Die vorliegende Seminararbeit hat das Ziel, die sehr wenig erforschte, aber viel gelesene, Gattung der Anekdote zu betrachten.
Im Kapitel zwei werden die wichtigsten theoretischen Bestandteile der literarischen Kleinform aus der Forschungsliteratur zusammengetragen und es wird ein Blick auf die nationale und internationale Geschichte dieser Gattung geworfen. Das Kapitel beinhaltet auch eine „Checkliste“ mit den formalen und inhaltlichen Kriterien, die eine Anekdote bedingen. Schließlich wird auch ein Abgrenzungsversuch zwischen den sehr ähnlichen Gattungen, Anekdote und Schwank, unternommen.
Im Kapitel drei wird eine der berühmtesten Anekdotensammlungen vorgestellt. Es handelt sich dabei um das Volksbuch über die Streiche Till Eulenspiegels.
Das Kapitel vier stellt eine Synthese zwischen der erarbeiteten Anekdotentheorie und dem besprochenen Volksbuch dar. Anhand zweier Geschichten aus dem Buch, sollen die Charakteristika der Anekdote exemplarisch herausgearbeitet werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 Theorie der Anekdote
2.1 Terminologie
2.2 Charakteristika und das Problem einer Definition
2.2.1 Form
2.2.2 Inhalt
2.2.3 Resümee
2.2.3.1 Kompositionsprinzip und Erzählsituation nach Schäfer
2.2.3.2 Eine mögliche Definition von Dalitzsch
2.2.3.3 Checkliste der wichtigsten Merkmale
2.3 Anekdote vs. Schwank – ein Abgrenzungsversuch
2.4 Die geschichtliche Entwicklung der Anekdote
2.4.1 Wurzeln
2.4.2 International
2.4.2.1 Italien
2.4.2.2 Frankreich
2.4.2.3 Die Entwicklung im englischsprachigen Raum
2.4.3 Im deutschen Sprachraum
3 Die Anekdotensammlung „Ein kurtzweilig lesen von Dyl Ulenspiegel geboren uss dem land zu Brunsswick. Wie er sein leben volbracht hatt. (und) XCVI. seiner geschichten.“
3.1 Der Protagonist
3.2 Das Volksbuch und die frühesten Drucke
3.3 Der Autor
3.4 Die Ausgabe von 1515
4 Analyse zweier Anekdoten des Volksbuches
4.1 Die erste Historie
4.1.1 Originaltext (Druck von 1515)
4.1.2 Terminologie
4.1.3 Typische anekdotische Merkmale
4.2 Die fünfundneunzigste Historie
4.2.1 Originaltext (Druck von 1515)
4.2.2 Terminologie
4.2.3 Typische anekdotische Merkmale
5 Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die wenig erforschte literarische Gattung der Anekdote theoretisch zu bestimmen und deren Merkmale anhand der historischen Eulenspiegel-Geschichten zu validieren.
- Herleitung einer präzisen Anekdotendefinition und Abgrenzung zum Schwank
- Historischer Abriss der Anekdotenentwicklung von der Antike bis in die Neuzeit
- Detaillierte Untersuchung des Volksbuches über Till Eulenspiegel
- Exemplarische Analyse von zwei ausgewählten Historien (Geburt und Begräbnis)
- Überprüfung der literaturwissenschaftlichen Kriterien an den Eulenspiegel-Texten
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Originaltext (Druck von 1515)
Die erst Histori sagt, wie Dil Ulenspiegel geboren und zu dreien Malen eins Tags gedöfft ward und wer sein Douffgötel waren.
Bei dem Wald Melbe genant, in dem Land zu Sachsen, in dem Dorff Knetlingen, da ward Ulenspiegel geboren. Und sein Vatter hieß Claus Ulenspiegel und sein Muter Ann Wibcken. Und da sie des Kinds gnas, schickten sie es gen Ampleven in daz Dorff zu dem Tauff und liessen es heissen Dil Ulenspiegel. Und Dil von Uetzen, der Burger zu Ampleven, ward sein Tauffpfetter. (Und Ampleven ist daz Schloß, daz die von Magdburg etwan vor funnfftzig Jaren mit Hilff der andern Stät für ein böß Raubschloß zerbrachen. Die Kirchen und daz Dorff dabei hatt nun der wirdig Arnolff Pfaffenmeier, Apt zu Sunten Ägidien.).
