Die Bedeutung Siegfrieds Tod im Nibelungenlied


Hausarbeit, 2003

29 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1) Die Rollen der Hauptfiguren
1.1 Entwicklung der verschiedenen Charaktere

2) Mögliche Auslöser für Sîfrits Tod
2.1 Grundthemen des Epos in Bezug zu Sîfrits Tod
2.2 Vorausschauende Aspekte des Dichters

3) Darstellung des Todes Sîfrits in der 16. âventiure
3.1 Der Heldentod Sîfrits und mittelalterliche Todesbilder

4) Auswirkungen des Todes Sîfrits auf nachfolgende âventiuren
4.1 Einfluss auf die Charaktere und die Handlung

5) Die Bedeutung von Sîfrits Tod für das Gesamtepos

6) Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

In einer der bedeutendsten Überlieferungen des Mittelalters, dem Nibelungenlied (NL), spielt der Tod in verschiedensten Formen die eigentliche Hauptrolle.

Im folgenden soll das zentrale Thema ,Tod und Sterben in der Literatur des Mittelalters’ anhand Sîfrits Tod in der 16. âventiure für das Gesamtwerk gedeutet werden.

Dazu muss die entsprechende Stelle textnah, inhaltlich und in ihrem Zusammenhang zum zweiten Teil und zum gesamten Epos bearbeitet werden.

Die Struktur der âventiuren zu bearbeiten ist Voraussetzung. Die Schwerpunkte werden dort liegen zu untersuchen, welche Charakterwandlung die wichtigsten Personen im Lied vornehmen und welchen Bezug sie zum Tod Sîfrits haben. Des weiteren folgt aus der charakterlichen Darstellung der Einzelpersonen der Versuch, einen Zusammenhang zum Epos zu schaffen. Die Grundthemen der Motivation der Handlungen und Verhaltensweisen der Charaktere lässt die Frage aufkommen, an welchen Stellen der Tod Sîfrits vermieden werden kann.

Das Resultat ist die Frage, warum der Dichter durch seine Figuren bzw. durch seine eigenen Worte, an so vielen Stellen den Tod des Helden und das Ende der Burgunden voraussagt.

Es soll nicht nur eine Übersicht über das Verhalten der Personen im ganzen Lied dargestellt werden, sondern eine Ansicht darüber, wozu Menschen im Mittelalter durch ihre Motivationen im Stande sind, wenn es um ihre Ehre, Macht oder Liebe und Freundschaft geht.

Der Versuch, die Bedeutung der sozialen Verhältnisse, dargestellt durch Mord und Tod, herauszustellen, sodass gezeigt wird, welche Rolle die Sterbeszenen im NL für die Menschen des Mittelalters gespielt haben müssen, ist ein weiteres Ziel.

Dazu ist es nötig, an einigen Stellen auftretende Charaktere, die m. E. für das jeweilige prägnante Thema keine Rolle spielen, nicht zu ausführlich zu beschreiben. Des weiteren ist es nicht meine Absicht, das gesamte NL zu bearbeiten, geschweige denn mit anderen Werken zu vergleichen. Der Schwerpunkt soll auf Tod und St n, wodurch die Tiefe der wichtigsten âventiuren, bzw. Strophen, deutlich werden soll.

1) Die Rollen der Hauptfiguren

Die Voraussetzung für einen verbindlichen Leitfaden ist die Betrachtung des Quelltextes als Ganzes. Die Entwicklung der einzelnen Charaktere kann unter diesem Aspekt vorgenommen werden. Es findet ein kontinuierlicher Prozess statt und keine zufällige, wiederauftauchende Geste beim Wachsen der Figur, vom Beginn des Epos bis zum Ende des zweiten Teiles. Die Heirat Kriemhilts im zweiten Teil macht die Rache für den Tod ihres Mannes im ersten Teil erst möglich.

Die Figuren weisen von vornherein einen vorgeprägten Rollencharakter auf, der den Höhepunkt der Entwicklung zum ersten Mal im Sterben Sîfrits erreicht. Von da an beginnt ein neuer Fortschritt, bis hin zum Ende des Liedes.

Die wichtigsten Charaktere des NLs werden durch den Tod in ihren Eigenschaften stark beeinflusst, bewirken aber auch aktiv das Sterben.

