Die Bundeswehr in Afghanistan

Eine Zivilmacht in der Multilateralismusfalle?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Kontinuität und Wandel in der deutschen Außenpolitik
A. Deutschland als Großmacht?
B. Deutschland als Institutionsmacht?
C. Deutschland als Zivilmacht?
D. Deutschland als Selbstbeschränkungsmacht?
E. Deutschland in der Mulitlateralismusfalle?

III. Die Bundeswehr in Afghanistan
A. Internationale Solidarität – Amerikanisches Zögern
B. Afghanistan im Herbst
C. UN-Truppe an den Hindukusch
D. Die NATO übernimmt
E. Deutschland übernimmt das Regionalkommando Nord
F. Die Lage verschärft sich – Bundeswehr ab in den Süden?!
G. Erster deutscher Gefechtsverband im Einsatz

IV. Fazit und Resümee

V. Literatur
A. Offizielle Dokumente
B. Monographien und Artikel
C. Zeitungs-, Zeitschriften-, und Online-Artikel

I. Einleitung

Die Sicherheitslage in Afghanistan verschärft sich zunehmend. Im Sommer 2008 erreichte sie den bisherigen Höhepunkt. Aufständische greifen die ISAF-Truppen immer häufiger auch offensiv an. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung bildet der 19. August 2008: Nur 50 Kilometer vom scheinbar befriedeten und sicheren Kabul entfernt kam es zu einem massiven Angriff Aufständischer gegen eine Patrouille des französischen ISAF-Kontingents bei dem zehn Soldaten fielen und über zwanzig verwundet wurden. Insgesamt gab es im laufenden Jahr erstmals mehr gefallene NATO-Soldaten in Afghanistan als US-Soldaten im Irak zu beklagen.

Nicht erst seit den jüngsten Ereignissen steht die Bundesregierung unter dem Druck westlicher Verbündeter das deutsche Engagement in Afghanistan auszuweiten. Nur stufenweise erklärten sich Kanzlerin Merkel und ihr Vorgänger Schröder dazu bereit. Die vorerst letzte genommene Stufe war die Übernahme der Quick Reaction Force (QRF) am 1. Juli 2008. Für viele Kommentatoren stellte der QRF-Kommandowechsel einen neuen Grad des Einsatzes deutscher Soldaten dar.[1]

Die vorliegende Arbeit versucht aufbauend auf Hanns Maulls Zivilmacht -Konzept[2] sowie Markus Kaims Konzept der Multilateralismusfalle[3] die Frage zu beantworten, inwiefern interne Verhaltensmuster sowie externer Druck die sicherheitspolitischen Entscheidung der Bundesregierung beeinflussen. Mit anderen Worten: Steckt die Zivilmacht Deutschland in der Mulitlateralismusfalle ?

Eine Leitfrage erscheint in diesem Zusammenhang evident: In wiefern wird die von Franz-Josef Meiers postulierte Rote Linie[4] auf Grund der veränderten Sicherheitslage in Afghanistan durch die Regierung-Merkel überschritten? Zugespitzt formuliert: Wird zukünftig reguläre deutsche Kampftruppe offensiv in Afghanistan eingesetzt werden?

Folgende Kriterien der Einsätze werden zur Beantwortung der Fragestellung herangezogen: Erstens, welche außenpolitischen Forderungen von Seiten der Alliierten wurden der Bundesregierung bei der Entscheidung zur Entsendung von deutschen Soldaten gemacht? Und unter welchem innenpolitischen Druck bzw. Gegendruck wurden diese Entscheidungen getroffen? Und zweitens, welche Konsequenzen, bzw. welche Entscheidungen trafen die Bundesregierung und der Bundestag daraufhin? Genauer: Wie sah der jeweilige quantitative (etwa Umfang und Dauer der Einsätze) und wie der qualitative Ansatz (etwa Auftrag, rules of engagement (ROE), Art der Truppe und Ausrüstung) aus?

