Differenzen und Gemeinsamkeiten zwischen den Dialektikkonzepten von Sokrates, Platon und Aristoteles


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

17 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Der sozialpolitische Kontext
2.1 Das neue Zeitalter
2.2 Die Krise der ethischen Ordnung
2.3 Die Philosophie und die Dialektik

3 Sokrates
3.1 Beginn des metaphysischen wissenschaftlichen Suchens
3.2 Der Sokratische Dialog
3.3 Die moralische Handlung zum Ziel
3.4 Die Sokratische Ironie

4 Platon
4.1 Der schriftliche platonische Dialog
4.2 Dialektik des Einteilens und Zusammenfassens
4.3 Schluss- und Prüfstein der Vernunfttätigkeit
4.4 Der sokratische Einfluss

5 Aristoteles
5.1 Sophistik, Rhetorik und Dialektik
5.2 Das neue Fundament der Philosophiewissenschaft
5.3 Dialektik und Philosophie
5.4 Die praktische dialektische Analyse

6 Schlussbemerkung

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Erklärung

1 Einleitung

In dieser Seminararbeit sollen anhand von ausgewählten Texten und Überlie-ferungen antiker Autoren, wie XENOPHON, PLATON sowie ARISTOTELES die unter-schiedlichen dialektischen Vorstellungen und Konzeptionen von SOKRATES, PLATON und ARISTOTELES näher betrachtet werden. Dabei werden die verschiedenen Einflüs-se dieser Epoche für ein besseres Verständnis der Beweggründe dieser Philosophen, ihre bis heute bekannten Weisheitslehren zu verfassen, neben einer anfänglichen be-grifflichen Einordnung auch in einen kurzen sozial-geschichtlichen Kontext einge-ordnet. Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll auf die Herausarbeitung der verschiede-nen Dialektikkonzepte nach ihren Inhalten, Motiven und Zielstellungen gelegt wer-den. Ein Hauptaugenmerk wird dabei der Fragestellung gewidmet sein, welche Leit-sätze und Hauptaussagen diesen dialektischen Konzeptionen entnommen werden können. Im Speziellen soll eine Untersuchung der Gemeinsamkeiten und Unter-schiede am Beispiel von ausgewählten Texten dieser Autoren unternommen werden, indem auch der Frage nach der geschichtlichen Entwicklung des Dialektikbegriffes nachgegangen werden soll.

Als wissenschaftliche Grundlagen zur Klärung dieser Fragen dienen unter ande-rem die schriftlichen Übersetzungen von europäischen Autoren wie FRANZ DIRLMEIER, „Aristoteles, Nikomachische Ethik“, „Platon, Politeia“ von OTTO APELT sowie die von IRMSCHER übersetzten „Erinnerungen an Sokrates“ von XENOPHON. Aber auch Sekundärliteratur, wie die Monographien PETER STEMMERs, „Platons Dialektik, die frühen und mittleren Dialoge“, LIVIO SICHIROLLOs, „Dialegesthai – Dialektik von Homer – Aristoteles“ sowie „Metzler Philosophie Lexikon, Begriffe und Definitionen“ von PETER PRECHTL als Tertiärliteratur werden hierfür herangezo-gen, um die Untersuchungen anderer Philosophen sowie den Forschungsstand mit einzubeziehen.

2 Der sozialpolitische Kontext

2.1 Das neue Zeitalter

Vor fast zweieinhalb Jahrtausenden erwachte nicht nur in Asien, sondern auch nahezu zeitgleich in Europa der menschliche Geist zu sich selbst und wurde sich seiner Macht bewusst. Der Mensch machte sich jetzt Gedanken über die Ord-nung der Welt und im Besonderen über seine eigene Stellung in ihr. Als in Griechen-land das philosophische Denken einsetzte, kam es auf Grund eines sich allmählich durchsetzenden selbstständigen und kritischen Erkennens zu einem offenen Hinter-fragen des bis dahin bestehenden Weltbildes des Mythos, indem die fraglos akzep-tierte Kunde der Vorzeit, das hingenommene heilige Wissen vom Urgrunde der Welt und des Lebens zunehmend an Bedeutung verloren.1 Es setzte ein frühes philosophi-sches und forschendes Auseinandersetzen mit den alten religiösen Bindungen und Vorstellungen der Vorzeit ein. Die Natur nachahmende Kunst ersetzte den mythisch-magischen Stil und das eiserne Zeitalter verdrängte langsam aber sicher das Bronze-ne. Der Mensch versuchte sich des Urältesten sowie des Zusammenhanges zwischen der Tiefe des Geistes und des Urgrundes des Weltganzen bewusst zu werden und nutzte erstmals die Fähigkeit des klaren Ausdrucks sowie des schöpferischen Wortes. Dieses gilt in Indien für MAHAVIRA ebenso wie für GAUTAMA BUDDHA, in Griechen-land für HERAKLIT und HESIOD und im chinesischen Kulturkreis für LAO-TSE sowie KONFUZIUS.

