Favelas - Städtische Armut, Nachbarschaften und Wohnformen


Hausarbeit, 2006

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Gliederung

0. Einleitung

1. Definition „Favela“

2. Elendsbehausungen in Brasilien

3. Gründe für die Entwicklung von Favelas
3.1 Der Städtewuchs durch Favelas

4. Vorstellung einiger Favelas

5. Die Anti – Favela – Maßnahmen

6. Einige statistische Daten

7. Probleme und Nöte der Favelados

8. Die Kinder in einer Favela

9. Bedeutung der Favelas für den Staat
9.1 Wohnverhältnisse
9.2 Bildungsverhältnisse
9.3 Gesundheit

10. Fazit

0. Einleitung

Im Folgenden gilt zu untersuchen, was unter einer `Favela` zu verstehen ist. Zwar gibt es etliche Definitionen dazu [siehe unten], jedoch sollen sowohl die Entstehung als auch die Gründe für ein Leben in einer Favela und die Konsequenzen für die Menschen dort und für ganz Brasilien näher untersucht werden. In der folgenden Ausarbeitung geht es darum zu untersuchen, wie die in Favela lebenden Menschen mit ihrer Wohnsituation zurechtkommen und welchen Situationen und Komplikationen sie im Alltag ausgesetzt sind. Darüber hinaus werde ich auf die Wohnformen eingehen, die ich kurz im historischen Kontext darstellen werde.

1. Definition „Favela“

„Favelas im engeren Sinne sind (…) solche Elendssiedlungen, die illegal auf Grundstücken gebaut wurden, die den Bebauern nicht gehören“ (Füchtner 1991: 123f). Bei solchen Siedlungen besteht die Gefahr, dass die dort lebenden Menschen von ihrem Wohnort vertrieben werden, sei es aus privaten Gründen des Besitzeigentümers oder weil das Gelände zum Bau benötigt wird. Bei großen Ansiedlungen ist die Gefahr einer solchen Räumung geringer. Zwar wird unter Favelas die „Agglomeration von Elendsvierteln“ verstanden, jedoch wohnen dort nicht nur arme Menschen, sondern auch die Mittelschicht wie beispielsweise in der Favela Copacabana in Rio de Janeiro, wo viele Bewohner der Mittelschicht angehören (vgl. Füchtner 1991: 123f; 126).

2. Elendsbehausungen in Brasilien

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich in Brasilien mehrere Wohnformen herausgebildet, von denen die Favela heutzutage die Gängigste ist. Zum einen gab es die „vilas operárias“ [übers. Arbeitersiedlungen], welche um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erstmals auftraten (vgl. Füchtner 1991: 124). Solche Siedlungen bestanden häufig aus hundert bis zweihundert Häusern. Diese Arbeitersiedlungen wurden in der Nähe von Fabriken erbaut und sind bis heute noch teilweise erhalten geblieben (vgl. Füchtner 1991: 125). Um die Jahrhundertwende entstanden Ansiedlungen von ärmeren Menschen, die in corticos [übers. Bienenkörbe] lebten. Diese Häuser besaßen viele Zimmer, in denen jeweils eine ganze Familie wohnte. Solche Behausungen waren besonders in Sao Paulo vertreten und wurden nur von der Unterschicht bewohnt. In ihnen fanden viele Reibereien und Konflikte statt und oft fanden dort außer armen Menschen auch Kriminelle Zuflucht, was von den Behörden missbilligt wurde. Besonders die cortico „cabeca de porco“ [übers. Schweinekopf] erregte mit ihrer Massenherberge von vier Tausend Menschen zu viel Aufsehen bei der Behörde und wurde im Jahr 1892 abgerissen (vgl. Füchtner 1991: 125). Im Jahr 1890 wurden 1.449 Wohnungen wie die corticos allein in Rio gezählt. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurden viele corticos für den Bau von Zentren abgerissen. Darüber hinaus gibt es die loteamentos, die conjuntos habitacionais und andere casas precarias [übers. Elendsbehausungen] (vgl. Füchtner 1991: 126; 132 ff).

