In Shakespeares Originaltext steht Julia am "Fenster". In der ganzen "tragedy" von Romeo und Julia erscheint das Wort "balcony" nicht ein einziges Mal. Und doch ist die Tragödie mit einem Veroneser Balkon beinahe unlösbar verbunden. Eben dieser Balkon wird jedes Jahr in Verona von unzähligen Touristen besucht und fotografiert. Allerdings spricht ein Internetartikel brutalen Klartext: "Der Balkon ist Betrug". Diese Arbeit versucht, dieser Behauptung nachzugehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Romeo und Julia vor William Shakespeare
3. Wo, bitte schön, ist Julias Balkon? Ein Erklärungsnotstand
4. Die Geschichte der Casa di Giulietta
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die historische Authentizität des sogenannten „Balkons von Julia“ in Verona. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit es sich bei der touristischen Attraktion „Casa di Giulietta“ um eine bewusste Inszenierung handelt und welche literarischen beziehungsweise historischen Grundlagen für die Etablierung dieses Ortes tatsächlich existieren.
- Analyse der literarischen Entstehungsgeschichte von Romeo und Julia
- Untersuchung der architektonischen und historischen Echtheit des Balkons
- Rezeption der „Balkonszene“ in der Literaturgeschichte
- Kritische Würdigung der touristischen Vermarktung und Instrumentalisierung eines literarischen Mythos
Auszug aus dem Buch
3. Wo, bitte schön, ist Julias Balkon? Ein Erklärungsnotstand
In jedem gängigen Reiseführer über Verona wird, wie ein Besuch in einer gut sortierten Reisebuchhandlung Berns zeigen kann, auf die „Casa di Giulietta“ an der Via Cappello 23 als eine der touristischen Hauptattraktionen dieser Stadt hingewiesen. Gross ist das Gedränge der Besucher schon am Eingang zum Innenhof des Gebäudes. Und da hängt er, der berühmteste Balkon der Welt, „hingeklebt“ an eine schlecht verputzte Fassade mit gotischer Pforte und ebensolchen Fenstern. [siehe Abbildungen 2 und 3] Wenn man Glück hat erscheint auf dem Balkon gelegentlich eine holde junge Dame in mittelalterlicher Tracht und winkt in die tausenden von Kameras, die zu ihr aufgerichtet sind. Julia oder Giulietta ist es, die von Romeo angebetete, und so mancher Amerikaner, so manche Japanerin, SchweizerIn, EngländerIn und Was-weiss-ich wird von heftigen Emotionen für dieses Bild ergriffen. Die Inszenierung ist beinahe perfekt und das Eintrittsgeld, das für die Besichtigung der stilgerecht eingerichteten Innenräume erhoben wird, klingelt in den Kassen der Stadt. Wer Glück hat kann hinaufsteigen (im Innern des Hauses), sich bis auf den prominenten Balkon vorboxen, um sich wenigstens einmal im Leben als Julia oder Romeo zu fühlen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der vermeintlichen Balkonszene und die Identifikation des Balkons als touristisches Konstrukt.
2. Romeo und Julia vor William Shakespeare: Untersuchung der literarischen Vorlagen und der Frage, ob das Motiv des Balkons bereits in frühen Novellen präsent war.
3. Wo, bitte schön, ist Julias Balkon? Ein Erklärungsnotstand: Analyse der Etablierung des Balkons als Touristenattraktion und der Diskrepanz zwischen Literatur und der Inszenierung vor Ort.
4. Die Geschichte der Casa di Giulietta: Historischer Rückblick auf die bauliche Entwicklung und die Umwandlung des Gebäudes in die heutige „Casa di Giulietta“.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der touristischen Inszenierung als „Disneyfication“ bei gleichzeitiger Anerkennung ihrer Wirkung als romantischer Sehnsuchtsort.
Schlüsselwörter
Romeo und Julia, William Shakespeare, Verona, Casa di Giulietta, Balkonszene, Tourismus, Literaturgeschichte, Inszenierung, Disneyfication, Historische Authentizität, Renaissanceliteratur, Touristenattraktion, Mythenbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich kritisch mit dem berühmten Balkon der Julia in Verona und hinterfragt dessen Echtheit im Kontext der literarischen Vorlage von William Shakespeare.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Behandelt werden die literarische Genese des Stoffes, die architektonische Historie des Gebäudes in Verona sowie die soziokulturellen Aspekte der touristischen Vermarktung literarischer Orte.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Forschungsfrage ist, ob die Behauptung, es handle sich bei dem Balkon um einen Betrug, haltbar ist und wie diese „Inszenierung“ historisch zu bewerten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse von Primärliteratur (Shakespeare und italienische Novellen), Sekundärliteratur zur Wirkungsgeschichte sowie historische Reiseberichte und moderne Internetquellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Abwesenheit des Begriffs „Balkon“ in Shakespeares Originaltext und der architektonischen Rekonstruktion des Gebäudes durch Antonio Avena am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Authentizität, Inszenierung, literarischer Mythos, Touristenort und Rezeptionsgeschichte geprägt.
Warum ist der Begriff „Balkonszene“ eigentlich problematisch?
Der Begriff ist problematisch, da Shakespeare in seinem Originaltext keine Regieanweisung bezüglich eines Balkons gibt und das Wort „balcony“ im Stück nicht vorkommt; die Figur Julia erscheint am „Fenster“.
Was passierte mit der „Casa di Giulietta“ im 20. Jahrhundert?
Das Gebäude wurde von der Stadt Verona erworben und bewusst als „Casa di Giulietta“ im gotischen Stil umgestaltet, um der steigenden Nachfrage der Touristen nach einem konkreten Ort gerecht zu werden.
- Arbeit zitieren
- Hans Peter Friedli (Autor:in), 2013, Der Balkon Julias in Verona als generierter Ort. Ein touristischer Betrug?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1311360