1.1 Entwicklung der verschiedenen Charaktere

EDWARD R. HAYMES schreibt: „Der Nibelungendichter zeichnet seine Figuren fest im Zwang ethischer Verhaltensmuster, aus denen sie nicht ausbrechen können.“1 Im gesamten Epos gilt Sîfrit als ein Beispiel ritterlicher Vorbildlichkeit. Trotz aller Bewunderung scheint auch sein Charakter Schwächen aufzuweisen, die zu seinem und dem Untergang der Burgunden führen. Sein Gegenspieler während seines Lebens ist Hagen von Tronje, der als feiger Mörder des Helden kurz und knapp beschrieben werden kann. Bei ALOIS HAAS heißt es, Hagen sei „ein Mörder, der in falsch verstandener Treue zu seinem Herrn, König Gunther, und zu dessen Gattin Brünhild den mißliebig gewordenen Siegfried feige ausschaltet.“2

Das NL beginnt als minne zwischen Sîfrit und Kriemhilt. Sîfrit strotzt vor Übermut und will Kriemhilt mit Gewalt erobern, doch hätte „Die Werbung um diese Braut [...] auf normaler diplomatischer Ebene abgewickelt werden können.“3

` swaz ich vriuntlîche niht ab in erbit,

daz mac sus erwerben mit ellen dâ mîn hant.4

Sîfrits Heldentaten in der Vergangenheit werden angesprochen. Er hat einen

vorgefertigten, bei den meisten Protagonisten bekannten Ruf. Es schlägt der spätere

Mörder Hagen König Gunther die Freundschaft mit Sîfrit vor.

man sol in holden hân. (Pr. 102, 3)

Zu Beginn treten die beiden Könige Gêrnôt und Gîselhêr als Schlichter auf. Sie behalten die Rolle im ersten Teil des NLs und sind unparteiisch.

`Wie zaeme uns mit iu strîten?´ sprach aber Gêrnôt. `swaz helde n il dar under müesen ligen tôt,

wir hetens lützel êren unde ir vil kleinen vrun.´ (Pr. 123, 1-3)

Wären die beteiligten Personen anders auf diesen Vorschlag Gêrnôts eingegangen, hätte der Verlauf geändert werden können. Gêrnôts Rolle ist eine Rolle im Hintergrund. Zwar gibt es keinen Kampf, doch hätte Gêrnôts schlichtender Vorschlag an anderen Stellen und vielleicht von prägnanteren Charakteren ausgesprochen, das Übel abwenden können.

Anders verhält sich Gunther. Obwohl er an den Kämpfen gegen die Sachsen und Dänen nicht teilnimmt, tritt er als Herrscher der Burgunden auf. HAYMES stellt fest, dass „Man [...] oft darauf hingewiesen [hat], daß Gunther mehr Wert auf Schein als Sein legt.“5 Er geht mit den von Sîfrit gemachten Geiseln Liudegast und Liudgêr so um, als hätte er sie eigenhändig eingefangen.

`Ich wil iuch beide lâzen´, sprach er, `ledec gên.

daz mîne vîende hie bî mir bestên,

des wil ich haben bürgen, daz si mîniu lant

iht r il men âne hulde.´ des bôt dô Liudgêr die hant. (Pr. 250)

Gunther gewinnt daraus einen Stellenwert, sodass ihm mehrere Male ein wichtiger Freund oder Verwandter die Aufgaben erledigt, die vor ihm liegen. Entweder ist es Sîfrit oder Hagen, die ihm ausführende Werkzeuge sind. Doch wirkt König Gunther zu Beginn schon als Marionette der anderen. Fast froh im Mittelpunkt von Dienstleistungen von seinen ebenbürtigen Verwandten zu stehen, nimmt er jede Hilfe an.

`Ich sol in immer dienen´, sprach Sîfrit der degen,

`unde enwil mîn houbet nimmer ê gelegen,
ich enwerbe nâch ir willen, sol ich mîn leben hân.

daz muoz iu ze dienste, mîn vrou Kriemhilt, sîn getân.´ (Pr. 303)

Sîfrit legt diesen Eid ab und verspricht Gunther zu dienen, obwohl beide ebenbürtige Könige sind. Der Leser stellt wie HAYMES fest: „Der Kenner des höfischen Romans und der Minnelyrik wird Sîvrits Angebot sofort als Minnedienst erkennen.“6 Gunther kommt dies gelegen. Diese Szene macht den Anschein, als wolle Sîfrit Kriemhilt die Dienste anbieten. Gunther bekommt zum gewonnenen Krieg ein erneutes Versprechen für die Zukunft, welches er nicht abschlägt.

