Die Liebeskonzeptionen in Alfred de Mussets "La confession d’un enfant du siècle"


Hausarbeit, 2005
18 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Vorwort
1.2 Geschichtliche Einordnung
1.3 Kurze Einführung in die Romantik
1.4 Mal du siècle
1.5 Alfred de Musset und sein Werk als „roman personnel“

2. Die Liebeskonzeptionen
2.1 Octave und seine Geliebte
2.3 Octave und Dirne
2.5 Octave und Brigitte

3. Zusammenfassung

4. Bibliographie

1. Einleitung

1.1 Vorwort

In dieser Hauptseminararbeit will ich mich im Speziellen auf die Liebeskonzeptionen im Werk Mussets La confession d’un enfant du siècle konzentrieren.

Zunächst werde ich als Einleitung einen groben Überblick über die geschichtlichen Ereignisse der damaligen Zeit unter besonderer Betrachtung des Einflusses der Romantik geben. Im Weiteren wird die Romantik als eine durch das „mal du siècle“ geprägte Epoche charakterisiert. Ferner werde ich einen kurzen Abriss über Mussets Biographie geben, um damit die Verbindung zu seinem Werk als „roman personnel“ darzustellen.

Im Hauptteil werde ich mich auf die Liebesbeziehungen des Protagonisten Octaves konzentrieren. Dabei lege ich den Fokus besonders auf die Verhältnisse zu seiner ersten Liebe, der Geliebten, und zur Dirne, zu der er sich sexuell hingezogen fühlt.. Ausführlicher werde ich mich am Schluss des Hauptteils mit Octaves Beziehung zu Brigitte Pierson, seiner großen Liebe, beschäftigen, welche den größten Raum im Roman einnimmt.

Sofern die Zitate nicht gekennzeichnet sind, sondern nur mit der Seitenzahl versehen sind, beziehen sich diese auf das Werk Mussets La confession d’un enfant du siècle.

Zum Schluss werde ich in der Zusammenfassung noch einmal kurz alle prägnanten Merkmale der einzelnen Liebeskonzeptionen darlegen und ein Fazit ziehen.

1.2. Geschichtliche Einordnung

Nach der Französischen Revolution erlitt vor allem Frankreich einen Zusammenbruch des politischen Systems. Die Revolutionäre wollten dem Absolutismus ein Ende setzen, der unter der Herrschaft des Ludwig XIV seinen Höhepunkt erreicht hatte. In der Zeitspanne von dem Sturm auf die Bastille am 14.Juli 1789 bis zum Beginn der Herrschaft Napoleons, vollzog sich der Übergang von der absoluten Monarchie zur Republik Frankreichs. Die Bürger hatten also nach der Französischen Revolution ihren festen Platz in der Gesellschaft verloren und die Revolution und andere politische Kräfte hatten Spuren hinterlassen. „Sie befanden sich orientierungslos im Vakuum zwischen dem Gewesenen und einer völlig offenen Zukunft“[1]

Es folgte eine Phase der inneren Befestigung und militärischen Auseinandersetzungen mit den Nachbarländern bis sich Napoleon am 2. Dezember 1804 selbst die Kaiserkrone aufsetzte und den größten Teil Europas in seiner Macht zog. Als er jedoch im Jahre 1815 bei der berühmten Schlacht bei Waterloo endgültig besiegt wurde, musste Frankreich die eroberten Gebiete wieder abgeben.

Die Zeit der Restauration folgte, in der die Wiederherstellung der Bourbonenmonarchie angestrebt wurde. Nachdem am 26.Juli 1830 Karl der Zehnte das Parlament auflöste mit der Intention die Bourbonen an die Macht kommen zu lassen, folgte der Ausbruch der Julirevolution, der den definitiven Sturz der Bourbonen und die Machtergreifung des Bürgertums nach sich zog.[2]

1.3 Kurze Einführung in die Romantik

Nach dem Sturz Napoléons erfuhr die Gesellschaft einen Zusammenbruch aller Werte und allen Glaubens. Die Menschen wurden ihrer Träume, Hoffnungen und Idealen beraubt. Sie standen zwischen einer zerfallenen Vergangenheit und einer fernen, noch unbekannten Zukunft. Die im Jahre 1815 darauf folgende Restauration

„verbreitet frustrierende Bewegungslosigkeit, schafft “ennui“ , treibt die Jeunesse dorée in die Libertinage, die Kinder der Mittelschicht in den Staatsdienst und die Kleinbürger in „kalten Enthusiasmus“, an dessen enttäuschendem Ende wirtschaftlicher Verlust und existentielle Lethargie stehen. […] Eine mögliche Aneignung von Aufbruchbegeisterung misslingt in allen Fällen; das menschliche Herz erkrankt unheilbar an der „maladie du siècle“.[3]

