Machiavelli pur - Die Discorsi II.

Äußere Politik und Kriegsführung


Quellenexegese, 2009

76 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Machiavelli pur. Die Discorsi

Einleitung

Vorwort

Kapitel 1 Was mehr zur Größe des römischen Reiches beitrug, Tapferkeit oder Glück

Kapitel 2 Mit was für Völkern die Römer zu kämpfen hatten, und wie hartnäckig diese ihre Freiheit verteidigten

Kapitel 3 Rom wurde dadurch mächtig, dass es die Nachbarstädte zerstörte und die Fremden leicht mit gleichen Rechten aufnahm

Kapitel 4 Die Republiken vergrößern sich auf dreifache Weise

Kapitel 5 Der Wechsel der Religionen und Sprachen, im Verein mit Überschwemmungen und Pest, löscht das Andenken der Vorzeit aus

Kapitel 6 Wie die Römer Krieg führten

Kapitel 7 Wie viel Land die Römer jedem Kolonisten gaben

Kapitel 8 Warum die Völker ihre Sitze verlassen und fremde Länder überschwemmen

Kapitel 9 Aus welchen Ursachen gewöhnlich Krieg zwischen zwei Mächten zu entstehen pflegt

Kapitel 10 Geld ist nicht der Nerv des Krieges, wie man gewöhnlich annimmt

Kapitel 11 Es ist nicht klug, ein Bündnis mit einem Fürsten zu schließen, der mehr Ruf als Macht besitzt

Kapitel 12 Was besser ist, wenn man einen Angriff befürchtet, los zu schlagen oder den Krieg abzuwarten

Kapitel 13 Aus niederem Stande gelangt man zur Größe eher durch Betrug als durch Gewalt

Kapitel 14 Oft täuscht man sich, wenn man durch Bescheidenheit den Hochmut zu besiegen glaubt

Kapitel 15 Schwache Staaten sind in ihren Entscheidungen stets schwankend und langsame Entschließungen stets schädlich

Kapitel 16 Wie sehr die heutigen Heere von der Fechtart der Alten abweichen

Kapitel 17 Wie viel Wert man bei den heutigen Heeren auf das Geschütz legen soll, und ob die hohe Meinung, die man allgemein davon hat, begründet ist

Kapitel 18 Nach dem Vorgang der Römer und dem Beispiel der alten Kriegskunst ist das Fußvolk höher zu bewerten als die Reiterei

Kapitel 19 Eroberungen führen in schlecht eingerichteten Republiken, die nicht nach dem Muster der Römer verfahren, zum Untergang, nicht zur Größe

Kapitel 20 Welcher Gefahr sich ein Fürst oder eine Republik aussetzt, die Hilfstruppen oder Söldner verwenden

Kapitel 21 Die Römer schickten ihren ersten Prätor nach Capua, als sie schon vierhundert Jahre Krieg geführt hatten

Kapitel 22 Wie falsch die Menschen oft wichtige Dinge beurteilen

Kapitel 23 Wie sehr die Römer den Mittelweg mieden, wenn ein Vorfall sie nötigte, ein Urteil über ihre Untertanen zu sprechen

Kapitel 24 Festungen schaden im allgemeinen mehr als sie nützen

Kapitel 25 Eine uneinige Stadt anzugreifen, um sie durch ihre Uneinigkeit zu erobern, ist ein verkehrtes Unternehmen

Kapitel 26 Schmähung und Beschimpfung erzeugen Hass gegen ihren Urheber und nützen ihm gar nichts

Kapitel 27 Kluge Fürsten und Republiken müssen sich mit dem Siege begnügen; denn man verliert meistens, wenn man sich nicht begnügt

Kapitel 28 Wie gefährlich es für eine Republik oder für einen Fürsten ist, eine dem Staat oder einem einzelnen zugefügte Beleidigung nicht zu strafen

Kapitel 29 Das Schicksal verblendet die Menschen, damit sie sich seinen Absichten nicht widersetzen

Kapitel 30 Wahrhaft mächtige Republiken und Fürsten erkaufen Bündnisse nicht mit Geld, sondern mit Tapferkeit und Waffenruhm

Kapitel 31 Wie gefährlich es ist, den Verbannten zu trauen

Kapitel 32 Auf wie viele Arten die Römer Städte eroberten

Kapitel 33 Die Römer ließen ihren Heerführern freie Hand 73 Titus Livius

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Warum die Vergangenheit immer mehr als die Gegenwart geschätzt wird