Vor der Beantwortung der Fragestellung wird zunächst in Kapitel II der theoretische Rahmen der Arbeit definiert. Dabei werden zum einen die in dem Buch „Zu neuen Ufern?“[5] zusammengefassten vier Ansätze zur außenpolitischen Entwicklung Deutschlands nach der Wiedervereinigung – der defensiv Neorealismus, der rationale Institutionalismus, der demokratische Liberalismus sowie der Sozialkonstruktivismus – von Franz-Josef Meiers betrachtet. Und zum anderen, basierend auf dem Text „Deutsche Auslandseinsätze in der Multilaterismusfalle“[6] von Markus Kaim, das Konzept der Multilateralismusfalle, dessen Argumentation deutlich in der Tradition des rationalen Institutionalismus steht, beschrieben.

In Kapitel III folgt eine Darstellung der Entwicklung des deutschen Engagements in den gegenwärtigen Afghanistan-Einsätzen OEF und ISAF. Als Quelle dienten hauptsächlich die Texte „Auslandseinsätze der Bundeswehr“[7] von Lutz Holländer sowie „Die roten Linien der deutschen Außenpolitik“[8] und „Crossing the red lines“[9] von Meiers. Es wird sowohl eine quantitative, als auch eine qualitative Steigerung in der Beteiligung an den Einsätzen erkennbar. Allerdings ist es fraglich in wiefern die Merkel-Regierung die von ihrem Vorgänger gesteckten Grenzen überschreitet. Eindeutig scheint zu sein, inwiefern Deutschland tatsächlich in der Multilateralismusfalle steckt. Dies wird abschließend im letzten Kapitel erörtert.

II. Kontinuität und Wandel in der deutschen Außenpolitik

Während des Kalten Kriegs war die bundesdeutsche Außenpolitik durch Kontinuität fest in das multilaterale euro-atlantische Fundament eingebettet; die Parolen „Nie wieder!“ und „Nie wieder alleine!“ bestimmten den außenpolitischen Kurs des Landes. Doch mit der Wiedervereinigung und somit dem Ende des Kalten Kriegs bekam dieses Fundament Risse. Die sicherheits- und geopolitische Situation und die Machtverhältnisse in Europa änderten sich schlagartig; in Folge dessen rückte eine mögliche zukünftige Rolle des wiedervereinten Deutschlands in den Mittelpunkt der politikwissenschaftlichen Diskussion: Wird Deutschland nach dem Verlust seines „geopolitischen Kokons“[10] aus seinem von Kontinuität geprägtem Dornröschenschlaf erwachen? Wird Europa erneut die Deutsche Frage beantworten müssen? Oder wird Deutschland weiterhin an der außenpolitischen Kontinuität festhalten und somit ein Spagat zwischen dem geopolitischen Wandel und der eigenen unveränderten Ausrichtung wagen müssen?

Die in diesem Kapitel beschrieben Theorie Ansätze basieren auf den bereits genannten Schriften von Franz-Josef Meiers und Markus Kaim. Meiers nimmt – anders als etwa Rainer Baumann und Gunther Hellmann, welche lediglich zwischen drei verschiedenen Ansätzen der möglichen Entwicklung deutscher Außenpolitik unterscheiden[11] – Bezug auf vier verschiedene Ansätze, welche er den vier dominierenden Denkschulen der Internationalen Beziehungen zuordnet. Diese sind zum einen die exogenen Erklärungsansätze des defensiven Neorealismus und des rationalen Institutionalismus sowie zum anderen die endogenen Erklärungsansätze des demokratischen Liberalismus sowie des Sozialkonstruktivismus.

Darüber hinaus steht zwar der Ansatz von Markus Kaim – die Multilateralismusfalle –in der Tradition des rationalen Institutionalismus, thematisiert allerdings die negative Auswirkung des Multilateralismus auf die Entscheidungsfreiheit deutscher Außenpolitik.

A. Deutschland als Großmacht?

Dem neorealistischen Ansatz folgend wird gefolgert, dass das wiedervereinte Deutschland als starke und selbstbewusste Großmacht auftritt und seinen Machtanspruch international zur Geltung bringen möchte. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei verschiedene Strömungen des Neorealismus.

