Informationstechnologie für Afrika

Vom 100$-Laptop zum 0$-Computer - Eine Analyse aus der Sicht der Schweiz


Bachelorarbeit, 2008

75 Seiten, Note: 2.25


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Arbeits-Hypothese

3 Auseinandersetzung
3.1 Weshalb ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema wichtig?
3.2 Wie wurde untersucht?
3.2.1 Methodik

4 Bedeutung von Informationstechnologie
4.1 für die Schweiz
4.2 für Entwicklungsländer in Afrika
4.3 Verhältnis Tnternetbenutzer zur Bevölkerung

5 Schweizer IT-Projekte in Entwicklungsländern Afrikas
5.1 Projekte verschiedener schweizer Tnstitutionen/Hilfswerke

6 Das Internet in Afrika
6.1 aus politischer Sicht
6.2 aus afrikanischer Sicht

7 Bedarfsfrage (IT in den Entwicklungsländern Afrikas)

8 Transportfrage

9 Energieversorgung

10 Verfügbarkeit von Daten

11 OLPC - der 100$-Laptop

12 ClassmatePC

13 Vergleich des OLPC mit dem ClassmatePC

14 Ausrangierte PC's der Schweiz als Alternative zu OLPC/ClassmatePC
14.1 Verfügbarkeit
14.2 Verwendbarkeit
14.3 Tm Vergleich mit dem OLPC-Laptop und dem ClassmatePC
14.3.1 Material
14.3.2 Energie
14.3.3 Kosten
14.3.4 Entsorgung nach Gebrauch

15 Erg ebnisse der Untersuchung

16 Résumé

17 Anhang
17.1 Definitionen
17.2 Interview mit Patrick Baumann, "TechShare"
17.3 Interview mit "Linuxola"
17.4 Interview mit Peter Niggli, "Alliance Sud"
17.5 Antwort von Dr. Peter van Eeuwijk
17.6 Questionnaire
17.7 Fragebogen an die angeschriebenen Hilfswerke
17.8 Abgelehnte Interviewanfragen
17.9 C++ Code zur Primzahlenberechnung

Zusammenfassung

Wir leben in einer Welt mit einer tiefen Kluft zwischen Arm und Reich. In den reichen Ländern erlebt die IT ein anhaltendes Wachstum, in den armen Ländern, namentlich in Afrika, fehlt sie noch weitgehend. Um den Menschen in der Dritten Welt den Anschluss an das Computer-Zeitalter zu ermöglichen, wurden das Projekt "One Laptop per Child" (OLPC) und der ClassmatePC entwickelt. Einzelne Organisationen liefern ausgediente PCs aus der ersten in die Dritte Welt. Diese Projekte haben aber bis heute keinen Durchbruch erzielt. Afrika hat den Anschluss an das IT-Zeitalter noch nicht gefunden. Während in Europa jeder zweite Einwohner über einen Internetanschluss verfügt, ist es in Afrika nicht einmal jeder 25. Computergeräte finden sich in Afrika erst in der staatlichen Verwaltung und in den Universitäten, nicht aber oder nur ausnahmsweise in Privatbesitz. Angefragte Hilfswerke betonen zwar die Wichtigkeit von Grundbildung und Berufsausbildung, halten aber die Vermittlung von IT-Kenntnissen und die Ausstattung von Schulen in der Dritten Welt mit Computergeräten nicht für prioritär.

Für die ,,Computerisierung" der Entwicklungsländer Afrikas fehlt zur Zeit die nötige Infra-struktur: Elektrizitäts- und Telefonnetze sind vielerorts nicht verfügbar oder mit grossen Mängeln behaftet. Die oben erwähnten OLPC und ClassmatePC entsprechen den Vorstel-lungen der Industrienationen und weisen gegenüber herkömmlichen Secondhand-PCs keine überzeigenden Vorteile für die Dritte Welt auf. Zudem fehlt es vollständig an Konzepten zur Entsorgung ausgedienter Computer.

Zusammenfassend fragt sich, ob Afrika "von aussen her" mit IT versorgt werden soll. Solan-ge die Menschen in Afrika nicht einmal ihre Grundbedürfnisse decken können, fehlt auch die Nachfrage nach Informationstechnologie. Soweit Hilfswerke Schulen mit Computern aus-rüsten wollen, stehen genügend ausgediente, aber noch voll funktionstüchtige PCs aus der ersten Welt zur Verfügung. Afrika ist noch nicht bereit - "Africa is not yet ready", sagt Gi­deon H. Chonia, ein Ghanese, der jahrelang sein Heimatland mit Secondhand-Computern aus der Schweiz beliefert hat.