Tabelle 2: Unterschiede der alten und neuen Religionen nach Machiavelli

Tabelle 3: Drei Arten, auf die sich Republiken vergrößern

Tabelle 4: Zwei Arten von Kriegen

Tabelle 5: Zwei Arten von Kriegsgründen

Tabelle 6: Parameter der Nützlichkeit von Bündnissen

Tabelle 7: Hintergründe möglicher Kriegsstrategien

Tabelle 8: Mögliche Wege des Aufstiegs zur Macht

Tabelle 9: Vorgehen gegen Provokationen anderer Staaten

Tabelle 10: Wie die Römer aus Machiavellis Sicht ihre Heere aufstellten

Tabelle 11: Vergleich von Fußvolk und Reiterei

Tabelle 12: Der ideale Weg, eine Republik zu vergrößern

Tabelle 13: Grundlegende Fehler bei der Expansion eines Staates bei Machiavelli

Tabelle 14: Grundregeln für das Regieren bei Machiavelli

Tabelle 15: Das Tributwesen bei Machiavelli

Tabelle 16: Warum Verbannten nach Machiavelli nicht zu trauen ist, bei der Eroberung ihrer Heimat mit zu wirken

Tabelle 17: Verschiedene Arten, Städte zu erobern

Tabelle 18: Rechte von Befehlshabern

Alle Abbildungen wurden vom Autor selbst erstellt

Einleitung

Wenngleich sich Machiavelli im zweiten Buch der Discorsi in weiten Teilen mit Fragen der Kriegsführung beschäftigt, lohnt es sich doch, auch diesen Teil der Discorsi zu lesen, obwohl Machiavellis militärische Erläuterungen heute anachronistisch wirken und das Militärwesen in unserer Gesellschaft nicht die Bedeutung hat wie zu Machiavellis Zeiten oder zu Zeiten des Römischen Reiches. Das zweite Buch vermittelt über seine Darlegungen zum Militärwesen hinaus weite Einblicke in Machiavellis Sicht der Dinge, etwa sein Menschenbild oder seine Einstellung zur Außenpolitik, die man heute wohl in die Nähe der realistischen Schule verordnen würde.

Im zweiten Buch der Discorsi finden sich vielfältige Anknüpfungspunkte zu anderen Teilen von Machiavellis Werk. So ergänzen sich etwa das 24. Kapitel und das 20. Kapitel des Principe, welche beide das Festungswesen behandeln. Dieses Phänomen tritt in vielen Aspekten von Machiavellis Werk auf und zeigt, dass es aus einem Guss ist, und sich nicht – wie frühe Forschungen an nahmen – einen „republikanischen” Machiavelli, der sich in den Discorsi zeige, und einen Fürsprecher der Tyrannis, welcher sich im Principe ausdrücke, gibt, sondern nur einen einzigen Machiavelli, der ungemein vielschichtig ist und letztlich dem Herzen nach Republikaner ist, wenn er auch in der Realität seiner Gegenwart vor allem auf den geordneten Staat setzt, der, wenn kein republikanisches Ethos im Volk vorhanden ist, auch monokratisch regiert werden kann. Dementsprechend stellt sich sein Gesamtwerk – vor allem der Principe und die Discorsi, aber auch die Geschichte von Florenz und die Arte della Guerra – als einheitliches Werk dar, in dem Machiavelli seine Grundannahmen und Thesen an diversen Stellen wieder aufgreift und bearbeitet.

In diesem Teil der kurzen Reihe „Machiavelli pur“ sollen die Inhalte des zweiten Buches der Discorsi dem Leser kurz vorgestellt und konzentriert werden. Hierzu wurde bewusst ein deskriptiver Ansatz gewählt, der sich relativ nah am Ursprungstext orientiert, diesen abarbeitet und seine Thesen darstellt, ohne zuviele eigene Erläuterungen und Interpretationen hinzu zufügen. Die Interpretation und Bewertung des Ansatzes Machiavellis soll in erster Linie dem Leser selbst überlassen bleiben. Um den Einstieg in die jeweiligen Kapitel zu erleichtern und dem Leser einen schnellen Überblick zu geben, ob ihn dieses spezielle Kapitel mehr oder weniger interessant erscheint, wurde versucht, vor der eigentlichen Zusammenfassung jedem Kapitel ein Zitat voran zustellen, welches die Thematik des Kapitels möglichst gut beschreibt. Hierauf folgt die Zusammenfassung des Kapitels, die sich – wie erwähnt – nah am Text orientiert und demzufolge relativ viele Zitate und Verweise enthält. Auch dies ist bewusst so gemacht, um dem Leser einen einfachen Einstieg und damit einen guten Ansatz für einen eigenen Umgang mit Machiavellis Werk zu geben, da Zitate und Verweise dem Leser zu einen eine Orientierung innerhalb des Werkes geben, an welcher Stelle welches Thema behandelt wird, und zum anderen Zitate die exakteste Form der inhaltlichen Zusammenfassung eines Textes darstellen, da sie quasi aus dem Mund des ursprünglichen Autoren selbst kommen und keine bewusste oder unbewusste Nuancierung des Bearbeiters enthalten können.

