Der Angriff auf Pearl Harbor - Der historische Kontext als Nährboden einer Verschwörungstheorie?


Seminararbeit, 2009
9 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Isolationismus vs. Internationalismus am Vorabend des 2. Weltkriegs
2.1 Die isolationistische Tradition der USA
2.2 Franklin D. Roosevelt – Ein Internationalist allein auf weiter Flur

3. Konflikt mit Japan – Der Verlauf einer Krise

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der japanische Luftangriff auf die in Pearl Harbor liegende Pazifikflotte der USA am 7. Dezember 1941 gilt als entscheidender Wendepunkt im 2. Weltkrieg – und liefert zugleich Stoff für eine der meistdiskutierten Verschwörungstheorien des 20. Jahr-hunderts. Das japanische Flottengeschwader konnte sich bis auf etwa 440 km den hawaiianischen Inseln nähern und von dort aus seinen Überraschungsangriff starten. Da die US-Streitkräfte in Pearl Harbor nur in geringem Maße verteidigungsbereit waren, fiel die Bilanz des Luftschlags verheerend aus: Acht amerikanische Schlacht-schiffe, drei Kreuzer und drei Zerstörer wurden versenkt oder schwer beschädigt, knapp 200 Kampfflugzeuge waren zerstört und 200 weitere beschädigt. Die amerikanische Seite hatte zudem über 2400 Tote zu beklagen und weitere 1100 Personen wurden während der Kampfhandlungen teilweise schwer verletzt. Ein Tag nach dem Angriff erfolgte die Kriegserklärung an Japan und damit ein aktives Eintreten in den 2. Weltkrieg seitens der USA. Daraufhin erklärten Italien und Deutschland am 11. Dezember 1941 ihrerseits den Vereinigten Staaten den Krieg. In der Rückschau betrachtet, verschob sich durch den Kriegseintritt der USA das Gewicht zugunsten der Alliierten und leitete damit langfristig die Niederlage der Achsenmächte ein.

Die vorliegende Arbeit soll aufzeigen, auf welchem Nährboden sich die Ver-schwörungstheorien bezüglich des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor entwickeln konnten. Die Theorien selbst – deren Grundtenor zumeist lautet, die US-Regierung habe von dem bevorstehenden Angriff gewusst und diesen billigend in Kauf ge-nommen, um in den 2. Weltkrieg eintreten zu können – sollen nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Vielmehr gilt es, den historischen Kontext zu untersuchen und dabei auf die Kontroverse zwischen Isolationisten und Internationalisten innerhalb der amerikanischen Gesellschaft und Politik einzugehen, sowie die wichtigsten Konfliktlinien zwischen den USA und Japan nachzuzeichnen. Dabei sind besonders die Werke zur amerikanischen Außenpolitik von Jürgen Heideking[1], Detlef Junker[2] und Klaus Schwabe[3] aufschlussreich. Darüber hinaus liefert die Monographie von Peter Herde[4] wichtige Hinweise auf den Konfliktverlauf im pazifischen Raum.

2. Isolationismus vs. Internationalismus am Vorabend des 2. Weltkriegs

Mit Isolationisten und Internationalisten standen sich in der Zwischenkriegszeit in den USA zwei Lager gegenüber, deren Vorstellungen von der amerikanischen Rolle in der Welt sich diametral unterschieden. Der Verlauf dieser Entwicklung soll im folgenden erörtert werden.

2.1 Die isolationistische Tradition der USA

Die Isolationisten propagieren seit jeher den „Rückzug in die unangreifbare ‚Festung Amerika’“[5] mit ihrer strategisch einmaligen Lage zwischen zwei Ozeanen und beriefen sich damit auf eine lange Tradition der amerikanischen Außenpolitik, die mit der Monroe-Doktrin[6] von 1823 ihren Anfang gefunden hatte. Diese legte den amerikanischen Doppelkontinent als Machtsphäre der USA fest und betonte das Prinzip der Nichteinmischung. Europa wurde vor kolonialen Bestrebungen im lateinamerikanischen Raum gewarnt, gleichzeitig erklärten die USA ihren Verzicht auf eine Intervention in europäische Ange-legenheiten. Die Welt wurde somit in zwei politische Sphären aufgeteilt und der amerikanische Einfluss klar auf die westliche Hemisphäre begrenzt.[7]