Der offensive neorealistische Ansatz ist allerdings als gescheitert anzusehen und darf vernachlässigt werden. Vertreter dieser Strömung argumentierten, dass sich das wiedervereinte Deutschland von der außenpolitischen Tradition der Bonner Republik verabschieden und eine Hegemonialmachtstellung in Europa anstreben würde. Nach Meinung Meiers, gibt es seit 1989/90 keine Anhaltspunkte, die diese Entwicklung bestätigen könnten. Vielmehr sei die deutsche Vereinigung als Katalysator für die beschleunigte Integration Europas zu verstehen. Ferner würden die „Grundorientierungen der alten Bundesrepublik“ auch nach der Wende die zentrale Staatsraison Deutschlands sein.[12]

Anders argumentieren die Vertreter des defensiven Neorealismus, sie stellen die von Adenauer begonnene Orientierung an den euro-atlantischen Bündnissen eben nicht in Frage. Nach ihrem Verständnis würde das vereinte Deutschland auf Grund der gesteigerten Machtressourcen[13] selbstbewusster und unbefangener seinen Machtanspruch innerhalb der euro-atlantischen Institutionen EU und NATO formulieren. Mit anderen Worten Deutschland als „Zentralmacht Europas“, welches die internationalen Institutionen nutzt, um sein Eigeninteresse durchzusetzen.[14]

Nach der Meiers´ Hypothese würde dies für die deutsche Außenpolitik bedeuten, dass Deutschland seinen Machtzuwachs gezielt einsetzt, um seine Position in NATO und EU auszuweiten. Somit würde sich das Land weiterhin an multinationalen Auslandsmissionen beteiligen. Folglich würde auch die Transformation der Bundeswehr fokussiert werden, weil die Durchsetzung „nationaler Interessen entscheidend vom militärischen Beitrag deutscher Streitkräfte im euro-atlantischen Handlungszusammenhang abhängt.“[15]

B. Deutschland als Institutionsmacht?

Vertreter der neoliberalen Denkschule argumentierten, dass das wiedervereinte Deutschland als Institutionsmacht versuchen wird seine nationalen Interessen nicht unilateral, wie von den Neorealisten argumentiert, sondern multilateral durchzusetzen. Auf Grund des bereits bestehenden hohen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Verflechtungsgrads stünde Deutschland vor keiner anderen Wahl als weiterhin dem bereits eingeschlagenen multilateralen Weg zufolgen.[16]

Helga Haftendorn sieht in der Kontinuität der deutschen Außenpolitik seit 1989/90, d.h. in der unangetasteten multinationalen Ausrichtung, den Beweis, dass Deutschland die europäische Integration forciert hat, da es „kein zentrales deutsches Interesse [gibt], das ohne Kooperation mit anderen verwirklicht werden kann.“[17]

Meiers stellt die Hypothese auf, dass eine vom rationalen Institutionalismus geleitete deutsche Außenpolitik an der bestehenden multilateralen Einbindung festhalten wird. Dies würde bedeuten, dass sich Deutschland partnerschaftlich mit den USA für die Anpassung der NATO an zukünftige Herausforderungen einsetzen würde, um so seinen Einfluss auf Entscheidungen des Bündnisses zu sichern und die Allianz trotz veränderter geopolitischer Lage zu bewahren.[18] Darüber hinaus würde sich Deutschland seinen internationalen Verpflichtungen stellen und substantielle militärische Fähigkeiten in Bereitschaft halten, um erstens eine anarchische Weltordnung zu verhindern und zweitens Verlässlichkeit gegenüber den Partnern zu signalisieren. Somit würde Deutschland seine militärischen Fähigkeiten den aktuellen Erfordernissen anpassen.[19]

Diese Hypothese stützen auch mehrerer andere Politikwissenschaftler, u.a. Martin Wagener[20] und Markus Kaim (s.u.). Ihrer Meinung nach steht für Deutschland die Wahrung des multinationalen Ansatzes – oder besser die Bündnissolidarität – vor dem urbundesdeutschen Gebot der militärischen Zurückhaltung.[21]

