Mobile Tiergestützte Arbeit in Heimen und Wohngruppen. Kann TGI gelingen, ohne das Wohl des Tieres einzuschränken?


Akademische Arbeit, 2020

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe


1 Einleitung

Im Rahmen dieser Hausarbeit sollen der Umgang, die Wirkung, die Besonderheiten von und mit Tieren in unterschiedlichen Einrichtungen, wie Heimen und Wohngruppen von Menschen mit Behinderung sowie Menschen mit Altersbedingten Einschränkungen behandelt werden. Zentrale Bedeutung erlangte diese Thematik auf Grund der Forschung von biosozialer Wirkung der Tiere auf den Menschen.

„Für die Nutzung von Tieren im sozialen Einsatz wird der übergeordnete Fachbegriff Tiergestützte Intervention (TGI) verwendet, welcher sich systematisch in Tiergestützte Aktivitäten, Tiergestützte Förderung sowie Tiergestützte Pädagogik und Tiergestützte Therapie untergliedern lässt. Dabei gibt es jedoch im Einzelnen fließende Übergänge.“ (vgl. TVT Merkblatt Nr. 31 2018, S. 2)

Die Arbeit soll aufzeigen, wie in der Gegenwart und der Zukunft Tiere als Co Therapeuten eingesetzt werden können, was diese bewirken und warum die Arbeit mit Tieren zur Verbesserung des Miteinanders der Klienten zu andern Klienten und Mitarbeitern in einem Heim oder einer Wohngruppe beitragen kann. Eine Zentrale Fragestellung lautet, ob die tiergestützte Arbeit in Wohngruppen den Menschen dienen kann ohne das Tier in seinem Wohl einzuschränken.

2 Definition der TGI

Im Mittelpunkt der Tiergestützten Intervention steht das Verhältnis zwischen Mensch und Tier und ihre Beziehungen untereinander. Eine Definition von Tiergestützter Intervention lautet wie folgt:

„Tiergestützte Therapie“ umfasst bewusst geplante pädagogische, psychologische und sozialintegrative Angebote mit Tieren für Kinder, Jugendliche, Erwachsene wie Ältere mit kognitiven, sozial-emotionalen und motorischen Einschränkungen, Verhaltensstörungen und Förderschwerpunkten. Sie beinhaltet auch gesundheitsfördernde, präventive und rehabilitative Maßnahmen.

Tiergestützte Therapie findet im Einzel- und Gruppensetting statt.

Basis der tiergestützten Therapie ist die Beziehungs- und Prozessgestaltung im Beziehungsdreieck Klient – Tier – Bezugsperson. Tiergestützte Therapie beinhaltet Methoden, bei denen Klienten mit Tieren interagieren, über Tiere kommunizieren oder für Tiere tätig sind. Die Durchführung erfolgt zielorientiert anhand einer klaren Prozess- und Themenorientierung unter Berücksichtigung tierethischer Grundsätze mit anschließender Dokumentation und fachlich fundierter Reflexion.

Allgemeine Ziele der tiergestützten Therapie sind

- die körperlichen, kognitiven und emotionalen Funktionen wiederherzustellen und zu erhalten,
- die Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Durchführung von Aktivitäten und Handlungen zu fördern,
- das Einbezogensein in die jeweiligen Lebenssituation zu fördern und
- das subjektive Wohlbefinden zu verbessern.

Damit soll erreicht werden, dass der einzelne Mensch in unterschiedlichen Lebensbereichen seinen Fähigkeiten entsprechend agieren und partizipieren kann.

Die spezifischen Ziele der tiergestützten Therapie orientieren sich ausgehend von der Indikationsstellung an Bedürfnissen, Ressourcen und am Störungsbild wie Förderbedarf des jeweiligen Klienten.

Tiergestützte Therapie steht in enger Beziehung zu anderen verwandten Wissenschaftsdisziplinen wie Psychotherapie, Psychologie, Medizin, Pädagogik, Ethologie und Veterinärmedizin.

Tiergestützte Therapie wird von einer Fachkraft mit einer Fachausbildung für tiergestützter Therapie und kontinuierlicher Weiterbildung durchgeführt. Als Fachausbildungen gelten nur solche die den Kriterien der ESAAT entsprechen, von dieser akkreditiert sind und mindestens 60 ECTS umfassen. Je nach eingesetzter Tierart sind weitere tierspezifische Ausbildungen mindestens entsprechend der Basisausbildung der ESAAT zu absolvieren. Die kontinuierliche fachspezifische Weiterbildung in tiergestützter Therapie umfasst mindestens 16 Stunden in zwei Jahren.

