Mentale Repräsentation und non-verbal Kategorisierung von abstrakten Objekten


Hausarbeit, 2008

50 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Mentale Repräsentation Kategorisierung
2.1.1 vertikale Dimension der Kategorisierung
2.1.2 Horizontale Ebene der Kategorisierung
2.1.2.1 Prototypikalität
2.1.2.2 Familienähnlichkeit, Prägnanz und cue validity
2.1.2.3 Repräsentation des Prototyps
2.2 Modell der Objektwahrnehmung
2.2.1 Strukturelle Repräsentation
2.2.2 Ansichtsbasierte Repräsentation
2.3 Objekt-Repräsentation im Cortex
2.4 Klassifizierung von Handgriffen
2.5 Mentale Repräsentation von Handgriffen

3 Methodik
3.1 Probanden
3.1.1 Probanden Objektvergleich
3.1.2 Probanden Greifbewegungsvergleich
3.2 Objektauswahl
3.3 SDA - Methode
Abb. X Darstellung des Programm Net-Split anhand eines Screem-Shots
3.4 Ablauf
3.5 Datenauswertung

4 Ergebnisse
4.1 Experimentteil „Kategorisierung Objekte“
4.1.1 Kategorisierung Objekt Probanden gesamt
4.1.2 Kategorisierung Objekt männliche Probanden
4.1.3 Kategorisierung Objekt weibliche Probanden
4.2.1 Kategorisierung Greifbewegung Probanden gesamt
4.2.2 Kategorisierung Greifbewegung Probanden männlich
4.2.3 Kategorisierung Greifbewegung Probanden weiblich
4.3 Prüfung auf Invarianz

5 Diskussion
5.1 Experimenteil Kategorisierung Objekte
5.2 Experimenteil Kategorisierung Greifbewegungen
5.3 Vergleich der Intention
5.4 Allgemeine Diskussion der Ergebnisse

6 Kritik und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang

1 Einleitung

Unser Alltag wird bestimmt von der Interaktion mit verschiedensten Objekten. Diese sind sehr vielfältig und unüberschaubar. In der Regel können wir jedoch alle Objekte unserer Umwelt, wie beispielsweise Tische, Stühle etc., einordnen und auch meistens die richtige Verwendung dafür finden. Um all die Eindrücke kognitiv einordnen zu können, bedient sich unserer Gedächtnis der Kategorisierung. Eine scheinbar leichte Aufgabe für das Gehirn. Tatsächlich jedoch gibt es bis heute kein automatisches Erkennungssystem, welches die-se Aufgabe lösen kann. Somit gehört die Bildung und Erhaltung von Kategorien zu den schwierigsten und wichtigsten Fragestellungen der kognitiven Neurobiologie bzw. Wahr-nehmungspsychologie. Dazu wurden seit Ende der 1960er Jahre die verschiedensten Studien durchgeführt. Die Anfänge machten Berlin und Kay mit Untersuchungen zur sprachlichen Einordnung von Farben. Während die Gruppierung von Farben auch bis heu-te das vorrangige Thema der Kategorisierung bildet, sind Formen bisher nur selten als Versuchsgegenstand verwendet worden. Hierfür könnte das, gegenüber Farben, komple-xere Vokabular für Formen eine Rolle spielen. Außerdem ist die Umsetzung in ein experi-mentelles Design vielseitiger als bei Farben. Somit ist die Durchführung um einiges um-fangreicher. Weiter wird mit den meisten Objekten ein Zusammenhang zwischen ihnen und ihrer Umwelt hergestellt. Somit können sie aus diesem Kontext nicht so leicht gelöst werden, was die Einordung innerhalb evtl. Experimente erschwert.

Im Rahmen eines umfassenden Studienprojekts des Arbeitsbereichs für Neurokognition und Bewegung der Universität Bielefeld mit dem Thema „Manuel Repräsentation and ca­tegorisation of abstract objects“ werden die verschiedensten Studien zur verbalen, non-verbalen und Greifbewegungs-Kategorisierung von abstrakten Objekten durchgeführt.