Vorwort

„Die Menschen loben stets die alten Zeiten, wenn auch nicht immer mit Recht, und klagen die Gegenwart an.“1

„Früher war alles besser!“ - Dieser Sermon klingt uns nicht nur heute all zu oft in den Ohren, schon zu Machiavellis Zeiten war es so üblich wie heute, die „gute alte Zeit“ zu betrauern und die jämmerliche Gegenwart zu verdammen. Woher rührt dieses Phänomen? Zumal einige Personen die Vergangenheit wider anderes Erleben loben. Machiavelli führt hierfür verschiedene Gründe an.

Zuerst hat die Vergangenheit den großen Vorteil, dass man von ihr nie das Gesamtbild erfährt. So werde „[das] meiste, was den Alten Schande macht, [...] verheimlicht, während das, was ihnen Ruhm bringt, glänzend und ausführlich dargestellt wird.“2 Auch würden überwundene Probleme und Feinde im Nachhinein gern als größer und bedrohlicher dargestellt, als sie eigentlich gewesen seien. Denn auch dies lasse die Leistungen der alten Zeiten herausragend und bedeutend erscheinen. Wenn man sich also mit der Vergangenheit befasst, muss man sich stets vor Augen führen, dass es kaum möglich ist, ein exaktes und wirklichkeitsgetreues Bild des Vergangenen zu zeichnen. Dazu ist jede Generation auch zu sehr Kind ihrer eigenen Zeit, als das sie unbedarft und ohne ihre eigenen Bewertungskriterien anzuwenden an die Vergangenheit heran treten könnte.

Des weiteren fehlen in Bezug auf die Vergangenheit nach Machiavellis Ansicht zwei entscheidende Parameter, die Unzufriedenheit und Hass auslösen: Furcht und Neid. Nach Machiavellis Meinung lösen viele Situationen in der Gegenwart, die man selbst erfasst und erlebt, Furcht und Neid aus, die wiederum zu Unzufriedenheit und Hass führen. Die Vergangenheit hingegen werde nicht mit diesen Emotionen belastet, „denn Vergangenes kann weder schaden noch Neid erregen.“3

Natürlich kann es nicht Absicht sein, begründete Gegenwartskritik und das Heranführen

vergangener Zeiten als Vorbild samt und sonders als ungerechtfertigt abzutun. Es ist möglich, dass sich der Verfall eines Landes sich objektiv feststellen lässt. Dies ist in Machiavellis Augen nur natürlich, da sich alle Gemeinwesen, alle Staaten in einer ständigen Entwicklung von Aufstieg und Verfall befinden. Grundlage aber für diese Entwicklung ist die virtù oder Tüchtigkeit. Diese wechsle von Land zu Land und lasse damit Reiche erblühen oder verkümmern.4 Rom sei in der Weltgeschichte ein bedeutender Hort dieser virtù gewesen, in Machiavellis Gegenwart hingegen sei die virtù verteilt auf verschiedene Völker, mit Ausnahme Griechenlands und Italiens, welche sich nur noch durch „Erbärmlichkeit, Schmach und Schande“5 auszeichneten. Machiavelli betont an dieser Stelle, dass er nicht in die Litanei so vieler einfallen möchte, die gute alte Zeit zu preisen. Vielmehr sei es offensichtlich, dass Rom dem gegenwärtigen Italien so viel voraus gehabt hätte.6

In gewisser Weise lassen sich viele Fehler in der Beurteilung von Vergangenheit und Gegenwart auf bloße Unkenntnis zurück führen. Die Kenntnisse der nicht selbst erlebten Vergangenheit sind zwangsläufig lückenhaft und durch die Überlieferung unscharf. Es gibt aber auch den Fall, dass eine Vergangenheit, die durch eigenes Erleben vertraut sein sollte, und deshalb einwandfrei beurteilbar, wie man meinen könnte, verzerrt betrachtet wird. Grundlage für eine objektive Beurteilung von Vergangenheit und Gegenwart ist hierbei, dass die Ansprüche an die Zeiten gleich sind. Dies ist nach Machiavelli jedoch gerade nicht der Fall, vielmehr würden sich Urteil und Neigung mit dem Lebensalter wandeln.7 Da sich Urteil und Neigung aber ändern, ändert sich zwangsläufig auch die Bewertung der eigenen Umwelt, womit eine Vergleichbarkeit von Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr gegeben ist. „So müssen ihnen die Dinge, die in de Jugend erträglich und gut schienen, im Alter unerträglich und schlecht scheinen. Statt aber die Ursache davon in ihrem eigenen Urteil zu suchen, klagen sie über die Zeiten.“8 Dementsprechend sind auch so genannte „Zeitzeugen“ mit Vorsicht zu genießen, wenn sie versuchen, Vergangenes und Gegenwärtiges miteinander zu vergleichen.