In den Jahren 1933 bis 1938 erreichte die isolationistische Strömung in den USA ihren Höhepunkt. Das Hauptaugenmerk lag auf der Überwindung der Welt-wirtschaftskrise, so dass Alarmsignale aus den politischen Schauplätzen Asiens und Europas nicht wahrgenommen wurden. Die expansive Politik Japans und Deutschlands sahen die Vertreter dieser Denkrichtung daher nicht als eine Bedrohung an, der mit einem Kriegseintritt begegnet werden müsste. Vielmehr sei eine neutrale Haltung geboten. Eine Gallup-Umfrage[8] im März 1937 bestätigte die isolationistische Grundstimmung: Dabei waren 94% der Befragten der Meinung, dass amerikanische Politik darauf abzielen sollte, die USA aus jedem potentiellen Krieg herauszuhalten.[9] Diese gesellschaftliche Strömung schlug sich bis in den Kongress durch, welcher in dieser Zeit verschiedene Neutralitätsgesetze verabschiedete und den Handlungsspielraum der US-Regierung um Franklin Delano Roosevelt[10] stark einschränkte. So kam es zu einem Verbot von Waffen- und Munitionslieferungen sowie der Kreditvergabe an kriegsführende Staaten, egal ob die betreffende Nation als Aggressor oder Opfer in die Feindseligkeiten involviert war. Nichtmilitärische Güter konnten zwar weiterhin verkauft werden, jedoch nur auf der so ge- nannten ‚Cash and Carry’-Basis. Dabei mussten die kriegsteilnehmenden Länder „aus Amerika importierte Waren [...] an Ort und Stelle bezahlen sowie auf nichtamerikanischen Schiffen abtransportieren“.[11] Durch die Gründung des ‚America First Comittee’ 1940 geriet die Regierung Roosevelt schließlich auch von zivil-gesellschaftlicher Seite unter erheblichen Druck, die USA aus dem 2. Weltkrieg herauszuhalten.[12]

2.2 Franklin D. Roosevelt – Ein Internationalist allein auf weiter Flur

Im Gegensatz zur isolationistischen Auffassung interpretierten die Vertreter des Internationalismus die Interessen der USA – sowohl wirtschaftlich, militärisch als auch ideell – auf globale Weise. Daher traten sie für eine nachdrückliche Unterstützung der Demokratien gegen totalitäre Bedrohungen ein, was in letzter Konsequenz auch einen Kriegseintritt der USA nicht ausschloss.[13]

Mit Franklin Delano Roosevelt stand in der Zwischenkriegszeit nun einer jener Internationalisten an der Staatsspitze. Sein Eintreten für eine aktive Rolle der USA im Weltgeschehen entsprach jedoch keineswegs der Stimmung im eigenen Land. Als er im Oktober 1937 im Zuge einer viel beachteten Rede vorschlug, Staaten mit expansiver Außenpolitik unter ‚Quarantäne’ zu stellen um sie so einzudämmen, löste dies „mehr isolationistischen Widerstand als Kampfbegeisterung aus“.[14] Selbst nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 lehnte eine deutliche Mehrheit von 84% den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten ab. Die Befragten glaubten demnach nicht, dass von den Achsenmächte und Japan eine konkrete Gefahr für die USA ausging.[15] Auch wenn Roosevelt im Präsidentschaftswahlkampf 1940 das Versprechen abgab, die Söhne Amerikas „nicht in irgendeinen fremden Krieg“[16] zu schicken, steuerte er die USA spätestens nach Ausbruch des europäischen Krieges in Richtung Kriegseintritt. Ein Sieg Hitlers in Europa galt es unbedingt zu verhindern, da Roosevelt sonst die vitalen Sicherheitsinteressen der USA bedroht sah. In den Augen der US-Regierung übernahmen Großbritannien und Frankreich stellvertretend die Verteidigung der Vereinigten Staaten und bedurften daher einer besonderen Unterstützung. Zudem lief die Autarkiepolitik des NS-Regimes den amerikanischen Vorstellungen eines ungeteilten, offenen Marktes entgegen.[17] Nach seinem Wahlsieg forderte Roosevelt die industrielle Mobilisierung, um die USA zu einem ‚Arsenal der Demokratie’ zu machen und benannte im Januar 1941 mit seiner Rede der ‚Vier Freiheiten’ die ideologischen Fixpunkte der USA: Meinungs- und Redefreiheit, Religionsfreiheit, Freiheit von Not sowie Freiheit von Furcht galt es überall auf der Welt durchzusetzen – auch gegen die Achsenmächte, die das Recht der Völker auf freie Selbstbestimmung auf eklatante Weise bedrohten.

