Alfred Döblin - 'Berlin Alexanderplatz'

Die Straßenbahn und die Frage nach ihrer Bedeutsamkeit für die Raumdarstellung im Roman


Hausarbeit, 2007

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse
2.1. Einordnung der Textpassagen
2.2. Die Erzählsituation
2.3. Die Raumdarstellung
2.3.1. Straßenbahn als formale Verbindung einzelner Sequenzen
2.3.2. Die Straßenbahn als Fortbewegungsmittel und abgeschlossener Raum für die Hauptfigur Franz Biberkopf
2.3.3. Die Straßenbahn als Orientierungshilfe/ Einführung für den Leser

3. Zusammenfassung der Ergebnisse

Bibliographie

1. Einleitung

Die in Deutschland verspätet, aber dafür umso rasanter einsetzende Industrialisierung lässt Städte wie Berlin, Leipzig oder München wachsen und sie zum Zentrum der modernen Welt und zum Lebensraum für viele Menschen werden. Durch ihre Unüberschaubarkeit wurde sie mit ihrer entgrenzten Wahrnehmungsfülle zu einem ungesicherten Erfahrungsraum, demgegenüber das Individuum mit seiner begrenzten Wahrnehmungsfähigkeit stand. Die Erfahrungskrise des modernen Ichs in der Erfahrungswelt der Großstadt führte in der Kunst zu einem Großstadtmythos. In der Literatur wurde dieser vom Naturalismus vorbereitet, von den Expressionisten popularisiert und bis in die 20er Jahre fortgeführt. Es entstanden Großstadtromane – zuerst eher aus psychologischer Sicht des Individuums und später rückte die Stadt selbst „in ihrer Totalität und dinglichen Übermacht, [die] zu jeder Zeit präsent [war]“[1] in den Mittelpunkt des Romangeschehens. Die Stadt „bildet die Existenzbedingung aller auftretenden Personen“[2], denn „jenseits der Straßen der Stadt ist das Leben der Figuren nicht denkbar“[3]. Genau an dieser Entwicklung zum modernen Großstadtroman hat Alfred Döblin großen Anteil. Berlin Alexanderplatz ist einer der wenigen deutschen Großstadtromane „und er wurde am Ende einer Zeit geschrieben, die geradezu einem Großstadtmythos erlegen war.“[4]

Diese Hausarbeit wird sich mit der Raumdarstellung in Berlin Alexanderplatz beschäftigen und besonderes Augenmerk auf die Fragestellung legen, ob der Straßenbahn als einer Errungenschaft der Moderne eine besondere Bedeutung bei der Raumdarstellung im Roman zukommt. Einer kurzen Einordnung der ausgewählten Textpassagen folgt eine Analyse der Erzählsituation der einzelnen Passagen. Im dritten Teil der Hausarbeit wird das Motiv der Straßenbahn auf seine Funktion und Bedeutung sowohl für die Struktur des Romans, als auch für die Hauptfigur und den Leser untersucht.

Was die bereits publizierte Forschung zu Berlin Alexanderplatz angeht, so findet die Straßenbahn darin kaum Beachtung bzw. ist kein dominierender Gegenstand einer bereits existierenden Arbeit.

2. Analyse

2.1. Einordnung der Textpassagen

Die ausgewählten Passagen befinden sich ausschließlich in den ersten drei Büchern des Romans[5], in welchen die Straßenbahn, im Gegensatz zu den folgenden, stärker thematisiert wird. Im Zusammenhang mit der Straßenbahn stößt man immer wieder auf Straßennamen und Namen von Haltestellen, an denen eine Figur einsteigt oder zu denen sie gelangt. Ein Beispiel dafür ist die Passage auf Seite 36, wo Franz Biberkopf „das Mädchen“ (BA, S.36) in der Nacht verlässt: „mit der 68 zum Alexanderplatz] und brütet im Lokal über einem Glas Helles.“ (BA, S.36)

Bereits auf der ersten Seite des ersten Buches nutzt die Hauptfigur Franz Biberkopf die Straßenbahn, um vom Gefängnis, aus dem er gerade entlassen wurde, nach Berlin hinein zu fahren. Der erste Teil des Buches trägt schon dementsprechend die Überschrift „Mit der 41 in die Stadt“ (BA, S.15). An der Haltestelle stehend ist dies die erste Hürde, die Biberkopf nehmen muss zurück in das Leben außerhalb der Gefängnismauern. Er überwindet sich einzusteigen und „Die Strafe beginnt“ (BA, S.15). Am Rosenthaler Platz verlässt er die Straßenbahn und ist zurück in Berlin.

Auf Seite 31 befindet sich eine Untergrundbahn im Bau und die damit verbundene Assoziation „muß doch Arbeit geben in Berlin“ (BA, S.31) wird gezogen.

Eine weitere interessante Passage über die Straßenbahn findet sich auf Seite 56. Sie steht relativ am Anfang des zweiten Buches unter der Überschrift „Franz Biberkopf betritt Berlin“ (BA, S. 49). Hier wird anhand der Linie 68 eine Art Anleitung zum Benutzen der Straßenbahn über die Haltestellen, die Fahrpreise und Verhaltensregeln gegeben.

