Das Hauptproblem, welches in der feministischen Sprachkritik thematisiert wird, ist die männliche Prägung der Sprache. Der Werdegang der Entwicklung dieser Prägung kann zwar durch die Vergangenheit und durch historische Ereignisse erklärt und belegt werden, jedoch soll es im 21. Jahrhundert nicht mehr gerechtfertigt sein, eine fast ausschließlich auf Männer ausgelegte Sprache zu verwenden. Die Gleichberechtigung soll für Feministen und Feministinnen nicht nur auf formaler Ebene stattfinden, sondern auch einen Platz im täglichen Sprachgebrauch einnehmen.
Der emanzipatorische Sprachwandel ist für die Gleichberechtigung der Geschlechter (männlich, weiblich und seit 2018 auch das heteronormale Geschlecht „divers“) von großer Bedeutung, um eine absolute Gleichheit aller Menschen zu erreichen. Eines der bekanntesten Werke zur geschlechtergerechten Sprache ist das 1983 erschienene „Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs“, welches unter anderem von zwei der einflussreichsten feministischen Sprachlinguistinnen Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz herausgegeben wurde. Die Kritik, die in der feministischen Linguistik geäußert wird, fokussiert sich besonders auf die unterlassene Erwähnung von Frauen und das Fehlverständnis, dass die Frau nicht separat genannt werden muss, um sich inkludiert zu fühlen. Für Frauen sendet dies jedoch das Signal, dass sie weder autonom leben noch handeln können, wenn sie nicht einmal eigene Bezeichnungen in ihrer eigenen Sprache zugeschrieben bekommen.
Es wird als normal angesehen, dass sich eine Frau bei den Worten Mitarbeiter, Patient oder Konsument ebenso angesprochen fühlt wie ein Mann. Dieser hingegen wird bei den Bezeichnungen Mitarbeiterin, Patientin oder Konsumentin explizit exkludiert. Sobald sich einer Gruppe von Frauen auch nur ein einziger Mann anschließt, tritt der inklusive Plural in Kraft und aus einer Gruppe Studentinnen wird eine Gruppe Studenten. Obwohl die Frauen in der Überzahl sind, sind sie sprachlich dem männlichen Geschlecht unterlegen. Männliche Bezeichnungen sind für Frauen normal, für den Mann sind weibliche Bezeichnungen jedoch untragbar und werden häufig sogar als Beleidigung angesehen, da sie seine Männlichkeit in Frage stellen. Das männliche Geschlecht gilt in der deutschen Sprache als das übergeordnete Geschlecht und man könnte meinen, die Sprache folge dem Leitsatz ‚weiblich gleich zweitrangig‘.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung: Die feministische Sprachkritik
1.1 Gleichstellung von Geschlecht und Genus
2 Analyse: Die Gewalt durch Sprache und das geschlechtstypische Kommunikationsverhalten
2.1 Experiment zu geschlechtsbedingten Sprachunterschieden
2.2 Auswertung der Redestrategien
2.3 Fazit des Versuchs
2.4 Toxic Masculinity
3 Die geschlechtergerechte Sprache
4 Fazit und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische und aktuelle Rolle der Frau in der deutschen Sprache, analysiert die Verbindung zwischen geschlechtstypischem Kommunikationsverhalten und sprachlicher Gewalt und debattiert Ansätze zur Implementierung einer geschlechtergerechten Sprache.
- Feministische Sprachkritik und die Problematik des generischen Maskulinums.
- Analyse sprachlicher Gewaltformen in der Kommunikation zwischen Männern und Frauen.
- Empirische Untersuchung (Experiment) zu geschlechtsbedingten Unterschieden im beruflichen Kontext.
- Diskussion über "Toxic Masculinity" und deren sprachliche Manifestation.
- Bewertung verschiedener Methoden zur Durchführung geschlechtergerechter Sprache.
Auszug aus dem Buch
2.1: Experiment zu geschlechtsbedingten Sprachunterschieden
Diese stereotypischen Merkmale und Vorwürfe der männlichen Kommunikation mit Frauen lassen sich besonders am Arbeitsplatz beobachten. Caja Thimm geht es in ihrem Artikel „Frauen, Sprache, Beruf: Sprachliches Handeln am Arbeitsplatz“ (Gisela Schoenthal, „Feministische Linguistik – linguistische Geschlechterforschung, Ergebnisse, Konsequenzen, Perspektiven“, 1998) genau darum, diese Sprachunterschiede aufzudecken und das sprachliche Handeln anhand von Rollenspielen zu erforschen. Dabei unterscheidet sie grundlegend zwischen zwei Ansätzen, die verschiedene Sichtweisen auf die Stereotypisierung von „typisch männlicher“ und „typisch weiblicher“ Sprache erlauben: Die „sex-dialect hypothese“ (auch „genderlect“- oder „female register“ Hypothese genannt), die von nachweisbaren, typischen Sprachunterschieden ausgeht und die „sex-stereotype hypothese“, die den Standpunkt vertritt, dass das Sprachverhalten von Männern und Frauen zwar identisch ist, das Urteil darüber allerdings determiniert wird durch stereotype Erwartungen. Wie sich später herausstellen wird, ist es nicht einfach herauszukristallisieren, welche der beiden Hypothesen zutrifft, da sich die zwei Hypothesen gegenseitig beeinflussen. Dies erschwert es, ein klar abgegrenztes Urteil zu fällen.