C. Deutschland als Zivilmacht?

Als demokratisch-liberale Zivilmacht wird ein Deutschland verstanden, welches militärische Gewalt nicht grundsätzlich ablehnt, sondern vielmehr als ultima ratio ansieht, wenn alle übrigen diplomatischen oder ökonomischen Mittel ausgeschöpft sind.[22]

Das Zivilmacht -Konzept, das am stärksten durch Hanns Maull geprägt wurde, zeichnet sich durch Gewaltmonopolisierung, gewaltfreie Kultur des politischen Diskurses, Gesetzmäßigkeit, offene Teilnahme am Entscheidungsprozess, soziale Gerechtigkeit sowie Bereitschaft zum Souveränitätsverzicht, prinzipiellem Multilateralismus und Verregelung und Verrechtlichung der internationalen Beziehungen aus.[23]

Neben Maull haben sich auch andere Politikwissenschaftler mit dem Zivilmacht -Konzept auseinandergesetzt. Knut Kirst weißt etwa daraufhin, dass das Konzept stärker ausdifferenziert werden müsste, um es auf die Bundesrepublik anwenden zu können. Seiner Meinung nach, könne man im Fall Deutschlands sowohl von einem „militärisch passiven als auch militärischem Akteur“ sprechen.[24]

Seit Ende der 1990er Jahre scheint sich in der Diskussion über den zukünftigen Kurs deutscher Außenpolitik der Konsens eingestellt zu haben, dass das demokratisch-liberale Zivilmacht -Konzept am besten geeignet sei, die Entwicklung der deutschen Außenpolitik zu erklären.[25]

Meiers gibt folgende Prognosen für das Akteursverhalten einer deutschen Zivilmacht ab: Deutschland wird sich nicht nur für die Erhaltung des transatlantischen Bündnisses, sondern auch für dessen zivilmachtkonforme Umgestaltung einsetzen. Ähnlich wird dies die Regierung dies innerhalb der eigenen Streitkräfte fokussieren, um verstärkt Fähigkeiten zur Krisenprävention und Friedenssicherung zu erlangen. Diese Fähigkeiten wird die Exekutive auch abrufen müssen, wenn sie, wie Meiers argumentiert, „zur Durchsetzung und Wiederherstellung völkerrechtlicher Normen zivilmachttypische Instrumente (multilaterale institutionalisierte Diplomatie)“ einsetzen wird.[26]

D. Deutschland als Selbstbeschränkungsmacht?

Der Sozialkonstruktivismus versucht die deutsche außenpolitische Entwicklung als Resultat seines Kollektiven Gedächtnisses[27] zu erklären. Deutschland wird sich auf Grund seiner positiven Erfahrungen mit der Bündnissolidarität in der Nachkriegszeit und seinen negativen Erfahrungen in der Anwendung von Gewalt in der Zeit des Nationalsozialismus zu einer Selbstbeschränkungsmacht entwickeln. Diese Erfahrungen, die im Übrigen nicht mit den Bündnispartnern geteilt werden, sind der Grund dafür, dass sich die deutsche Außenpolitik nur widerstrebend den neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen anpassen wird.[28] Dieser deutsche Weg wird meist als Sonderweg bezeichnet.

Ähnlich wie Wittlinger und Larose kommen Andrei Markovits und Simon Reich zum Ergebnis, dass die Kollektiven Erinnerungen „als schlechtes Gewissen (Eigenvorbehalt) und traumatischer Erinnerung (Fremdvorbehalt) einer machtpolitischen Einflussmaximierung Deutschlands entgegen stehen“ und somit auch zukünftig die deutsche Außenpolitik prägen werden.[29]

In der Tradition des Sozialkonstruktivismus würde die deutsche Außenpolitik, nach Meinung von Meiers, eine Anpassung der NATO nur solange unterstützen, wie es seiner eigenen Wertvorstellung entspricht, sich aber bei einem Widerspruch deutlich vom Bündnis abgrenzen. Abweichen wird das deutsche Verhalten auch in Bezug auf den Einsatz militärischer Gewalt. Anders als seine Bündnispartner wird Deutschland eine Aversion gegen Einsätze außerhalb der Landes- oder Bündnisverteidigung entwickeln. Die Bundeswehr würde lediglich mit einem eindeutigen Mandat des UN-Sicherheitsrates zur Durchsetzung von Friedensvereinbarungen eingesetzt werden. Demzufolge würde auch eine Umgestaltung der Bundeswehr kaum notwendig sein und nur inkremental stattfinden.[30]