Vorwort

Die Frage der vorliegenden Bachelor-Arbeit "Welche Informationstechnologie braucht Afri-ka ?" ist spannend und gleichzeitig aktuell. Auch wenn es zutreffend ist, dass der Kontinent Afrika noch viele andere und wohl auch dringendere Probleme zu lösen hat als die Wahl der richtigen Kommunikationstechnologie. Trotzdem ist die Bedeutung der Bearbeitung und Weitergabe von Information und Wissen für die Weiterentwicklung eines Landes nicht zu unterschätzen.

Entwicklung ist ein Prozess des gesellschaftlichen Wandels, der durch politische und soziale Auseinandersetzungen vorangetrieben oder manchmal auch gebremst wird. Dabei spielen die externen Kräfte meistens eine untergeordnete Rolle. Die Unterstützung von aussen soll-te sich immer auf die Verbesserung der Lebensumstände der Ärmsten konze]ntrieren und ihnen damit neue Perspektiven eröffnen. Eine solche könnte gerade die Informationstech-nologie darstellen. Vielleicht noch nicht heute, aber vielleicht schon in wenigen Jahren. Dabei ist es wichtig, dass ein solcher Weg behutsam gegangen wird. Das Tempo und die Art und Weise muss die lokale Bevölkerung vorgeben und darf nicht von aussen diktiert werden. Ansonsten ist ein Scheitern bereits zum Voraus programmiert.

Es bleibt abzuwarten, ob die Prognosen der vorliegenden Arbeit zutreffen oder nicht. Es wäre Afrika zu wünschen, wenn die breite Einführung der Informationstechnologie zu einer Verbesserung der künftigen Entwicklung beitragen könnte.

Im November 2008

Urs Winkler

Geschäftsführer World Vision

Kapitel 1

1 Einleitung

Alle sieben Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger. Weit über 800 Millionen Menschen sind dauernd schwer unterernährt. Zwischen der Sahara und Südafrika leben fast 200 Millionen Menschen ohne ausreichende Nahrung, etwa ein Drittel der Gesamtbevölke-rung Afrikas. Im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts (1990 2000) ist die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen um rund 100 Millionen gestiegen (Ziegler 2003, p. 60).

Gleichzeitig wächst der Welthandel mit beeindruckender Geschwindigkeit. In weniger als zehn Jahren hat sich das Welthandelsvolumen verdreifacht (Ziegler 2003, p. 12). Das grösste Handelsvolumen erzielt neben Brennstoffen der Informations- und Kommunikationssektor (Ziegler 2003, p. 65).

Das Vermögen der 15 reichsten Menschen der Erde übertrifft das Brutto-Inlandprodukt sämtlicher afrikanischer Staaten zwischen der Sahara und Südafrika (Ziegler 2003, p. 60). Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer - eine Binsenwahrheit.

Obwohl sich die Verbreitung des Internets in allen Schichten und in sämtlichen Gebieten des täglichen Lebens ständig erhöht, ist die Nutzung des Internets nach wie vor in erster Linie den so oder so bereits privilegierten Menschen vorbehalten (Kim 2003, p. 228).

Wie kann der Graben zwischen reichen Ländern und Entwick-lungsländern überwunden oder wenigstens verkleinert werden, wenn arme Menschen namentlich in Afrika keinen Zugang zu IKT (Informations- und Kommunikationstechnolgie) haben? Wenn sie noch nie einen Computer gesehen haben, geschweige denn, mit Computer-technologie umzugehen wissen? Diese Gedanken hat sich auch Ni­cholas Negroponte, Professor am MIT Media-Lab, gemacht und den OLPC (auch XO-1 oder 100$-Laptop) gemeinsam mit seinem Team entwickelt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.1: Ni­cholas Negroponte

"OLPC (originally a group at the Media Lab of MIT, now an independent or­ganisation) proposed to design a low cost laptop intended for use by children in developing nations. The laptop is poised to empower and educate child­ren through the use of technology, and connect the world's next generation of thinkers." (olpc.com 2008)

Zusammengefasst sind Computer aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. Zumin-dest wenn man die Lage in Europa, den USA und Teilen Asiens betrachtet. Ganz anders hingegen sieht die Situation in Entwicklungsländern und speziell in Afrika aus. Die Ver-breitung von Computern ist dort noch gering, an Heimcomputer wie wir sie uns gewohnt sind, ist nicht zu denken. Verschiedene Projekte versuchen, diese Situation zu verändern und haben zum Ziel, Entwicklungsländer mit Computern auszustatten, wie zum Beispiel das oben erwähnte OLPC-Projekt. Welche Informationstechnologie aber brauchen Ent-wicklungsländer in Afrika?