Ein zentraler Grund dafür, dass sich die menschlichen Neigungen und Bewertungsmuster im Laufe des Lebens verändern, sind nach Machiavellis Ansicht die menschlichen Begierden. Diese seien grundsätzlich unersättlich, „da die Natur uns alles begehren [lässt], das Schicksal aber nur wenig zu erreichen erlaubt.“9 Was ist nun die Folge, wenn die Begierden nicht erreicht werden? Frustration und Unzufriedenheit werden zum ständigen Begleiter des Menschen, der seine Ziele nicht verwirklicht sieht. „Dadurch entsteht im Menschenherzen ewige Unzufriedenheit und [Überdruss] an allem, was man besitzt. So tadeln wir die Gegenwart, loben die Vergangenheit und wünschen die Zukunft herbei, ohne einen vernünftigen Grund.“10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Warum die Vergangenheit immer mehr als die Gegenwart geschätzt wird

Kapitel 1 Was mehr zur Größe des römischen Reiches beitrug, Tapferkeit oder Glück

„Denn es ist eine ausgemachte Sache, [dass], wenn ein Fürst oder ein Volk zu so großem Ansehen gelangt ist, sich jede benachbarte Macht wohl hütet, es seinerseits anzugreifen und sich vor ihm fürchtet.“11

Es war unstrittig eine historische Leistung der Römer, ihr antikes Weltreich zu errichten. Die Frage ist hier natürlich nahe liegend, worauf ihre Eroberungen und ihr Erfolg beruhten. Machiavelli unterscheidet hier zwei Möglichkeiten: Entweder die Römer hätten ihre Eroberungen durch Glück oder durch Tapferkeit gemacht.

Nach Machiavellis Meinung hatten die Römer zwar bei vielen Gelegenheiten Glück, ihre Eroberungen gründeten jedoch in erster Linie auf ihren guten Heeren und der guten Einrichtungen ihres Gemeinwesens, die es schafften, Roms Errungenschaften zu halten.12

Zudem hätten die Römer in ihrer Außenpolitik Geschick bewiesen, indem sie stets versuchten, nur mit einem ihrer Nachbarn Krieg zu führen und diesen auch möglichst bis zu dessen endgültiger Niederlage auszufechten. Die Macht Roms und der Ruf seines Heeres hätten der Stadt zusätzliche Sicherheit verschafft. Denn die entfernteren Nachbarn fürchteten Rom nicht, da es keine unmittelbare Gefahr für sie darstellte, schließlich gab es noch anliegende Mächte, mit denen Rom zuerst in Streit geraten konnte. Die anliegenden Mächte hingegen ließen sich entweder durch Rom täuschen oder fürchteten seine Macht, so dass sich nie eine größere Koalition gegen Rom zusammen fand.13

Als Beispiel führt Machiavelli die Karthager an. Diese waren, als Rom noch im Aufstieg begriffen war, die beherrschende Handelsmacht im westlichen Mittelmeerraum. Sie beherrschten Nordafrika, Sardinien, Sizilien und Teile Spaniens. Sie waren mächtig genug, um Rom nicht zu fürchten, und weit genug von Rom entfernt, um seinen sichtbaren Aufstieg nicht als Bedrohung zu empfinden. Ein schwerer Fehler, wie sich später heraus stellen sollte. Denn Karthago hätte jede Gelegenheit gehabt, die römische Bedrohung im Keim zu ersticken, indem es die Etrusker oder Samniten gegen Rom unterstützt hätte, wenn es die Gefahr nur erkannt hätte, die von der Expansion Roms aus ging. Im Gegenteil versuchte Karthago, sich mit Rom zu arrangieren, indem es seine Freundschaft suchte, was Rom natürlich zunächst freudig annahm. „Und sie erkannten ihren begangenen Fehler erst, als die Römer alle zwischen Rom und Karthago wohnenden Völker unterworfen hatten und mit ihnen um die Herrschaft Siziliens und Spaniens zu kämpfen begannen.“14

