Georg Simmel: Formale Soziologie und die quantitative Bestimmtheit der Gruppe


Seminararbeit, 2002

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Simmel: Formale Soziologie

Simmel: Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung

Simmel: Die quantitative Bestimmtheit der Gruppe

Simmel: Intention, Systematik und Kritik

Simmel: Formale Soziologie

Georg Simmel (1858-1918) war der deutsche Soziologe mit den meisten internationalen Beziehungen. Ein enger Freund und Förderer war Max Weber. Simmel setzte sich v.a. mit den Problemen der Konstitution der Einzelwissenschaft Soziologie, ihres Erkenntnisobjekts und ihrer Methode auseinander. Simmel gilt daher auch als einer der Begründer der Soziologie, die er als formale Soziologie definierte.

Simmel unterschied zwischen dem Verstehen des Sachgehalts als dem von Zeit und Raum unabhängigen Begreifen des Inhalts und dem historischen Verstehen, das eigentlich kein inhaltliches Verstehen ist, sondern die Einbettung von Ereignissen, Personen, Sachverhalten in dem aktiven Fluss des Lebens. Soziologie als eigenständige Wissenschaft hielt Simmel für möglich, wenn man die Formen des sozialen Lebens aus ihren inhaltlichen Bezügen herauslösen und diese Formen für sich untersuchen kann. Die „Formen der Vergesellschaftung“ – so der Untertitel von Simmels Buch „Soziologie“ (1908) – sind der eigentliche „Gegenstand“ dieser Wissenschaft. Er kann nicht als solcher aus der Wirklichkeit entnommen werden, sondern wird erst durch die Trennung von Form und Inhalt „erzeugt“. Unter dieser Voraussetzung kann die Soziologie aber eine eigene Wissenschaft sein, ja sogar eine exakte Wissenschaft.

Die „Formen“ der Vergesellschaftung lassen sich bestimmen als die Strukturen, die aufgrund der Wechselwirkungen zwischen Individuen und Gruppen entstehen. “Gesellschaft“ beruht auf Wechselwirkung, auf Beziehung; und die konkreten sozialen Wechselwirkungen weisen zwei Aspekte auf: Form und Inhalt. Die sozialen Inhalte begründen keine eigene, spezifisch-soziologische Interpretation, weil sie auch Gegenstand anderer Wissenschaften sind. Eine Wissenschaft „Soziologie“ muss sich daher mit den formalen Aspekten beschäftigen. Die Abstraktion vom Inhalt ermöglicht es, „die Tatsachen, die wir als die gesellschaftlich-historische Realität bezeichnen, wirklich auf die Ebene des bloß Gesellschaftlichen“ zu projizieren. Die Inhalte werden erst durch die Formen der Wechselwirkung oder Vergesellschaftung zu gesellschaftlichen. Erst auf diese Weise ist zu erfassen, „was an der Gesellschaft wirklich ‚Gesellschaft’ ist [...]“.[1]

Begriffsdefinition: „Formale Soziologie bezeichnet einen theoretischen Ansatz zur Bestimmung von Methode und Gegenstandsbereich der Soziologie Simmels als einer „Lehre von der Vergesellschaftung als solcher“ (Simmel 1908), präziser den „Zweck des soziologischen Problems“ in „der Feststellung, systematischen Ordnung, psychologischen Begründung und historischen Entwicklung der reinen Formen der Vergesellschaftung“ (Simmel 1917).“[2]

Dazu bedient sich Simmel der von ihm beispielhaft angeführten drei soziologischen Apriori, die dem Wissen der Gesellschaftsmitglieder über ihr „Gesellschafts-Sein“ (Dahme 1981, S. 448) entsprechen. Nach dem ersten Apriori sehen wir den anderen jeweils nur stets „in irgendeinem Maße verallgemeinert“ (S. 47). Das zweite Apriori besagt, dass „jedes Element einer Gruppe nicht nur Gesellschaftsteil, sondern außerdem noch etwas ist“ (S. 51). Und das dritte Apriori verweist auf die grundsätzliche Möglichkeit des einzelnen, einer Gesellschaft zuzugehören.