2.2 Die Krise der ethischen Ordnung

Durch die Perserkriege, den aufkommenden internationalen Handel sowie den Bildungs- und Forschungsreisen war diese Übergangszeit von langen kriegerischen Auseinandersetzungen sowie tief greifenden Veränderungen im politischen und so-zialen Gefüge, als Folge des Kennenlernens der Verschiedenheit ander]er Kulturen und Lebensformen, geprägt.2 Die traditionelle Gestalt des privaten und öffentlichen Lebens verlor ihre Selbstverständlichkeit sowie ihre fraglose Verbindlichkeit. Zu dieser Zeit der Neuorientierung, die durch eine tiefe Verunsicherung erschüttert war, setzte auch die Zuwendung der Philosophie zu einer kritischen und problem- orientierten Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ein, da das Zutrauen und Ver-trauen, dass Glück und Unglück Gabe der Götter seien, brüchig wurde.3

Diese Zeitspanne kann auch als die Zeit der großen Philosophen betrachtet wer-den. Es wurde bis dahin niemals sonst auf diese Art und Weise das kritische und problembezogene Denken so intensiv und in so großer Freiheit gepflegt, wie in jenen unruhigen Zeiten. Der Mensch löste sich durch die Philosophie in der Gestalt der Dialegästhai – der Dialektik – von der überkommenen Religion und Moral und ent-wickelte richtungweisende Theorien und Methoden, welche die Bedeutung ethischer Werte zu bestimmen suchten. Dadurch entstand eine Metaphysik, welche nicht nur auf die europäische Philosophiegeschichte eine Langzeitwirkung hatte.4

2.3 Die Philosophie und die Dialektik

Der philosophische Begriff der Dialektik (griech. dialektike techne, Ge-sprächskunst) ist in der abendländischen Philosophie zwar ein häufig verwendeter aber dennoch schwer zu handhabender und zudem umstrittener Begriff.5 Er hat im Laufe der Philosophiegeschichte erhebliche Veränderungen erfahren, so dass man nicht von einer einheitlichen Definition des Begriffs der Dialektik ausgehen kann.6 Obwohl ein kausaler Zusammenhang zwischen den einzelnen Traditionslinien be-steht und sie nicht bezugslos nebeneinander stehen, muss man trotzdem zwischen fünf Hauptformen unterscheiden:

Zum einen gibt es das Verständnis der Dialektik in der Philosophie der Antike – bei SOKRATES, PLATON und ARISTOTELES – als Kunst des Argumentierens und Be-weisens. Des Weiteren existieren die Auffassungen der Dialektik in den transzenden-talphilosophischen-idealistischen Philosophien FICHTES und KANTs sowie die Stel-lung als Grundstruktur und Methode im objektiven Idealismus HEGELs. Darüber hin-aus transformierte MARX diese Dialektik zu einer Methode der Gesellschaftskritik und dem Entwicklungsprinzip der Geschichte, ENGELs hingegen zu einem Entwick-lungsprinzip der Natur weiter. In der Gegenwart nimmt die Dialektik nur noch eine Rolle bei Rekonstruktions- oder Rechtfertigungsversuchen ein7.

