Dass Höflichkeit zu den Tugenden gehört, ist ein ungeschriebenes
Gesetz in einer Gesellschaft. Aber ist sie heute immer noch so wichtig wie Generationen zuvor? Ist nicht inzwischen eher Unhöflichkeit die Regel? Denn muss heutzutage nicht alles schneller, effektiver, Erfolg versprechender sein – und Höflichkeit stellt doch eher ein Hindernis dar als einen Antrieb, da sie vielmehr die Dinge aufhält als sie in Gang zu bringen.
Nun nimmt Unhöflichkeit nicht zwangsläufig die Bedeutung an, die
Höflichkeit trotz allem noch zugeschrieben wird. Dies verdeutlicht, dass sie immer noch als negative Eigenschaft bewertet wird. Dennoch ist Unhöflichkeit in vielen Alltagssituationen latent aber auch offensichtlich spürbar – jeder hat schon die Erfahrung einer Situation gemacht, in der er nicht anders konnte, als die scheinbare Höflichkeit als Unhöflichkeit zu empfinden und seine Reaktion nicht eindeutig darstellen zu können. In der vorliegenden Arbeit soll es um die Theorie zur Unhöflichkeit gehen–ein Unterfangen, das durch bisher wenige Erforschungen mit der Einflechtung eigener Erfahrungen verbunden werden muss. Forschungen und Theorien zur linguistischen Unhöflichkeit sind eher rar gesät, daher beziehe ich mich vorwiegend auf Jonathan Culpeper, der mit dem Artikel „Towards an anatomy of impoliteness“ (1996) eine erste linguistische Basis bildet. Ich möchte mit dieser Arbeit als Ergebnis die wichtigsten Aspekte einer möglichen Theorie der Unhöflichkeit herausarbeiten, und schließe dabei meine eigenen Standpunkte mit ein, um der Theorie einen zwar individuellen und subjektiven, aber doch auch praktischen Aspekt hinzuzufügen. Im Blickpunkt soll dabei immer bleiben, dass ich Unhöflichkeit und Höflichkeit nicht als gegensätzliches Paar einer möglichen Art von Handlung sehe, sondern dass beide Aspekte sich auf einem Kontinuum befinden und eine von vielen Möglichkeiten darstellen, wie man sich in einer Situation mit seinem Gesprächspartner verhält. Diese Erkenntnis ziehe ich selbst, und auch aus dem Aufsatz von Locher und Watt: „Politeness theory and relational work“ (2005).
Alle Beispiele und Abbildungen, die nicht auf eine Quelle verweisen, sind selbst erzeugt beziehungsweise aus der eigenen Erfahrung geschöpft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Theorie der Höflichkeit
2.1 Brown und Levinsons Höflichkeitstheorie
2.1.1 Positives und negatives Face
2.1.2 Face threatening acts
2.2 Höflichkeitsstrategien nach Brown und Levinson
3. Zur Theorie der Unhöflichkeit – Jonathan Culpeper
3.1 Verschiedene Ausprägungen von Unhöflichkeit: inherent und mock impoliteness
3.1.1 Inhärente Unhöflichkeit
3.1.2 Scheinunhöflichkeit
3.2 Unhöflichkeitsstrategien nach Culpeper
4. Auswertung und Vergleich der Modelle nach Brown & Levinson und Culpeper
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Höflichkeit und Unhöflichkeit, um zu klären, ob Unhöflichkeit lediglich als direkte Umkehrung von Höflichkeit betrachtet werden kann, wobei die linguistischen Theorien von Brown & Levinson sowie Jonathan Culpeper als theoretische Basis dienen.
- Grundlagen der Höflichkeitstheorie (Face-Konzept und Face Threatening Acts)
- Systematik der Höflichkeitsstrategien nach Brown und Levinson
- Theorie der Unhöflichkeit bei Jonathan Culpeper
- Kategorisierung von Unhöflichkeit (inhärent vs. Scheinunhöflichkeit)
- Kontextabhängigkeit und Subjektivität in der Wahrnehmung von (Un-)Höflichkeit
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Inhärente Unhöflichkeit
Inhärent hat die Bedeutung von innewohnender, anhaftender Eigenschaft eines Sachverhalts. So verstehe ich hier unter inhärenter Unhöflichkeit die nicht ablegbare Eigenschaft einer Aussage oder sprachlichen Handlung, nicht als höflich empfunden zu werden, sondern unabhängig vom Kontext objektiv als unhöflich gesehen zu werden. So definiert Culpeper: „An inherently impolite act […] is in its very performance offensive and thus not amenable to politeness work“ [CULPEPER, 1996, 351]. Parallel zu inhärenten höflichen Handlungen (zum Beispiel „Guten Tag!“, „Schönes Wochenende!“ usw.) existieren also inhärente unhöfliche Handlungen. Als Beispiel bringt Culpeper eine eigene Erfahrung mit ein, in der er versucht seinem Taxifahrer begreiflich zu machen, den Scheibenwischer abzustellen, den dieser versehentlich während der Fahrt laufen lässt. Culpeper schreibt, dass er ganz einfach nicht wusste, wie er dies dem Fahrer sagen soll, ohne dabei unhöflich zu wirken bzw. zu sein [ebenda].