In der vorliegenden Arbeit wurden abstrakte Objekte als Grundlage für Kategorisierung verwendet. Dabei wurde ein non-verbales Paradigma zur Untersuchung der mentalen Repräsentation verwendet. Somit ist das Experiment nicht sprachgebunden. Es beinhalten vielmehr zwei andere Intentionen. So sollten die Probanden auf der einen Seite die Objek-te auf Grund ihres Aussehens kategorisieren, d. h. sie sollen die Objekte im Bezug auf ihre Ähnlichkeit miteinander vergleichen. Weiter sollen auf der anderen Seite Probanden Greif-bewegungen der Objekte miteinander vergleich und für sich als ähnlich bzw. nicht ähnli-chen beurteilen. Aus diesem Design ergeben sich die folgenden Fragestellungen, die in dieser Arbeit untersucht werden:

Welche Kategorien werden aus der visuellen Wahrnehmung beim Objektevergleich aus den 28 Formen gebildet?

Welche Kategorien werden durch die Intention der Greifbewegung gebildet?

Welche Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten treten beim Vergleich der beiden Experi-mentteile auf?

Au1erdem werden diese drei Fragestellungen noch geschlechtsspezifisch unterteilt. Somit ergibt sich als weitere und letzte Fragestellung:

Gibt es bei der Kategorisierung innerhalb bzw. zwischen den beiden Experimentteilen ge-schlechtsspezifische Unterschiede?

Abschlie1end werden nun der Verlauf respektive die Bearbeitung der Arbeit kurz aufge-führt. Zunächst einmal wird ein theoretischer Hintergrund aufgezeigt, der sowohl den Ab-lauf als auch die Zusammenhänge der durchgeführten Untersuchung besser verständlich machen soll. Dabei werden als erstes die kognitiven Prozesse wie Wahrnehmung und Ka-tegorisierung dargestellt, ehe auf die Methodik der Untersuchung eingegangen wird. Hier wird im Wesentlichen der Versuchsablauf erörtert. Im Anschluss daran werden die Ergeb-nisse präsentiert und genauestens betrachtet. Abschlie1end werden sie in einer kritischen Diskussion analysiert, worin die eingangs aufgestellten Hypothesen überprüft werden. Das Fazit und die Kritik stellen den Versuchsablauf bzw. die wichtigsten Ergebnisse noch ein-mal zusammenfassend dar und weisen zudem noch auf kritische Aspekte der Untersu-chung hin.

2 Theoretischer Hintergrund

In diesem Kapitel wird, wie bereits eingangs erwähnt, die theoretische Basis für die durch-geführte Untersuchung dargestellt. Im Vordergrund stehen zum einen kognitive Prozesse wie die mentale Repräsentation und Kategorisierung. Weiterhin werden die Erkennung und Wahrnehmung sowohl von Objekten als auch von Greifbewegungen beschrieben.

2.1 Mentale Repräsentation Kategorisierung

Für eine effiziente Verarbeitung von Informationen wird eine gut organisierte Gedächtnis-struktur benötigt (vgl. Anderson, 1988). Hierbei besitzt das menschliche Gedächtnis, ähn-lich einer Bibliothek, eine interne Organisationsstruktur, die eine ökonomische Speiche-rung sowie einen problemlosen Abruf von Wissen ermöglicht (vgl. ebd.). Dafür ist der Auf-bau einer mentalen Repräsentation von besonderer Bedeutung. Nach Paivio (1986) ist dieses eines der komplexesten und umfassendsten Begriffe innerhalb der Kognitionswis-senschaften (vgl. Paivio, 1986). Allgemein wird unter der mentalen Repräsentation ver-standen, dass von den Reizen der Umwelt, die auf Personen wirken, ein inneres Abbild geschaffen wird (vgl. Anderson, 1988). Somit wird ein Reiz im kognitiven System des Ge-hirns in eine entsprechende Form übersetzt. Dieser Vorgang wird als Enkodierung be-zeichnet. Ihr Ergebnis stellte die mentale Repräsentation eines Reizes, mit seinen inneren und äußeren Merkmalen, dar (vgl. Zimbardo, 2004). Daher werden im Umgang mit unse-rer Umwelt mentale Strukturen konstruiert und diese weiter im Kopf „repräsentiert“ (vgl. ebd.).