[...]


[1] Jürgen Heideking: Geschichte der USA, 2. Aufl., Tübingen 1999.

[2] Detlef Junker: Power and Mission. Was Amerika antreibt, 2. Aufl., Freiburg 2003.

[3] Klaus Schwabe: Weltmacht und Weltordnung. Amerikanische Außenpolitik von 1898 bis zur Gegen-wart. Eine Jahrhundertgeschichte, Paderborn 2006.

[4] Peter Herde: Pearl Harbor, 7. Dezember 1941. Der Ausbruch des Krieges zwischen Japan und den Vereinigten Staaten und die Ausweitung des europäischen Krieges zum Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 1980.

[5] Heideking: Geschichte der USA, S. 319.

[6] Als Monroe-Doktrin wird derjenige Teil der Rede zur Lage der Nation vom 2. Dezember 1823 be-zeichnet, in dem James Monroe (US-Präsident von 1817 bis 1825) die Grundzüge einer langfristigen Außenpolitik der USA entwarf.

[7] Siehe Dirk Bavendamm: Roosevelts Krieg 1937-45 und das Rätsel von Pearl Harbor, Berlin 1993, S. 111-117.

[8] Die ‚Gallup Organization’ ist eines der führenden Markt- und Meinungsforschungsinstitute der USA.

[9] Siehe Heideking: Geschichte der USA, S. 316-317.

[10] US-Präsident von 1933 bis zu seinem Tod 1945.

[11] Schwabe: Weltmacht und Weltordnung, S. 100.

[12] Siehe ebd., S. 113-114.

[13] Siehe Junker: Power and Mission, S. 65-66.

[14] Willi Paul Adams: Die USA im 20. Jahrhundert, München 2000, S. 69.

[15] Siehe Junker: Power and Mission, S. 66.

[16] Heideking: Geschichte der USA, S. 321.

[17] Siehe Junker: Power and Mission, S. 68-70.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Der Angriff auf Pearl Harbor - Der historische Kontext als Nährboden einer Verschwörungstheorie?
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Verschwörungstheorien
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
9
Katalognummer
V131105
ISBN (eBook)
9783640371716
ISBN (Buch)
9783640371945
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der japanische Luftangriff auf Pearl Harbor am 7.12.1941 gilt als entscheidender Wendepunkt im 2. Weltkrieg – und liefert zugleich Stoff für eine der meistdiskutierten Verschwörungstheorien des 20. Jahrhunderts. Diese Arbeit soll aufzeigen, auf welchem Nährboden sich diese Theorien entwickeln konnten und rückt daher den historischen Kontext der Ereignisse in den Mittelpunkt. Die Kontroverse zwischen Isolationisten und Internationalisten innerhalb der amerikanischen Gesellschaft und Politik sowie die wichtigsten Konfliktlinien zwischen den USA und Japan sind somit die Schwerpunkte der Analyse.
Schlagworte
Pearl Harbor, Verschwörungstheorie, Roosevelt, Verschwörung, Weltkrieg, Japan, Isolationismus, Internationalismus, Luftangriff
Arbeit zitieren
Florian Rühmann (Autor), 2009, Der Angriff auf Pearl Harbor - Der historische Kontext als Nährboden einer Verschwörungstheorie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131105

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