Die Erfahrungskrise des modernen Ichs in der Erfahrungswelt der Großstadt führte in der Kunst zu einem Großstadtmythos. In der Literatur wurde dieser vom Naturalismus vorbereitet, von den Expressionisten popularisiert und bis in die 20er Jahre fortgeführt. An der Entwicklung zum modernen Großstadtroman hat Alfred Döblin großen Anteil. "Berlin Alexanderplatz" ist einer der wenigen deutschen Großstadtromane „und er wurde am Ende einer Zeit geschrieben, die geradezu einem Großstadtmythos erlegen war.“ (Koopmann, Helmut (1983): Der klassisch-moderne Roman in Deutschland: Thomas Mann – Döblin – Broch, Stuttgart, S.77)
Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Raumdarstellung in "Berlin Alexanderplatz" und legt besonderes Augenmerk auf die Fragestellung, ob der Straßenbahn als einer Errungenschaft der Moderne eine besondere Bedeutung bei der Raumdarstellung im Roman zukommt. Einer kurzen Einordnung der ausgewählten Textpassagen folgt eine Analyse der Erzählsituation der einzelnen Passagen. Im dritten Teil der Hausarbeit wird das Motiv der Straßenbahn auf seine Funktion und Bedeutung sowohl für die Struktur des Romans, als auch für die Hauptfigur und den Leser untersucht.
Was die bereits publizierte Forschung zu Berlin Alexanderplatz angeht, so findet die Straßenbahn darin kaum Beachtung bzw. ist kein dominierender Gegenstand einer bereits existierenden Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse
2.1. Einordnung der Textpassagen
2.2. Die Erzählsituation
2.3. Die Raumdarstellung
2.3.1. Straßenbahn als formale Verbindung einzelner Sequenzen
2.3.2. Die Straßenbahn als Fortbewegungsmittel und abgeschlossener Raum für die Hauptfigur Franz Biberkopf
2.3.3. Die Straßenbahn als Orientierungshilfe/ Einführung für den Leser
3. Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung der Straßenbahn als zentrales Motiv für die Raumdarstellung in Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“. Dabei wird analysiert, inwiefern dieses moderne Verkehrsmittel zur strukturellen Verknüpfung der Romanhandlung beiträgt, als Schutzraum für den Protagonisten fungiert und dem Leser als Orientierungshilfe innerhalb der komplexen urbanen Topografie Berlins dient.
- Die Straßenbahn als formale Verbindung innerhalb der Montagetechnik des Romans.
- Die semantische Aufladung der Straßenbahn als Fortbewegungsmittel und Rückzugsort für Franz Biberkopf.
- Die Funktion des öffentlichen Nahverkehrs zur Etablierung einer mentalen Landkarte für den Leser.
- Die Einordnung des Motivs in den Kontext der modernen Großstadtliteratur und Raumtheorie.
Auszug aus dem Buch
2.3.1. Die Straßenbahn als formale Verbindung einzelner Sequenzen
In seinen theoretischen Vorüberlegungen entwirft Alfred Döblin die Idee zur „Ausbildung einer urbanen Ästhetik“ Anders als der Expressionismus, der die Wirklichkeit fragmentarisch, telegrammartig darstellte, suchte Döblin nach Möglichkeiten der „Modernisierung der epischen Großform“ Roman. Dies gelang ihm durch die Montage von „reihendem `Kinostil´“ und dem „beschreibenden Berichtstil“ Döblin erarbeitete ein „Konzept der Sachlichkeit“, das prägend war „für eine moderne realistische Schreibweise“
Die Verknüpfung verschiedener Erzählweisen lässt sich anhand von Berlin Alexanderplatz gut nachvollziehen. Die oben aufgeführten Textpassagen dokumentieren dies bereits bei der Analyse ihrer Erzählsituationen. Auch jede einzelne dieser Passagen in ihrem jeweiligen Kontext ist mit unterschiedlichen Textteilen, mit anderen Erzählsituationen, verbunden. Nimmt man beispielsweise den Anfang des zweiten Buches, welcher mit der biblischen Geschichte von Adam und Eva beginnt, dann fortgesetzt wird mit den Emblemen verschiedener Berliner Institutionen, öffentlichen Bekanntmachungen, einem Wetterbericht, den Informationen, die vermeintlich in einer Straßenbahn der Linie 68 über Haltestellen, Tarife und Verhalten in der Straßenbahn zu lesen sind, der Schilderung einer kurzen Episode eines Straßenbahnbenutzers bis hin zu einer topographischen Beschreibung der Straßenbahn und der Industrie rings um den Rosenthaler Platz.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Entwicklung des modernen Großstadtromans und definiert die Fragestellung zur Rolle der Straßenbahn als raumkonstituierendes Element in Döblins Werk.