Im Alltag begegnen wir täglich den verschiedensten Objekten und Personen. Um eine sol-che Vielfältigkeit kognitiv zu verarbeiten und einzuordnen, werden Objekte zu Kategorien zusammengefasst. Somit beschreibt eine Kategorisierung kognitive Vorgänge, die die Wahrnehmung und Einordnung von Konzepten und Objekt umfasst (vgl. Estes, 1994). Entscheidungsprozesse und alle Arten von Interaktionen mit der Umwelt basieren auf Ka-tegorisierung. Sie ist eine der grundlegendsten und durchgehendsten kognitiven Aktivitä-ten (vgl. Jordan Russel, 2001). Der große Vorteil ist, dass bei Kategorisierung Objekte in verschiedene Gruppen unterteilt werden und somit kognitive Ökonomie möglich wird. Dadurch muss nicht jedes Objekt isoliert behandelt werden. Weiter umfasst der Begriff Kategorisierung neben der Unterteilung auch das Wissen über die Kategorien und ihre Verteilungen, was die Grundlage aller intellektuellen Aktivitäten darstellt (vgl. Estes, 1994). Somit ermöglicht die Bildung und Anwendung von Kategorien neue Situationen zu verste-hen und mit bisher unbekannten Objekten sinnvoll umzugehen (vgl. Studer, 2008). Meis-tens sind die Dinge, auch wenn sie vorher noch nie gesehen wurden, den Kategorien ähn-lich, die bereits bekannt sind (vgl. ebd.). Um die Strukturen von Kategorie und Kategorisie-rung zu beschreiben, dient das Modell der Prototypensemantik nach Rosch (vgl. 1978). Dies gliedert sich in eine vertikale und horizontale Dimension. Sie werden in den folgen-den Abschnitten 2.1.1 und 2.1.2 durch die Theorien] der Basisebene sowie der Prototypika-lität dargeboten (vgl. ebd.).

2.1.1 vertikale Dimension der Kategorisierung

Die vertikale Dimension und somit interkategorielle Struktur der Kategorisierung bildet die Basisebene (engl. Basic Level Terms) (vgl. Rosch et al. 1976). Diese Theorie der Objekt-erkennung bzw. Einordnung basiert auf drei hierarchischen Ebenen, welche nach dem Prinzip der Inklusion funktionieren (vgl. ebd.):

- Übergeordnete (superordinate) Ebene
- Basisebene
- Untergeordnete (subordinate) Ebene

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1. Beziehungsstruktur zwischen Basaler und Übergeordneter
sowie Untergeordneter Ebene (Collin McMullen, 2005, S. 356)

Diese strukturierten Ebenen werden in Abbildung 1 schemenhaft dargestellt. Rosch et al. (1976) griffen die Hypothesen von B. Berlin auf, beim dem ebenfalls die Basisebene im Zentrum der Hierarchie stand (vgl. Kleiber, 1993). Dabei strukturierten Sie die 5 Ebenen von Berlin auf 3 Ebenen um. Der Ausgangspunkt der Theorie ist, dass für ein Objekt auf mehrere Weise kategorisiert bzw. benannt werden kann. Bei der spontanen Benennung von Objekten wird meistens die Basisebene des Objektes genannt (vgl. Rosch et al., 1978). Dieser Grundkategorie sind eine untergeordnete und eine übergeordnete Ebene zugehörig. Beide Ebenen sind bei der Benennung in aller Regel langsamer als die Grund-kategorie (vgl. ebd.). Für das Beispiel eines Vogels entspricht der Begriff Tier der oberen Ebene und der Begriff Adler der unteren (siehe Abb.). Diese Theorie wurde durch psycho-logische Experimente bis heute bestätigt (vgl. Kleiber, 1993).

Anhand der psychologischen Experimente wurde festgestellt, dass die kognitive Priorität der Basisebene auf folgenden vier Eigenschaften beruht:

- Gemeinsame Attribute (common Attributes)
- Ähnlichkeit motorischer Programme (Motor Movement)
- Ähnlichkeit der Form (Similarity in Shapes)
- Identifikation über durchschnittliche Form (Identifiability of Averaged Shapes)

Im weiteren Verlauf werden diese 4 Eigenschaften näher beschrieben.

