Diese Bachelorarbeit wird sich mit dem Thema Behinderung innerhalb der deutschen Gesellschaftsordnung befassen, wobei in diesem Zusammenhang die Historie des Nationalsozialismus und die darin enthaltenen, durch die wissenschaftliche Perspektive der Eugenik begründeten, menschenverachtenden Maßnahmen ein Schwerpunkt sein werden.
Kontrastierend dazu konnte schon vor der Phase des Nationalsozialismus eine Etablierung erster Interessenvertretungen dieses Personenkreises verortet werden, die sich für eine Veränderung der Lebensverhältnisse dieser Menschen aussprachen. Diesbezüglich kann dargelegt werden, dass sich diese ersten Entwicklungen deutscher Behindertenbewegungen aufgrund des Nationalsozialismus nicht weiter in der deutschen Gesellschaftsordnung festigten können, aber sich nach dieser Phase erneut Formen dieser interessenvertretenden Strömungen konstituieren, die oftmals auf durch Eltern von Kindern mit Beeinträchtigung hervorgebrachten Initiativen beruhen.
Außerdem kann in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein Aufbau exkludierender Versorgungsstrukturen für Menschen mit Beeinträchtigung verortet werden, der in seiner Legitimation von den zu diesem Zeitpunkt etablierten Interessenvertretungen vorwiegend unterstützt wurde.
Der weitere Entwicklungsprozess dieser sogenannten Behindertenbewegungen lässt ab den 1970er Jahren eine Etablierung neuer Formen an interessenvertretenden Organisationen verorten, die sich nun gegen die exkludierenden und fremdbestimmten Lebensverhältnisse dieser Menschen aussprechen. In Verbindung mit diesen Interessenvertretungen kann eine sich in den 1980er Jahren etablierende Wissenschaft verortet werden, die den historisch gewachsenen und in Bezug auf das Behinderungsphänomen dominierenden wissenschaftlichen Ansätzen gegenüber kritisch gesinnt ist. Diese sogenannten Disability Studies, und an dieser Stelle im deutschen Wortlaut exemplarisch wiedergegebenen „Studien über Behinderung“, stehen in einem gewissen kooperativen Ansatz zu den internationalen Behindertenbewegungen, indem deren Ursprünge in diesen zu finden sind.
In Bezug auf die deutsche Gesellschaftsordnung kann deren einsetzende Etablierung aber erst seit Anfang des 21. Jahrhunderts verortet werden, indem zu diesem Zeitpunkt ein gewisser Diskussionsprozess über die Disability Studies und deren Verankerung in den deutschen wissenschaftlichen Strukturen beginnt und ein dadurch initiierter sich schrittweise entwickelnder Prozess.
Inhaltsverzeichnis
1 Die Entwicklung des Umgangs mit Menschen mit Behinderung innerhalb der deutschen Gesellschaftsordnung
1.1 Der Nationalsozialismus und die Perspektive der Eugenik
1.2 Die Entwicklung der Interessenvertretungen nach dem Zweiten Weltkrieg
2 Die Disability Studies – Ein Perspektivenwechsel auf Behinderung innerhalb Deutschlands?
2.1 Die Wissenschaft der Disability Studies und die Behindertenbewegungen
2.2 Die Etablierung der Disability Studies innerhalb Deutschlands
2.3 Die Macht der Normen und die Disability Studies – mit Ansätzen Foucaults
2.4 Das individuelle Modell von Behinderung und die Kritik der Disability Studies an diesem traditionellen Denkmuster
2.5 Das soziale Modell von Behinderung und dessen veränderte Denkweise
2.6 Die kritische Reflexion des sozialen Modells von Behinderung
2.7 Das kulturelle Modell von Behinderung und dessen vertieftes Verständnis
2.8 Die Disability Studies, das kulturelle Modell von Behinderung und deren kritische Reflexion der traditionellen Wissenschaftsansätze
2.9 Der Prozess der Kategorisierung und Differenzierung
2.10 Die Disability Studies und deren multidimensionale Perspektive
3 Das Potenzial der Disability Studies für die Transformation der deutschen Gesellschaftsordnung im Sinne des Paradigmas der Inklusion
3.1 Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK)
3.2 Die Bundesrepublik Deutschland und deren Verpflichtungen als Teil der ratifizierenden Vertragsstaaten der UN-BRK
3.3 Die UN-BRK und das Paradigma der Inklusion innerhalb Deutschlands
3.4 Das Paradigma eines inklusiven Deutschlands und die Disability Studies
3.4.1 Die Disability Studies und deren Verständnis von Behinderung
3.4.2 Die Disability Studies und deren Forschungsparadigma
4 Abschluss der Arbeit
4.1 Zusammenfassung der Ergebnisse und Beantwortung der Fragestellung
4.2 Das sozialarbeiterische Handlungsfeld der deutschen Behindertenhilfe
4.3 Ausblick – Das Paradigma einer inklusiven Gesellschaft
4.3.1 Das Stigma der Behinderung
4.3.2 Die Utopie einer guten Gesellschaft
4.3.3 Abschlusszitat
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Potenzial der Disability Studies für eine inklusive Transformation der deutschen Gesellschaftsordnung. Dabei wird hinterfragt, ob dieser Forschungsansatz neue Erkenntnisse liefert, die eine gleichberechtigte Partizipation von Menschen mit Behinderung ermöglichen und kontrastierend zum historischen NS-Umgang stehen.