In den durchgeführten Rollenspielen wurde immer wieder dieselbe Situation durchgespielt: Ein Chef ruft seine Sekretärin zum Diktat ins Büro. Dort gibt er ihr Anweisung eine Mitteilung für alle Mitarbeiter rauszugeben und erteilt ihr anschließend noch den Auftrag, ihm einen Kaffee zu kochen, da dies zu ihren dienstlichen Aufgaben gehöre. Thimm unterscheidet bei dem Rollenspiel zwischen zwei verschiedenen Situationen: In der Standardsituation (SS) lautet es in der Anweisung, dass der Chef über das Wissen verfügt, dass seine Sekretärin „gerne dazu bereit“ sei, Kaffee zu kochen, in der Reaktanzsituation (RS) ist dieser Satz abgeändert in „Sie wissen jedoch, dass sie dazu nur ungern bereit ist“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die feministische Sprachkritik: Dieses Kapitel beleuchtet die historische Benachteiligung der Frau und führt in die Problematik einer männlich geprägten Sprache ein.
1.1 Gleichstellung von Geschlecht und Genus: Hier wird analysiert, inwiefern das grammatikalische Genus im Deutschen von der natürlichen Geschlechtergleichstellung abweicht oder diese beeinflusst.
2 Analyse: Die Gewalt durch Sprache und das geschlechtstypische Kommunikationsverhalten: Dieses Kapitel definiert sprachliche Gewalt in vier Kategorien und leitet die Untersuchung der genderspezifischen Kommunikation ein.
2.1 Experiment zu geschlechtsbedingten Sprachunterschieden: Es wird die methodische Grundlage sowie die Durchführung des Rollenspielexperiments zur Erforschung von Kommunikationsmustern beschrieben.
2.2 Auswertung der Redestrategien: Dieses Kapitel präsentiert die Ergebnisse des Experiments hinsichtlich der angewandten Kommunikationsmuster von Probandinnen und Probanden.
2.3 Fazit des Versuchs: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei Stereotype hinterfragt und die strategische Natur von "weiblichen" bzw. "männlichen" Sprachstilen hervorgehoben wird.
2.4 Toxic Masculinity: Eine Erläuterung des Begriffs "Toxic Masculinity" und dessen Auswirkung auf öffentliche Äußerungen und Machtdemonstrationen.
3 Die geschlechtergerechte Sprache: Eine Übersicht über die theoretischen Ansätze der Neutraulisierung und Sichtbarmachung der Geschlechter in der geschriebenen Sprache.
4 Fazit und Ausblick: Eine abschließende Betrachtung des emanzipatorischen Sprachwandels und der gesellschaftlichen Entwicklungen zur Geschlechtergleichstellung.
Schlüsselwörter
Feministische Sprachkritik, generisches Maskulinum, geschlechtergerechte Sprache, Sprachverhalten, sprachliche Gewalt, Rollenspiele, sex-dialect Hypothese, Toxic Masculinity, Gleichstellung, Sprachwandel, Gender-Gap, Gendersternchen, Kommunikation, Redestrategien, berufliche Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der deutschen Sprache sowie die gesellschaftlichen Implikationen des Kommunikationsverhaltens von Männern und Frauen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind feministische Sprachkritik, sprachliche Gewaltphänomene, genderspezifisches Kommunikationsverhalten und die praktische Umsetzungsmöglichkeiten einer geschlechtergerechten Sprache.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Sprachstrukturen aufzudecken, die Frauen benachteiligen, sowie Strategien zu analysieren, die im beruflichen Kontext von verschiedenen Geschlechtern zur Machtausübung oder Konfliktvermeidung eingesetzt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse sowie die Auswertung von experimentellen Rollenspielen, um sprachliche Muster am Arbeitsplatz zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden verschiedene Formen sprachlicher Gewalt, Experimente zur Kommunikation (Standardsituation vs. Reaktanzsituation) und die verschiedenen formalen Möglichkeiten (z.B. Gender-Gap) einer geschlechtergerechten Sprache diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie feministische Sprachkritik, generisches Maskulinum, geschlechtergerechte Sprache und Kommunikationsanalyse charakterisieren.
Welche Rolle spielt der Begriff "Toxic Masculinity"?
Der Begriff beschreibt ein toxisches männliches Verhalten in der Öffentlichkeit, das durch Abwertung von Frauen, Fremdenfeindlichkeit oder Machtdemonstrationen gekennzeichnet ist.
Was ergibt die Auswertung der Rollenspiele?
Das Experiment zeigt, dass Sprachstile oft strategisch gewählt werden; Männer nutzen häufig die Kontroll-Strategie, während Frauen verstärkt beziehungssichernde Partikel nutzen, was von der Forschung teilweise dem "powerless style" zugeordnet wird.
- Arbeit zitieren
- Veronika Strauch (Autor:in), 2019, Frauenfeindlichkeit in der deutschen Sprache. Geschlechtergerechte Sprache und das Kommunikationsverhalten von Männern und Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1309623