Die Raffinesse und Geschicklichkeit, die Roms Außenpolitik kennzeichne, spreche daher gegen die Begründung ihrer Eroberungen durch Glück. Auch ihr Eindringen in fremde Länder sei stets nach dem gleichen Schema erfolgt, meint Machiavelli: Zuerst habe sich Rom einen lokalen Verbündeten gesucht, „der ihnen behilflich war, in das Land einzudringen und es nachher zu halten.“15 Diese lokalen Verbündeten erfüllten für die expansiven Römer also gleich mehrere wichtige Rollen, indem sie einen legitimen Grund für die römische Präsenz in einer Provinz schufen, anfänglich die Versorgungswege der römischen Truppen sicherstellten, und ein Stück weit die Möglichkeit boten, Kriege durch die Rekrutierung von einheimischen Hilfstruppen zu indigenisieren, wovon die Römer besonders bei ihrer Kavallerie Gebrauch machten.

Kapitel 2 Mit was für Völkern die Römer zu kämpfen hatten, und wie hartnäckig diese ihre Freiheit verteidigten

„Die Ursache dieser Freiheitsliebe der Völker ist leicht einzusehen. Die Erfahrung zeigt, [dass] die Völker nie größer und reicher wurden, außer wenn sie frei waren.“16

Machiavelli stellt hier eingangs die Frage, wie es möglich sein konnte, dass es zur Zeit der Römer so viele freie Republiken in Italien gegeben habe, wohingegen es zu seiner eigenen Gegenwart überwiegend Prinzipate gebe, und das bei den antiken Republiken der Wille, die eigene Freiheit zu behaupten, so groß gewesen sei, das etwa Etrurien und die Samniten Rom erstaunlich lange getrotzt hätten. Nun fragt sich Machiavelli naturgemäß, woran dies gelegen haben mag, zumal er in seiner Zeit eben diese Freiheitsliebe und einen entschiedenen Widerstand gegen fremde Aggressoren vermisst.

Er kommt dabei zu einer ebenso einfachen wie bestechenden Lösung: Die Freiheit wird umso heftiger verteidigt, je mehr sie vorhanden ist. Dies liege daran, dass „Staaten nie größer und reicher wurden, außer wenn sie frei waren.“17 Der Grund für das Erblühen von Staaten, die eine republikanische Staatsform haben, liege darin, dass in diesen nicht nach dem Vorteil eines einzelnen Fürsten oder weniger Adliger gehandelt werde, wie es in Fürstentümern der Fall sei,18 sondern nach dem Gemeinwohl gehandelt werde.19 In Republiken und nur in diesen werde nach dem Gemeinwohl gehandelt, „denn dort geschieht alles, was zu seiner Förderung dient, wenn es auch zum Schaden dieses oder jenes Einzelnen gereicht.“20 Das Gemeinwohl aber ziele darauf ab, Vorteile für möglichst alle Bewohner eines Landes zu erreichen. „Es sind so viele, die dabei gewinnen, [dass] sie es auch gegen den Willen der Wenigen, die darunter leiden, durchsetzen können.“21 Die Vorzüge der Freiheit drückten sich nach Machiavelli in vielerlei Form auch im Alltag aus und steigerten so den allgemeinen Wohlstand. „Dort [in Republiken, Anm. d. Verf.] sieht man die größte Volkszahl, weil die Ehen freier und begehrenswerter sind. Jeder zeugt gern soviel Kinder, als er ernähren zu können glaubt, denn er braucht ja nicht zu fürchten, [dass] ihm sein Erbteil genommen werde, und er weiß, [dass] sie als Freie und nicht als Sklaven geboren werden, ja [dass] sie durch ihre Tüchtigkeit zur höchsten Würde gelangen können. Dort vermehren sich die Reichtümer [...] in größerem Maße. Die Bürger wetteifern in der Vermehrung des eignen und öffentlichen Wohlstandes, und beides wächst in staunenswerter Weise.“22

Da Italien zur Zeit der Römer aus vielen kleinen Republiken bestand, verteidigten diese ihre Freiheit entsprechend ausdauernd, weil sie die Vorzüge der Freiheit gekostet hatten.