Gemeinsame Attribute

Basisobjekte sind die inklusivsten Kategorien, wenn deren Vertreter eine signifikante An-zahl von Attributen miteinander gemeinsam haben (vgl. Kleiber, 1993). So muss eine ge-wisse Anzahl von Eigenschaften in Bezug auf Form, Sprache, Wahrnehmung, motorisches Programm sowie Vorstellung und Entwicklung zwischen Basisebene und untergeordneter Ebene gleich sein, damit Basisobjekte als höchste Kategorie gelten können (vgl. Rosch, 1978).

Ähnlichkeit motorischer Programme

Die Art und Weise, wie mit Objekten umgegangen wird, liefert eine weitere Unterschei-dungsmöglichkeit. Für diesen Bereich steht die Interaktion mit dem Objekt im Vordergrund (vgl. Rosch, 1978). Die Handlung, die ausgeführt werden muss, um sich beispielsweise auf einen Stuhl zu setzten, bildet ein motorisches Programm (vgl. ebd.). Dies gilt für die gesamte Kategorie, egal ob nun ein Bürostuhl oder ein Klappstuhl zu besetzten ist (vgl. ebd.). Bei einer übergeordneten Kategorie entfällt diese Übereinstimmung. Der Begriff Möbelstücke steuert keinen derartigen Typ der Interaktion, sondern führt immer zu Bewe-gungsabläufen, die von den Basiskategorien sowie den untergeordneten Kategorien ge-steuert werden. Daher ist die Basisebene die höchste bzw. inklusivste Ebene, auf der eine Person im Umgang mit Vertretern der Kategorie ähnliche Bewegungen ausführt.

Ähnlichkeit der Form

Basisebene und untergeordnete Ebene unterscheiden sich von der überordneten Ebene insofern, als dass die Exemplare ihrer Kategorien als ähnliche Gestalten wahrgenommen werden (vgl. Rosch, 1978). So gibt es beispielsweise keine weitere Form die der Kategorie Tier entspricht, während für Hund und Schäferhund eine solche wahrgenommen wird (vgl. Kleiber, 1993). Somit ist die Basisebene die höchste abstrakte Ebene, auf der die Exemp-lare der Kategorien eine globale Form besitzt, die als noch einigermaßen einheitlich wahr-genommen wird (vgl. ebd.).

Identifikation über durchschnittliche Form

Ein weiterer kognitiver Effekt des Basic Level Term ist die Schnelligkeit der Identifizierung. So stellten Rosch et al. (1976) fest, dass sich im Zusammenhang von Benennung und den drei Abstraktionsebenen herausstelle, dass die Basisebene am schnellsten identifizierbar ist. Somit wird die Zeichnung eines Schäferhundes schneller als Hund, als ein Schäfer-hund oder Tier erkannt. Ebenso verhält es sich mit der spontanen Benennung von Objek-ten. Hierbei wird meistens die Basisebene des Objektes genannt (vgl. Rosch et al., 1978). Obere sowie untere Ebene sind bei der Benennung in aller Regel langsamer als die Grundkategorie (vgl. ebd.).

Die Theorie des Basic Level Terms hat auch Auswirkungen auf klassische Gebiete der Psychologie (vgl. Rosch, 1978). Diese Erkenntnisse werden im Folgenden für die vier Gebiete Vorstellung, Sprache, Wahrnehmung und Entwicklung dargestellt.

Vorstellung

Die Kategorien von Basisebene und untergeordneter Ebene können durch eine bildliche Vorstellung wiedergegeben werden (vgl. Rosch, 1978). Diese kann abstrakt oder konkret sein und die ganze Kategorie repräsentieren. Eine solche Darstellung ist für die über-geordnete Ebene nicht möglich (vgl. ebd.). Bei dem Versuch sich ein Tier vorzustellen bzw. zu zeichnen, wird als Ergebnis immer ein konkretes Tier der Basisebene oder der untergeordneten Ebene erhalten (vgl. ebd.). Die Basisebene erweist sich somit als die höchste Ebene, auf der eine einfache bildliche Vorstellung eine ganze Kategorie wieder-geben kann (vgl. ebd.)