Ebenfalls im zweiten Buch befindet sich eine Textpassage über ein junges Mädchen, welches nicht im Zusammenhang mit der Biberkopfgeschichte steht, zumindest vorerst nicht. Die Geschichte wird eingeleitet, indem das Mädchen aus der Linie 99 aussteigt, wobei wieder die Haltestellen der Linie benannt werden:

„..Mariendorf, Lichtenrader Chaussee, Tempelhof, Hallesches Tor, Hedwigskirche, Rosenthaler Platz, Badstraße, Seestraße Ecke Togostraße, in den Nächten von Sonnabend zu Sonntag ununterbrochener Betrieb zwischen Uferstraße und Tempelhof, Friedrich-Karl-Straße, in Abständen von 15 Minuten.“ (BA, S.58)

Die letzte hier betrachtete Stelle ist im dritten Buch zu finden. Franz Biberkopf versucht ein Paket mit Waren zurückzubekommen, dass er beim Besuch einer Dame vergessen hat. Sein Kumpan Lüders hat dieses aber bereits geholt und sie gleichzeitig bestohlen. Lüders geht Franz Biberkopf aus dem Weg und der ist dem Zusammenbruch nah:

Das ist die Strafe, mich haben sie rausgelassen, die andern buddeln noch Kartoffeln hinter dem Gefängnis an dem großen Müllberg, und ich muss die Elektrische fahren, verflucht, es war ganz schön da.“ (BA, S.113)

Noch an mehreren Stellen in den Büchern 1 – 3 findet man die Verwendung der Straßenbahn. Sie wird in den verschiedensten Situationen genutzt. Sie verbindet verschiedene Orte der Handlung und verbindet verschiedene Geschichten.

2.2. Die Erzählsituation

Döblins Roman Berlin Alexanderplatz wird oft als Roman im Montage- oder Collagestil bezeichnet, was als Zusammenfügung verschiedener Versatzstücke verstanden werden kann, die unterschiedliche Stile aufweisen. So finden sich in Berlin Alexanderplatz Bibelzitate (BA, S.49), Zeitungsartikel (BA, S.51), Wetterberichte (BA, S.51), Lexikonartikel (BA, S.34) und ähnliche Fragmente. Ein Erklärungsansatz dafür ist, dass die moderne Großstadt sich kaum in einem Schreibstil erfassen und erzählen lässt und so die Vielfalt der verschiedenen Formen auch zu einer Sprachenvielfalt führt, die die diversen Ebenen der Großstadt besser erfasst. Johannes Preschl versteht die Montage als „ein Verfahren, das die Voraussetzungen des Wechsels schafft, aber nicht diesen selbst verkörpert oder schon zu seinen Auswirkungen zählt.“[6] Eine weitere Bezeichnung für diesen Stil prägt Sabine Becker mit dem Begriff „Kinostil“[7], den Döblin selbst verwendet. Darunter wird eine „Brechung der Hegemonie des Autors [verstanden] und der Verzicht auf ein fiktionales, psychologisierendes Erzählen zugunsten „realer Konturen“[8].

Die ausgewählten Textpassagen haben verschiedene Erzählsituationen, was bei der folgenden Untersuchung der Textstellen deutlich werden soll, jedoch ist die Stellung des Erzählers in allen unten aufgeführten Passagen, wie auch im gesamten Buch, heterodiegetisch, d.h. der Erzähler ist nicht am Geschehen beteiligt. Die Wahrnehmungsinstanz variiert hingegen von Passage zu Passage.

[...]


[1] Stühler, Friedrich (1989): Totale Welten. Der moderne deutsche Großstadtroman, Regensburg, S.34.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Koopmann, Helmut (1983): Der klassisch-moderne Roman in Deutschland: Thomas Mann – Döblin – Broch, Stuttgart, S.77.

[5] Zitiert wird Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz nach der Taschenbuchausgabe, München 2001; im Folgenden auch als BA abgekürzt.

[6] Preschl, Johannes (1999): Bilder der Wirklichkeit im Roman. Zur Funktion der Reportage in Döblins Berlin

Alexanderplatz, in: Poetica. Zeitschrift für Sprach- und Literaturwissenschaft, 1999, Bd. 31, S.

[7] Becker, Sabine (2001): Mit der „Straßenbahn“ durch die Moderne. Alfred Döblin – Leitfigur der literarischen Moderne 1910-1930, in: Eggert & Prauß [Hrsg.]: Internationales Alfred-Döblin-Kolloquium, Bern 2003, S.32.

[8] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Alfred Döblin - 'Berlin Alexanderplatz'
Untertitel
Die Straßenbahn und die Frage nach ihrer Bedeutsamkeit für die Raumdarstellung im Roman
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V131007
ISBN (eBook)
9783640370245
ISBN (Buch)
9783640369867
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alfred, Döblin, Berlin, Alexanderplatz, Straßenbahn, Frage, Bedeutsamkeit, Raumdarstellung, Roman
Arbeit zitieren
Nancy Reinhardt (Autor), 2007, Alfred Döblin - 'Berlin Alexanderplatz', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131007

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