3. Gründe für die Entwicklung von Favelas

Die erste Favela wurde in Rio de Janeiro Ende des neunzehnten Jahrhunderts gegründet (vgl. Füchtner 1991: 127). Diese Siedlung entstand nach einem Canudo - Feldzug und die Überlebenden, die vom Kriegsministerium in Rio de Janeiro nach Unterkünften forderten, ließen sich derweil auf dem Hügel Morro da Providencia [übers. Berg der Vorsehung] nieder. Dort errichteten sie schon bald provisorische Hütten, erbaut aus Holz und Blech. Schon bald wurde die Ansiedlung in Morro da Favela getauft im Andenken an die Favela – Pflanze im Kriegsgebiet bei Canudos, wo Hunger und Entbehrung herrschten (vgl. Füchtner 1991: 127). Im Jahr 1920 wurden in dieser Favela 839 Hütten gezählt. Im Jahr 1920 wurde sie allerdings angesichts einer Grippeepidemie zerstört (vgl. Füchtner 1991: S. 139; Barretto: 14). Von da an wurden alle Siedlungen favela genannt, die auf unbenutzten Grundstücken nahe bei den Städten erbaut wurden und die den Ansiedlern nicht gehörten. Mit der Zeit wuchsen die Elendsbehausungen bis zu 1.000 pro Jahr. 1940 wurden 65.317 solcher Behausungen gezählt, 1949 waren es bereits 89.635 (vgl. Füchtner 1991: S. 127f).

Bis in die 1920er Jahre hinein waren die Favelas von geringer Bedeutung, erst danach entwickelten sie sich rasch. Grund dafür war die Veränderung des Binnenmarktes. Die Industrialisierung begann sich in den Städten auszubreiten und die Wirtschaft wuchs, sodass in den Städten viele staatlich geförderte Arbeitsplätze entstanden. Dem zufolge wanderten viele Menschen vom Land in die Stadt, weil sie dort auf ein besseres Leben hofften (vgl. Füchtner 1991: 23). Solche Menschen werden auch als peasants in the city bezeichnet, da sie ihre Lebensgewohnheiten vom Land weiterhin in der Stadt betreiben (vgl. Happe 2002: 141). Um 1940 lebten noch 68,8% der Bevölkerung Brasiliens auf dem Land. Im Jahr 1980 waren es bereits nur noch 33,3% aufgrund der Wanderung in die Stadt. Gründe dafür waren nicht nur bessere Perspektiven auf dem Arbeitsgebiet in den Städten. Auf dem Land forderten die Großgrundbesitzer mehr Arbeit von den Kleinbauern unter harten Bedingungen. Die Subsistenzlandwirtschaft nahm Dimensionen an und so blieb dem Kleinbauern keine Perspektive, auf dem Land zu bleiben. Zu den Faktoren der Landflucht gehören laut Barreto die Erschöpfung des Bodens durch unangemessene Verwertungstechniken und ungünstige klimatische Verhältnisse, die ungerechte Verteilung des Bodens und die Mechanisierung der Landwirtschaft (vgl. Barreto 1981: 16f; 17).

Ein gutes Beispiel für die Entstehung von Favelas gibt die heutige Hauptstadt Brasilia ab. Als Anfang der fünfziger Jahre die Stadt eingeweiht wurde, zog es viele arme Menschen in die Stadt, die aber zunächst abgedrängt wurden und in so genannten Satellitenstädten Unterschlupf fanden. Trotzdem konnte eine Favela – Bildung im Stadtinneren nicht verhindert werden und so stehen heute an die 42 Favelas in Brasilia, Tendenz steigend. Dennoch lässt sich Brasilia zwei teilen, in ein armes und in ein reiches Gebiet (vgl. Füchtner 1991: 138). „Es sind nicht die Favelas, die das niedrige Lohn-, Bildungs- und Hygieneniveau hervorrufen, sondern gerade umgekehrt: die niedrigen Löhne, die unaufhaltsame Verarmung breiterer Volksschichten durch die ungleiche Einkommensverteilung sind die Ursachen der Favelabildung“ (Barreto 1981: 42).

3.1 Der Städtewuchs durch Favelas

Die Städte Brasiliens wuchsen zusehends. Im Jahr 1940 beispielsweise lebten rund 31,4% der Bevölkerung in Städten, im Jahr 1960 waren es bereits 45,08% und heute leben rund 2/3 der Brasilianer in Städten (vgl. Füchtner 1991: 23 f). Die Landflucht bewirkte, dass die Städte immer schneller wuchsen. Beispielsweise wuchs Sao Paulo seit 1940 mit damals 1.535.000 Einwohnern zu den zwölf Millionen Einwohnern, die dort heute leben. Auch Rio de Janeiro erlebte ein immenses Anwachsen. Im Jahr 1920 lebten dort noch 1,2 Millionen Einwohner, im Jahr 1981 sind es mehr als acht Millionen. Mittlerweile leben in acht Städten Brasiliens über einer Millionen Menschen und in fünfzehn Städten über eine halbe Million Menschen (vgl. Barreto 1981: 20). Vor 1940 gab es viele Manufakturbetriebe, die eine große Anzahl an Arbeitern benötigten, nach dem zweiten Weltkrieg aber entwickelte sich die Industrie rasch und so entstanden „Bedingungen für die Unterbeschäftigung der Favelabevölkerung im unqualifizierten tertiären Sektor“ (Barreto 1981: 21).