Wahrnehmung

Im Bezug auf die Wahrnehmung haben Studien von Rosch et al. (1976) und Smith (1978) ermittelt, dass Objekte zunächst in ihrer Basisebene wahrgenommen werden (vgl. Rosch, 1976) Erst später werden sie durch weitere Prozesse als Mitglieder einer superordinaten oder subordinaten Ebene erkannt bzw. eingeordnet.

Sprache

Bei der Benennung von Objekt wird in den meisten Fällen der Ausdruck der Basisebene verwendet (vgl. Rosch, 1978). Experimente haben sogar gezeigt, dass selbst bei den sel-ben Basiskategorien die Identifizierung vorzugsweise durch die Bezeichnung der Basiska-tegorie erfolgt (vgl. Kleiber, 1993). Dieses Phänomen zeigt sich auch bei der Verwendung von Personalpronomen im neutralen Kontext ohne vorausgehendes Bezugswort (vgl. ebd.). So wird in diesem Zusammenhang in der Regel ein Pronomen gewählt, welches sich auf einen Basisausdruck und nicht auf einen über- oder untergeordneten Ausdruck bezieht (vgl. ebd.). Ein Beispiel hierfür ist die Aufforderung eine Puppe aus einem Kin-derwagen zu nehmen, so wird gesagt: „ Nimm sie heraus“ und nicht „ nimm es heraus“. Hierbei wird die Basisebene (Puppe) und nicht die übergeordnete Ebene (Spielzeug) ver-wendet.

Entwicklung

Auch beim Erlernen von Kategorisierung spielt die Basisebene eine wichtige Rolle (vgl. Kleiber, 1993). Untersuchungen von Rosch et al. (1976) mit dreijährigen Kindern haben gezeigt, dass sie die Fähigkeit zur Kategorisierung auf Basisebene haben (vgl. Rosch, 1978). Sie gruppieren Objekte auf Grund von Form, Farben sowie Ähnlichkeitsbeziehun-gen ohne Berücksichtigung allgemeiner funktioneller Merkmale (vgl. ebd.). Dabei wird die Basisebene als erste sprachliche Bezeichnung für Objekte verwendet. Somit sind Basiska-tegorien die ersten und natürlichsten Formen der Kategorisierung (vgl. Lakoff, 1987).

Zusammenfassend dargestellt scheinen sich die Kategorien der Basisebene in dreierlei Hinsicht abzuheben (vgl. Kleiber, 1993). Zunächst in perzeptorischer Hinsicht aufgrund einer ähnlichen, globalen Form sowie der Vorstellung eines einfachen gedanklichen Bildes und durch die schnelle Identifikation (vgl. ebd.). Weiter in funktioneller Hinsicht, begründet durch die ähnlichen allgemeinen Programme (vgl. ebd.). Als letztes in kommunikativer Hinsicht aufgrund der allgemeinen sprachlichen Verwendung sowie beim Erlernen des Wortschatzes im Kindesalter (vgl. ebd.)

2.1.2 Horizontale Ebene der Kategorisierung

Im Folgenden wird die innere Struktur der Kategorien aufgezeigt, d.h. also die horizontale Dimension. Diesbezüglich werden zunächst die Begriffe Prototypikalität, Familienähnlich-keit, Prägnanz und cue validity (Zuordnungsgültigkeit, Prototypikalitätsgrad) dargestellt. Anschließend wird noch kurz die Repräsentation des Prototyps thematisiert.