Diese Umstellung wirkte sich ebenfalls auf die Literatur und Epoche der Romantik aus. Die jungen Romantiker fühlten sich isoliert und lebten geistig am Rande der Gesellschaft. Die Romantik beschäftigt sich mit der „Betonung von Gefühl, Phantasie und Freiheit in jeder Sparte schöpferischer Tätigkeit“.[4] Auch Alfred de Musset war von den gesellschaftlichen und politischen Umständen dieser Zeit geprägt und veröffentlichte im Jahre 1836 seinen Roman La confession d’un enfant du siècle. Auch er schreibt seine Gefühle und Schicksale nieder. Demnach ist er ein „Kind seiner Zeit“.[5] Dies spiegelt seine politische Enttäuschung wieder, da er große Erwartungen in die Julirevolution setzte, sich durch die Bourgeoisie vereinnahmt fühlte und sich durch den neuen Bürgerkönig Louis-Philippe hintergangen fühlte.

1.4 Mal du siècle

„In der Confession d’un enfant du siècle wird alles Seelenleid der romantischen Generation von Napoleon hergeleitet. Kinder der heldischen Epoche gehen an der Enge der Folgezeit zugrunde.“[6]

Das Konzept des mal du siècle erscheint erstmals 1830 und beschreibt eine spezielle Form des „mal“, der seiner Epoche eigen ist, eine schmerzhafte Nichtübereinstimmung des Strebens und Verlangens des Ich und der Weltordnung.

Bei diesem so genannten „mal du siècle“ handelt es sich um eine ‚maladie morale’, die aus dem Werteverfall der geschichtlichen Realität zu erklären ist. Diese geistige Folge resultiert aus einer plötzlich einsetzenden geistigen Leere, die die Restaurationszeit nach dem Fall Napoleons mit sich brachte. „Der gesellschaftspolitische Bruch zwischen Altem und Neuem, Vergangenheit und Zukunft bildet den bedingenden Hintergrund für eine Leiderfahrung, deren Folgen Musset für das gestörte Lebensbewusstsein, sowohl nach außen- im Zerfall der gesellschaftlichen Identität- als auch nach innen- in der desillusionistischen Erfahrung der Liebe- nachzeichnet.“[7]

Musset stellt in seinem Werk selbst eine eigene Definition des „mal du siècle“ dar:

„Toute la maladie du siècle présent vient de deux causes; le peuple qui a passé par 93 et par 1814 porte au coeur deux blessures. Tout ce qui était n’est plus; tout ce qui sera n’est pas encore. Ne cherchez pas ailleurs le secret de nos maux.”( S. 35)

Den gesellschaftlichen Bruch benennt er mit zwei prägenden Daten, 1793 und 1814. In 1793 war die Enthauptung Ludwigs den Sechszehnten, nachdem ihm die Flucht nach Varennes missglückte. Der endgültige Bruch setzte ein, als Napoleon die Unterstützung der Armee, Politik und vieler Vertrauter verlor und somit in 1814 abdanken musste.

So schafft er in seinem Roman den vom „mal du siècle“ vollkommen ergriffenen Protagonisten Octave, der sein Werk im dritten Kapitel mit den Worten „J’ai à raconter à quelle occasion je fus pris d’abord de la maladie du siècle“[8] einführt, von der nicht nur er, sondern noch viele seiner Zeit betroffen waren.

1.5 Alfred de Musset und sein Werk als „roman personnel“

Alfred de Musset ist am 18. Dezember 1810 in Paris geboren. Als Sohn adliger Eltern absolviert er seine Schulzeit mit großem Erfolg. Daraufhin wird er ein eifriger Jura-und Medizin-Student und ein frühreifer Dichter, dessen Gedichte im Stile der Romantik sind. 1834 stürzt er sich in die romantisch- leidenschaftliche Liebesbeziehung zu der ebenfalls berühmten Schriftstellerin George Sand. Bald aber geriet das „enttäuschtes Liebesverhältnis[…] in eine Krise, die ihn zu Gedichten voller Weltschmerz inspiriert.“[9] Auf einer gemeinsamen Reise nach Venedig erkrankt George und Musset ruft den Arzt Pagello. Dieser und George verlieben sich ineinander und Musset kehrt gekränkt zurück nach Paris. Nach einem missglückten Versuch, ihre Beziehung von Paris aus zu retten, schreibt Musset seinen autobiographischen Roman La confession d’un enfant du siècle, in dem der Protagonist Octave desillusioniert, von der Liebe enttäuscht in seiner eigenen problematischen Umwelt lebt .