Ein weiterer Baustein für die Freiheitsliebe der antiken Republiken sind nach Machiavellis Ansicht Religion und Erziehung. Die alten Religionen hätten zu einem aktiven Leben erzogen und zu kraftvollen Taten inspiriert. Überdies seien ihr gerade die „Feldherren und Staatenlenker“ die liebsten Helden gewesen.23 Ein übriges hätten blutige Riten beigetragen, in denen zahlreiche Tiere blutig geopfert worden wären. Durch diese blutigen Spektakel seien die Menschen „kühn und furchtbar“24 gewesen, was sie eher veranlasst habe, für ihre Freiheit zu kämpfen. Demgegenüber lasse das Christentum die Menschen gleichgültig gegenüber der Welt werden. „Unsere Religion hat mehr die demütigen und beschaulichen Menschen als die tätigen selig gesprochen.“25 Insgesamt gesehen versage die moderne Religion daher, wenn es darum ginge, die Menschen zu tüchtigen und kühnen Menschen zu erziehen. Machiavelli bemängelt insbesondere, dass die moderne Religion zwar die „Verteidigung des Vaterlandes“ zulasse, dies aber zugunsten eines eher kontemplativen und weltvergessenen Schwerpunktes vernachlässigt werde.26 Zusammenfassend fällt er daher das vernichtende Urteil: „Unsre Erziehung also und die falsche Auslegung der Religion sind schuld daran, [dass] es nicht mehr so viele Republiken gibt wie in alter Zeit und [dass] man mithin bei den Völkern auch nicht mehr so viel Freiheitsliebe findet wie damals.“27 Die Römer hätten indes auch ihren Beitrag zu dieser Entwicklung geleistet, da sie alle alten Republiken erobert und die überkommene Freiheit zerstört hätten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Unterschiede der alten und neuen Religionen nach Machiavelli

Kapitel 3 Rom wurde dadurch mächtig, dass es die Nachbarstädte zerstörte und die Fremden leicht mit gleichen Rechten aufnahm

„Wer eine Stadt zu einem großen Reich machen will, [muss] ihre Einwohnerzahl soviel wie möglich vermehren.“28

Damit eine Stadt, was in Machiavellis Erläuterungen gleichbedeutend ist mit einer kleinen eigenständigen Republik, ihren Einfluss ausdehnen kann, müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein. Neben äußerer und innerer Sicherheit muss überhaupt ein Bedarf nach Ausdehnung bestehen. Das bedeutet, die Stadt muss über genügend Bewohner verfügen, um einen Anspruch auf von ihr kontrolliertes Gebiet erheben zu können. Für eine Republik, die nachhaltig wachsen will, ergibt sich daher nach Machiavelli die Notwendigkeit, ihre Bevölkerung zu vergrößern. Dies könne nach Machiavelli entweder mit Güte oder mit Gewalt erfolgen.29

Mit Güte könne eine Republik wachsen, „indem man den Fremden, die darin wohnen wollen, die Tore weit auftut und ihnen Sicherheit gewährt, damit jeder gern darin wohnt. Mit Gewalt, indem man die Nachbarstädte zerstört und deren Einwohner in die [eigene] Stadt verpflanzt.“30 Das es notwendig sei, die eigene Bevölkerung wachsen zu lassen, lasse sich anhand der Beispiele Spartas und Athens belegen, die diese Maßnahmen nicht ergriffen hätten und ihre Bevölkerung nicht hätten wachsen lassen, so dass sie trotz einer guten inneren Ordnung hervorragender Heere nicht die Größe Roms erreichen konnten, da es ihnen hierfür an den menschlichen Ressourcen mangelte.31

Kapitel 4 Die Republiken vergrößern sich auf dreifache Weise

„Bei aufmerksamem Lesen der alten Geschichte findet man, [dass] die Republiken drei Wege zu ihrer Vergrößerung einschlugen.“32

Wenn eine Republik sich anschickt, zu wachsen und über seinen traditionellen Herrschaftsbereich hinaus zu greifen, kann sie dies nach Machiavelli auf drei verschiedene Arten versuchen, wobei diese unterschiedlichen Wege mehr oder weniger Erfolg versprechend sind.

Es besteht die Möglichkeit der friedlichen Expansion, indem ein Bund mit anderen Republiken eingerichtet wird. In diesem Bund sind alle Mitglieder gleichberechtigt. Als Beispiel nennt Machiavelli die Etruskern und in seiner Gegenwart die Schweizer, die nach diesem Muster verfuhren. Ein Bund habe verschiedene Vorteile. Er werde nicht leicht in Kriege verwickelt, da sie nicht auf territoriale Expansion setzen. Dies liege daran, dass dem Bund verschiedene einzelne Republiken angehören, welche grundsätzlich satuiert seien, zudem jede Eroberung mit den anderen Mitgliedern des Bundes geteilt werden müsste.33 Ein weiterer Vorteil eines Bundes sei, dass er eine hohe Verteidigungsfähigkeit aufweise und zudem strukturell nur schwer zur Führung eines Angriffskrieges in der Lage sei, da die Entscheidungsfindung auf Bundesebene naturgemäß recht umständlich und langwierig sei.34 Die Expansion eines Bundes erfolge daher vor allem durch das Entstehen von Abhängigkeitsverhältnissen benachbarter Staaten, die sich unter den Schutz des Bundes begäben. Dies erwirtschaftet dem Bund zusätzliche Mittel, ebenso wie die beobachtete Praxis, anderen Mächten Söldner zu stellen.35