E. Deutschland in der Mulitlateralismusfalle?

Als Mulitlateralismusfalle hat Markus Kaim den begrenzten Endscheidungsrahmen der deutschen politischen Elite im Bezug auf die Entsendung deutscher Soldaten zu multilateralen Operationen im institutionalisierten Rahmen der NATO definiert.[31]

Kaim identifiziert drei Indikatoren zur Verifizierung seiner These. Zum einen argumentiert er, dass sich zurzeit mehr Soldaten in NATO geführten Operationen befinden als dies bei UNO oder EU geführten der Fall sei.[32] Kaim suggeriert indirekt, dass sich die Bundeswehr stärker an NATO Operationen beteiligt als an anderen Missionen, da es sich eher einem Engagement bei der UNO oder der EU verweigern kann als bei der NATO. Tatsächlich beteiligt sich mit Stand vom 20. August 2008 die Bundeswehr mit 5.725 Soldaten an NATO geführten gegenüber lediglich 285 Soldaten in UN bzw. 120 Soldaten in EU geführten Operationen. Darüber hinaus sind z.Zt. 90 Soldaten an der OEF beteiligt, welche keinen Einsatz innerhalb eines institutionalisierten multilateralen Rahmens darstellt.[33]

Zweitens bezweifelt Kaim, dass es konsequente Kriterien für die Entsendung von deutschen Truppen gibt. Er folgert aus dem Verhalten der Bundesregierung, dass Deutschland nachdem sich im multilateralen Rahmen eine Einsatzoption ergeben hat ein Quasi-Interesse „entdeckt“, um somit eine Legitimation für die bevorstehende deutsche Beteiligung an diesem Einsatz zu finden.[34]

Einen weiteren Indikator sieht Kaim in der gegenwärtigen deutschen Afghanistanpolitik: Da sich die „entdeckten“ deutschen Interessen nicht immer mit den nationalen Interessen decken, spricht Kaim von einer „ablehnenden Zustimmung“. Zwar gäbe es eine politische Zustimmung für den Einsatz und Politiker würden immer wieder die Wichtigkeit des Erfolges aufführen, aber nationale militärische Vorbehalte, sog. caveats, würden dennoch den Erfolg der Mission bedrohen. Wenn also die NATO eine Mission beschließt, könne sich die Bundesregierung nicht vollständig entziehen – es sei den Deutschland wolle sein Ansehen „als vertraulicher dem multilateralen Handel verpflichteter Bündnispartner“ riskieren.[35]

Allerdings ist, nach Kaims Meinung, die Multilateralismusfalle nicht per se negativ. Immerhin erhalte Deutschland dadurch Zugang zu Informationen anderer Nationen sowie erweiterte (militärische) Handlungsoptionen. Außerdem hat die Bundesregierung einen größeren Einfluss auf die Präferenzbildung anderer Regierungen und letztendlich – ganz dem liberal-demokratischen Gedanken verpflichtet – mindern kooperative Verhaltensmuster die Konfliktbereitschaft.[36]

Daher sei der einzige Weg Deutschlands der Multilaterale. Falls die deutsche Außenpolitik unilateral handele, riskiere sie die Isolation innerhalb der NATO und auch deren Aushöhlung. Daher ist es für Kaim sinnvoll, frühzeitig in den Diskussionskurs und die Beschlüsse der Allianz einzuwirken.[37]

Kaims Argumentation könnte umgekehrt zu dem Schluss führen, dass auch andere Länder in dieser Falle stecken. Auch wenn sie außen- wie innenpolitisch nicht dieselben Voraussetzungen die Deutschland haben, ist es sehr wahrscheinlich das andere Länder zu einem gewissen Grad ebenfalls in der Mulitlateralismusfalle stecken. Wie realistisch erscheint es etwa, dass sich Großbritannien nach den Terroranschlägen vom 11. September überhaupt nicht in Afghanistan engagiert hätte?