Als Gunther vor hat, nach Island zu fahren und um Brünhilt zu werben, ist es wiederum Hagen der ihm vorschlägt, Sîfrit mit auf die Reise zu nehmen. SIEGFRIED BEYSCHLAG zitiert dazu:

„Wo weiter Schwierigkeiten für Gunther und das Reich auftreten, bei der Kriegserklärung der Sachsen und Dänen (vgl. Str. 148 und 151), bei der lebensgefährlichen Werbung um Brünhild, schiebt Hagen jedesmal Siegfried, den Gast, vor: der soll Ehre und Leben wagen (Str. 151 und 331), sogar die Botenfahrt nach Worms weiß er ihm zuzuwenden (Str. 532).“7

`Sô wil ich iu daz râten´, sprach dô Hagene,

`daz ir bittet Sîfrit, mit iu ze tragene

die vil starken swaere, daz ist n il mîn rât,

sît ime daz ist kündec, wie ez umb Brünhilden stât.´ (Pr. 330)

Es ist erneut Sîfrits Mörder, der Sîfrits Fähigkeiten am besten einzusetzen weiß. Denn wenn er dem verhassten Sîfrit die Möglichkeit gibt, noch näher an Gunther zu kommen, dann bleibt für den Dichter in letzter Konsequenz nur noch der Mordanschlag. Hagen scheint Sîfrit in etwas hineinmanövrieren zu wollen, um das Reich und seinen Herren zu schützen. Sîfrit wird zum Lebensretter für Gunther, indem er für ihn mit Brünhilt kämpft.

Brünhilt diu schoene wart in zorne rôt.

Sîfrit hete geverret des künec Guntheres tôt. (Pr. 437,5 , 3-4)

Brünhilt wird in diesen Szenen während der Brautwerbung als so königlich wie Kriemhilt zu Beginn des NLs dargestellt, mit dem Unterschied, dass Brünhilt übermenschliche Kräfte hat. Gunther beschreibt sie als sehr schön.

Ich gesihe ir eine in jenem venster stân, in snêwizer waete: diu ist sô wol getân,

die wellent mîniu ougen durch ir schoenen lîp.

ob ich gewalt des hête, si müese werden mîn wîp´. (Pr. 380)

Als Brünhilt nach der gelungenen Brautwerbung mit nach Worms kommt, treffen die beiden Königinnen in Eintracht aufeinander.

Mit vil grôzen zühten vrou Kriemhilt dô gie,

dâ si vroun Brünhilde unde ir gesinde enpfie.

man sach dâ schappel rucken mit wîzen henden dan,

dâ si sich kusten beide: daz wart durch liebe getân. (Pr. 544)

Brünhilt fühlt sich verbunden mit Kriemhilt, sodass sie die Schmach dieser, eine Frau des Eigenmannes des Königs zu sein, verletzt hinnimmt. Gunther lügt seine jetzige Gemahlin weiterhin an. Es ergibt sich eine falsche Realität für Brünhil. Die Figuren der Königinnen spielen eine zentrale Rolle. Um beide wird geworben und an bedeutungsvollen Szenen wie Frauenzank, Mordrat und Burgundenuntergang, sind sie beteiligt.8

Nach den beiden Hochzeiten der Könige sind Sîfrit und Gunther verwandt. Gunther behält seine Rolle, ,Spielball’ derer zu sein, die etwas von ihm wollen. Er behält sie bei, wenn Sîfrit mit Kriemhilt in Xanten regiert. Brünhilt wünscht sich eine Aufklärung der Geschehnisse um ihre Brautwerbung.