Sind vielleicht die ausgemusterten Computer aus den Industriestaaten wie der Schweiz eine mögliche Quelle für Computer-Geräte? Braucht es speziell gefertigte Rechner? Oder spe-zielle Software?

Oder transportieren Industriestaaten bloss ihren Elektroschrott in Entwicklungsländer? Welche Projekte gibt es? Wie wird vorgegangen? Sind aktuelle Hilfsprojekte erfolgreich? Sind diese Projekte den Bedürfnissen von Entwicklungsländern angepasst?

Sind Projekte wie das OLPC1 -Projekt oder das ClassmatePC2 -Projekt sinnvoll?

Wären allenfalls die ausrangierten PC's der Schweiz nicht ebensogut noch in Afrika brauch-bar?

Immerhin wird im Durchschnitt jeder Computer der in schweizer Unternehmen eingesetzt wird nach 5 Jahren ersetzt, auch wenn dieser noch voll funtionstüchtig ist (Linuxola.org 2008).

Verschiedene Organisationen und Institutionen wollen versuchen, diese Tatsache zu nutzen. Eine dieser Institutionen ist in der Schweiz ansässig und nennt sich LINUXOLA :

"linuxola will einen Beitrag zur Überbrückung des technologischen Grabens zwischen der entwickelten Welt und den benachteiligten Regionen, besonders in Afrika, leisten und jungen Menschen dort den Zugang zur Informations- und Computertechnologie ermöglichen" (Linuxola.org 2008).

linuxola sammelt funktionstüchtige Computer in der Schweiz, versendet sie nach Afrika und begleitet die Projekte vor Ort.

linuxola ist ein gemeinnütziger Verein, dessen Projekt "Penguins 4 Africa" 2007 den För-derpreis des DEZA (Departement für Entwicklung und Zusammenarbeit) bekommen hat.

Auch dem Umstand, dass ausgemusterte, funktionstüchtige Computer entsorgt und gleich-zeitig neue Computer für den Einsatz in Entwicklungsländern produziert werden, versucht sich diese Arbeit anzunehmen und zu klären, ob es sich dabei tatsächlich um eine Wider-sprüchlichkeit handelt oder dieser Sachverhalt vielleicht begründbar ist.

Informationstechnologie soll Afrika helfen, die Entwicklung des Kontinents voranzutrei-ben, die Menschen weiterzubringen und Wohlstand zu verschaffen.

Eine offizielle Stelle der Schweiz, das DEZA ist zum Schluss gekommen, dass Informati-onstechnologie in Afrika vier essentielle Funktionen habe:

Effizienzsteigerung, indem mehr Leute mit weniger Mitteln erreicht werden können.

Effektivität, indem interaktive Kommunikation öffentliche Dienste wie z.B. das Gesund-heitswesen verbessern können.

Produktivität, indem kleine Unternehmen schnelleren und besseren Zugriff auf Informa-tionen bekommen.

Steigerung des Arbeitsmarkts, indem ein neuer Arbeitsbereich entsteht, der sich mit Informationstechnologie befasst.

Gleichzeitig aber schreibt das DEZA: "A telephone connection and internet terminal in­stalled in a remote village in Africa will not automatically lead to poverty reduction" (SDC 2005).

Wie also schaut diese Art von Hilfeleistung durch bereitstellen von Informationstechno-logie konkret aus?

Etwa 6'677'564'000 Menschen lebten Ende Juli 2008 schätzungsweise auf unserem Pla-neten (CIA 2008).

Im Jahre 2005 wurden 1,018,057,389 Internetanschlüsse gezählt (CIA 2008). Die allermeis-ten davon in den Industriestaaten. Dies wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass auf 56Gbps Datenverkehr zwischen Europa und den USA gerade einmal 0,2Gbps Da-tenverkehr zwischen Europa und Afrika entfällt (Nuscheler 2005, p. 59).

Oder anders ausgedrückt: während in Industriestaaten wie der Schweiz, Grossbritanien oder den USA durchschnittlich bis zu 76 Computer auf 100 Personen in Gebrauch sind, sind es in Angola oder Kamerun zwischen 0,1 und 0,6 Computer auf 100 Personen (Globalis 2002). Obwohl also Computer in bestimmten Ländern fehlen, werden sie in der Schweiz entsorgt, auch wenn sie noch voll funktionstüchtig sind.

Gleichzeitig wird von einer Gruppe um den MIT-Professor Nicholas Negroponte ein neuer Laptop für Entwicklungsländer produziert.