2.1.2.1 Prototypikalität

Wenn man den Begriff des Prototyps definieren möchte, muss man zwangsläufig die ers-ten Arbeiten von Eleanor Rosch betrachten. In den dortigen Versuchsbeschreibungen wird der Prototyp als „ bestes Exemplar bzw. Beispiel, bester Vertreter oder zentrales Element einer Kategorie “ aufgeführt (vgl. Kleiber, 1998). Dabei ist die grundlegende Idee, dass die Zusammensetzung von Kategorien nicht aus Exemplaren besteht, die in einem identi-schen Verhältnis zur überdachenden Kategorie stehen, sondern dass Exemplare vorlie-gen, die bessere Vertreter sind als andere (vgl. ebd.). Als Beispiel wäre hier eine Arbeit von E. Rosch (1973) zu nennen, worin befragte Personen angaben, dass der Apfel das beste Exemplar für die Kategorie Obst darstelle, wohingegen die Olive am wenigsten als Vertreter dieser Kategorie angesehen wird. Dazwischen ergab sich eine absteigende Rei-henfolge (bezogen auf die Repräsentativität) Pflaume, Ananas, Erdbeere und Feige. So-mit handelt es sich um eine Art Prototypikalität, bei der eine bestimmte Entität (in diesem Fall Apfel) den Mittelpunkt einer Kategorie bildet. Des Weiteren gibt es noch einen weite-ren Typen von Prototypikalität. Zur Veranschaulichung soll hierbei die Kategorie Vogel dienen, wo bei unterschiedlichen Zuordnungsversuchen die zentralen Elemente der Kate-gorie Vogel (z.B. Spatz oder Amsel) eindeutig schneller als solche erkannt wurden als pe-riphere Vertreter (Pinguin, Strauß, usw.).

Dazu schreibt E. Rosch (1975) (vgl. Kleiber, 1998):

„Die innere Struktur vieler natürlicher Kategorien besteht aus dem Prototyp der Kategorie (den eindeutigsten Vertretern, den besten Beispielen) und den nicht-prototypischen Exemplaren, wel-che in einer Rangfolge angeordnet sind, die sich von den besten zu den weniger guten Beispielen erstreckt.“

Die daraus resultierende Konsequenz liegt darin, dass die Kategorien respektive Begriffe nicht mehr scharf abgegrenzt werden können (vgl. Kleiber, 1998). Dies bedingt gleichzeitig die Aufhebung der ersten Konzeption des Prototyps von E. Rosch (1973) – d.h. die Vor-stellung einer exakten Trennung zwischen Elementen und Nicht-Elementen einer Klasse wird aufgegeben - und führt zu einer Konzeption unscharfer Kategorien (vgl. ebd.). G. La-koff (1972), Vertreter dieser These der kategoriellen Unschärfe, unterstützt diese Behaup-tung mit einem Beispiel, wo die Frage nach der Zugehörigkeit zu einer Kategorie nicht ein-fach mit ja oder nein beantwortet werden kann, sondern eher graduell (vgl. ebd.):

Theoretischer Hintergrund

a) Ein Spatz ist ein Vogel (wahr);
b) Ein Küken ist ein Vogel (weniger wahr als a);
c) Ein Pinguin ist ein Vogel (weniger wahr als b);
d) Eine Fledermaus ist ein Vogel (falsch oder fern davon, wahr zu sein);
e) Eine Kuh ist ein Vogel (absolut falsch)

Dieses Exemplar soll die Tatsache herausstellen, dass scharfe Trennungen zwischen den Kategorien nicht existieren und dadurch keine eindeutige Aussage darüber getroffen wer-den kann, an welcher Stelle eine Kategorie in eine andere übergeht (vgl., Kleiber, 1998). Folglich führt dies zu einer Unschärfe (engl. fuzziness) von Kategorien.

2.1.2.2 Familienähnlichkeit, Prägnanz und cue validity

Die Problematik der Unschärfe der Kategorien führt zu der Frage, durch welche Relation Vertreter einer Kategorie zusammengehalten werden? Die Antwort hierfür findet sich in der von L. Wittgenstein (1953) konzipierten Familienähnlichkeit. Dabei handelt es sich um eine Struktur, bei der Repräsentanten einer Kategorie untereinander verbunden sein kön-nen, auch wenn sie keine gemeinsame Eigenschaft besitzen, durch die die Kategorie cha-rakterisiert wird (s. Abb. 2) (vgl. Kleiber, 1998).