[...]


[1] Vgl u.a. Welt-Online, 30.06.08 Interview mit Generalmajor Domröse: Punktuelle Angriffe – die Taliban ändern ihre Taktik. Zugriff über www.welt.de am 02.07.08; sowie Handelsblatt-Online, 30.06.08: Bundeswehr übernimmt Verantwortung im Umkämpften Norden. Zugriff über www.handelsblatt.com am18.08.08; und Süddeutsche Zeitung Online, 21.08.08: Interview mit Volker Rühe: Unsere Soldaten hätte es genauso treffen können. Zugriff über www.sueddeutsche.de am 22.08.08.

[2] Vgl. u.a. Maull, Hanns: German foreign policy, Post-Kosovo: Still a 'civilian power?' In: German Politics, Volume 9, Issue 2 August 2000; S. 1 – 24. Sowie ders.: Conclusion: Uncertain Power – German Foreign Policy into the Twenty-First Century. In: Ders. (Hrsg.): Germany’s Uncertain Power – Foreign Policy of the Berlin Republic. Basingstoke, 2006; S. 273-286.

[3] Vgl. Kaim, Markus: Deutsche Auslandseinsätze in der Multilaterismusfalle. In: Mair, Stefan (Hrsg.): Auslandseinsätze der Bundeswehr. Leitfragen, Entscheidungsspielräume und Lehren. SWP-Studie S27; Berlin, 2007.

[4] Vgl. Meiers, Franz-Josef: Die roten Linien der deutschen Sicherheitspolitik. In: Österreichische Militärzeitschrift 3/2007, Wien, 2007; S. 291-299. Sowie ders.: Crossing the red lines? The Grand Coalition and the paradox of German Foreign Policy. In: AICGS Policy Report 32; Washington, 2008.

[5] Vgl. Meiers, Franz-Josef: Zu neuen Ufern? – Die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik in einer Welt des Wandels 1990-2000. Paderborn, 2006.

[6] Vgl. Kaim 2007.

[7] Vgl. Holländer, Lutz: Die politischen Entscheidungsprozesse bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr 1999 – 2003, Frankfurt a.M., 2007.

[8] Vgl. Meiers 2007.

[9] Vgl. ders. 2008.

[10] Vgl. Meiers 2008, S. 7.

[11] Dieses sind Kontinuität, weil innenpolitische Faktoren die außenpolitische Weiterentwicklung behindern; Remilitarisierung auf Grund des Machtzuwachses Deutschlands; sowie ein von den Verfassern favorisierter Mittelweg, bei dem außenpolitische Veränderungen von den politischen Entscheidungsträgern freiwillig durchgeführt werden, deren Ausführung jedoch von innenpolitischen Faktoren und dem internationalen Umfeld begrenzt wird. Vgl. dazu Baumann, Rainer / Hellmann, Gunther: Germany and the use of military force: 'total war', the 'culture of restraint' and the quest for normality. In: German Politics, Nr. 10 April 2001; S. 62f.

[12] Vgl. Baumann/Hellmann, S. 24f.

[13] D.h. durch die Vergrößerung des Staatsgebiets, der Bevölkerung, der Wirtschaft, der Streitkräfte sowie die verbesserte geopolitische Lage.

[14] Schwarz, Hans-Peter: Das Deutsche Dilemma. In: Kaiser, Karl / Maull, Hanns (Hrsg.): Deutschlands neue Außenpolitik, Band 1: Grundlagen. München, 1994; S. 81ff.

[15] Meiers 2006, S. 60f.

[16] Vgl. Meiers 2006, S. 31f.

[17] Haftendorn, Helga: Deutsche Außenpolitik zwischen Selbstbeschränkung und Selbstbehauptung 1945-2000. Stuttgart et al., 2001; S. 445.