Aufgabe der „Fachkraft für tiergestützte Therapie“ ist es

- in ihrem grundständigen Berufsfeld oder
- unter fachkompetenter Einbindung

durch den Einsatz eines Tieres bzw. eines Therapiebegleittier-Teams den Menschen in seinem Bedürfnis nach Linderung seiner Beschwerden, Autonomie und personaler und sozialer Integration zu unterstützen.

Die fachkompetente Einbindung erfolgt je nach Einsatzfeld durch Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Psychologen, (Sozial-) Pädagogen u.a..

Die Fachkraft plant die Maßnahmen anhand unterschiedlichster Konzepte und Ansätze für unterschiedliche Zielgruppen, führt sie zielorientiert durch und dokumentiert sie anschließend. Die Interventionen der Fachkraft basieren auf dem Beziehungsdreieck Therapeut - Tier - Klient, müssen prozess- und themenorientiert gestaltet sein und durch eine fachlich fundierte Reflexion hinterfragt werden. Die Fachkraft bezieht dabei das soziale Umfeld und andere involvierte Fachkräfte in die Erarbeitung der Zielorientierung und die Verlaufsreflexion beim einzelnen Klienten ein.“1

3 Beschaffenheit der Institution

Die Beschaffenheit der Institution bzw. im weitern Verlauf auch Einrichtung genannt ist eine wichtige Frage, die sich vorab gestellt werden muss. Tiere müssen eine neue Umgebung kennenlernen um sich dort sicher zu fühlen. Deutlich kann dies an folgendem Beispiel gemacht werden. Ein Mensch, der zuvor niemals auf Schlittschuhen gestanden hat wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Beginn Probleme mit der Beschaffenheit des Untergrundes haben. Bei Tieren ist dies ähnlich, wenn sie keine unterschiedlichen Untergründe oder Bodenbeläge gewohnt sind.

Ein Fliesen- oder ein glatter Steinboden können sehr ungewohnt und gefährlich sein, im schlimmsten Falle führt dies zu schweren Verletzungen und Knochenbrüchen. Enge Flure, auf dem Boden liegendes Spielzeug und Türen aus Glas können ebenfalls große Gefahren für Mensch und Tier darstellen. Das Tier muss sich in der Umgebung sicher fühlen können, daher sollte vor dem ersten Einsatz eines oder mehrerer Tiere eine Begehung der Institution bzw. Einrichtung vorgenommen werden um eine Einschätzung der Vorortsituation zu erhalten.

4 Auswahl der geeigneten Tiere

Tiere orientieren sich an Menschen, dennoch ist nicht jedes Tier zum mobilen Einsatz in der Institution des Klienten geeignet. Ein Tier kann noch so gut ausgebildet sein, es besteht immer ein Restrisiko. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Unvorhergesehenes geschieht, welches das Tier verunsichert ist in einer fremden Umgebung höher als in der gewohnten Umgebung. Es liegt in der Verantwortung des Therapeuten die Tiere richtig einschätzen zu können um die Sicherheit aller beteiligten Tiere und Menschen zu gewährleisten. „Je nach Kind und spezifischer Störung suchen die Therapeuten ein Tier für das Kind aus (wenn nicht das Kind seine eigene Wahl treffen kann).“2

Der Therapeut/die Therapeutin muss ein Gefühl dafür besitzen welche Tiere und welche Klienten zusammen passen könnten und auch welche Tiere sich untereinander verstehen. „Anders als viele andere Heimtiere lebt der Hund im engsten Kontakt zu uns Menschen. Gerade bei Hunden wird deutlich, dass im Gegensatz zu vielen anderen Tieren, das individuelle Tier im Mittelpunkt steht und wirtschaftliche oder, „sachliche“ Nutzungsaspekte in den Hintergrund treten. Stattdessen ist die Beziehung zu Hunden hochgradig emotional.“3

5 Auswahl der teilnehmenden Klienten

In der Verantwortung der Einrichtung obliegt es die richtigen Klienten für das vorbereitete Angebot auszuwählen bzw. vorab mit dem Therapeuten abzuklären welche Behinderungsbilder und Störungen die Klienten besitzen. Klienten vorab kennen zu lernen bildet die Grundlage einer erfolgreichen Zusammenarbeit im Setting mit Tieren, da die Klienten meist aus weitreichenden Gründen voll- oder teilstationär in der Einrichtung untergebracht sind.