3 Sokrates

3.1 Beginn des metaphysischen wissenschaftlichen Suchens

Der Philosoph SOKRATES, welcher um 470 v. Chr. in Athen geboren wurde (gest. 399 v. Chr.) ist mit seinem Wirken eine unerlässliche Voraussetzung für das abendländische Philosophieren geworden. Für die verschiedensten philosophischen Richtungen wird SOKRATES quasi als Kronzeuge angeführt, um die eigene Basis zu legitimieren.8 Allerdings weiß man über sein Leben sehr wenig und es existieren von ihm auch bisher keine schriftlichen Überlieferungen. Vielmehr muss man sich bis heute mit ganz gegensätzlichen Überlieferungen durch ARISTOPHANES, PLATON und XENOPHON begnügen.

Von SOKRATES stammt die dialektische Vorgehensweise, die auch als die Sokrati-sche Methode bekannt ist, mit der er das praktische und theoretische Wissen unter-suchte. Beide sind durch das griechische Wort epistéme miteinander verbunden.9 Mit dieser Methode begann das metaphysische wissenschaftliche Suchen nach sicherem Wissen. Die Bewegung zwischen Wesen und Einzelerscheinung, bei der man vom einzelnen Ding zum Wesen des Einzelnen gelangt, bedeutet Dialektik für SOKRATES. Mit Hilfe dieser Methode suchte er bei allem Physischen nach der bleibenden Ursa-che, dem Grund oder dem Wesen. Wer einmal das Wesen einer Sache erfasst habe, der verstünde auch das Einzelne besser.10 Jedoch benötige man das Einzelne, wel-ches sich in der Wahrnehmung zeige, um das Wesen überhaupt erst finden zu kön-nen. Für SOKRATES sind durch das Schöne die schönen Dinge schön, durch die Grö-ße das Große groß und das Größere größer sowie durch die Kleinheit das Kleinere kleiner.11

3.2 Der Sokratische Dialog

SOKRATES entwickelte seine Gedanken aber noch weiter. Er nahm an, dass die Menschen oftmals meinten, sie hätten etwas Wesentliches erfasst, aber in Wirk-lichkeit verwendeten sie gedankenlos einen alltäglichen Begriff. Den Begriff Tapfer-keit z.B. kannten die meisten Menschen und verfügten oft auch über die jeweiligen Tugenden, dennoch konnten sie nicht erklären was Tapferkeit sei.12 Um diesem Phä-nomen Abhilfe zu schaffen, nutzte SOKRATES die Form des dialogos – die Entwick-lung einer Meinung zur Wahrheit im Gespräch. Für ihn eröffneten sich die einzelnen Dinge der Realität zuerst dem jeweiligen Betrachter, welcher sich allerdings nicht sicher sein konnte, ob seine auf das Wahrgenommene bezogene Äußerung lediglich eine bloße subjektive Meinung oder eine wahre Aussage gewesen ist.13

Diese Überprüfung hatte deshalb für SOKRATES im Dialog zu geschehen, in-dem der Proponent eine Aussage machte und der Opponent diese durch Einwände anzweifelte. Dieser argumentative Prozess, der bei SOKRATES oft von Suggestivfra-gen geprägt war, musste solange weitergeführt werden, bis keine Einwände mehr vorgebracht wurden.14 Allerdings konnte man nicht sicher sein, ob später jemand weitere Einwände formulieren würde. Auf diese Art und Weise konnte es in einem Sokratischen Gespräch durchaus auch zu einem Zustand völliger Ratlosigkeit oder Verwirrung kommen, weil die Klarheit über eine Sache, die man vorher hatte, der Erkenntnis: „Ich wei /3 , dass ich nichts wei /3 .“ gewichen war.

In einem solchen Fall machte SOKRATES seinen Gesprächspartnern bewusst, dass sie völlig unreflektiert einen Begriff verwendeten und glaubten, dass sie das Wesen einer Sache benennen konnten, obwohl dies nicht der Fall war.15 Denn all die Sicher-heit, die sich auf vertrauten Begriffen aufbaut, die nicht genauestens bedacht, son-dern nur weit verbreitet benutzt werden, ist für SOKRATES nur eine Scheinsicher-heit.16 Dieses Nichtwissen, den unreflektierten Gebrauch von Begriffen, zu erkennen und das Eingeständnis der eigenen Unwissenheit waren Ziele der Dialektik im Sokra-tischen Dialog, welche einer eindeutigen Begriffsbestimmung diente, die Vorausset-zung für eine öffentliche Meinungsbildung, die in der Lage ist den Dogmatismus zu überwinden.