2. Analyse: Das Hauptkapitel untersucht die Einordnung der Textstellen, die Erzählsituation und die theoretischen Aspekte der Raumdarstellung im Hinblick auf das Motiv der Straßenbahn.
2.1. Einordnung der Textpassagen: Dieser Abschnitt verortet die relevanten Textstellen innerhalb der ersten drei Bücher des Romans und zeigt deren inhaltliche Verknüpfung mit der Lebensgeschichte von Franz Biberkopf auf.
2.2. Die Erzählsituation: Hier wird der für den Roman charakteristische Montage- und Kinostil analysiert und untersucht, wie der Erzähler die Wahrnehmungsinstanzen in den ausgewählten Passagen variiert.
2.3. Die Raumdarstellung: Dieses Kapitel führt in kulturwissenschaftliche Raumtheorien ein, um die Grundlage für die spezifische Analyse der Straßenbahn als strukturelles Element zu schaffen.
2.3.1. Straßenbahn als formale Verbindung einzelner Sequenzen: Der Abschnitt erläutert, wie die Straßenbahn als „Netzstruktur“ fungiert, um unzusammenhängende Berichte und Handlungsstränge innerhalb der Großstadt zu verknüpfen.
2.3.2. Die Straßenbahn als Fortbewegungsmittel und abgeschlossener Raum für die Hauptfigur Franz Biberkopf: Diese Analyse fokussiert auf die psychologische Bedeutung der Straßenbahn, die Biberkopf sowohl physische Mobilität als auch temporäre Geborgenheit in der Anonymität bietet.
2.3.3. Die Straßenbahn als Orientierungshilfe/ Einführung für den Leser: Dieser Teil verdeutlicht, dass die detaillierten Beschreibungen von Linien und Haltestellen dem Leser dabei helfen, eine mentale Landkarte der fiktionalen Stadt Berlin zu erstellen.
3. Zusammenfassung der Ergebnisse: Das Fazit resümiert die funktionale Bedeutung der Straßenbahn für die Struktur, die Hauptfigur und die Leserführung und ordnet sie in den diskursiven Kontext der Sekundärliteratur ein.
Schlüsselwörter
Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz, Straßenbahn, Großstadtroman, Raumdarstellung, Montage, Kinostil, Franz Biberkopf, Moderne, urbane Ästhetik, Literaturwissenschaft, Netzstruktur, Topografie, Erzähltechnik, Stadterzählung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung und Funktion des Straßenbahn-Motivs in Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ im Kontext der Darstellung urbaner Räume.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die literarische Raumtheorie, die Montagetechnik des Romans sowie die symbolische und funktionale Rolle des öffentlichen Nahverkehrs in der Großstadtliteratur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, nachzuweisen, dass die Straßenbahn weit mehr als ein bloßes Transportmittel ist, sondern eine strukturgebende Funktion bei der Verknüpfung der Erzählung und der Orientierung für Figur und Leser einnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text des Romans in den Kontext bestehender kulturwissenschaftlicher Theorien zum Raum (spatial, topographical, topological turn) stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Erzählsituation, die theoretische Rahmung der Raumdarstellung und die detaillierte Untersuchung der Straßenbahn unter drei Aspekten: formale Struktur, Bedeutung für den Protagonisten und Orientierungsfunktion für den Leser.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Berlin Alexanderplatz, Großstadtroman, Montage, Raumdarstellung und urbane Ästhetik.
Welche Bedeutung hat der „Kinostil“ für die Raumdarstellung?
Der Kinostil ermöglicht eine „Brechung der Hegemonie des Autors“ und fördert die Darstellung des Raumes durch „reale Konturen“, was eine dynamische und fragmentarische Wahrnehmung der Großstadt unterstützt.
Warum wird die Straßenbahn als Schutzraum für Franz Biberkopf interpretiert?
Sie bietet ihm einen kleinen, abgeschlossenen Raum innerhalb der anonymen und belebten Außenwelt, der ihm in Momenten der Überforderung Ruhe und Schutz vor der „totale[n] und dingliche[n] Übermacht“ der Stadt gewährt.
Wie hilft das Motiv dem Leser bei der Lektüre?
Durch die präzisen Nennungen von Straßenbahnlinien und Haltestellen werden Eckpunkte gesetzt, die den Leser dabei unterstützen, eine mentale Landkarte der erzählten Welt aufzubauen.
- Arbeit zitieren
- Nancy Reinhardt (Autor:in), 2007, Alfred Döblin - 'Berlin Alexanderplatz', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131007