Simmel: Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung

Simmels Soziologie von 1908 gehört zu den klassischen Werken der Soziologie. An Beachtung hat dieser Monographie seit ihrem Erscheinen nicht gefehlt. Sie gehört weltweit bis heute zur soziologischen Pflichtlektüre, wenn nicht als Ganzes, so in Ausschnitten. In dieser programmatischen Schrift unterscheidet er zwischen den „Formen“ der Vergesellschaftung und den „Inhalten“, die erst dann zu gesellschaftlichen werden, wenn sie von den „Wechselwirkungen“ zwischen den Individuen aufgenommen sind. Damit komme man in Absetzung zu den gängigen Ansätzen zu einer „reinen Soziologie“, die, weil sie ein eigenes Objekt habe, mehr als nur eine Methode sei. Damit geht Simmel als erster Soziologe richtungsweisend für die moderne Soziologie nicht mehr von der Gesellschaft aus.

Nach Simmel „sollte man nicht von Gesellschaft, sondern von Vergesellschaftung sprechen“ (Simmel 1917 A, S.13 f.), denn Gesellschaft ist ein Ablauf, in dem „die Einzelnen vermöge gegenseitig ausgeübter Beeinflussung und Bestimmung verknüpft sind“ (Simmel 1917 A, S. 13). Diese Dynamik des „Wirkens und Leidens“ (Simmel 1917 A, S. 14) ist ein gradueller Vorgang, in dem „mehr oder minder“ Gesellschaft geschaffen wird. Gesellschaft ist „keine Substanz, nichts für sich Konkretes, sondern ein Geschehen...“ (Simmel 1917 A, S. 14). Mit dieser dynamischen und relationalen Wendung des Gesellschaftsbegriffs drückt Simmel aus, dass es ihm nicht auf die Bildung globaler Gesellschafts theorien, sondern – um den Untertitel seiner Soziologie in Erinnerung zu rufen – auf die Untersuchung (ausgewählter) Formen der Vergesellschaftung ankommt.

Die sogenannte „Große“Soziologie setzt mit dem Aufriss der Soziologie ein, dem der erkenntnistheoretische Exkurs „Wie ist Gesellschaft möglich?“ eingeschoben ist. Ausgehend von der „ungeselligen Geselligkeit“ des Menschen rückt das Problem der Vergesellschaftung ins Zentrum, unter der Simmel „die, in unzähligen verschiedenen Arten sich verwirklichende Form“ versteht, „in der die Individuen auf Grund jener [...] Interessen sich verwirklichen“ (GSG[3], Bd. 11, S. 19). Darum kann Soziologie „nur diese Wechselwirkungen, diese Arten und Formen der Vergesellschaftung“ untersuchen wollen (S. 19), um als „exakte, auf das unmittelbare Verständnis des Gegebenen gerichtete Wissenschaft“ (S. 39) das soziale Geschehen erklären zu können. Die Soziologie habe sich bisher mit gesellschaftlichen Erscheinungen befasst, wie Staat, Familie, Kirche, ohne sich klarzumachen, dass es sich dabei um „auskristallisierte Wechselwirkungen“ handelt (S. 35). Damit sei der Bereich der Mikrodynamik der Vergesellschaftung ausgeblendet, sie aber mache das Gewebe der Gesellschaft aus, zeige Gesellschaft in ihrem Bildungsprozess, auch wenn die Wechselwirkungsformen soziologisch schwer zugänglich seien, da sie sich noch nicht zu Gebilden verfestigt hätten.

[...]


[1] Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, 5. Aufl., Berlin 1968, S. 9.

[2] Reinhold, 1997, S.174.

[3] Georg Simmel – Gesamtausgabe, hg. von O. Rammstedt: Aufsätze 1887-1890.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Georg Simmel: Formale Soziologie und die quantitative Bestimmtheit der Gruppe
Hochschule
Fachhochschule Bingen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Proseminar: Soziologische Theorie II
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V13105
ISBN (eBook)
9783638188470
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg, Simmel, Formale, Soziologie, Bestimmtheit, Gruppe, Proseminar, Soziologische, Theorie
Arbeit zitieren
Mag. Dominic Vaas (Autor), 2002, Georg Simmel: Formale Soziologie und die quantitative Bestimmtheit der Gruppe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13105

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