Daneben besteht die Möglichkeit, durch den Erwerb von Bundesgenossen zu wachsen. In diesem Fall erfolgt der Zusammenschluss ebenso frei, die einzelnen Republiken sind jedoch nicht gleichberechtigt, da es ein Zentrum gibt, welches Regierungsgewalt inne hat und die Politik bestimmt.36 Nach dieser Art verfuhr Rom. So gelang es Rom, seine Bundesgenossen zu täuschen und zuerst mit ihrer Hilfe weite Gebiete außerhalb Italiens zu erobern, um danach mithilfe des Gewichtes dieser Eroberungen die Bundesgenossen schrittweise zu unterjochen.37

Als dritte Art des Wachstum ist es möglich, Untertanen zu erwerben. Nach dieser Art verfuhren Athen und Sparta. In diesem Fall beherrscht ein Zentrum durch offene Unterdrückung und militärische Stärke andere Städte und Gebiete. Hier entsteht schnell die Gefahr, dass man versucht, ein Gebiet zu beherrschen, ohne über die hierfür benötigten Kräfte zu verfügen.38 Dies sei das Problem von Athen und Sparta gewesen. Beide konnten die von ihnen eroberten Gebiete nicht auf Dauer halten, da sie nicht über die nötigen Ressourcen (v.a. an Bevölkerung) verfügten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Drei Arten, auf die sich Republiken vergrößern

Kapitel 5 Der Wechsel der Religionen und Sprachen, im Verein mit Überschwemmungen und Pest, löscht das Andenken der Vorzeit aus

„Denn entsteht eine neue Sekte, d.h. eine neue Religion, so ist es ihr erstes Bestreben, die alte auszurotten, um sich Ansehen zu verschaffen.“39

Eingangs stellt Machiavelli die Frage, warum die Kenntnisse der Menschheit über ihre Vergangenheit relativ gering sind, wenn es doch im Grunde genommen Überlieferungen über ihre gesamte Geschichte geben könnte. Warum also geht das Andenken an frühere Zeiten verloren?

Hierfür führt Machiavelli zwei mögliche Gründe an. Das Andenken an vergangene Zeiten werde entweder durch den Menschen oder durch den Himmel ausgelöscht.

Durch Menschen begründeter Wandel hinsichtlich Religionen und Sprachen ist laut Machiavelli ein wesentlicher Grund für Geschichtsverlust. „Denn entsteht eine neue Sekte, d.h. eine neue Religion, so ist es ihr erstes Bestreben, die alte auszurotten, um sich Ansehen zu verschaffen. Trifft es sich, [dass] die Stifter der neuen Sekte eine [andere] Sprache sprechen, so gelingt es ihnen leicht.“40

Auf der anderen Seite gebe es Naturkatastrophen, die durch ihre bloße Gewalt Gemeinwesen zerstörten und ihr Andenken auslöschten. Am zerstörerischsten sind laut Machiavelli hierbei Überschwemmungen, da sie ausgedehnt sind und die Überlebenden zumeist relativ unzivilisiert41 sind und dementsprechend nur einen geringen Teil der überkommenen Kultur weiterleben lassen.

Kapitel 6 Wie die Römer Krieg führten

„Wer aus freien Stücken oder aus Ehrgeiz Krieg führt, will erobern und das Eroberte behaupten und dabei so verfahren, [dass] sein Gebiet und Vaterland dadurch reicher wird, nicht aber verarmt.“42

Der Krieg war im alten Rom eines der wenn nicht sogar das wesentliche Mittel der Expansion. Machiavelli fragt sich, warum die Römer in ihren Kriegen so erfolgreich waren und wie sie, da ein Krieg immer auch eine teure Angelegenheit ist, die Mittel für ihre Kriege aufbrachten.