Si gertes alsô lange, unz der künec sprach:

`nu wizzet daz ich geste sô gerne nie gesach.
ir muget mich sanfte vlêgen. ich will die boten mîn

nâch in beiden senden, daz si her komen an den Rîn.´ (Pr. 674)

Sîfrit hingegen hat von seinen Tugenden nichts eingebüßt. Ist der erste Teil des NLs

durchgehend von Emotionen geprägt, sagt der Held aus, dass er die Reise nach

Worms aus Liebe zu Kriemhilt unternommen habe.

solde ich herverten durch si in drîzec lant,

dâ müese in dienen gerne hin diu Sîfrides hant. (Pr. 702, 3-4)

Der erneute Liebesbeweis bekräftigt die Trauer, in der Kriemhilt später Sîfrits wegen sein wird und unterstreicht das ritterliche Gemüt des Helden. Hagen hingegen macht hier die erste direkte Äußerung, was seine Absichten sind.

`Er mac´, sprach dô Hagene `von im sanfte geben;

ern kundez niht verswenden, solde er immer leben.

hort der Nibelunge beslozzen hât sîn hant.

hei solde er immer komen in Burgonden lant!´ (Pr. 717)

Hagens Verlangen nach dem Hort der Nibelungen bleibt vom Dichter unkommentiert und erhält die Spannung.

Bei der Begegnung vor dem Frauenzank verhalten sich Kriemhilt und Brünhild wie

bei ihrem ersten Treffen. Die Äußerung Kriemhilts, die Sîfrit über G unther stellt, ist

die erste die gemacht wird.

` ich hân einen man,

daz elliu disiu rîche zuo sînen handen solden stân.´ (Pr. 758)

Brünhilt ist damit nicht einverstanden und die Beleidigungen sind nicht mehr zu

vermeiden. Sie sieht ihren Mann Gunther als den besseren und fühlt sich um ihr

soziales Recht betrogen.

der muoz vor allen künegen, daz wizze, waerlîche sîn. (Pr. 761)

Den abschließenden Mordrat initiiert Hagen. Basierend auf der Fehde zwischen den Frauen, lässt der passive Gunther sich von ihm dazu überreden. Sîfrit dient bis dahin seinem König und steht zu seinen Tugenden. Bevor der Plan ausgeführt wird, tritt König Gîselhêr als Schlichter auf.

`Ir vil guoten recken, war umbe tuot ir daz?

jâne gediende Sîfrit nie alsolhen haz,

daz er dar umbe solde verliesen sînen lîp.

jâ ist des harte lîhte, dar umbe zürnent diu wîp.´ (Pr. 809)

2) Mögliche Auslöser für Sîfrits Tod

Die Vorgeschichte bis zum Mord an Sîfrit wird geprägt von Figurenkonstellationen. Nicht nur die Liebesbeziehungen, sondern auch die sozialen Verbindungen zwischen den Hauptcharakteren stehen im Vordergrund.

[...]


1 Haymes, Edward R.: Das Nibelungenlied. Geschichte und Interpretation. München: 1999; S. 152.

2 Haas, Alois M.: Der geistliche Heldentod. In: Tod im Mittelalter. Hrsg. von Arno Borst, Gerhart v. Gravenitz, Alexander Patschovsky und Karlheinz Stierle. Konstanz: 1993; S.169-190; S. 172.

3 Haymes: S.69.

4 Pretzel, Ulrich: Das Nibelungenlied. Kritisch herausgegeben und übertragen. Stuttgart: 1973; Strophe 56, Verse 2-3; (im folgenden: Pr. 56, 2-3)

5 Haymes: S.129.

6 Haymes: S.74.

7 Maurer, F.: das Leid im Nibelungenlied, Angebinde John Meier zum 85. Geburtstag. Lahr: 1949; zit. N.: Beyschlag, Siegfried: Das Motiv der Macht bei Siegfrieds Tod. (Germanisch-Romanische Monatsschrift 1952, S.95-108.-Ergänzt.). In: Zur germanisch-deutschen Heldensage. Hrsg. von Karl Hauck. Darmstadt: 1965; S. 195-213; S.201.

8 Vgl. Haymes: S. 117.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung Siegfrieds Tod im Nibelungenlied
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
29
Katalognummer
V131460
ISBN (eBook)
9783640414772
ISBN (Buch)
9783640413003
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Siegfried, Nibelungen, Tod, Nibelungenlied
Arbeit zitieren
Michael Bylsma (Autor), 2003, Die Bedeutung Siegfrieds Tod im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131460

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