„Fremdunterbringungen erfolgen zumeist erst nach langer Vorgeschichte. Der eigentliche Ursprung von Beziehungsstörungen zwischen Kindern und Eltern ist jedoch bereits sehr früh zu verorten.“ (vgl. Meiske 2008, S. 83). Hartmann (2010, S. 9) scheibt: „Die Ursachen von Fremdunterbringungen, sind äußerst komplex und beleuchten als eine Ausdrucksform der problematischen Zuspitzung mehrere wichtige Themen unserer Zeit. (zit. Meiske 2008, S. 5)“4 Daher ist es wichtig vorab wichtige Informationen wie beispielsweise Fremd- und Autoaggressionen über die am Angebot teilnehmenden Klienten zu erhalten. Eine harmonierende Gruppe von Menschen und Tieren ist besser geeignet als die Konstellation eines oder mehrerer Menschen und Tieren die von Beginn als schwierig eingestuft wird bspw. bei Angst vor Hunden.

Eine Teilnahme an einer Tiergestütze Interventionen soll in erster Linie ein Gewinn für die Klienten sein. Tiergestützte Interventionen nutzen die Beziehung zwischen Mensch und Tier.

6 Dauer der Sitzung und individuelle Anpassung

Ein weiterer, wichtiger Aspekt im Umgang mit Mensch und Tier ist die Dauer der Sitzung. Es ist von größter Wichtigkeit die Tiere keinesfalls zu überbelasten. Auch die unterschiedlichen Krankheits- und Behinderungsbilder sind Kriterien, die bei der Festlegung der Länge der Sitzung zu berücksichtigen sind. Hier ein Beispiel: Die Dauer einer Sitzung kann zwischen Klienten mit ADHS und Demenz variieren. Beide Zielgruppen benötigen einen hohen Betreuungsbedarf, wobei Klienten mit ADHS, schnell gelangweilt sein können, daher eignet sich wohlmöglich eine kürzere Therapieeinheit besser, die in ihrer Dauer sukzessiv bei Bedarf gesteigert werden kann.

Da Menschen mit einer Demenz länger benötigen sich an Dinge aus Ihrer Vergangenheit zu erinnern und viele Menschen Tiere aus ihrer Kindheit kennen, häufig als Nutztiere bspw. von Bauernhöfen sprechen ist hier ein länger zeitlicher Rahmen der Therapiesitzung ggf. sinnvoll. Demenzkranken Personen fällt es schwer sich zeitlich zu orientieren und die Einheit „Zeit“ richtig abzuschätzen. „Die pathologischen Veränderungen, die einer Demenzerkrankung zugrundeliegen sind sehr unterschiedlich.“ „Menschen mit Demenz bedürfen schon früh in der Erkrankung in besonderem Maße eines Umfelds, das ihnen Sicherheit und Vertrautheit vermittelt.“5

Tiere können dazu beitragen, dass das Erinnerungsvermögen verbessert wird, hierbei sind regelmäßige Besuche förderlich. Auch die Tiere müssen sich an ihre neuen Klienten gewöhnen, dies benötigt Zeit und Geduld. Eine fremde Umgebung und Fremde Personen bedeuten Stress für die Tiere.

Hinzukommt unter Umständen eine längere Anfahrt, die die Belastungen der Tiere besonders in den Sommermonaten erhöht. Hier gilt es sehr genau abschätzen zu können, welche Belastung dem Tier/den Tieren zumutbar ist.

7 Das Wohl des Tieres und seine Bedürfnisse

In der Tiergestützten Therapie steht das Wohl des Tieres bzw. der Tiere über allem. Mit dem Wohl des Tieres steht und fällt die gemeinsame Arbeit mit dem Klienten. So sollte es selbstverständlich sein kein geschwächtes oder krankes Tier in Kontakt mit dem Klienten kommen zu lassen. Nur ein gesundes Tier, das sich wohl fühlt kann von „Nutzen“ für den Klienten sein. Passend zur Jahreszeit sollte der Therapeut wissen was sein Tier benötigt bspw. gegen Kälte oder Hitze schützt, Nahrung oder zu trinken benötigt. Ebenfalls wichtig ist, wie sich das Tier fühlt, da kranke oder geschwächte Tiere zu ihrem Schutz nicht zur Arbeit mit dem Klienten eingesetzt werden sollten bis diese sich vollständig erholt haben.