Ansatz der Kriegsführung, wenn es sich um einen Eroberungskrieg handelt, müsse nach seiner Ansicht sein, Gebiete zu erobern, diese nachhaltig dem eigenen Herrschaftsbereich zuzuschlagen und dies beides in einer Weise zu tun, die den eigenen Staat finanziell möglichst wenig belastet. „Um das alles zu erreichen, [muss] man die Methode der Römer befolgen, die vor allem darin bestand, ihre Kriege [...] kurz und derb zu führen.“43 Diese Strategie wurde dadurch umgesetzt, dass unmittelbar nach Eröffnung eines Krieges die Truppen in das feindliche Territorium einrückten und die Entscheidungsschlacht mit dem Gegner suchten, um den Krieg möglichst schnell abzuschließen.44 „Wurde [die Entscheidungsschlacht] gewonnen, so machten die Feinde Friedensvorschläge, um ihr Land nicht ganz verwüsten zu lassen, und die Römer verurteilten sie zur Abtretung von Land, das dann in Privateigentum verwandelt oder einer Kolonie überwiesen wurde.“45 Auf diese Weise wurde sicher gestellt, dass die neu gewonnenen Gebiete auch verteidigt werden konnten, ohne eine teure Garnison von stehenden Truppen unterhalten zu müssen. Zudem generierten Kolonien bzw. die Übergabe des gewonnenen Landes in Privatbesitz Wohlstand und damit versteuerbares Einkommen, womit die Wohlfahrt des Staates gestärkt werden konnte, was immer auch eine zentrale Frage sein müsse, bevor ein Krieg begonnen würde: Wird der Staat durch die Eroberung eines Gebietes reicher oder verarmt er?46

[...]


1 Günther, Horst (Hg): Machiavelli. Discorsi. Staat und Politik, Frankfurt am Main/Leipzig 2000, S.173.

2 Ebd., S.173.

3 Ebd., S.173.

4 Vgl.: ebd., S.174.

5 Vgl.: ebd., S.175.

6 Vgl.: ebd., S.176

7 Vgl.: ebd., S.175.

8 Ebd., S.175.

9 Ebd., S.176.

10 Ebd., S.176.

11 Ebd., S.179.

12 Vgl.: ebd., S.177.

13 Vgl.: ebd., S.179.

14 Ebd., S.179f.

15 Ebd., S.180.

16 Ebd., S.182.

17 Ebd., S.182.

18 Vgl.: ebd., S.182.

19 Vgl.: ebd., S.182: “Nicht das Wohl des Einzelnen, sondern das Gemeinwohl ist es, was die Staaten groß macht.”

20 Ebd., S.182. Machiavelli hat hier natürlich ein Bild der Republik, in der allein nach dem Sachstand entschieden wird. Die heutige Beeinflussung von politischen Entscheidungen durch Interessengruppen und Besitzstandswahrer, die einen Wettkampf um die Deutungshoheit gesellschaftlicher Probleme führen und der Politik gern die besten Lösungswege für brennende Probleme aufzeigen, war in Machiavellis Gegenwart noch nicht existent. Diese sind mithin auch eine Folge der Entwicklung der Massenmedien.

21 Ebd., S.182.

22 Ebd., S.186.

23 Vgl.: ebd., S.184.

24 Ebd., S.184.

25 Ebd., S.184.

26 Vgl.: ebd., S.185.

27 Ebd., S.185.

28 Ebd., S.187.

29 Vgl.: ebd., S.188.

30 Ebd., S.188.

31 Vgl.: ebd., S.188

32 Ebd., S.189.

33 Vgl.: ebd., S.192.

34 Vgl.: ebd., S.192.

35 Vgl.: ebd., S.193. Machiavelli spielt hier vor allem auf die Schweizer an, die in seiner Zeit oft als Söldner in Erscheinung traten.

36 Vgl.: ebd., S.190.

37 Vgl.: ebd., S.190.

38 Vgl.: ebd., S.190.

39 Ebd., S.194.

40 Ebd., S.194f.

41 Machiavelli spricht hier von unzivilisierten Bergbewohnern, die den Fluten entgehen, vgl.: ebd., S.194.

42 Ebd., S.197.

43 Ebd., S.197.

44 Vgl.: ebd., S.197.

45 Ebd., S.197.

46 Vgl.: ebd., S.197.

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Machiavelli pur - Die Discorsi II.
Untertitel
Äußere Politik und Kriegsführung
Autor
Jahr
2009
Seiten
76
Katalognummer
V131428
ISBN (eBook)
9783640374175
ISBN (Buch)
9783640373925
Dateigröße
687 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machiavelli, Discorsi
Arbeit zitieren
M.A. Andre Budke (Autor), 2009, Machiavelli pur - Die Discorsi II., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131428

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