Der Verbund der Vertreter einer Kategorie wird aufgrund Übereinstimmungen bzw. Ähn-lichkeiten, die sich überschneiden bzw. teilweise überlappen, generiert (vgl. ebd.). Das Schema (siehe unten) soll die Theorie veranschaulichen. Es zeigt, dass die Referenten von Vogel (hier: Kiwis, Spatzen, Strauße, Küken und Pinguine) durch bestimmte Attribute wie >fliegen können<, >Federn haben<, >Flügel haben< usw., verbunden werden (vgl. ebd.). Diese Eigenschaften treffen nicht auf alle Referenten zu, sondern auf zwei oder mehr Repräsentanten. Das Gesamtgebilde jedoch weist die für das Konzept der Familien-ähnlichkeit kennzeichnenden Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten auf (vgl. ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2. schemenhafte Darstellung der Familienähnlichkeit (Kleiber 1998, S.37)

Aus dieser Konzeption von Wittgestein geht also hervor, dass ein hoher Grad an Fami-lienähnlichkeit zwischen zentralen Elementen einer Kategorie besteht, da sie viele zentrale oder prägnante gemeinsame Merkmale aufweisen (vgl. Kleiber, 1998). Diese geben nach Ansicht von Blank (2001) weniger Informationen darüber, welcher Kategorie ein Referent angehört, sondern eher wie nah er am Prototyp ist. Darüber hinaus tragen Intensität, Fre-quenz, Vertrautheit, gute Gestalt und Informationsgehalt zur Prägnanz eines Merkmals bei. Dabei ist der Prototyp von der Prägung durch die Außenwelt abhängig, was dazu führt, dass Prototypen regional verschieden sein können. Hinsichtlich dessen sei noch kurz der Begriff cue validity zu erläutern. Sie gibt Aufschluss darüber, wie häufig ein be-stimmtes Merkmal einer Kategorie zugeordnet wird, d.h. also wie hoch der Grad der Fami-lienähnlichkeit ist (vgl. Kleiber, 1998). Infolgedessen sind Merkmale mit einer hohen cue validity entscheidend für die Kategorisierung eines Referenten. Bezogen auf das vorange-gangene Exemplar Vogel wäre dies beispielsweise das Merkmal >kann fliegen<, was wo-möglich die Ursache dafür ist, dass man sich schwerer tut, flugunfähige Vögel (wie Pin-guin) als Vogel zu erkennen. Mit Hilfe von Versuchen, wo Testpersonen bestimmten Kate-gorien Merkmale zuweisen müssen, werden solche Wahrscheinlichkeiten ermittelt. Folg-lich ergibt eine hohe Anzahl von Nennungen eine dementsprechend hohe cue validity.

2.1.2.3 Repräsentation des Prototyps

Es bestehen zwei mögliche Darstellungsweisen des Prototyps: Zum einen ist das eine Lis-te von Merkmalen, die ihn beschreiben und zum anderen ein Bild oder Schema, das den Prototyp repräsentiert und dem in einigen Fällen eine Merkmalsliste angefügt werden kann (s. Abb. 3) (vgl. Kleiber, 1998). Das zweite Verfahren findet meistens dann Anwendung, wenn keine lexikalische Einheit zur Bezeichnung des Prototyps zur Verfügung steht oder die Beschreibung nach Merkmalen schwierig ist, wie z.B. bei den Farbadjektiven (vgl. ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3. Beispiele für Merkmalslisten bei Prototypen (Kleiber, 1998, S.46)

Nach E. Rosch (1977) liegt ein wesentlicher Vorteil der Prototypensemantik darin, dass in einem hohen Maß mit nonverbalen Darstellungskodes gearbeitet werden kann (vgl. ebd.). Den Vorzug dieser Semantiktheorie sieht auch M. Posner (1986): „Die Idee des Prototyps hat uns fasziniert, da sie ein Mittel dafür zu liefern schien, wie ein konkretes Bild eine ab-straktere oder universelle Kategorie darstellen kann“.