Der OLPC ist bis heute kein so grosser Erfolg geworden. Bis 2008 wollten die Verantwortli-chen rund 1'000'000 Geräte vertrieben haben und den Preis des "100$-Laptops" tatsächlich auf 100$ gedrückt haben.

Die Idee hinter dem 100$-Preis ist, dass Schulbücher in Entwicklungsländern Afrikas für 5 Jahre Unterricht gerade etwa 100$ kosten und so der OLPC zu einem "begründbaren" Preis hergestellt werden soll. Im Moment - solange nicht mehr Geräte verkauft worden sind - liegt der Preis aber noch bei etwa 180$.

In der Realität sind 300'000 OLPC-Geräte im Einsatz, 600'000 sind produziert und die Entwickler arbeiten an einem kosteneffizienteren Nachfolgemodell, um weitere Einsparun- gen machen zu können.

Als Antwort auf diese Produktionszahlen steigt darauf schliesslich der amerikanische Chip-Gigant INTEL ins Geschäft mit den Hilfsgut-Computern ein und entwickelt einen eigenen Laptop für Entwicklungsländer, den 'ClassmatePC'.

Ressourcen werden knapp und die Entsorgung von Computern stellt immer noch ein Pro-blem dar. Dabei bräuchte unser Planet doch dringend Schonung, denn die Vorräte an nicht erneuerbaren Ressourcen sind begrenzt (Nentwig 1995, p299).

"Um ein Kilogramm Kupfer zu gewinnnen, das sich dann z.B. zu Kabeln wei-terverarbeiten lässt, müssen 500 Kilogramm Rohmaterialien bewegt werden. Deshalb müssen wir politisch alles dafür tun, dass Kupfer nicht weggewor-fen wird und in Müllöfen landet. Es muss dringend wiedergewonnen werden, [...] denn jede Tonne Kupfer, die man wiedergewinnt, vermeidet entsprechende Bergwerksschäden" (von Weizsäcker 1999, p. 19).

Der Friedens-Nobelpreisträger Muhammad Yunus etwa meint "Das Werkzeug, an dem die IT-Unternehmen arbeiten sollten, um einen wesentlichen Beitrag zur Befähigung der Menschen in Entwick-lungsländern zu leisten, ist ein Gerät, das eine arme Frau in einem Land der Dritten Welt immer bei sich tragen kann" (Yunus 2008, p. 233).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1.2: Mu­hammad Yunus

Wer aber wird dieses Gerät entwickeln?

Und wer setzt sich denn nun dafür ein, dass die Menschen in Afrika eine erstklassige IKT- Versorgung erhalten?

Hat IT in Afrika eine Chance, solange nicht jeder Mensch auf dem Kontinent in seinen Grundbedürfnissen versorgt ist?

Kann Armut ohne raschen Anschluss an die Informations- und Kommunikationstechnolo- gie überwunden werden?

Braucht Afrika nicht dringend Informationstechnologie?

Und wenn ja, welche?

Kapitel 2

2 Arbeits-Hypothese

"Die Entwicklung neuer Computer, auch des OLPC-Laptops, speziell für Entwicklungslän-der macht keinen Sinn, solange gleichzeitig voll funktionsfähige Computer aus der Schweiz entsorgt werden müssen. Würden diese Computer entsprechend genutzt, könnten Entwick-lungsländern in Afrika Computer zum Nulltarif zur Verfügung gestellt werden."

Kapitel 3

3 Auseinandersetzung

3.1 Weshalb ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema wichtig?

Afrika ist der ärmste Kontinent dieser Erde, nahezu eine Milliarde Menschen lebt in den Ländern Afrikas, und die wenigsten Menschen dort haben ein geregeltes Einkommen.

In krassem Kontrast dazu steht unsere westliche Welt, die in einer Zeit des Verschleisses von Ressourcen lebt. Unzählige Organisationen, private oder staatliche, versuchen, diese Ungerechtigkeit etwas auszugleichen, indem sie Hilfe für jene Menschen anbieten, die in einer weniger privilegierten Welt leben als wir.

Neben sauberem Wasser und Nahrung stehen mittlerweile auch Geräte der Informations- technologie auf der Liste der Hilfsgüter, und bereits werden Computer speziell für Menschen in der dritten Welt hergestellt.

Ob diese Geräte aber auch etwas taugen und ob sie überhaupt den Anforderungen der Zielumgebung entsprechen, das soll in dieser Auseinandersetzung mit dem Thema ermit- telt werden, ebenso wie die Frage, ob nicht ausgemusterte Computer ebenso ihren Zweck erfüllen würden.