3.3 Die moralische Handlung zum Ziel

Neben einer sachlich-explikativen Klärung von Begriffen hatte der Sokrati-sche Dialog, im Gegensatz zu den Sophisten, die durch geschicktes reden und über-reden ihre eigenen Meinungen durchzusetzen versuchten, auch die Bildung einer moralischen Handlung zum Ziel.17 Durch das Hinterfragen des praktischen Wissens thematisiert SOKRATES die ethischen Werturteile, welche in der Kommunikation indirekt mitlaufen. Im Sokratischen Gespräch soll jeder einzelne Mensch Werte wie die Kardinaltugenden18 bewusst ermitteln können, die seinen täglichen kleinen und gewichtigeren Entscheidungen zugrunde liegen, um nicht ein unbeabsichtigtes falsches Leben zu führen.19 Der Mensch sollte befähigt werden, mit anderen zu kommunizieren und seine eigene subjektive Meinung korrigieren und die richtigen Konsequenzen ziehen zu können. Dabei ging SOKRATES den Weg vom moralischen Einzelurteil zurück zu den allgemeinen Vorraussetzungen, den Prinzipien. Darüber hinaus waren die Sokratischen Dialoge vom Prinzip der Anerkennung der Gleichwertigkeit sowie dem Respekt gegenüber den Gesprächspartnern geprägt.20

[...]


1 Vgl. STEMMER, Peter: Platons Dialektik, die frühen und mittleren Dialoge, Berlin 1992, S. 4.

2 Vgl. STEMMER, Peter: Platons Dialektik, S. 4.

3 Vgl. Artikel >Glück<, in: Hist. Wörterbuch der Philosophie, Band III, S. 679.

4 Vgl. STEMMER, Peter: Platons Dialektik, S. 4.

5 Vgl. Artikel >Dialektik<, in: Philosophielexikon, Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart, Hamburg 1991, S. 132.

6 Vgl. Artikel >Dialektik<, in: Metzler Philosophie Lexikon, Begriffe und Definitionen, Weimar 1999, S. 108.

7 Ebd., S. 108.

8 Vgl. HORSTER, Detlef: Sokrates, in: Metzler Philosophen Lexikon, Von den Vorsokratikern bis zu den Neuen Philosophen, Weimar 1995, S. 836.

9 Vgl. HORSTER, Detlef: Sokrates, S. 837.

10 Vgl. XENOPHON: Erinnerungen an Sokrates, Kapitel 6.

11 Vgl. HORSTER, Detlef: Sokrates, S. 838.

12 Vgl. HORSTER, Detlef: Sokrates, S. 838.

13 Vgl. Artikel >Dialog<, in: Metzler Philosophie Lexikon, Begriffe und Definitionen, Weimar 1999, S. 110.

14 Vgl. XENOPHON: Erinnerungen an Sokrates, Kapitel 6.

15 Vgl. HORSTER, Detlef: Sokrates, S. 838.

16 Vgl. SICHIROLLO, Livio: Dialegesthai – Dialektik von Homer – Aristoteles, Hildesheim 1966, S. 54.

17 Vgl. Artikel >Dialog<, in: Metzler Philosophie Lexikon, S. 110.

18 Vgl. PLATON: Euthydemos, 279a.

19 Vgl. XENOPHON: Erinnerungen an Sokrates, Kapitel 5.

20 Vgl. Artikel >Dialog<, in: Metzler Philosophie Lexikon, S. 110.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Differenzen und Gemeinsamkeiten zwischen den Dialektikkonzepten von Sokrates, Platon und Aristoteles
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Bedeutende Dialektiker der Antike
Note
3,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V131215
ISBN (eBook)
9783640383313
ISBN (Buch)
9783640382859
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sokrates, Platon, Aristoteles, Dialektik, Nikomachische Ethik, Politeia, Sokratische Dialog, Platonische Dialog, Dialegästhai
Arbeit zitieren
André Schmidt (Autor), 2005, Differenzen und Gemeinsamkeiten zwischen den Dialektikkonzepten von Sokrates, Platon und Aristoteles , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131215

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