Da nun Ulenspiegel geteufft ward und sie daz Kind wider wolten geen Knetlingen tragen, also wolt die Tauffgöttel, die daz Kind truge, endlich uber ein Steg gon, daz zwische Knetlingen und Ampleven ist, und sie hetten dazu vil Birs getruncken nach der Kindtöffe. (Dann da ist die Gewonheit, daz man die Kinder nach der Töffe in daz Bierhuß trägt und sind frölich und vertrincken die Kinder also, daz mag dann des Kinds Vatter bezaln.) Also fiel die Göttel in die Lachen und besudelt sich und das Kind so jämerlich, das daz Kind schier erstickt was. Da halffen die andern Frauwen der Badmumen mit dem Kind wider uß und giengen heim in ihr Dorff und wuschen das Kind in einem Kessel und machten es wider suber und schon. Da ward Ulenspiegel eins Tags dreimal geteufft, einmal im ´Tauff, einmal in der Lachen, und eins im Kessel mit warmen Wasser (Lindow 1978, 9ff).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Vorwort: Einführender Überblick über die Zielsetzung der Arbeit, die Erforschung der Gattung Anekdote sowie die geplante methodische Vorgehensweise.
2 Theorie der Anekdote: Definition der Gattung, Erarbeitung formaler und inhaltlicher Kriterien sowie Abgrenzung zum Schwank und geschichtlicher Überblick.
3 Die Anekdotensammlung „Ein kurtzweilig lesen von Dyl Ulenspiegel geboren uss dem land zu Brunsswick. Wie er sein leben volbracht hatt. (und) XCVI. seiner geschichten.“: Vorstellung des Protagonisten, der Textgeschichte der frühen Drucke und der Autorenschaft sowie der spezifischen Ausgabe von 1515.
4 Analyse zweier Anekdoten des Volksbuches: Anwendung der erarbeiteten Anekdotentheorie auf zwei spezifische Geschichten zur exemplarischen Illustration der Gattungsmerkmale.
5 Schlussbetrachtungen: Synthese der Ergebnisse und Bestätigung, dass die untersuchten Geschichten den Anekdotenkriterien entsprechen.
Schlüsselwörter
Anekdote, Till Eulenspiegel, Volksbuch, Literaturwissenschaft, Schwank, Gattungstheorie, Historie, Pointe, Erzählweise, Mittelalter, Renaissance, Sprachgeschichte, Definition, Kompositionsprinzip, Faktizität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die literarische Kleinform der Anekdote, definiert sie wissenschaftlich und analysiert ihr Vorkommen innerhalb des Eulenspiegel-Volksbuches.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Gattungsbestimmung, die historische Entwicklung der Anekdote, die Erforschung von Till Eulenspiegel als literarischer Figur sowie die Anwendung theoretischer Kriterien auf konkrete Texte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aus der Forschungsliteratur die theoretischen Bestandteile der Anekdote zu extrahieren und an den Historien des Eulenspiegel-Buches zu belegen, dass diese legitim als Anekdoten bezeichnet werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Theoriebildung durch Sekundärliteratur mit der praktischen textuellen Erschließung und Analyse von Primärquellen verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur Anekdote, eine Vorstellung des Eulenspiegel-Werkes inklusive Autorenschaft und Druckgeschichte sowie eine detaillierte Analyse der Geschichten um Eulenspiegels Geburt und Begräbnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird primär durch die Begriffe Anekdote, Till Eulenspiegel, Volksbuch, Gattungstheorie und Pointe charakterisiert.
Warum wird im Kontext von Eulenspiegel oft der Begriff Schwank verwendet?
In der Fachliteratur wird das Eulenspiegel-Buch traditionell auch als Schwankbuch bezeichnet; die Autorin setzt sich kritisch damit auseinander, warum die Einordnung als Anekdotensammlung jedoch ebenfalls valide ist.
Welche Bedeutung haben die Holzschnitte in der Ausgabe von 1515 für die Analyse?
Die Holzschnitte dienen der Illustration und visualisieren zumeist die Pointe der jeweiligen Historie, wobei Eulenspiegel stets als zentrale Hauptfigur hervortritt.
Was ist das Ergebnis der Analyse der Eulenspiegel-Geburt?
Die Analyse zeigt, dass die Geschichte durch ihre Kürze, die Verwendung des Präteritums, die Konzentration auf eine einzige Situation und die pointe-artige dreifache Taufe eindeutig die Kriterien einer Anekdote erfüllt.
Wie unterscheidet sich die Anekdote laut Arbeit von einem Schwank?
Während bei der Anekdote die historische Person und die Charakterisierung im Zentrum stehen, liegt der Fokus beim Schwank oft auf der Handlung, die zudem häufiger durch Derbheit und Übertreibungen gekennzeichnet ist.
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- Mag. Sylvia Jungmann (Author), 2007, Anekdoten: Die Theorie der Anekdote, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131073