Wird am Ziel vorbei entwickelt?

Gibt es nicht bereits genügend Geräte auf diesem Planeten, die noch genutzt werden könn- ten?

Was taugen diese billig-Computer für Entwicklungsländer überhaupt?

Brauchen Menschen in Afrika Computer?

Helfen 'wir' damit richtig?

Werden vielleicht bloss Luftschlösser gebaut?

Kann diese Hilfe überhaupt längerfristig finanziert werden?

Welche schweizer Organisationen bieten überhaupt Informationstechnologie als Hilfsgut an?

Verlagern wir etwa nur ein Entsorungsproblem?

Es ist an der Zeit, einige Antworten auf diese Fragen zu suchen.

3.2 Wie wurde untersucht?

Für die Untersuchung wurden Projektberichte von bestehenden Projekten herangezogen, Interviews mit Projektverantwortlichen geführt und die beiden bedeutendsten Geräte, die extra für Menschen in der dritten Welt hergestellt werden, getestet. Die 23 grössten Hilfs-werke der Schweiz, namentlich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

wurden angeschrieben und zu IT-Projekten befragt. Alle angeschriebenen Institutionen wurden zudem um die Möglichkeit eines Interviews angefragt, nur die wenigsten haben darauf allerdings reagiert (siehe Anhang).

Die Kooperationsbereitschaft der meisten Institutionen zu diesem Thema ist enttäuschend.

Ist "Informationstechnologie in Afrika" etwa kein Thema für unsere Hilfswerke? Allenfalls sogar zu recht?

Weiter wurden Fragebögen (siehe Anhang) an Schulen in Mali und Tanzania gesendet. Bis zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieser Arbeit sind nicht alle Fragebögen zurückge-kommen.

3.2.1 Methodik

Zur Untersuchung wurden quantitative (mittels Fragebogen) sowie qualitative (mittels In­terviews) Methoden der Untersuchung herangezogen. Neben einer gründlichen Literatur-recherche und Filmanalysen wurden zudem die beiden wichtigsten Computer, gefertigt speziell für die dritte Welt, beschafft und getestet.

Anhand der Daten, die die Fragebogen hätten liefern können, sollten statistische Werte ermittelt werden nämlich:

Fragebogen an die Hilfswerke in der Schweiz:

- Sind IT Projekte vorhanden?
- Was sind das für Projekte? / Wie sehen diese aus?
- Welche Motivation treibt zu solchen Projekten an?
- Welche Computer (OLPC / ClassmatePC / ausrangierte PC's) kommen zum Einsatz?
- Wie kommen diese Projekte an? Welche Hoffnung steckt in ihnen?

Fragebogen an Schulen in Mali und Tanzania:

- Denken die Schüler vor Ort, sie bräuchten Computer in der Schule?
- Denken die Schüler vor Ort, sie profitierten von Computern in der Schule?
- Wissen sie überhaupt was ein Computer / das Internet ist?
- Wozu würden sie Computer / Internet nutzen, wenn sie freien Zugang hätten?

Neben den statistischen Daten sollten mir verschiedene Interviews und Gespräche einen Einblick sowie Hinweise über Details im Sinne von Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen aber vor allem Einschätzungen von Personen die Experten auf diesem Gebiet sind, lie-fern. Der Interviewpartner würde dabei nicht als Einzelfall, sondern als Repräsentant einer Gruppe in die Untersuchung mit einbezogen (Flick 2006, p. 139). Vorbereitete Interviewfra-gen liess ich dabei "situationsangemessen im Gespräch einfliessen" (Schmidt-Lauber 2007, p. 177) als Leitfaden der Gespräche. Dadurch wurde dem Interviewpartner genügend Raum gelassen, ich sicherte mich aber ab, dass sich das Gespräch nicht in anderen, zu persön-lichen Themen verlieren würde. "Die Auswertung von Experteninterviews richtet sich vor allem auf Analyse und Vergleich der Inhalte des Expertenwissens" (Flick 2006, p. 141).

Kapitel 4

4 Bedeutung von Informationstechnologie

4.1 für die Schweiz

Der Computer beziehungsweise die Computertechnologie im Allgemeinen ist aus unserem alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken und hat in alle Bereiche Einzug gehalten. Eine enorme Industrie ist um die EDV entstanden, ein komplett neuer Industriezweig ist her-angewachsen. Dabei kann die Form des Einsatzbereichs von Computern enorm variieren. Von einfachen Textverarbeitungsmaschinen, die die Schreibmaschine als Schreibinstrument abgelöst haben über integrierte Computer, die Flugzeuge steuern und sicher von A nach B bringen, bis hin zu Hochleistungsrechnern, die Crashsimulationen durchführen und den "Dummy" in der Autoindustrie immer weniger notwendig machen. Computer existieren in einer unglaublichen vielzahl von Formen und sind von einem wahrscheinlich nicht beziffer-baren Wert für die Wirtschaft.