Bei einem Erstbesuch ist daher immer darauf zu achten, ob es eine Ausweichmöglichkeit, wie einen Garten oder eine Wiese gibt. „ Der „One-Health“ Gedanke sollte im Vordergrund stehen, d.h. dass das Wohlergehen von Mensch und Tier in ihrer Interaktion unmittelbar verknüpft sind. Für tiergestützte Intervention bedeutet das, dass nur dann positive und nachhaltige Effekte für den Klienten möglich sind, wenn es auch dem Tier bei dieser Arbeit gut geht, es nicht überfordert wird und aufgrund seiner geprüften Eignung auch Spaß an dieser Art der Interaktion mit dem Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen und Besonderheiten hat.“6

[...]


1 (zitiert: European Society for Animal-Assisted Therapy - Europäische Gesellschaft für Tiergestützte Therapie e. V., Definition „Tiergestützer Therapie“)

2 Greiffenhagen, S.; Buck-Werner, O. N. (2012), S. 136.

3 Wohlfarth, R.; Mutschler, B. (2016), S.43.

4 Hartmann, N. M. (2010), S.9.

5 Wesenberg, S. (2016), S.84.

6 Beetz, A. M. Dr. (2019), S.16.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Mobile Tiergestützte Arbeit in Heimen und Wohngruppen. Kann TGI gelingen, ohne das Wohl des Tieres einzuschränken?
Hochschule
Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
22
Katalognummer
V1312068
ISBN (eBook)
9783346812964
ISBN (Buch)
9783346812971
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tiergestützt, Tier, Mobil, TGI, Tierwohl, Heim, Wohngruppe, TVT, Klienten, Bedürfnisse, Tierbesuche, Lebensqualität, Qualität, Übereinkünfte, Intervention, Differenzen, Theorie, Praxis, Mensch, Umgang, Wirkung, Einrichtung, Behinderung, Einschränkung, bio, biosoziale, Forschung, Aktivität, Förderung, Pädagogik, Therapie, Levinson, Therapeuten, Co, Miteinander, Wohl, tiergestützte Arbeit, Beziehung, pädagogische, psychologische, sozialintegrativ, pädagogisch, psychologisch, sozialintegrative, Tiere, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Ältere, sozial-emotional, motorisch, Verhalten, Störung, Verhaltensstörung, Förderschwerpunkte, präventiv, rehabilitativ, Maßnahmen, Setting, Einzel, Gruppen, Basis, Gestaltung, Prozess, Beziehungsdreieck, Methoden, tierethisch, Grundsätze, Dokumentation, fachlich, fundiert, Reflexion, Reflektion, Ziele, Ziel, kognitiv, emotional, Handlung, Wohlbefinden, Indikation, Ressourcen, Förderbedarf, spezifisch, Psychotherapie, Psychologie, Medizin, Ethologie, Veterinärmedizin, Fachkraft, ESAAT, ISAAT, Institution, Problem, Lösung, geeignet, Therapeut, Hund, Angebot, vollstationär, teilstationär, stationär, ambulant, Unterbringung, herrausfordernd, Kind, Eltern, aggression, Gruppe, Menschen, Angst, Gewinn, Sitzung, Dauer, ADHS, ADS, Betreuung, Demenz, Vergangenheit, Bauernhof, Kindheit, pathologisch, Veränderung, Sicherheit, Vertrauen, Erinnerungsvermögen, Stress, Selbstbewustsein, Nonverbal, Kommunikation, Empfänger, Sender, Glücksgefühle, Ocytocin, Ausschüttung, Befindlichkeit, subjektiv, Steigerung, Farbmaus, Wüstenrennmaus, Ziegen, Schweine, fördern, Erfolg, Bindeglied, Brückenfunktion, Brücke, Rücksicht, Vorsicht, Achtsamkeit, Erlebnis, Stimmung, neuro, Motivation, Zukunft, Verbesserung, verbessern, Soziale Arbeit, Sachkundenachweis, Zeit, Geduld, Belastung, Nutzen, Hilfe, Schutz, Besuch, Ausweich, Health, Gesundheit, schützen, Gedanke, Interaktion, Spaß, Freude, Schafe, Hygiene, Medikamente, Impfung, Auflagen, Merkblatt, Merkblätter, Esel, Hühner, Hunde, Kaninchen, Katzen, Meerschweinchen, Neuweltkameliden, Pferde
Arbeit zitieren
Norbert Merbecks (Autor:in), 2020, Mobile Tiergestützte Arbeit in Heimen und Wohngruppen. Kann TGI gelingen, ohne das Wohl des Tieres einzuschränken?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1312068

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