Diese Sichtweise wird jedoch nicht von jedem vertreten. A. Wierzbicka (1985) deutet näm-lich darauf hin, dass das Bild lediglich der Illustration dient und somit keine theoretische Funktion bei der Analyse eines Prototyps erfüllt (vgl. ebd.). Sie ist der Meinung, dass es unmöglich ist ein Bild einer prototypischen Tasse zu zeichnen, da ein Bild nur eine einzige Form habe und somit die verschiedenen Formen, die mit dem Begriff Tasse einhergehen, nicht erfassen könne (vgl. ebd.).

2.2 Modell der Objektwahrnehmung

Die Umwelt gibt unzählige Objekte vor, wie ist es da möglich die verschiedensten Objekte wahrzunehmen und wiederzuerkennen? Dafür dient die Repräsentation von Objekten im Gedächtnis – die mentale Repräsentation. Der Identifikationsprozess von Objekten erfolgt über eine Passung des Perzepts mit einer früheren Gedächtnisrepräsentation dieses Ob-jekttyps (vgl. Zimbardo, 2004). Hierbei stellt der räumliche und zeitliche Kontext, in dem Objekte erkannt werden, eine wichtige Informationsquelle dar (vgl. ebd.). Durch ihn wer-den Erwartungen generiert, welche Objekte gesehen werden und welche nicht. Die Identi-fikation hängt auch von den Erwartungen und physikalischen Eigenschaften der Objekte ab. So braucht eine Person in der Regel länger einen Freund in einem fremden Umfeld zu erkennen als in seinem normalen (vgl. ebd.). Die Identifikation und Wiedererkennung um-fassen sowohl Bottom up[1] als auch Top down[2]-Prozesse, wobei für die Wahrnehmung eine Balance aus beiden entscheidend ist. Weiter spielt die Affordance eines Objekts eine wichtige Rolle bei der Wahrnehmung. Dieser Begriff beschreibt den sofort wahrnehmbaren Angebotscharakter eines Objekts (vgl. Gibson, 1971). So stimulieren Objekte ein Lebewe-sen, um ihn dadurch bestimmte Handlungsmöglichkeiten anzubieten (vgl. ebd.). Für ein Landtier bietet beispielsweise eine feste, flache Oberfläche eine Begehbarkeit an (vgl. ebd.). Ferner wird unter dem Begriff auch die Fähigkeit eines Objektes, sich selbst zu er-klären, verstanden. Eine hohe Affordance bedeutet somit, dass sofort die Verwendung des Objektes klar wird. Ein Beispiel hierfür ist ein klassischer Stuhl: es ist unmittelbar klar, dass dieser als Sitzgelegenheit zu verwenden ist.

Wie die Passungen der Objekterkennung mental geleistet werden, wird im folgenden Ab-schnitt beschrieben. Hierbei basiert die Repräsentation von dreidimensionalen Objekten im visuellen System im Wesentlichen auf zwei Modellvorstellungen (vgl. Bülthoff Bül-thoff, 2006).

[...]


[1] Bottom up: Objekterkennung, die nur aufgrund der Analyse der Reizmerkmale (z. B. Helligkeit, Farbe, Ausrichtung, usw.) geschieh

[2] Top Down: Objekterkennung auf Basis von Vorkenntnissen über Person und Kontext

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Mentale Repräsentation und non-verbal Kategorisierung von abstrakten Objekten
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Mentale Repräsentation
Note
1,3
Autoren
Jahr
2008
Seiten
50
Katalognummer
V131393
ISBN (eBook)
9783640374137
ISBN (Buch)
9783640373888
Dateigröße
1324 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit umfasst eine Studie zur non-verbalen Kategorisiereung von Objekten. Dafür grundlegend waren Objekte der Formen Kugel und Würfel. Es wurden insgesamt 40 Probanden untersucht. Die Untersuchung wurde für den Arbeitsbereich 2 der Universität Bielefeld durchgeführt, welcher an der Förderung durch das Excellenz-Cluster CITEC beteiligt ist.
Schlagworte
Mentale, Repräsentation, Kategorisierung, Objekten
Arbeit zitieren
Adam Friebe (Autor)Martin Hoffmeister (Autor), 2008, Mentale Repräsentation und non-verbal Kategorisierung von abstrakten Objekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131393

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