Als der Jahresumbruch 1999 / 2000 näher rückte, hielt die Welt den Atem an, weil nie-mand voraussehen konnte, wie sich Computer bei einer Umstellung der Zahlen von '99 auf '00 verhalten würden. Es wurde schlicht vergessen, dass vier Zahlen - anstelle von zwei - notwendig sind, um eine Jahreszahl eindeutig darzustellen. Banken druckten sämtliche relevanten Daten auf Papier aus und Grossverteiler rüsteten sich für die Hamsterkäufe, die kurz vor dem Jahreswechsel einsetzten. Tatsächlich fielen einzelne ältere Rechner auf das Datum des 1.1.1970 zurück und Unsummen wurden in die Behebung des Fehlers investiert, doch konkret passiert ist nichts.

Entweder hatten also Informatiker auf der ganzen Welt hervorragende Arbeit geleistet oder aber die Abhängigkeit der Menschheit von Computern ist doch nicht so gross wie (damals) angenommen. Die Wahrheit liegt vermutlich wie so häufig irgendwo dazwischen.

Obwohl die Schweiz den grössten Absatzmarkt pro Kopf in Eu­ropa für die EDV-Industrie darstellt, hat es 'die Schweiz' verpasst, einen namhaften Industriezweig Informatik aufzubauen. Einzig die Unternehmung Logitech, die 1982 die erste Computer-Maus in Se-rie herstellte, schaifte den Sprung vom schweizer Kleinunterneh-men in die Liga des Silicon Valley (Henger 2008).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4.1: Logi-tech Maus

Nach etlichen Jahren einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte wer- de sich die Informatikbranche nun wie auch andere Wirtschafts- oder Wissenschaftszweige aktiv um eine positive Reputation in der Gesellschaft bemühen müssen oder werde nach und nach an wirtschaftlicher, sozialer und wissenschaftlicher Bedeutung verlieren (Golliez 2005), schreibt das Branchen-Verband Magazin "Informatik-Spektrum" und bedauert einen rück-läufige Zahl der Neuanmeldung zu den Informatikstudiengängen um bis zu 50% in der Schweiz. Und tatsächlich, es waren kaum je so viele offene Stellen für Informatik-Berufe frei wie zur Zeit, und Jobbörsen prophezeien gar "glänzende Perspektiven für IT-Fachleute" (Maurer 2007).

Informationstechnologie hat in der Schweiz eine enorme Bedeutung, aber lange nicht die, die sie haben könnte. Es besteht jedoch Hoffnung, dass sich eine Trendwende einstellt: Microsoft, IBM, SAP und Google waagten den Schritt als grosse Unternehmen, die in den letzten Monaten in der Schweiz ein Forschungslabor errichtet haben. Dies ist nicht zu letzt der ETH und den vielen in der Schweiz angesiedelten renomierten Fachhochschulen zu verdanken.

4.2 für Entwicklungslãnder in Afrika

"For centuries, local communities have relied on their indigenous knowledge and expertise to cope with challenges posed by harsh environments, extended droughts, flash floods, epidemic pests, or infertile soils. A serious change of mentality is required to build Africa's development state. Knowledge producti­on is the key to facilitating indigenous knowledge and linking this with modern scientific knowledge" (Forje 2006, p. 375).

Gerade durch das Internet könnte das indigene Wissen der Völker Afrikas wirkunsvoll er-halten und konserviert werden. Das Internet könnte eine Brücke zwischen Nord und Süd darstellen und Wissen parallel aufbauen und bewahren, anstatt dass (modernes) westli-ches Wissensgut das Afrikanische verdrängt. Doch die Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) in Afrika ist zweifellos wesentlich kleiner als in Europa und Nord-Amerika. Neben Armut und Hunger, den grössten Hindernissen auf dem Weg ins digitale Zeitalter, haben aber auch andere Faktoren einen Einfluss auf die Verbreitung von IKT in Afrika.

Gerade wenn es um einen Internetzugang geht, mangelt es in Afrika an notwendiger In-frastruktur. Telefonanschlüsse sind nicht wie bei uns in jedem Haushalt vorhanden, im Gegenteil, eine Telefonleitung pro Dorf ist mancherorts bereits ein enormer Luxus.

