Meads Versuch, den komplizierten Prozess der Identitätsbildung zu beschreiben und diesen auf die dringenden sozialwissenschaftliche Fragen hin anwendbar zu machen, stellt eine beispiellose Leistung dar.
Ihm gelang damit nicht nur die Verknüpfung von individuellem und sozialem Handeln, sondern auch die Bewusstmachung der Qualitätsstufen dieses Prozesses. Das Individuum steht der Gesellschaft gegenüber wie der Mikro- dem Makrokosmos. Beide sind voneinander abhängig und lassen demzufolge Rückschlüsse aufeinander zu. Indem Mead nun den biologischen Entwicklungsprozess mit dem gesellschaftlichen vergleicht und ersteren damit ergänzt bzw. erweitert, können nun auch allgemeine menschliche individuelle Bedürfnisse und Handlungsmuster mit den gesellschaftlichen verglichen und in Beziehung gesetzt werden. Das qualitative Verständnis gegenüber gesellschaftlichen Prozessen, die durch das Individuum erzeugt werden, aber auch auf selbiges einwirken können, kann so besser vermittelt werden. Wenn es also darum geht, Lösungen für gesellschaftliche Konflikte zu finden, sind genau diese Rückschlüsse wichtig. Denn der Mensch ist aufgrund seiner Intelligenz in der Lage, sein Verhalten nach objektiven und auch subjektiven Gesichtspunkten zu erkennen, zu unterscheiden und schließlich zu reflektieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Meads sozialwissenschaftliche Einordnung
2.1. Biographie
2.2. Meads Sozialpsychologie und Zeitphilosophie
2.3. Bedeutung von Meads Arbeit
3. Meads Identitätsbegriff
3.1. Erfahrung
3.2. Sprache – Kommunikation - Kultur
3.3. I-me-Dialektik
3.4. Phasen der Identitätsbildung: Spiel und Wettkampf
3.5. Identität. Ein Spiegel der Gesellschaft?
4. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sozialpsychologische Philosophie von George Herbert Mead mit dem Ziel, den Entstehungsprozess individueller Identität in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Strukturen zu beleuchten und kritisch zu hinterfragen.
- Historische Voraussetzungen der Entstehung des Identitätsbegriffs bei Mead.
- Die fundamentale Rolle von Sprache, Kommunikation und Zeitphilosophie.
- Der dialektische Prozess zwischen "I" und "me" zur Persönlichkeitsbildung.
- Die Bedeutung der Sozialisationsphasen Spiel (play) und Wettkampf (game).
- Das Selbst als Spiegel der Gesellschaft und gesellschaftliche Interdependenz.
Auszug aus dem Buch
3.1. Erfahrung
Bevor der Mensch überhaupt irgendeine Identität entwickeln kann, braucht er die Erfahrung des sinnlichen und geistigen Kontakts mit seiner Umwelt – d.h. sowohl die subjektive Erfahrung, als auch die objektive. Die im Laufe der Zeit gesammelten verschiedenen Eindrücke, Erlebnisse und Auseinandersetzungen reihen sich wie die Perlen einer Kette zu einem Ganzen zusammen. Hier kommt bereits Meads Zeitphilosophie zum Tragen, denn die „Verbindungen zwischen Gegenwärtigem und Vergangenem verweisen auf die den Objekten innewohnende Geschichte“26. Jeder Gedanke müsse erst durch einen anderen interpretiert werden27, deshalb setze jede „rekonstruierende Erkenntnis“28 einen gewissen Zeitrahmen voraus.
Verschiedene Aspekte spielen dabei eine Rolle, denn das einzelne Individuum entwickelt sich in einem sozialen Bezugsrahmen. Generell findet das Handeln im öffentlichen Raum statt. Da das Kind zu Anfang noch „keinen definitiven Charakter, keine definitive Persönlichkeit“ hat29, bietet die im sozialen Umfeld permanent stattfindende Interaktion mit anderen Individuen eine Projektionsfläche sowohl für die eigene Erfahrung, als auch für die in der Gruppe. Doch erst die zeitliche Einordnung der verschiedenen Erfahrungen gibt dem Kind die Möglichkeit, die soziale Interaktion mit seinem Selbst in Verbindung zu bringen und zu reflektieren. Im Laufe des Sozialisationsprozesses würde das Kind seine Sichtweisen gegenüber den Ereignissen anpassen bzw. ändern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Kontext von George Herbert Meads Werk und den durch die Individualisierung des Bürgertums ausgelösten Identitätswandel.
2. Meads sozialwissenschaftliche Einordnung: Dieses Kapitel verortet Meads philosophisches und sozialpsychologisches Wirken im Kontext von Darwin, dem Pragmatismus und seiner Zeitphilosophie.
3. Meads Identitätsbegriff: Dieser Hauptteil analysiert die Entstehung von Identität durch Symbole, Sprache, die I-me-Dialektik sowie die strukturierten Phasen der Sozialisation.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Relevanz von Meads interdisziplinärem Ansatz zusammen und betont das reziproke Verhältnis zwischen der Formung des Individuums durch die Gesellschaft und vice versa.
Schlüsselwörter
George Herbert Mead, Identität, Sozialpsychologie, Pragmatismus, I-me-Dialektik, Kommunikation, Sprache, Gesellschaft, Sozialisation, Spiel, Wettkampf, Selbst, Zeitphilosophie, Interaktion, Individuum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die sozialpsychologische Philosophie von George Herbert Mead und dessen Identitätsbegriff.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Zentrum stehen die Entwicklung des Selbst, die Rolle der Sprache, das Verständnis von Zeit sowie die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu erklären, wie menschliche Identität entsteht und welche Rolle gesellschaftliche Prozesse dabei spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf Meads Originalschriften sowie zeitgenössischer Sekundärliteratur zur Sozialwissenschaft und Philosophie basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einordnung Meads, die Analyse von Erfahrung und Kommunikation sowie die Erläuterung der I-me-Dialektik und Identitätsbildungsphasen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind unter anderem Identität, I-me-Dialektik, symbolische Interaktion, Sozialisation und gesellschaftliche Struktur.
Wie unterscheidet Mead zwischen den Phasen "Spiel" und "Wettkampf"?
Das "Spiel" dient der spielerischen Rollenübernahme ohne starre Regeln, während der "Wettkampf" die Integration der Erwartungen einer organisierten Gemeinschaft ("verallgemeinerter Anderer") erfordert.
Inwiefern beeinflusst das Konzept der "I-me-Dialektik" die Identität?
Das "I" repräsentiert den spontanen, kreativen Teil des Selbst, während das "me" die verinnerlichten gesellschaftlichen Haltungen darstellt; Identität entsteht aus der ständigen dynamischen Interaktion beider Komponenten.
Warum spielt die Zeitphilosophie eine tragende Rolle bei Mead?
Mead betrachtet Identität als Prozess, der eine zeitliche Einordnung von Erfahrungen und eine Rekonstruktion der Vergangenheit in der Gegenwart voraussetzt.
Was bedeutet die Metapher vom Selbst als Spiegel der Gesellschaft?
Sie beschreibt, dass das Individuum gesellschaftliche Strukturen verinnerlicht und dadurch die Gesellschaft in seinem eigenen Selbst repräsentiert, was gleichzeitig der sozialen Kontrolle dient.
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- Susanne Röver (Author), 2008, Die Kunst, eine Identität zu entwickeln , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131245