Ausgelöst durch eine schwere Krankheit, leidet er 1940 an Depressionen. Nach mehrfachen Enttäuschungen in der Liebe ist Musset unfähig, seinen Beruf als Schriftsteller und sein adliges Selbstbild zu vereinen, und wendet sich dem Haschisch und Alkoholkonsum zu. Trotz alledem erhält er 1845 „das Kreuz der Légion d’honneur“, Frankreichs höchster und angesehenster Orden und wird im Jahre 1953 Mitglied der Académie Française. Am 2. Mai 1857 stirbt er an einem Herzleiden in seiner Geburtsstadt Paris.

Bei La confession d’un enfant du siècle handelt es sich um eine „autobiographie romancée.“[10] Sein gescheitertes Liebesverhältnis zu George Sand lässt er in den Gestalten von Octave und Brigitte wieder aufleben.

Als Gattung könnte man den Roman als ‚roman personnel’ bezeichnen.

Roman qui s'inspire de la vie de l'auteur en la transposa nt plus ou moins. Le roman personnel, c'est-à-dire l'autobiographie transposée, est, depuis Rousseau, une vieille tradition de notre littérature. (...) le petit écrivain raconte sa petite vie, celle de son bureau, de son bataillon, de son école, de ses restaurants, de ses maîtresses.[11]

Mit Hilfe des Romans versucht er sich selbst zu verwirklichen und ein neues Leben mit den damaligen neu bestehenden Verhältnissen zu vereinen.

„Überleben kann der einzelne nur um den Preis der psychischen Selbstverstümmelung. Diesen unlösbaren Konflikt zwischen dem Anspruch des Individuums auf Selbstverwirklichung und dem Anpassungszwang der bestehenden Verhältnisse thematisiert […] (der) roman personnel […].[12]

2. Die Liebeskonzeptionen

2.1 Octave und seine Geliebte

Man erfährt relativ wenig über Octaves „erste Liebe“. Der Leser wird direkt am Anfang des ersten Teils im dritten Kapitel in das Geschehen eingeführt. Die verwitwete Dame, dessen Namen man nicht erfährt, wird durchgängig als „ma maîtresse“ seitens Octave betrachtet.

Eines Abends beim Maskenball bemerkt Octave, als seine Gabel hinunterfiel und er daraufhin die Tischdecke hob, dass der Fuß seiner Mätresse auf dem eines jungen Mannes stand, der neben ihr saß und sich die Beine berührten

«Comme je me retournais pour prendre une assiette, ma fourchette tomba. Je me baissai pour la ramasser, et, ne la trouvant d’abord, je soulevai la nappe pour voir où elle avait roulé. J’aperçus alors sous la table le pied de ma maîtresse qui était posé sur celui d’un jeune homme assis à côté d’elle; leurs jambes étaient croisées et entrelacées, et ils les resserraient doucement de temps en temps.» (S. 37)

Auch später, als das Dessert gebracht wurde und Octave absichtlich die Serviette herunterfallen ließ, sah er noch immer, dass die Beine des jungen Mannes und der Mätresse umschlungen waren.

«A la fin, lorsqu’on fut au dessert, je fis glisser ma serviette à terre, et, m’étant baissé de nouveau, je les retrouvai dans la même position, étroitement liés l’un à l’autre.» (S. 38)

Als er an diesem Abend nach Hause ging und er sich bewusst machte, dass sie ihn betrügt , bricht „ das latente ‚mal du siècle’ […] als unheilbare Krankheit aus.“[13]

„J’ai à raconter à quelle occasion je fus pris d’abord de la maladie du siècle“ (S.37)

„Je rentrai chez moi tranquillement, n’éprouvant rien, ne sentant rien, et comme privé de réflexion. Je commençai à me déshabillé, et me mis au lit; mais à peine eus-je posé à tête sur le chevet, que les esprits de la vengeance me saisirent avec une telle force, que je me redressai tout à coup contre la muraille, comme si tous les muscles de mon corps fussent devenues de bois. Je descendis de mon lit en criant, les bras étendus, ne pouvant marcher que sur les talons, tant les nerfs de mes orteils étaient crispés.» ( S.38)

[...]


[1] Köhler (1987:57)

[2] Vgl. Hartmann

[3] Engler (2003:113f.)

[4] Musset (1999:400f)

[5] Ebd.

[6] Klemperer (1956:98)

[7] Hölz (2005:28)

[8] Ebd. S.37.

[9] www.frankreich-experte.de

[10] Musset (1999:393)

[11] Thibaudet ( 1936: 426)

[12] Grimm (1994:237)

[13] Köhler, (1987:58)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Liebeskonzeptionen in Alfred de Mussets "La confession d’un enfant du siècle"
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Die französische Literatur nach der Revolution
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V130997
ISBN (eBook)
9783640402205
ISBN (Buch)
9783640402540
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liebeskonzeptionen, Alfred, Mussets
Arbeit zitieren
Janine Correia (Autor), 2005, Die Liebeskonzeptionen in Alfred de Mussets "La confession d’un enfant du siècle", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130997

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