Auch heute fehlt nach wie vor eine ausgebaute Festnetz-Infrastruktur. In 44 von 53 afri-kanischen Staaten wurden von der TeleGeography GlobalComms Database die Zahl der Mobilfunkteilnehmer im ersten Quartal 2008 mit 282 Millionen angegeben. Dem gegenüber stehen nur gerade etwa 30 Millionen Festnetz-Anschlüsse, und davon befinden sich mehr als ein Drittel in Ägypten (Sokolov 2008, p. 107).

Die Bevölkerung in Afrika wird am 1.7.2008 mit einer Zahl von 972'752'377 Menschen geschätzt (GeoHive 2008). Daraus lässt sich schliessen, dass etwa 2 von 100 Menschen in Afrika einen Festnetzanschluss besitzen - keine gute Voraussetzung für die Verbreitung des Internets.

Der Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur wird aber weiter durch Faktoren gehin-dert, die nur schwer in den Griff zu bekommen sind, solange nicht ein Einlenken der lokalen Regierungen und ein rigoroses Vorgehen gegen Korruption in den betreffenden Ländern sel-ber stattfindet.

In vielen Entwicklungsländern verboten oder bremsten Regierungen die neuen Informations-und Kommunikationstechnologien wie zum Beispiel VoIP. Die Regierungen schränkten die Nutzung von WiFi und anderen Drahtlostechnologien ein, verhängten unbrauchbare Lizenzbedingungen für Internet-Provider und limitierten den Zugang zu Glasfaserkabel-Verbindungen. Oftmals bevorteilten diese einschränkenden Vorschriften die regierungsna-hen und oftmals korrupten traditionellen, staatlichen Telekommunikations-Monopolisten (Wilson & Wong 2007, p. 36).

Trotz dieser Hürden und Hindernisse holt Afrika dennoch rasch auf und gewinnt zuneh-mend an Bedeutung auch für die westliche Computerindustrie. Das Open-Source-Projekt 'OpenOffice.org' veröffentlichte bereits im Februar 2005 seine erste Version mit einer Sprach-unterstützung für Kisuaheli, der "bedeutendsten afrikanischen Verkehrssprache", und zwang den Konkurrenten Microsoft, mit der Unterstützung für Kisuaheli in seinem Office-Paket mitzuziehen. Und im März 2006 erhielt die Informationstechnologie in Afrika erneut Auf-wind, als Microsoft bekanntgab, nun auch die Oberfläche seines Betriebssystems Windows XP in die Sprache Kisuaheli übersetzt zu haben.

Im Moment sei Afrika sogar "für Microsoft der am schnellsten wachsende Markt" (Purr 2006).

Auf der anderen Seite haben die Informations- und Kommunikationstechnologien auch ihre Schattenseiten, gerade etwa für einzelne Wirtschaftsbereiche: Der Effekt der zuneh-mend globalisierteren und teurer werdenden Informationen habe einen negativen Einfluss auf Bibliotheken und Verleger die in Afrika ums Überleben kämpften. Und solange nicht wirkunsvolle Gegenmassnahmen eingeleitet würden, blieben die Ressourcen für die Verle-ger und Bibliotheken knapp und das Geschäft sei in Gefahr (Limb 2005, p. 14).

Und auch auf sozialer Ebene wird sich die afrikanische Bevölkerung an die neuen Techno-logien anpassen müssen, um nicht in Gefahr zu laufen, neue Konflikte zu schüren:

Die rapide Entwicklung und Verteilung von Informations- und Kommunikationstechnolo-gien veränderten die Möglichkeiten für ökonomisches Wachstum in Afrika enorm, so wie in den übrigen Ländern der Welt auch. Zugang zu Informationstechnologie sei zu einem kritischen Faktor geworden um Wohlstand, Arbeitsplätze und Entwicklung zu fördern. In-formationstechnologie könne aber auch bestehende Chancen der Entwicklung behindern und die Abhängigkeit von Technologie verstärken. Durch ungleich verteiltem Zugang zu IT könnten soziale Konflikte geschürt werden (Benner 2003, p. 1).

Dem stimmt auch Gideon Hayford Chonia zu. Gideon H. Chonia hat während Jahren gebrauchte Computer aus der Schweiz nach Afrika geliefert, mit der Idee, den Leuten vor Ort zu Helfen. "Das war ein Fehler", sagt Chonia heute, "Afrika ist noch nicht bereit für IT, nicht für diese IT."