[18] Vgl. Meiers 2006, S. 61.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. Wagener, Martin: Auslandseinsätze der Bundeswehr. Normalisierung statt Militarisierung deutscher Außenpolitik. In: Maull, Hanns W / Harnisch, Sebastian / Grund, Constantin: Deutschland im Abseits? Rot-grüne Außenpolitik 1998-2003. Baden-Baden, 2003; S. 33-48; sowie ders.: Auf dem Weg zu einer normalen Macht? Die Entsendung deutscher Streitkräfte in der Ära Schröder, Trierer Arbeitspapiere zur Internationalen Politik, Nr. 8, Februar 2004; und ders.: Normalization in Security Policy? Developments of the Bundeswehr Forces Abroad in Era Schröder. In: Maull, Hanns W. (Hrsg.): Germany’s Uncertain Power. Basingstoke, 2007; S. 79-94.

[21] Zit. nach Meiers 2006, S. 62; sowie Wittlinger, Ruth / Larose, Martin: No Future for Germany's Past? Collective Memory and German Foreign Policy. In: German Politics, Volume 16, Issue 4 December 2007; S. 488 und 491; außerdem Hyde-Price, Adrian: Germany and the Kosovo war: still a civilian power? In: German Politics, Volume 10, Issue 1 April 2001, S. 23; und Kaim 2007, S. 43.

[22] Als anschauliches Beispiel sei hier das politische und militärische Engagement Deutschlands während des Kosovokriegs erwähnt.

[23] Vgl. Maull, Hanns: Editorial: Deutschland auf Abwegen? In: Maul, Hanns / Harnisch, Sebastian / Grund, Constantin (Hrsg.): Deutschland im Abseits? Rot-grüne Außenpolitik 1998-2003. Baden-Baden, 2003, S. 16; sowie ders. 2000, S. 16f.

[24] Vgl. Kirste, Knut: Rollentheorie und Außenpolitikanalyse. Die USA und Deutschland als Zivilmächte. Frankfurt a.M., 1998; S. 465.

[25] Vgl. Maull 2006, S. 3; vgl. auch Wittlinger/Larose 2007, S. 484.

[26] Meiers 2006, S. 61f.

[27] Als sog. Kollektives Gedächtnis wird in der Soziologie die Fähigkeit einer Gesellschaft verstanden, Lehren aus Ereignissen der Vergangenheit durch eine gemeinsame Sichtweise in der Gegenwart zu ziehen. Vgl. dazu Wittlinger/Larose, S. 482ff.

[28] Vgl. Meiers 2006, S. 45f.

[29] Vgl. Markovits, Andrei / Reich, Simon: The German Predicament. Memory and Power in the New Europe. Ithaca, 1997; S. 3ff; sowie Wittlinger/Larose 2007 S. 282ff.

[30] Vgl. Meiers 2006, S. 62f.

[31] Vgl. Kaim 2007.

[32] Vgl. ebd., S. 44.

[33] NATO: ISAF (3.280 Sdt), KFOR (2.230) sowie „Active Endeavour“ (215); UNO: UNIFIL (230), UNMIS (40), UNOMIC (12), UNMEE (1), UNAMA (1) sowie UNAMID (1); EU: EUFOR (120) sowie außerhalb des institutionellen Rahmens OEF (90). Vgl. Einatzzahlen – die Stärke der deutschen Einsatzkontingente (20.08.08) Zugriff über www.einsatz.bundeswehr.de am 26.08.08.

[34] Vgl. Kaim 2007, S. 44f.

[35] Vgl. ebd., S. 46.

[36] Vgl. Kaim 2007, S. 47.

[37] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Bundeswehr in Afghanistan
Untertitel
Eine Zivilmacht in der Multilateralismusfalle?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Die Bundeswehr – Aufgabe und Rolle während und nach dem Ende des Ost-West-Konflikts
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
27
Katalognummer
V131100
ISBN (eBook)
9783640371709
ISBN (Buch)
9783640371938
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bundeswehr, Afghanistan, Eine, Zivilmacht, Multilateralismusfalle
Arbeit zitieren
Daniel M. Rother (Autor), 2008, Die Bundeswehr in Afghanistan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131100

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