- Historische Entwicklung des Umgangs mit Behinderung in Deutschland.
- Kritische Analyse verschiedener theoretischer Behinderungsmodelle.
- Machtanalytische Betrachtung gesellschaftlicher Normen (Michel Foucault).
- Transformation durch UN-Behindertenrechtskonvention und BTHG.
- Rolle der Disability Studies für die soziale Arbeit und Inklusion.
Auszug aus dem Buch
2.4 Das individuelle Modell von Behinderung und die Kritik der Disability Studies an diesem traditionellen Denkmuster
„Im Oktober 2006 erschien in der amerikanischen Fachzeitschrift „Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine“ eine Fallbeschreibung, die von Hormontherapie, Gebärmutter- und Brustdrüsenentfernung an einem Kind berichtete, das mit einer schweren Mehrfachbehinderung geboren wurde und zu Hause lebt“ (Waldschmidt 2007b, S. 119).
Diese Form einer medizinischen Intervention an einem sechs Jahre alten Kind wurde aufgrund des Willens der Eltern durchgeführt und war mit der Intention verbunden „das Wachstum und die sexuelle Entwicklung ihrer Tochter“ in seinem derzeitigen Entwicklungsstadium zu beenden, „weil sie auch in Zukunft für sie sorgen wollten und befürchteten, dass ein zu großes Körpergewicht ihre eigenen Kräfte überfordern würde“ (Waldschmidt 2007b, S. 119). Diesem medizinischen Eingriff wurde seine Legitimität durch eine in der dortigen geographischen Region etablierten Institution, in Form der „Ethikkommission der University of Washington in Seattle, USA“, zugesprochen, und zwar mit der Begründung, dass diese „klinische Intervention eine spätere Heimeinweisung verhindern, die Unterbringung in der Familie gewährleisten und somit den Interessen des Kindes dienen würde“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Die Entwicklung des Umgangs mit Menschen mit Behinderung innerhalb der deutschen Gesellschaftsordnung: Das Kapitel beleuchtet historische Exklusionsprozesse, insbesondere die NS-Eugenik, und stellt sie der Entstehung erster Behindertenbewegungen gegenüber.
2 Die Disability Studies – Ein Perspektivenwechsel auf Behinderung innerhalb Deutschlands?: Dieses Kapitel führt die Disability Studies als kritische Wissenschaft ein und diskutiert verschiedene Behinderungsmodelle im Kontext von Machtstrukturen und Kategorisierungsprozessen.
3 Das Potenzial der Disability Studies für die Transformation der deutschen Gesellschaftsordnung im Sinne des Paradigmas der Inklusion: Hier wird untersucht, wie die Disziplin auf Basis der UN-BRK und aktueller Gesetzgebung wie dem BTHG zur gesellschaftlichen Inklusion beitragen kann.
4 Abschluss der Arbeit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, diskutiert das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit und entwirft ein Zukunftsbild der Inklusion sowie die Utopie einer guten Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Disability Studies, Behinderung, Inklusion, Behindertenhilfe, UN-BRK, Eugenik, Soziale Arbeit, Partizipation, Stigma, Kategorisierung, Normalität, Sozialdarwinismus, Empowerment, Barrierefreiheit, Menschenrechte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die gesellschaftliche Konstruktion von Behinderung und das transformatorische Potenzial der Disability Studies für die deutsche Gesellschaft im Sinne einer inklusiven Ordnung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Historische Entwicklung des Umgangs mit Menschen mit Behinderung, theoretische Behindertenmodelle, Menschenrechtsperspektive, Inklusion als Paradigma und das sozialarbeiterische Handlungsfeld.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Disability Studies durch eine multidisziplinäre und kritische Perspektive helfen können, exkludierende Strukturen abzubauen und Partizipation zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse und Literaturarbeit, ergänzt durch die methodischen Ansätze der Disability Studies, insbesondere mit Bezügen zu Foucaults Diskursanalyse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Etablierung der Disability Studies, der Kritik an herkömmlichen Behinderungsmodellen (individuell vs. sozial vs. kulturell) und der Umsetzung der UN-BRK.
Was sind die charakteristischen Schlüsselwörter?
Dazu zählen Inklusion, Disability Studies, soziale Barrieren, Stigmatisierung, Teilhabe und das individuelle bzw. soziale Modell von Behinderung.
Wie unterscheidet sich das soziale Modell vom individuellen Modell?
Während das individuelle Modell Behinderung als defizitäres persönliches Problem definiert, versteht das soziale Modell Behinderung als ein durch gesellschaftliche Barrieren produziertes Phänomen.
Was ist die Bedeutung des „Nichts über uns – ohne uns“-Leitprinzips?
Es postuliert, dass Menschen mit Behinderung als Experten in eigener Sache aktiv und gleichberechtigt in Forschungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen werden müssen.
Wie spielt die UN-BRK für Deutschland eine Rolle?
Sie dient als rechtlicher und politischer Ankerpunkt, um die deutsche Behindertenhilfe von einem traditionellen Fürsorgegedanken hin zu einem emanzipatorischen, inklusiven Verständnis zu transformieren.
- Arbeit zitieren
- Timo Krause (Autor:in), 2022, Das Paradigma einer inklusiven Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1313268