Er habe tausende von Computern nach Afrika geliefert, installiert und betreut - heute wür-de er das nicht noch einmal tun. Ein resignierter Gideon Chonia erzählt seine Geschichte, die sich noch vor wenigen Jahren ganz anders angehört hätte. "Eine Brücke nach Afrika" titelte einst die NZZ; "Mit blitzenden Augen erzählt er [Chonial vom Projekt, in seiner ehemaligen Heimat Gahna ein Open-Source-basiertes Netzwerk zu installieren" heisst es da weiter (Imhof 2003). Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Gideon Chonia erzählt von einem Beispiel:

Ein Farmer sei eines Morgens in seinem halb demolierten Haus aufgewacht, sein Acker und seine sowieso mager ausfallende Ernte seien grösstenteils zerstört gewesen. Der Far­mer habe sich daraufhin erkundigt, was geschehen war und habe feststellen müssen, dass eine Strasse durch sein Anwesen gebaut werden sollte. Um mehr zu erfahren, musste sich der Farmer aber in die entfernte Stadt begeben. Da ihm nichts anderes übrig blieb, mach-te sich der Farmer also auf, um sich in der Stadt zu erkundigen. Auf das Argument des Farmers, er habe nicht einmal von einem Projekt gewusst, wurde ihm entgegnet, man habe heutzutage schliesslich Internet und der Plan sei dort ja die ganze Zeit über verfügbar ge-wesen.

"Was in Europa funktioniert, funktioniert nicht automatisch auch in Afrika" führt Chonia weiter aus. Informationen verbreiteten sich in Afrika nun mal seit Jahrtausenden über an-dere Wege, und die Lieferung von IT allein bedeute noch keinen Fortschritt. "Solange die Leute und die Regierung nicht hinter einem stehen, bringt IT in Afrika nichts". "Die Leute erhalten Computer und Internetzugang von irgendwelchen NGO's, dabei wird vergessen, dass die Leute Essen und Trinken müssen und vom Zu g an g zu Information noch nicht gelebt haben".

Viel Geld habe er investiert, um die Computer nach Afrika zu verschiffen, viel Schmier-gelder seien bezahlt worden. Die Regierungen hätten nicht kooperiert, seien nach wie vor zu korrupt. Man habe ihm so viel versprochen, nichts davon sei eingehalten worden. Es mangle an Geld für solche Projekte. Man erwarte von Afrika einen Sprung 'von Null auf Hundert' zu machen, aber niemand wisse, wo Afrika dabei lande. Projekte würden ge-plant, aufgebaut, eine Zeit lang gefördert, aber sobald das Projekt sich selbst überlassen werde, falle es in sich zusammen: "Satelliten-Empfang, Netzwerktechnologie und Compu­ter werden installiert und man trainiert die Leute darin, Informationen abzurufen". Was die Leute 'im Busch' aber damit später anfangen sollen, sei nie abgeklärt worden. Die Computer würden verkauft oder auseinandergenommen, brauchbares verwertet und un-brauchbares liegengelassen. Einfache Menschen in Afrika hätten (noch) keine Verwendung für die Informationstechnologien, die von den Weissen gebracht würden. Jene, die von den Informationstechnologien profitierten, das seien Menschen aus einer Schicht, die sich IT so oder so leisten könnte, meint Chonia.

Auf die vielen Internet-Cafés, die inzwischen in Afrika entstanden sind (Piri Pictures 2003) angesprochen, meint Chonia, dass diese Cafés seiner Meinung nach nur deshalb so verbrei-tet sind, weil sich Spamming in Afrika lohnt und kaum bis gar nicht strafrechtlich verfolgt wird. 1'000 Spam-Mails nach Europa oder Nord-Amerika zu versenden bringe einen Dollar ein, und so sei schon mit 2'000-3'000 Spam-Mails ein einigermassen ausreichender Tages-lohn in Afrika zu erwirtschaften. "So kommt zurück, was wir gebracht haben."

[...]


1 OLPC - One Laptop Per Child - http://www.laptop.org/

2 INTEL ClassmatePC - http://www.classmatepc.com/

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Informationstechnologie für Afrika
Untertitel
Vom 100$-Laptop zum 0$-Computer - Eine Analyse aus der Sicht der Schweiz
Note
2.25
Autor
Jahr
2008
Seiten
75
Katalognummer
V131286
ISBN (eBook)
9783640383955
ISBN (Buch)
9783640384235
Dateigröße
1243 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Überarbeitete Version
Schlagworte
Welche, Informationstechnologie, Afrika, Eine, Analyse, Sicht, Schweiz
Arbeit zitieren
Tobias Vogel (Autor), 2008, Informationstechnologie für Afrika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131286

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