Die bereits bestehenden kleineren Favelas wurden zu dieser Zeit oftmals geräumt oder saniert, damit die immer größer werdenden Städte mit besserer Infrastruktur, d.h. mit besseren Verkehrswegen und mit besser ausgelegten Straßen ausgestattet werden konnten. Demnach sollten neue Stadtgebiete erschlossen werden und eine Elektrifizierung der Straßen vorgenommen werden (vgl. Füchtner 1991: 23). Außerdem wurden riesige Zentren, Banken, Läden und Apartmenthäuser errichtet, wo früher Siedlungen von Corticos bis Cabecas – de – porco standen. Das Ergebnis war eine „chaotische städtische Landschaft“ (Barreto 1981: 22). Dennoch konnte eine Invasion an Menschen und somit immer mehr werdenden Favelas nicht gestoppt werden, da man die Lage zu spät erkannt hatte. Um 1940 begann eine politische Diskussion um das Phänomen Favela, weil die Infrastruktur, die Transportverhältnisse und auch die räumlichen Anlagen einer Stadt durch Favelas behindert wurden. Jedoch konnte man zu dem Zeitpunkt nicht alle Zwangsräumungen durchnehmen, da die Menschenmenge der Unterschicht bereits zur Masse geworden war und das Problem anders angegangen werden musste. Für die Umsiedlung der Favelados fehlte die nötige Investition, also blieben die Menschen wo sie waren. Zum Ende der siebziger Jahre hin egalisierte die Regierung einige Favelas, sodass die Gefahr der Zwangsräumung immer geringer wurde. Solche Favelas wurden an das Stromnetz angeschlossen und dort wurde die Miete beansprucht. Für diejenigen, die die Miete nicht zahlen konnten, bestand der einzige Ausweg darin, in eine andere Favela umzusiedeln (vgl. Füchtner 1991: 128f; 132).

Mit den vielen Arbeitern, die in den vierziger Jahren in die Städte kamen, entstanden viele neue Siedlungen. In Rio de Janeiro beispielsweise entstand die Siedlung Copacabana mit 30.000 Einwohnern pro km2. Diese Siedlung gehört zu den meist dicht besiedelten Siedlungen in Brasilien (vgl. Füchtner 1991: 126). Auch sonst ist in Rio die Einwohnerdichte groß, um genau zu sein sind es 4.000 Einwohner pro km2. Die brachliegenden Grundstücke betragen jedoch 30% der Gesamtheit, was heißt, dass viel Platz da ist, der aber ungenutzt bleibt (vgl. Barreto 1981: 23). Als Folge stellt Barreto fest: „Die durch die hohen Mietpreise, Grundsteuer und Gebühren für kommunale Erleichterungen bedingte Teuerung der Lebenshaltungskosten in den zentralgelegenen (sic!) Stadtteilen, das Fehlen eines gut funktionierenden Verkehrssystems sowie einer Infrastruktur in den Peripherien hat die damals schwer urbanisierbaren – und gerade aus diesem Grund noch freien – Grundstücke auf den Hügeln als die Wohnlösung für diejenigen offengelassen (sic!), die in der Nähe ihrer Arbeitsplätze wohnen wollten“ (Barreto 1981: 24).

Man fragt sich, wieso die Menschen in Brasilien ausgerechnet in Favelas leben wollen, wo es doch beispielsweise die corticos [übers. Mietskasernen] gibt. Betrachtet man jedoch den hohen Mietpreis in einer cortico, welcher einen Mindestlohn kostet und die Wohnbedingungen in solch einer cortico hinzuzieht, nämlich dass Menschen mit mehreren Familien auf engem Raum leben müssen, dann wird ersichtlich, dass Favelas lieber bevorzugt werden (vgl. Füchtner 1991: 135).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Favelas - Städtische Armut, Nachbarschaften und Wohnformen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V131269
ISBN (eBook)
9783640381524
ISBN (Buch)
9783640381678
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elendsbehausungen / Elendsviertel, Favelas, städtische Armut, Arbeitersiedlungen, Verarmung
Arbeit zitieren
Viktoria Dell (Autor:in), 2006, Favelas - Städtische Armut, Nachbarschaften und Wohnformen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131269

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