Hier befinden wir uns an der Schnittstelle, an der man überlegen muss, ob nicht doch die Bedrohung des positiven oder negativen Face auch mit Unhöflichkeit zu umschreiben ist? Denn im Fall von Culpeper hat er explizit das Gefühl, unhöflich zu sein, wenn er den Taxifahrer darauf aufmerksam macht. Zugleich würde er damit auch das negative Gesicht des Fahrers bedrohen, also eine FTA ausüben. Ob man diese Konsequenz ziehen kann, werde ich noch näher erläutern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Allgegenwart von Höflichkeit als gesellschaftliche Norm und stellt die Frage, ob Unhöflichkeit heute eine größere Rolle spielt, was die Notwendigkeit einer theoretischen Auseinandersetzung unter Einbeziehung linguistischer Modelle begründet.
2. Zur Theorie der Höflichkeit: In diesem Kapitel werden das Face-Konzept von Brown und Levinson sowie die darauf basierenden Höflichkeitsstrategien erläutert, um ein grundlegendes Verständnis für die Kommunikation zu schaffen.
3. Zur Theorie der Unhöflichkeit – Jonathan Culpeper: Dieses Kapitel widmet sich der Übertragung des Höflichkeitsbegriffs auf die Unhöflichkeit durch Jonathan Culpeper, wobei zwischen inhärenter Unhöflichkeit und Scheinunhöflichkeit unterschieden wird.
4. Auswertung und Vergleich der Modelle nach Brown & Levinson und Culpeper: Die Modelle werden hier vergleichend gegenübergestellt, wobei besonders die Rolle der Kontextfaktoren und des subjektiven Empfindens bei der Bewertung von Sprachhandlungen hervorgehoben wird.
5. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass Unhöflichkeit kein einfaches Gegenstück zur Höflichkeit ist, sondern beide Aspekte auf einem Kontinuum existieren, das von vielen situativen und sozialen Faktoren beeinflusst wird.
Schlüsselwörter
Höflichkeit, Unhöflichkeit, Face, Brown und Levinson, Jonathan Culpeper, Face Threatening Acts, Inhärente Unhöflichkeit, Scheinunhöflichkeit, Pragmatik, Sprachhandlung, Kommunikationsstrategien, Soziale Interaktion, Kontextabhängigkeit, Sprecher, Hörer
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das linguistische Verhältnis zwischen Höflichkeit und Unhöflichkeit und prüft, ob Unhöflichkeit wissenschaftlich als direkte Umkehrung von Höflichkeit definiert werden kann.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentral sind die Höflichkeitstheorie nach Brown & Levinson, das Konzept der "Face Threatening Acts" (FTAs) sowie die Theorie der Unhöflichkeit nach Jonathan Culpeper.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die wichtigsten Aspekte einer Theorie der Unhöflichkeit herauszuarbeiten und zu hinterfragen, ob diese als reines Gegenstück zu Höflichkeitsmodellen taugt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse linguistischer Konzepte, ergänzt durch eine diskursive Auswertung und den Einbezug subjektiver Erfahrungen der Autorin.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Höflichkeitstheorie von Brown & Levinson sowie die detaillierte Analyse der Unhöflichkeitstheorien von Jonathan Culpeper inklusive der Unterscheidung in inhärente Unhöflichkeit und Scheinunhöflichkeit.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Face, Inhärente Unhöflichkeit, Scheinunhöflichkeit, FTAs (Face Threatening Acts) und das Konzept des kommunikativen Kontinuums.
Inwieweit spielt die soziale Distanz eine Rolle bei der Wahrnehmung von Unhöflichkeit?
Die soziale Distanz und das Machtverhältnis zwischen den Gesprächspartnern beeinflussen laut der Autorin maßgeblich, ob eine sprachliche Äußerung als Befehl, höfliche Strategie oder unhöflicher Akt wahrgenommen wird.
Was ist mit dem Begriff „Scheinunhöflichkeit“ gemeint?
Scheinunhöflichkeit bezeichnet Handlungen, die zwar oberflächlich als unhöflich wirken, bei denen den Beteiligten jedoch bewusst ist, dass keine böse Absicht dahintersteckt (z.B. Necken oder Humor).
Was bedeutet das „Kontinuum“ im Fazit der Arbeit?
Die Autorin schlägt vor, Höflichkeit und Unhöflichkeit nicht als polare Gegensätze zu sehen, sondern als Skala, auf der sich jede sprachliche Handlung je nach Kontext und Intention einordnen lässt.
- Citation du texte
- Ulrike Hager (Auteur), 2008, Ist Unhöflichkeit das Gegenstück zur Höflichkeit?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/131462