, das nur noch in phraseologischen Wortgruppen erhalten geblieben ist (30). Diese Bestandteile kommen also in freien Wortverbindungen gar nicht mehr vor. Ihr Überleben in Phraseologismen zeigt die Stabilität derartiger Wortgefüge auf. Französische Beispiele für dieses Phänomen bietet Schlömer[5] an (2002: 7):

au fur et à mésure (‚entsprechend, in dem Maße’)

peu ou prou (‚mehr oder weniger’)

de gré ou de force (‚wohl oder übel’)

Weiterhin können Phraseologismen mit ungewöhnlichen oder auch archaischen syntaktischen und/oder morphologischen Strukturen konstruiert sein. Laut Schlömer werden diese vom Sprecher häufig überhaupt nicht als solche wahrgenommen, da die Phraseologismen als lexikalische Ganzheit erlernt werden (2002: 7). Der Ausdruck advienne que pourra (‚komme, was wolle’) ist nicht ungrammatisch, obwohl vor dem Subjonctif kein que steht, welches ihn in freien Wortgefügen einleitet und dort unabdingbar ist. In il pleut comme vache qui pisse (‚es schifft, es pisst’) fehlt der Artikel vor vache, der in einer freien Wortverbindung unter allen Umständen konstruiert werden muss.

Zwar bedingt die Stabilität eines Phraseologismus oft dessen Idiomatizität, dennoch können fixierte Wortgefüge auch nicht-idiomatisch sein: frères et sœurs ist beispielsweise hochfrequent und so fixiert, dass ein französischer Muttersprachler eine veränderte Wortstellung sofort als auffällig wahrnehmen würde. Dennoch handelt es sich dabei um einen nicht-idiomatischen Phraseologismus, da sich aus den Einzelbedeutungen der Lexeme die Gesamtbedeutung summiert. Palm zählt noch weitere nicht idiomatische Konstruktionen auf, die trotzdem eine feste Kombination aufweisen und bei denen ein Glied das andere determiniert:

- Sprechaktgebundene phraseologische Einheiten und Sprechaktformeln (1995: 33), die oft die Sprechereinstellung wiedergeben, wie zum Beispiel Der kann mich mal!
- Sprüche oder Gemeinplätze, wie Humor ist, wenn man trotzdem lacht (ebd. 34).
- Formelhafte Ausdrücke, die durch die Massenmedien verbreitet wurden und in unser Repertoire Einzug gehalten haben (35): jm/etw grünes Licht geben; Schlagzeilen machen
- Stehende Epitheta, welche aus der Kombination von Substantiv und Adjektiv bestehen, wobei das Adjektiv keine neue Information enthält, sondern lediglich eine unterstreichenden Funktion besitzt: keine müde Mark; gesunder Menschenverstand
- Terminologische Benennungsstereotype, wie der wunde Punkt; der kalte Krieg. Diese haben wiederum das Potential, idiomatisiert zu werden und in dieser Eigenschaft in die Allgemeinsprache aufgenommen zu werden: eine harte Nuss; eine graue Maus (36).

[...]


[1] Palm, Christine (1995): Phraseologie. Eine Einführung. Tübingen: Gunter Narr Verlag.

[2] Kavalková, Lenka (2002): Form und Funktion von modifizierten Phraseologismen in der Anzeigenwerbung. Wien: Edition Praesens.

[3] Definition nach Kavalková (2002: 26): Idiomatizität heißt, „dass die phraseologische Bedeutung eine besondere und eigenständige ist, die nicht (oder nicht ausschließlich) mit Hilfe der regulären semantischen Integrationsregeln ohne Zusatzwissen ermittelt werden kann. D.h. die Gesamtbedeutung entspricht nicht der Summe der Bedeutungen der einzelnen Bestandteile.“

[4] Irsula Peña , Jesus (1994): Substantiv-Verb-Kollokationen. Kontrastive Untersuchungen Deutsch – Spanisch. Frankfurt a. M.: Peter Lang Verlag.

[5] Schlömer, Anne (2002): Phraseologische Wortpaare im Französischen. „Sitôt dit, sitôt fait“ und Vergleichbares. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Stabilität und Variabilität von Phraseologismen anhand französischer und deutscher Beispiele
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Romanische Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar „Phraseologie des Französischen"
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V130860
ISBN (eBook)
9783640368983
ISBN (Buch)
9783640369379
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stabilität, Variabilität, Phraseologismen, Beispiele
Arbeit zitieren
Silke Stadler (Autor:in), 2009, Stabilität und Variabilität von Phraseologismen anhand französischer und deutscher Beispiele, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130860

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